Hallo Meri,
nun hab ich etwas Zeit, dir zu antworten.
Ich habe sehr, sehr viel darüber gelesen, hier und da, deshalb kann ich dir kein bestimmtes Buch empfehlen oder eine einzelne Website.
Ich schreibe dir aber trotzdem gleich ein paar Empfehlungen auf, zuvor aber meine laienhafte Zusammenfassung. Ich bitte zu beachten, dass ich keine Ärztin und keine Therapeutin bin.
Da du auch an Depressionen leidest: Hast du dich schon mal mit den sogenannten „Botenstoffen des Glücks“ beschäftigt?
Im Gehirn sorgt ein überaus komplizierter Cocktail aus Neurotransmittern, dass wir uns wohl fühlen, Antrieb haben usw.
Interessant sind u.a. Serotonin, Dopamin, Noradrenalin und das sogenannte Schlafhormon Melatonin. Es gibt weit mehr, auf die du in den unten angegebenen Artikeln noch stoßen wirst.
Hier werden die m.E. ganz gut erläutert:
https://www.eurapon.de/blog/4-botenstoffe-des-gluecks/
Menschen mit Depressionen z.B. haben häufig zu wenig Serotonin. Ich z.B., deshalb nehme ich als Medikament einen sogenannten Serotonin-Wiederaufnahmehemmer.
Der Cocktail an Botenstoffen ist hoch kompliziert, wenn’s einfach wäre, könnte man einfach eine Pille verschreiben und gut ist. Ist es leider nicht. Wer wegen Depressionen ein Medikament verschrieben bekommt, muss u.U. mehrere Medikamente ausprobieren, bis ein geeignetes gefunden wird. Manchmal hilft auch erst eine Kombination aus mehreren Medikamenten.
Alkohol kann die Ausschüttung dieser Neurotransmitter/ Botenstoffe ankurbeln.
Dann kommt es zu einer Überflutung des Gehirns mit diesen Botenstoffen und das lässt uns für den Moment glücklich fühlen.
Nun reagiert das Gehirn auf diese Überflutung damit, dass es mehr Rezeptoren, an denen die jeweiligen Botenstoffe andocken, bildet. Das Gehirn ist für diese Überflutung einfach nicht gemacht.
Die Folge ist, dass man, um das gleiche „Glück“ zu fühlen, mehr Alkohol konsumieren muss. Das wiederum führt dazu, dass mehr Rezeptoren gebildet werden.
So erklärt sich, warum Alkoholiker zunehmend die Dosis steigern.
Das Problem ist - abgesehen davon dass Alkohol ein Nervengift ist, das nicht nur im Gehirn sehr großen Schaden anrichtet -, dass der Körper selbst allmählich weniger dieser Botenstoffe produziert. Außerdem senkt sich offenbar der Spiegel dieser sogenannten Glückshormone stärker wieder ab als das normalerweise geschieht.
So führt das, was einen zunächst glücklich fühlen lässt, auf Dauer dazu, sich nicht mehr glücklich zu fühlen, den Antrieb zu verlieren und so weiter.
Auf Dauer ändert sich nicht nur die Hirnbiologie, der Alkohol richtet auch an anderen Stellen im Körper immensen Schaden an. Bis zu einem gewissen Grad kann der Körper sich erholen, wenn man abstinent wird. Ab einem bestimmten Grad nicht mehr, dann kann man nur noch dafür sorgen, dass es nicht noch schlimmer wird.
Ich selbst habe mit dem Trinken aufgehört, als mir klar wurde, dass ich die Kontrolle verliere, als mir klar wurde, dass ich auf dem besten Weg war, wie mein Vater zu werden. Das wollte ich auf keinen Fall. Die vielen, vielen Erfahrungsberichte anderer, Alkoholiker, Angehöriger und erwachsener Kinder von Alkoholikern haben bei mir dafür gesorgt, dass ich mir klar wurde über mich selbst. Ich erkannte mich teilweise wieder. Und ich wurde mir klar darüber, wohin ich nicht (!!!) will und wohin ich will.
Zufriedene Abstinenz konnte ich mir im vergangenen Oktober noch nicht vorstellen, aber mich lockte, was andere darüber erzählten.
Seit einigen Monaten kann ich von mir behaupten, zufrieden abstinent zu sein. Ich vermisse den Alkohol überhaupt nicht.
Früher habe ich geglaubt, ich bräuchte Alkohol, um besser denken zu können, weil das Chaos in meinem Kopf irgendwie zur Ruhe kam. Ich trank Alkohol, um für einen Moment zu vergessen, dass ich Depressionen habe und mich glücklich, leicht und zufrieden fühlen zu können.
Heute aber geht’s mir stimmungsmäßig deutlich besser und ich kann viel besser denken. Da ist irgendwie gar kein Chaos mehr. Nur manchmal, wenn ich mächtig getriggert werde, aber dann hat sich als Heilmittel herausgestellt, zwei ganz bestimmte Freunde zu kontaktieren oder aufzusuchen (sie wohnen eine halbe Stunde entfernt und einer von denen hat meistens für mich Zeit. Ich bin umgekehrt für sie da, wenn sie mich brauchen.)
Auch körperlich geht es mir deutlich besser. Ich hab nämlich auch noch MS.
Ich schreibe dir davon, um dir Mut zu machen.
Hartmut hat ganz Recht, wenn er bewundert, wie du die Sache anpackst. Vielleicht kannst du mit dem, was ich dir geschrieben habe, tatsächlich etwas anfangen.
Nun zur Lektüre:
Simon Borowiak, „Alk: Ein fast medizinisches Sachbuch“
Teilweise humorvoll geschrieben und mit vielen interessanten Informationen.
Daniel Schreiber, „Nüchtern“
Interessanter und meines Erachtens gut geschriebener Erfahrungsbericht. Ich habe mich teilweise darin wieder gefunden.
Internetseiten:
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