Beiträge von Kurswechsel

    Es heißt immer, dass man durch seine Fehler wächst. Ich glaube bei der Trockenheitsarbeit ist das fatal und unnötig.

    Ich sehe das anders. Fehler gehören für mich einfach dazu. Sie passieren, sie sind menschlich und ich kann sie nicht komplett vermeiden.

    Die Frage ist für mich nur, wie ich darauf reagiere und was für ein Fehler passiert.

    Was auf keinen Fall passieren darf, ist, dass ich wieder zur Flasche greife. Das wäre für mich kein Fehler, sondern etwas anderes. Ein Rückfall. Ein Sich-Abwenden von der klaren Einsicht, dass Trinken für mich keine Option mehr ist.

    Aber wenn ich mal aus Versehen in eine Alkoholpraline beiße (ist mir passiert) oder das falsche Getränk erwische (ist mir passiert aber absichtlich von einer Person ausgehend) oder nicht damit rechne, dass auf einer Feier Alkohol in Strömen fließt, dann sind das Fehler, ja. Die hätte ich im Vorfeld vielleicht vermeiden können, aber sie passieren. Und genau aus solchen Fehlern nehme ich was für mich mit.

    Ich merke, wo ich beim nächsten Mal besser aufpassen muss (nicht kann).

    Am Ende geht es für mich nicht darum, perfekt zu sein, sondern ehrlich. Ehrlich mit mir selbst, mit meinen Reaktionen und mit dem, was ich daraus lerne. Abstinenz ist kein starres Ziel, sondern ein Weg, auf dem ich wachse, gerade auch durch das, was nicht perfekt läuft.

    um zu handeln braucht man aber "Willen" besonders wenn man etwas durchziehen "will" was super wichtig ist.

    Ohne Willen ist man doch Seelenlos, eine Hülle die von anderen beherrscht werden kann.

    Da wirst du aber erstaunt sein, was so manche Neurowissenschaftler (Libet, Haggard, Harris oder Haynes) zu dem Thema zu sagen haben.

    Danach entstehen nämlich (ganz laienhaft zusammengefasst)
    Gedanken und Absichten ohne unsere Kontrolle bzw. konstruiert unser Gehirn nachträglich Erklärungen, um unsere Handlungen zu rechtfertigen. Fazit: wir haben nur einen eingeschränkten freien Willen - vieles ist determiniert.

    Interessante Thematik auf jeden Fall - auch im Zusammenhang mit der Suchtforschung…

    Die Einsicht, nur "lebenslange Abstinenz" kann meine Sucht zum Stillstand bringen, war für mich der Schlüsselmoment.

    Da hast du es doch selbst geschrieben, worauf es ankam. Ich lese da nichts vom Willen.

    Und nichts anderes habe ich geschrieben.

    Für mich ist es ein entscheidender Unterschied, ob ich aus dem Willen heraus handle (weil ich es gerade so will) oder aus einer inneren Einsicht, aus einem wirklichen Verstehen heraus.

    Klar muss das Ergebnis am Ende stimmen, aber auf Dauer wird es sicher nicht passen, wenn ich nicht aus Einsicht handle, sondern mit geballter Faust in der Tasche.

    Mehr habe ich dazu auch nicht zu sagen.

    diese Wortklauberei

    Für mich ist das keine Wortklauberei, sondern ein wichtiger Teil des Austauschs.

    Und es macht für mich einen entscheidenden Unterschied, ob ich willentlich handle – vielleicht noch im Widerstand oder Kampfmodus – oder ob das Handeln aus einem wirklichen Verstehen heraus geschieht, dass es einfach notwendig ist, die Sauferei an den Nagel zu hängen.

    Der erste Weg ist für mich früher oder später zum Scheitern verurteilt.

    Alles, was ich willentlich gestartet habe, ist bei mir in einer Trinkpause geendet.

    Kann ohne Willen die Entscheidung zum Entzug überhaupt getroffen werden? Ich muss es doch wollen.

    Meiner Meinung nach ist es nicht der Wille, der einen wirklich trägt. Vor allem am Anfang nicht. Gegen das Suchtgedächtnis habe ich (im Kampfmodus) einfach keine Chance. Und vor allem nicht auf Dauer. Dieses „Jetzt will ich aber, ich sauf nicht mehr“ ist bei mir meistens nur in einer Trinkpause geendet.

    Für mich war wichtig, wirklich zu verstehen, dass ich keinen anderen Ausweg mehr habe. Dass es sonst einfach nur steil bergab mit mir geht, der Fahrstuhl nach unten rauscht..

    Erst als mir das wirklich klar war, hat sich was verändert. Heute würde ich nicht sagen, der Wille war’s, sondern die Klarheit darüber, dass es einfach nicht mehr anders ging. Und diese Erkenntnis ist auch heute noch wichtiger denn je für mich.

    Hallo R/No,

    was das Schreiben angeht, warst du von Anfang an sehr selbstkritisch hier im Forum (wenn ich jetzt nicht zu faul wäre, würde ich einige Zitate von dir dazu raussuchen). Meiner Meinung nach völlig zu Unrecht - also deine Selbstkritik diesbezüglich.

    Hat dir das eigentlich mal jemand um die Ohren gehauen, also, dass du dich angeblich nicht gut ausdrücken kannst? Manchmal sitzt so etwas ja tiefer. Aber ich lasse die Küchenpsychologie jetzt mal lieber in der Küche :lol:

    Ich lese dich jedenfalls sehr gerne. Du wirkst auf mich reflektiert, offen und ehrlich. Auch deine (allgemein) kritischen Anmerkungen kann ich oft gut nachvollziehen. Aber sie gehören hier halt nicht her, der Fokus liegt halt auf unserer Alkoholsucht. Und das finde ich auch richtig so, sonst würde das Ganze irgendwann verwässern.

    Wie ich jetzt zum Beispiel gerade mit meinem Beitrag :mrgreen:

    Hab einen schönen Abend!

    Menschen die immer wieder mit dem "Totschlagargument" -trinkt schon wieder kommen, halten sich selbst für absolut Woke, Weltoffen, und grenzenlos Tolerant. Die "Gutmenschen" halt!

    Ich kann deinen Frust verstehen, aber diese Pauschalisierungen bringen dich jetzt auch nicht weiter.

    Kannst du mit deinem GdB nicht auch eher in Rente ohne Abschläge. Dieses Mobbing auf Dauer (und dann noch vom Betriebsrat und Chef) macht dich doch mürbe..

    Hallo E69 und schön, dass du in unsere SHG gefunden hast!

    Leberzirrose Endstadium und KHK

    Das sind harte Diagnosen.

    Stehst du damit noch auf einer Warteliste für eine Transplantation oder wurde das durch KHK ausgeschlossen? Ich kenne mich damit überhaupt nicht aus. Du brauchst auch nicht darauf zu antworten, wenn dir hier was zu persönlich ist…

    Mobbing bei der Arbeit: "Der trinkt schon wieder!"

    Sind das immer wieder die gleichen Personen? Kannst du vielleicht in einem anderen Bereich arbeiten? Kannst du darüber mit Chef, Betriebsrat oder so reden?

    Ganz ehrlich, ich kenne natürlich nicht die Umstände im Einzelnen, aber dieses Mobbing würde ich mir unter keinen Umständen (vor allem in deiner Situation und mit deiner Diagnose und deinem GdB) nicht antun..

    Da kannst du auch klar kommunizieren, dass du deswegen krankgeschrieben bist, vielleicht regt das ja bei dem ein oder anderen zum um- oder nachdenken an…

    Als Antwort bekam ich leider nur die Auskunft, dass diese Ängste völlig normal sind. Damit war dann Punkt und Aus.

    Die Ängste sind sicher normal und die hätte wahrscheinlich jeder in deiner Situation. Aber geht es nicht vielmehr darum, dir Strategien aufzuzeigen, wie du mit diesen Ängsten umgehst, wie du ihnen begegnest?

    Ein Therapeut meinte mal: "Was hätte aus Ihnen werden können?!"

    Solche Aussagen finde ich befremdlich. Ist man nur dann etwas, wenn man im Beruf Erfolg hat oder nach außen hin glänzt?

    Die Frage ist doch, wer das überhaupt beurteilt oder warum es überhaupt beurteilt werden soll. Am Ende kannst das nur du selbst. Ich weiß zwar so gut wie nichts von dir, aber eins ist sicher: Du hast den Absprung aus der Sucht geschafft. Und das ist eine ganze Menge wert.

    Lass dir bitte von niemandem einreden, dass du nicht genug oder zu wenig bist.

    Und ja, "Frischlinge", wie du sie nennst, haben am Anfang oft die Hoffnung, dass es vielleicht doch nicht so schlimm ist.

    Oh ja, daran kann ich mich noch sehr gut erinnern. Wie oft habe ich im Internet nach irgendwelchen Studien gesucht oder Tests gemacht, nur um mir das gewünschte Ergebnis zu holen, dass es doch nicht so schlimm sei und ich einfach nach bestem Gewissen weiter saufen kann.

    Auch an mein letztes Blutbild in meiner nassen Zeit erinnere ich mich gut, wie ich mich kurzzeitig entspannt zurücklehnte, weil es scheinbar unauffällig war, und mir einreden wollte, dass ich ja ohne Probleme weitermachen kann.

    Im Grunde habe ich die Nadel im Heuhaufen gesucht, nur um mir selbst etwas vorzumachen und mir eine Rechtfertigung dafür zu geben, weiter saufen zu können.

    Diese Aussage „es hat mich nicht getriggert“ kenne ich auch von mir. Als ich genauer hingeschaut habe, war es letztlich nur eine Form von Rechtfertigung. Nur weil es mich im Moment nicht triggert, heißt das nicht, dass es nicht später nachwirken kann, das habe ich mehr als einmal erlebt.

    Wenn ich meine Sucht ernst nehme und wirklich nicht wieder trinken will, dann muss ich akzeptieren, dass es eine Krankheit ist, die ich nicht beherrsche oder kontrollieren kann. Und genau deshalb spiele ich nicht mit ihr und gehe auch kein Risiko ein.

    Das war mein Wort zum Sonntag.

    dass trockene Alkoholiker mitunter zu Egoisten werden können?

    Mag sein, dass es egoistisch wirkt, wenn ich einer Feier fernbleibe, aber genau das ist (manchmal) notwendig, um meine Abstinenz nicht zu gefährden.

    Für mich ist das auch kein Egoismus, sondern Selbsterhaltung.

    Um bei dem Beispiel mit der Hochzeit, der Tochter zu bleiben. Was hat sie davon, wenn ich hingehe, mich dort überfordere, abstürze und danach wieder saufe? Wenn ich dann nicht mehr für sie und die Enkel da sein kann. Sei es, weil ich seelisch oder körperlich nicht mehr dazu in der Lage bin oder weil ich mich zu Tode gesoffen habe?

    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen, denen ich wirklich am Herzen liege, verstehen, dass meine Abstinenz absolute Priorität hat.

    Und die, die dafür kein Verständnis aufbringen, sind aus meiner Sicht oft die eigentlichen Egoisten. Und auf die kann ich gut und gerne verzichten…

    Hallo LK,

    das wird bestimmt eine schöne Zeit für dich mit vielen neuen Erfahrungen.

    Und sicher kannst du auch das ein oder andere Nützliche mitnehmen, das dich auf deinem weiteren Weg begleiten kann.

    So eine „Auszeit“ (das ist es ja auch irgendwie) birgt ja noch ganz andere Potenziale. Du bekommst mit etwas räumlichen Abstand (auch von deinen Lieblingsmenschen um dich herum - im Gegensatz zu Urlaub) und jenseits deiner täglichen Routine nochmal einen ganz anderen Blick auf alles.

    Ich würde mich auch freuen, wenn du uns ein wenig an deinen Erfahrungen teilhaben lässt.

    Bei mir steht früher oder später nämlich auch eine Reha an.

    Liebe Grüße und eine gute Zeit!

    Die Scham über mein Verhalten und die Angst dass wirklich mal ein schlimmer Unfall passiert waren irgendwann erdrückend.

    Das macht bei uns wohl den Unterschied aus.

    Ich habe zu 95 Prozent immer zu Hause gesoffen und „glücklicherweise“ hat mein Körper immer so ab 5/6 Bier direkt hintereinander ziemlich schnell rebelliert.

    Und mit 5/6 Bier konnte ich mich noch gut unterhalten, meine Frau hat mich ganz selten mal gefragt, ob ich nicht zu viel getrunken hätte (die leeren Flaschen hab ich immer unauffällig versteckt).

    Ansonsten hätte ich es wohl auch so wie du gesehen, Anna.

    Für mich ist ein funktionierender Alkoholiker im Groben gesagt einer, der sein sonstiges Leben noch so weit im Griff hat, dass er keinen besonderen Leidensdruck verspürt und auch keinen Grund sieht, an seinem Verhalten etwas zu ändern.
    Und dafür fallen mir aus dem Stand mehrere Leute ein, die ich kannte oder kenne.

    So hab ich mich auch lange gesehen, bis ich dann mal die Perspektive gewechselt habe.

    Wenn wirklich gar kein Leidensdruck da ist, das Umfeld fein damit, die Gesundheit gut, ist man dann überhaupt Alkoholiker?

    Ich denke der Leidensdruck ist eine Frage der Perspektive und er verändert sich mit der Zeit.

    Wenn ich an die mindestens zehn Jahre denke, in denen ich täglich gesoffen hab, dann weiß ich ziemlich sicher:

    Hätte ich am zweiten Tag schon den körperlichen und seelischen Zustand von ganz am Ende gehabt, ich hätte vermutlich sofort wieder aufgehört.

    Aber so funktioniert’s ja nicht. Der Mensch ist nun mal ein Gewohnheitstier und genauso wie er sich an den Alkohol gewöhnt, gewöhnt er sich auch ans Leiden. Der Druck wird nicht kleiner, man stumpft nur ab. So war es jedenfalls bei mir. Und das habe ich mir versucht bewusst zu machen. Sonst würde ich vielleicht immer noch saufen…

    Was würde es nützen,sie darauf anzusprechen?

    Ich hab mich gerade gefragt, wie ich wohl reagiert hätte, wenn mich mein bester Freund damals drauf aufmerksam gemacht hätte (jedenfalls rein theoretisch, denn er trinkt ja selber gerne).

    Wahrscheinlich hätte ich auch aus einem ersten Impuls heraus erstmal ablehnend reagiert („Selbstschutz“ und so). Aber da mir zum „Ende hin“ schon ziemlich gut klar war, auf welchem Weg ich mich befinde und auf welche Richtung ich zusteuere, hätte das auf jeden Fall in mir nachgewirkt.

    Es ist wohl auch eine Frage des Timings..

    Was ich damit sagen will, so pauschal kann das vielleicht gar nicht abschließend bewertet werden, für manche mag so was vielleicht auch der Stein des Anstoßes sein..

    Richtig ist aber auch, dass wir die Welt um uns herum nicht trocken legen werden..Fakt.. Insofern bleibe ich natürlich auch im Wesentlichen bei mir und verwende die Energie für meine eigene Trockenheit.

    Aber wenn es sich mal ergibt (wie auch schon geschehen), begebe ich mich da gerne mal aufs Glatteis… Dann muss ich aber schon Energiespitzen haben :lol: