Hallo zusammen,
Weihnachten war stimmungsmäßig zweigeteilt für mich. Heiligabend und den ersten Feiertag haben wir mit lieben Menschen in unserem alkoholfreien Zuhause verbracht. Zu meiner großen Freude hat sich meine in der Vorweihnachtszeit als Antriebslosigkeit erlebte Stimmung zu einer tiefen Gelassenheit entwickelt. Tatsächlich habe ich diese Tage selten so tiefenentspannt erlebt wie dieses Jahr. Ich war sonst immer die Perfektionistin, die alles bis ins Kleinste geplant hat – von der richtigen Musik zur Bescherung bis zum extravaganten Dessert. Vermutlich habe ich damit andere genervt, die es lieber locker angegangen wären. Ich weiß noch, dass ich dabei auch leicht geschwitzt habe, was man mir angesehen hat. Jetzt war ich in mehrfacher Hinsicht ‚trocken‘, und es war mir ein Fest. Es gab keine Verzichtsgedanken, keinen Druck, aber einige Male den Gedanken: ‚Wie gut, dass ich nicht trinken muss.‘
Für leichte Irritation sorgten zwei Alk-Geschenke von entfernteren Bekannten/Geschäftsfreunden. Ich habe es nicht über Herz gebracht, das Zeug den Schenkenden postwendend zurückzugeben. Es ist noch nicht in weitere Kreise gedrungen, dass wir abstinent leben. Nächstes Jahr würde ich es sofort ablehnen, dann sollten nämlich alle Bescheid wissen, dass bei uns kein Alkohol getrunken wird. So habe ich die Flaschen diesmal schnellstmöglich weitergereicht an jemanden, der darauf ohnehin ein Auge geworfen hatte, und fühlte mich sehr erleichtert, als sie aus meinem Sichtfeld verschwunden sind. Ich habe gedacht, wie unpassend und empathielos es generell ist, Leuten Alk zu schenken, aber ich habe den Gedanken für mich behalten. Ich will nicht zu hart in meinem Urteil sein. Ich will lernen, über den Dingen zu stehen, nur meinen eigenen Weg verfolgen.
Am zweiten Feiertag stand eine ‚familiäre Traditionsveranstaltung‘ auf dem Programm, auf die ich hier nicht im Einzelnen eingehen kann und will. Nur so viel: Alkohol war in mehrfacher Hinsicht und aus diversen absurden Perspektiven ein Thema. Manches davon war so nicht abzusehen. Mein Mann und ich hatten allerdings vorher schon besprochen – und auch den anderen kommuniziert -, dass wir ggf. früher das Treffen verlassen würden, und so ist es dann auch gekommen. Wir haben den ‚Pflichtteil‘ mitgemacht und uns dann sofort verdrückt und draußen erst einmal ganz tief die klare reine Luft eingeatmet. Es gab hier kein Craving, kein ‚Ach, ich würd ja gern mal wieder trinken!‘, nur Widerwillen, Irritation und Fluchtgedanken. Ich bin so froh, dass mein Mann und ich uns mit einem einzigen Blick darüber verständigen können, dass wir das Gleiche denken.
Ich bin von dieser Veranstaltung mit einem Kopf voller Grübelgedanken heimgekehrt, und tatsächlich hat das auch dazu geführt, dass ich heute in den frühen Morgenstunden wach wurde und weiterdenken musste – ganz so, wie ich es aus den Trinkzeiten kenne, wo ich oft früh aufwachte mit depressiven Anwandlungen und kreisenden Gedanken. Nur die Scham fehlte diesmal, denn ich habe mir ja – zumindest aus meiner Sicht – nichts zuschulden kommen lassen und keine Peinlichkeiten verursacht. Meine Gedanken drehen sich um Folgendes: Wie soll ich künftig mit trinkenden und als ‚lustig‘ verkauften Saufgeschichten erzählenden Menschen umgehen, die definitiv nicht einfach Sauffreunde sind, sondern liebe Verwandte, mit denen mich grundsätzlich viel verbindet und von denen ich mich auch nicht entfremden will? Zum Trinken verleiten sie mich nicht mit ihrer gefährlich sorglosen Art, im Gegenteil: Sie bestärken mich in meiner Entscheidung. Ich bin froh, in diesem Sinne nicht mehr dazuzugehören. Ich habe die Hoffnung, dass ich im Lauf der Jahre ein dickeres Fell bekomme und über all dem dummen Geschwätz und Gehabe stehe.
Fazit also: Grundsätzlich schöne alkfreie Weihnachten mit einem ‚mentalen Ruckler‘, der mir nicht gefährlich ist, der mir aber noch zu denken gibt.
Ich hoffe, ihr hattet alle eine gute Zeit.
Liebe Grüße
Mattie