Beiträge von Mattie

    Hallo Dulcinella,

    willkommen auch von mir!

    Ich war auch die Zuhause-Trinkerin. Auf Partys habe ich mich eher zurückgehalten und dann allein zu Hause nachgekippt, bis der Pegel erreicht war, um ins Bett zu fallen.

    Aus meiner Sicht war es eine gute Entscheidung, auf ein Familienfest im Park zu gehen, bei dem der Alkohol nicht im Vordergrund steht, noch nicht mal einen Verkaufsstand gab es, stattdessen ein Kulturprogramm. So viel besser, als zu Hause Einsamkeit zu verspüren, die dich offenbar am ehesten zur Flasche greifen ließ.

    Schön, dass es genau so gelaufen ist, wie du es dir vorgestellt hast. Und weiterhin einen guten Weg!

    Liebe Grüße

    Mattie

    Nun habe ich die Jahresuhr einmal herum, habe mein nüchternes Leben über zwölf Monate in meinen Alltag eingebaut, neue Rituale und Gewohnheiten geschaffen. Heute kann ich sagen: Meine Abstinenz ist das neue Normal.

    Nach einem Jahr ohne Alk fühle ich mich gesünder, jünger, froher als in den letzten zwanzig Jahren. Ich fühle mich äußerlich und innerlich in Bestform, und ob das mein Umfeld so bestätigt? Keine Ahnung, es kümmert mich nicht. Ich strahle nur für mich. Es ist mein eigenes Lebensgefühl, und das ist das Einzige, was auf dieser Ebene Bedeutung für mich hat. Ohne Alk ist alles besser.

    Ich habe Weihnachten, Silvester, Geburtstage, Ostern, Kurzurlaube, den Sommer und eine Traumreise von unserer Bucket List ohne Alk genossen. Ich hatte zudem die Hochzeitsfeier eines allernächsten Angehörigen, die Abiturfeier und den Auszug einer nicht minder nahestehenden Lieblingsperson, Sterbebegleitung bei einem der liebsten Menschen meines Lebens mit Beerdigung und Trauerarbeit danach. Ich habe mit meinen Liebsten gestritten und mit ihnen gelacht, ich habe mich überfordert gefühlt und ich war im Flow, ich war antriebslos und ich habe was weggeschafft. All das habe ich nüchtern und mit wachem Verstand erlebt. Alle Gefühle hatten ihre Berechtigung, wurden von mir willkommen geheißen und manchmal ein bisschen unter die Lupe genommen. Unter Alk wäre alles betäubt, wie unter eine Glasglocke verlaufen, mit der trügerischen Illusion, Erlebnisse wären intensiver, Schmerzen wären erträglicher. Gefühle neu kennenzulernen, zuzulassen, ihnen Raum zu geben – das gehört für mich zu den wichtigsten und schönsten Aspekten des Nüchternseins.

    Das Leben ist so bunt und reich, und ich habe mir das herausgepickt, was meinen Alltag spannender macht. Dazu gehört, dass ich ein Ehrenamt angenommen habe, bei dem ich viel Verantwortung trage und für das mein Herz schlägt. Unter Alk wäre das nicht machbar gewesen.

    Mit Beginn der Nüchternheit habe ich angenommen, ich würde doppelt so viel schaffen wie unter Alk. Doch weit gefehlt. Ich warte bis heute auf den Aktionismus, der mir dazu verhilft, den Keller endlich auszumisten oder den Urwald vor der Terrasse in einen englischen Garten zu verwandeln. Ich habe, als ich noch getrunken habe, tatsächlich – wenn auch nicht die ganzen großen Projekte, aber dennoch insgesamt - mehr geschafft. Und ich weiß heute auch warum: Wenn ich schon gesoffen habe, wollte ich wenigstens allen zeigen, seht her, ich bin trotzdem produktiv: eine Frau, die ihr Leben im Griff hat.

    Diese Einstellung hat sich gewandelt: Ich habe heute eine zutiefst verinnerlichte Schei**-Egal-Haltung. Gar nichts muss ich tun von all dem, was die letzten Jahrzehnte meine To-do-Liste gefüllt hat. Ich kann einfach nur dasitzen, Löcher in die Luft starren, nichts leisten und dabei eine rundum liebenswerte Person sein. Dabei muss ich gar nicht mal den vielzitierten Tee trinken (obwohl es wirklich köstliche Sorten gibt). Flasche Wasser und Musik auf die Ohren reicht.

    Wie blöd ich war, zu glauben, Entspannung hätte ich nur nach getaner Arbeit verdient und dass nur eine Flasche Wein mich in diesen Zustand versetzen kann. Ich kriege das aus mir heraus hin, ganz unangestrengt. Mein Gefühl der Selbstwirksamkeit hat in diesem Jahr der Abstinenz den entscheidenden Schub bekommen.

    Ich habe hier mal bei den neu Angemeldeten geschrieben, dass ich in einem Jahr praktisch keinen Suchtdruck hatte. Im Nachhinein habe ich gedacht, klingt ein bisschen wie die Streberin aus der ersten Reihe :) Es ist aber tatsächlich so, dass ich kein einziges Mal das drängende Bedürfnis hatte, Alkohol zu trinken. Allerdings weiß ich inzwischen, dass sich mein persönlicher Suchtdruck tarnt: Ich überlege dann, was ich noch essen könnte, durchwühle Vorratsschrank und Kühlschrank. Ich kenne das inzwischen und weiß damit umzugehen. Meistens hilft es, mir ein Völlegefühl zu verschaffen, sei es durch eine Flasche Mineralwasser auf ex oder eine Familienpackung Eis. Ich lege mir hier keine Beschränkungen auf, denn meine Devise ist: Alles außer Alk. Dass ich trotzdem zehn Kilo abgenommen habe, zeigt mir, dass ich nach den ersten schoko- und lakritzlastigen drei Monaten insgesamt mein Maß gefunden habe.

    Mein Partner ist von Beginn an mit mir abstinent. Unsere Beziehung hat eine Wandlung durchgemacht. Wir lachen nicht weniger miteinander, wir lieben ‚Fine Dining‘, und es ist mir zum Ritual geworden, bei eingedeckten Tischen im Restaurant die Weingläser und die Karte für die Weinbegleitung an den Tischrand zu schieben und die Bedienung zu bitten, alles zu entfernen. Dann ist unser Tisch clean. Wir kochen aber auch selbst gern, und, o Wunder, ein ‚Kochwein‘ oder eine geöffnete Bierflasche, während man Paprika schnippelt oder Kartoffeln schält, ist so was von unnötig für das gute Gemeinschaftserlebnis. Dass unser Haushalt alkoholfrei ist, ist für mich selbst einer der wichtigsten Grundbausteine.

    Für mich hat der Gedanke, bis an mein Lebensende keinen Alk mehr zu trinken, nur Gutes im Windschatten. Ich bin jetzt Anfang sechzig, ein Vierteljahrhundert sollte hoffentlich noch drin sein. Das werde ich nicht als greise Trinkerin erleben, die die Öffentlichkeit scheut, weil sie zu Hause säuft. Sondern mit erhobenem Haupt, nüchtern und so lange wie möglich in passabler Form.

    Das Alter mit all seinen kleinen und größeren Beschwerden macht nicht Halt, auch wenn ich alkoholfrei lebe, aber ich habe einen der hässlichsten Gesundheitskiller hinter mir gelassen.

    Ich vergleiche meine Abstinenz nicht mit einem Marathon. Für mich ist es eine entspannte Wanderung. Laufen und durchhalten wären mir viel zu anstrengend. Ich gehe meinen Weg gemütlich und gechillt.

    Das tägliche Lesen und Schreiben im Forum hat mein Mindset in erheblichem Maß geprägt. Die Wachsamkeit läuft neben mir her wie ein Wagenengel in gelber Warnweste. Der ist aber nicht überlebensgroß oder alles überschattend, sondern verantwortungsbewusst und unauffällig präsent. Für immer abstinent zu bleiben ist zu meiner tiefgreifenden Lebenseinstellung geworden.

    Ich habe einige Zeit über den Thread-Titel nachgedacht. Ich bin nicht durch Glück trocken geworden, sondern weil ich es wollte. Und das Leben ist auch kein Ponyhof, sondern läuft in Wellen. Aber neben allen Höhen und Tiefen, die zum Leben dazugehören, läuft ein stetiges wohliges Grundrauschen. Das ist das Glück, nüchtern zu sein. Und das bleibt.

    Das Forum hat mich bis zu diesem Ein-Jahres-Meilenstein zuverlässig begleitet. Ich habe hier Menschen kennengelernt, die ich nicht nur für ihre Trockenarbeit schätze, sondern für ihre Lebensfreude, ihre Klugheit, ihre Empathie, ihren Humor und ihre Ehrlichkeit. Und ich weiß, wenn ich übermütig werde oder Situationen erlebe, die mich überwältigen, von denen ich jetzt noch nichts ahne – dann werden hier ein Dutzend Stimmen laut. Jede auf ihre ganz persönliche Art. Ich will hier nicht mehr weg. Das habt ihr nun davon. ^^

    Alles Liebe von

    Mattie

    Bolle Genau so hat es mein Mann - leidenschaftlicher Borussia-Fan und von Beginn an mit mir abstinent - auch gemacht. Das Wohnzimmer gehört dann ihm. Ich darf ihn nicht ansprechen, am besten auch nicht in seiner Nähe atmen ^^

    So minimiert sich das Verzichtsgefühl laut meinem Mann auf ein angenehmes Maß. Und nicht die geringste Gefährdung in Sicht.

    Wenn du dem Arzt sagst: Ich bin Alkoholikerin - dann muss er das meiner Meinung nach akzeptieren. Wer sollte das denn besser wissen als du, dass du süchtig bist?

    Seltsame Reaktion des Mediziners, dagegenzurechnen und deine eigene Einschätzung abzumildern.

    Ich glaube, Köln ist die Stadt, die das 'Wegbier' zum Kultstatus erhoben hat. Und an Jungesellenabschieden kommt man in der Altstadt nicht vorbei. Kann mir gut vorstellen, dass das triggert oder einfach nur verdammt lästig ist, wenn man es sich ohne Alk da gutgehen lassen will. Ich war jetzt länger nicht mehr mittemang im Trubel, wenn, dann besuchen wir nette Restaurants etwas abseits gelegen, in denen das Menü im Vordergrund steht, nicht das Kölsch.

    Kusama bei Nacht klingt toll. Hab ich nun leider verpasst, wie ich gerade nachgelesen habe.

    Immer weiter so, Gaarder :)

    Was du beschreibst, Hannah , klingt fast überiridisch perfekt, und die Replik von Carl Friedrich kommt vielleicht auf den ersten Blick wie Spaßverderberei daher :) Ich kann dir aber aus eigener Erfahrung versichern, dass es genau so ist: Jetzt läuft ja wieder alles prima, ein 'Gläschen' kann da nicht schaden! Doch, es würde alles wieder zerstören.

    Sei gewappnet für den Tag, wenn deine Kinder doch mal alles blöde finden, was die Mama vorschlägt, oder wenn die Probleme mit der Tochter wieder in den Vordergrund treten. Deine Abstinenz muss bei allen Höhen und Tiefen des Alltags Prio No 1 eins, sonst geht alles den Bach runter.

    Ich bin darüber gestolpert, dass du noch dein "Trinkerzimmer" mit dem gemütlichen Sessel hast. Kannst du den Sessel woanders hinschieben?

    Wenn der Schichtdienst ab sofort wegfällt, tut sich vielleicht erst einmal ein Loch auf - in das du aber nicht hineinfallen musst :) Du bist ja wirklich hinreichend ausgelastet mit deinen Kindern und dem Haushalt, aber vielleicht magst du dir jetzt schon etwas aussuchen, mit dem du eine mögliche Lücke positiv füllen kannst, damit du nicht in suchtgefährliche Grübeleien (zB über die Überlastung der anderen) verfällst? Zwei Monate hast du jetzt ja ein gutes Stück mehr Freizeit, bevor der neue Job beginnt.

    Manchen hilft es, sich daran zu erinnern, was sie als Kinder und Jugendliche gern getan haben: basteln, lesen, radfahren, Pflanzen, fotografieren, malen ... Vielleicht kannst du etwas in der Art wieder in dein Leben einbauen bzw es verstärken?

    Mit Beginn meiner Abstinenz habe ich wieder angefangen im Verein zu schwimmen und ich habe mir ein Ehrenamt gesucht in einem Bereich, der mir sehr am Herzen liegt. Beides macht mein Leben reicher, bunter, und wenn ich mir sonntagsabends meinen 'Wochenplan' anschaue und mich auf das Kommende freue, denke ich jedes Mal: Wie gut, dass ich den Absprung geschafft habe und Alk kein Thema mehr ist. Das Leben ist schön.

    Irgendwann habe ich mich dann ins Sofa gelümmelt und Minifiguren aus Papier ausgeschnitten und zusammengeklebt. Ziemliche Pfriemelarbeit, die meine vollste Konzentration brauchte.

    Ein, zwei Stunden habe ich das gemacht, bis etwas anderes meine Aufmerksamkeit brauchte. Da bemerkte ich : Es ist vorbei, der Druck ist weg.

    Was für ein Gefühl. Es war ausgestanden, quasi einfach ausgesessen. Unglaublich.

    Wasser trinken, viel Wasser, Aennie, und konzentriere dich auf deine Kreativität. Was kannst du jetzt mit deinen Händen machen?

    aber was macht ihr in solchen Situationen (z.B. Trennung), wenn ihr gerade versucht, trocken zu bleiben?

    Mir bewusst machen, dass der Alk nichts, wirklich GAR NICHTS an der real existierenden Situation ändert, ausser: eingetrübte Sicht auf das, was ist.

    Gaarder Was für ein toller Bericht! Ich habe mich beim Lesen richtig mit dir (und deiner Holden) mitgefreut. Pack diese guten Gefühle an eine Stelle, wo du sie jederzeit wieder abrufen kannst, wenn es bei der Abstinenz 'ruckelt'. Damit du dich daran erinnerst, was du ohne Alk gewinnst.

    Alles Gute weiterhin

    Mattie

    Hallo Bianca,

    deine Vorstellung liest sich, als hättest du sozusagen die Karten auf den Tisch gelegt: schonungslos und ehrlich. Mich beeindruckt das und ich halte das für einen erstklassigen Start in die lebenslange Abstinenz. Ich wünsche dir, dass du es diesmal schaffst.

    Ich habe auch mehrere Anläufe gebraucht, bis sich mein 'Mindset' geändert und sich die Gewissheit in mir festgesetzt hat, dass ich für den Rest meines Lebens keinen Alkohol mehr trinken will. Dazu hat das Schreiben und Lesen hier in der Community erheblich beigetragen.

    Ich wünsche dir einen guten, sicheren Weg.

    Alles Liebe

    Mattie

    Wow, Hannah, das hört sich nach einem guten Neuanfang für dich an. Ich drücke die Daumen, dass alles genau so läuft, wie du es dir wünschst. Das kann dich nur stärken.

    Kaltes Wasser ins Wohlfühlbad bei Alkoholgedanke - kann man machen ^^ Alles außer Alk, ist meine Devise.

    Liebe Grüße

    Mattie

    Herzlich willkommen auch von mir, liebe Hannah!

    Respekt, was du leistet mit den Kids und deinem Job!

    Du klingst zielorientiert und hast Grund zur Zuversicht, dass dies der Beginn einer lebenslangen Abstinenz werden kann. Bleib im Forum dabei. Hier zu lesen und zu schreiben war und ist für mich der beste Stabilisator. Niemals mehr zurück in den Alk-Sumpf ...

    Liebe Grüße, alles Gute!

    Mattie