Fragen an einen Alkoholiker

  • Ich meine, ich habe lange gebraucht und sehr viel Geld dafür ausgegeben, bis ich süchtig war. Insofern bin ich schon selber schuldig dran.

    Ich kann ja nicht für Andere reden, aber warum ich das so lange abgestritten habe?

    Ich fühlte mich nicht süchtig, und ich schätze, lange war ich es auch nicht. Nach mein Empfinden war es ein bestimmter Job mit enormen Anforderungen, bei dem es zwanghaft wurde.

    Am Ende war es so, wie ich es bei Vielen, aber nicht allem Neuankömmlinge hier lese:

    Es ging nicht mehr mit Alkohol, und wie es ohne gehen sollte, wusste ich auch nicht. In meiner Umgebung gab es Niemanden, der trocken war, und Lebensfreude ohne zu trinken erschien mir als Ding der Unmöglichkeit. Die Vorstellung, aufzuhören, war absolut unattraktiv und überhaupt nicht erstrebenswert für mich.

    Deswegen hab ich das Aufhören vermieden, bis es gar nicht mehr anders ging. Am liebsten hätte ich nen Weg gefunden, so weit zu reduzieren, dass ich mir weiterhin ab und an nen Rausch geben konnte. Das hab ich halt nicht geschafft.

    Erst praktisch aus dieser Not heraus hab ich mir überlegt, wie es auch trocken auszuhalten wäre. Das habe ich früher nicht für möglich gehalten, ohne dauerhaft drunter zu leiden.

    Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.
    Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man es anschiebt.

    Aber das Gras wächst.
    Sei sparsam mit dem Düngen:mrgreen:

    Einmal editiert, zuletzt von Lebenskuenstler (14. Mai 2026 um 17:32)

  • Hat man denn Verständnis für das Leid der Angehörigen oder blendet man das komplett aus?
    Werden Menschen die das Problem ansprechen als „Feind“ betrachtet?

    Zumindest wenn man betrunken ist, dann kann das schon sein, dass man denkt die gönnen einem was nicht.


    Nüchtern wiederum sieht man es manchmal durchaus ein, dass sie Recht haben oder denkt sie übertreiben und es ist alles nicht so schlimm.

    Alkohol löst Partnerschaften, Finanzen, den Arbeitsplatz, die Fahrerlaubnis auf...nur Probleme löst er nicht...

  • Zuallererst dachte ich, meine Frau gehört in dieKlapse. Wie kann ein erwachsener Mensch auf die Idee kommen, einen ganzen Tag lang keinen Alkohol zu trinken ? Nur Kranke bleiben doch nüchtern, weil sie nicht wissen, wie schön Saufen ist.

    Das ist keine Übertreibung, das dachte ich wirklich.

    Später hab ich schon gesehen, wie sie leidet. Es war auch unübersehbar, und wir hatten einige Dramen.

    Für mich war aber irgendwie auch klar, damit bin ich nicht der passende Partner für sie, wenn sie jemanden will, der nicht trinkt. Und ich habe sie weder gezwungen noch überreden wollen, bei mir zu bleiben. Meine Einstellung war und ist, wenn es nicht passt, trennt man sich. Ans Aufhören habe ich deswegen nicht gedacht.

    Liebe war für mich überhaupt kein Argument, denn Liebeskummer geht vorbei. Die Erfahrung hab ich ja selbst schon gemacht und sie hatte sich von meinem Vorgänger auch getrennt. Das erschien mir gegenüber dem Saufen als der viel kleinere Verzicht.

    Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.
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  • Wut kann aber gerade für COs auch ein Schritt Richtung Freiheit sein - und zu viel Verständnis in einer ungesunden Bindung halten, orangeblau.

    Was er fühlt, kann ja keiner von uns wissen, egal, wie es bei uns war.

  • Wie wäre es mit dem Versuch einer anderen Sichtweise- mit Dankbarkeit, dass er Dir eine Menge weiteren Stress erspart hat und Dich nicht mit ins Unglück stürzt - auch wenn der Liebeskummer bestimmt gerade fies ist?

  • Hat man denn Verständnis für das Leid der Angehörigen oder blendet man das komplett aus?
    Werden Menschen die das Problem ansprechen als „Feind“ betrachtet?

    Gerade die Aussagen anderer haben zusätzlich dafür gesorgt, dass ich nachdenken musste. Es war mir sehr unangenehm. Meine Lösung war dann, alleine zu Hause zu trinken. Wer es nicht mitbekommt kann sich auch nicht beschweren. Ich fühlte mich damit sehr sicher, habe Dosen im Bettkasten versteckt und bei Gelegenheit schnell Leergut weggebracht . Der Konsum häufte sich dann, verlor die Kontrolle mit WhatsApp. Eine Bekannte schrieb mir am Folgetag und ich merkte, dass ich schlichtweg richtig Scheiße baute, weil ich trank. Es war so als würde sich die Schlinge fortlaufend zuziehen. Mir haben die Bemerkungen und Achtsamkeit von außen zur klareren Sicht verholfen, dass ich im Leben falsch abgebogen war.

  • Bei mir wars ja so, Einen drauf machen war das Synonym für sichs gut gehen lassen. So kannte ich das, und so wars überall um mich herum.

    Und was ich sicher nicht wollte, war eine Partnerin, die mir Vorschriften macht, wie ich zu leben habe. Oder die sich einbildet, dass sie besser wüsste, was gut für mich ist, als ich das selbst wusste. Ich hab das als arrogant und überheblich empfunden, mir in meine Gewohnheiten und Entscheidungen reinzureden. Das war oft der Streitpunkt.

    Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.
    Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man es anschiebt.

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  • Bei mir wars ja so, Einen drauf machen war das Synonym für sichs gut gehen lassen. So kannte ich das, und so wars überall um mich herum.

    Und was ich sicher nicht wollte, war eine Partnerin, die mir Vorschriften macht, wie ich zu leben habe. Oder die sich einbildet, dass sie besser wüsste, was gut für mich ist, als ich das selbst wusste. Ich hab das als arrogant und überheblich empfunden, mir in meine Gewohnheiten und Entscheidungen reinzureden. Das war oft der Streitpunkt.


    Dabei hat sie es nur gut gemeint und hatte ja auch Recht.

  • orangeblau ,

    Was willst du eigentlich noch lesen? Es wurde dir mehrfach deutlich gesagt, wie ein Alkoholiker tickt, aber du suchst immer noch nach irgendeinem Schlupfloch, einem Hebel oder einer Erklärung, mit der du am Ende doch noch Einfluss oder Kontrolle bekommst.

    Ich habe das Gefühl ,es geht nicht ums Verstehen, sondern darum, die eigenen Wunden zu lecken, oder?

    Genau das ist klassisches co‑abhängiges Denken. Aber danke für dein Beispiel.

    Die Realität ist simpel. Du kannst nichts tun. Du kannst einen Alkoholiker nicht nüchtern denken, nicht retten, nicht analysieren und nicht steuern. Solange er säuft, säuft er.

    Und wenn er nicht säuft, entscheidet er, ob er wieder säuft oder nicht.

    Und du kannst Alkoholiker auch nicht alle über einen Kamm scheren. Es gibt kein Schema F. Wie sich jemand im Suff verhält, hängt von Sucht, Charakter und Lebensgeschichte ab.

    Der eine wird laut, der nächste zieht sich zurück, der nächste lügt, der nächste funktioniert nach außen noch jahrelang.

    Aber auf all das hast du null Einfluss.

    Das ist genau der Punkt, den Co‑Abhängige am schwersten akzeptieren: Sie tragen das Problem ständig mit aber sie können es nicht lösen. Nicht ein bisschen, nicht indirekt, nicht über Umwege. Gar nicht.

    Gruß Hartmut

    ------------------

    Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe!

    Trocken seit 2007


  • Das ist mir alles vollkommen bewusst, im Kopf zumindest.

  • Das Gegenteil von gut ist bekanntlich nicht schlecht, sondern gut gemeint. Fest steht, dass ich mich viel zu lange damit beschäftigt habe, mir von ihr nichts sagen zu lassen und zu beweisen, dass ich es unter Kontrolle habe, nd oft sogar rein aus Trotz - ich lass mirnichts vorschreiben - noch mehr gesoffen habe.

    Erst als sie mich schon fast verlassen hatte, habe ich den Fokus darauf gelegt, wie es mir selbst mit meiner Sauferei ging. Und ich hab auch noch ein paar gewaltige Abstürze gebraucht, bis ich selbst gesehen habe, dass ich ein Problem hatte.

    So lange das mit ihr war, hab ich ja wenigstens versucht, zu reduzieren, und dadurch konnte das Problem gar nicht so groß werden, dass ich aufhören musste.

    Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.
    Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man es anschiebt.

    Aber das Gras wächst.
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  • Das ist mir alles vollkommen bewusst, im Kopf zumindest.

    Dann ist ja nichts mehr zu klären.;) Lass es mal so stehen , beide Seiten brauchen ihre Zeit, um das zu begreifen. Für mich persönlich ist Co‑Abhängigkeit schwer nachvollziehbar, aber ich verstehe die Suchtmechanik dahinter.

    Gruß Hartmut

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    Trocken seit 2007

  • Finde deinen Text sehr gut! Jeder ist anders und reagiert anders! Aber in erster Linie sollte sich jeder erstmal um sich kümmern und auch an sich denken. Was tut mir gut? Wann ist Selbstschutz angesagt? Man kann niemanden retten, der nicht gerettet werden will. Hätte ich mein Kind nicht, dann hätte ich Vieles auch eher mit einem Achselzucken hingenommen. Aber ich habe Verantwortung zu tragen. Mir persönlich ist das wichtig auch meinem Kind zu zeigen, das Alkohol kein Weg ist. In erster Linie mache ich es natürlich für mich und meine Gesundheit, aber mein Kind ist mein Gold im Herzen!

  • Dann ist ja nichts mehr zu klären.;) Lass es mal so stehen , beide Seiten brauchen ihre Zeit, um das zu begreifen. Für mich persönlich ist Co‑Abhängigkeit schwer nachvollziehbar, aber ich verstehe die Suchtmechanik dahinter.

    Es ist eben schwer, schon den zweiten Mann an den Dreck verloren.
    ich weiß, dass ich nichts tun kann und null Einfluss habe.

  • Vielleicht hilft Dir ein anderer Punkt.

    Mein Vater war auch Alkoholiker, aber nicht mit dem selben Leidensdruck wie ich. Ist mit seinem Spiegel über den Tag gekommen, war aber nie so total betrunken.

    Er sagte, ja, er ist Alkoholiker. Aber Aufhören, glaubt er, ist anstrengend. Und er glaubt nicht, dass er für die Anstrengung einen Lohn bekommt, der diese Anstrengung rechtfertigt.

    Ja, und anstrengend ist das Aufhören für die Meisten. Dafür braucht man schon gute Gründe, denke ich. Ob eine Beziehung, für die man sich gleich am Anfang schon ändern muss, zu diesen Gründen gehört, bezweifle ich.

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  • orangeblau

    Ich bin mit meiner Frau immer noch zusammen, auf Augenhöhe glücklich und zufrieden.
    Sie hat kritisiert, kontrolliert, geschimpft, gestritten und sehr früh durch glückliche Umstände erkannt, dass sie auf dem besten Wege in die Co-Abhängigkeit ist. Zu dem Zeitpunkt wusste ich gar nicht, dass es so etwas gibt.

    Dann hat sie sich abgegrenzt, hat mich mein Ding machen lassen und hat ihrs gemacht.
    Ich wusste, dass sie weiss, was ich weiss. Wir beide wussten, dass ich Alkoholiker bin.
    Wir waren zusammen, aber ein partnerschaftliches Leben sieht anders aus.

    Ich kam ins Handeln, bevor ich für sie nicht mehr tragbar gewesen wäre.
    Es hätte auch anders geschehen können. Im Nachhinein war es unsere einzige Chance, bei der sie und ich einen selbst bestimmten Anteil hatte.

    Viele Grüsse
    Nayouk

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          - abstinent seit 6.01.2024 -

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