Hallo Ihr Lieben,
dann hole ich den einfach mal wieder hoch, heute, an einem besonderen Tag.
HWZ oder das Zerfallsgesetz frei nach Kalli aus seinen kleinen Atomen übersetzt, denn ich blendete mich lange selbst mit dem Gefühl der Liebe, welches ich hier immer wieder lese:
N = No + 2-t/T
N .... Zahl der gesunden Beziehungsstärke
N0 ... Zahl der anfänglichen Beziehungsstärke
t .... Zeit
T .... Halbwertszeit
(gut, dass Currlinger nicht mehr da ist, der würde mich jetzt bestimmt zerlegen, wobei, paar mehr Kerle könnten es hier schon sein)
Beim Zerfallsgesetz geht es darum, wie sich die Zahl der noch unzerfallenen Gefühle einer Beziehung im Laufe der Zeit verringert.
Für ein einzelnes Liebesgefühl kann man angeben, mit welcher Wahrscheinlichkeit es innerhalb eines gegebenen Zeitraumes "überlebt": Während einer Halbwertszeit (T) beträgt diese Wahrscheinlichkeit 50 %. In einem doppelt so langen Zeitraum (2 T) überlebt es nur noch mit 25 % Wahrscheinlichkeit (Hälfte von 50 %), in einem Zeitintervall von drei Halbwertszeiten (3 T) nur noch mit 12,5 % (Hälfte von 25 %) usw.
Was man dagegen nicht vorhersagen kann, ist der Zeitpunkt, zu dem es zerfällt. Auch wenn beispielsweise die Wahrscheinlichkeit für einen Zerfall in der nächsten Sekunde 99 % beträgt, ist es dennoch möglich, wenn auch äußerst unwahrscheinlich, dass es erst nach Millionen von Jahren zerfällt.
Meine HWZ, ist die Zerfallsgeschwindigkeit der gefühlten Liebe zu meiner Frau, ein exponentieller Prozess. Auch so etwas habe ich durch das Forum lernen dürfen und sehe mich noch im July 2006 in einem Buch über Beziehung und Liebe lesend und fragend: huch, dann hätten wir ja gar keine Liebe, aber sie ist doch da, bin ich denn doof?
Heute vor drei Jahren, da war Ostermontag, es regnete wie heute, da war ich ziemlich fertig, überarbeitet, hatte seit Tagen Schmerzen in der Schulter bis in den Arm, komische Gedanken an meine Pumpe und unsere Ehe war gerade angespannt.
Meine Frau stöhnte morgens auf dem Sofa rum und hätte da nicht ein geliebtes Buch achtlos, wie weggeschmissen, auf dem Boden gelegen, ich wäre vielleicht zu den Kindern, in die Firma, zur Mutter oder bei schönem Wetter Motorrad fahren, das wäre es gewesen. Die Liebe zu ihren Büchern hatte uns den Weg gezeigt.
Sie hatte einen Infarkt. Gut, wir haben geraucht, getrunken, gefressen, gut und voll gelebt, aber es gab keine Anzeichen. Nicht bei ihr, eine bildhübsche, strahlende, hochintelligente, stolze, schlanke Frau mit 36er Modellfigur bekommt einfach so mit 43 Jahren einen Infarkt?
Was hatte ich mich blöde und hilflos angestellt, laufe zum Kühlschrank und hole Eisklümpchen und lege ihr die auf die Brust. Wahrscheinlich habe ich meine Frau so geschockt, dass sie nur noch Notarzt sagte. Dann ging es schnell zur Sache, Notruf, binnen 5 Minuten waren sie da. Es dauerte auch nicht lange, bis sie fragte warum ich so lang bis ins Krankenhaus gebraucht hätte. Es dauerte aber noch länger, bis mich so 2 Jahre später eine Kollegin fragte, wie dumm ich denn sei, jemanden Jahre auf Händen zu tragen und dann zu erwarten, von heute auf morgen könne der Andere begreifen dass sich etwas geändert habe, da hatte ich noch was länger dran zu denken.
Kurz nach dem Infarkt landete ich aufgelöst hier im Forum und dachte: Du bist nicht alleine, fühlte mich aufgehoben und geborgen, begann zu lesen, später zu schreiben. Verlustängste, Veränderungsängste, Rotz und Wasser begleiteten mich durch das Forum, ließen mich ausziehen, trennen, trocken werden, Süchte hinter den Süchten erkennen, Druck machen, sie wurde trocken, es neu versuchen, ausziehen, einziehen, fortziehen, zurückziehen, frei ziehen, was für eine Zubbelei. Aus einem: „den letzten Weg gehen wir gemeinsam“, denn ich wusste damals nicht wie ich ohne meine Frau hätte leben können, entwickelte sich etwas ganz anderes als ich es mir bis dahin hätte vorstellen können. Ich war nicht finanziell von ihr abhängig, nur meine Gefühle waren stärker als alles andere, ich hatte mich abgegeben, ihr übergeben.
Halbwertzeit. Wir hatten drei wunderbare Jahre, mit Höhen und Tiefen, mit Genüssen, Freuden, Spaß, Pleiten, Pech und Pannen, eine wonnige gute Lebenszeit. Wir haben jetzt wieder 3 Jahre um, eine lehrreiche, voller Veränderungen und Entwicklungen geprägte Zeit.
Heute habe ich spontan einen alten Freund angerufen und wir haben 1 Std. gequatscht. Er meinte damals, ich hätte nichts Prägendes mit meiner Frau erlebt. Die ersten 3 Jahre waren für mich prägender als die 20 Jahre davor. Die letzten drei Jahre war ich dann in einer Prägemaschine und ich finde, es hat sich gelohnt.
Halbwertzeit, hm, für mich ist da eine Vollwertzeit draus geworden.
Ich möchte heute einfach mal dem Forumsbetreiber, seinen fleißigen Helfern und den kommenden, gegangenen und anwesenden Schreibern danken, dass ich diese Zeit hier erfahren durfte, eine prägende Zeit und das hört gar nicht mehr auf. Schön, dass ich hier sein darf.
Der Rest von mir steht ja hier in der Offenen später auch in der Geschlossenen. Vielleicht noch, dass ich heute immer noch meiner Frau dankbar bin, da ich erst durch sie überhaupt meinen Krams erleben durfte. Ich bin dankbarer Alkoholiker, Co-Abhängiger und mit sonstigen Mehrfachsüchten ausgestattet. Ich muss da keine Scham mehr haben darüber zu reden, schließlich bin ich heute gesünder als die Meisten anderen, zumal mein Krams weiter abnimmt, ein exponentieller Prozess.
Es hieß mal:
Angst fressen Seele auf, nö, Vollwert frisst Halbwert, so gefällt mir das heute besser, ich lebe mit weniger aus dem Vollen, das ist es mir wert.
Lest, schreibt und habt Mut etwas zu Verändern, es ist Euer leben, ihr habt nur eines.
LG Kaltblut