Mein Vater hat so lange ich denken kann ein Alkoholproblem. Nie "harte Sachen" und nicht immer bis zum Absturz aber dafür sehr kontinuierlich. Meine Eltern haben sich getrennt als ich ein Kind war und ich habe auch bei ihm gelebt. Wie wenig er für mich da war (feiern war wichtiger) habe ich erst begriffen als ich selbst Mutter geworden bin.
Er war ein guter Mensch - wenn er nüchtern war. Für die Person, die er unter Alkoholeinfluss war, habe ich mich immer geschämt. Später war ich dann auch ganz gerne mal der Prellbock, wenn er betrunken war und jemanden zum stänkern gebraucht hat. Etwas ändern wollte er nicht, er hatte ja schließlich kein Alkoholproblem.
Der Kontakt wurde dann immer seltener, weil ich das nervlich einfach nicht mehr ausgehalten habe und mich um mein Kind kümmern musste. Ich habe ihn immer wieder gebeten, doch mal zum Arzt zu gehen oder sich sonst helfen zu lassen und angeboten, ihn zu begleiten. Meistens wurde er dann sehr ärgerlich und diese Konsequenz schien mir die einzig richtige zu der Zeit.
Dann verstarb meine meine Mutter an Krebs. Kurz darauf kam mein Vater aufgrund seines Alkoholkonsums in die Psychiatrie, wo dann Korsakow diagnostiziert wurde. Nach einigen Wochen konnten wir ihn in einer guten Rehaeinrichtung unterbringen.
Neben Beruf, kleinem Kind und Haushalt die ständige Fahrerei und die seelische Belastung (ich war kaum aus dem Krankenhaus raus, klingelte schon das Telefon, wann ich wieder käme) führten dazu, dass ich mein eigenes Leben immer weniger im Griff hatte und eigentlich nur noch gereizt war.
Meinem Kind zuliebe habe ich mich an einen Psychologen gewandt, der eine Belastungsdepression diagnostizierte und bei dem ich eine Weile in Behandlung war. Dabei musste ich erkennen, dass die Dinge, die mir mein Leben schwer machen, durch die Alkoholsucht begründet wurden. Der extreme Perfektionismus, der Drang, es allen immer Recht zu machen, das ständige "scannen" meiner Mitmenschen auf deren Stimmung und Bedürfnisse, das Bedürfnis nach ständiger Kontrolle usw. Das ist jetzt ca. 8 Jahre her.
Mit meinem Vater darüber sprechen, konnte ich leider nicht. Ich möchte ihn nicht aufwühlen, wenn es eh nichts bringt. Seine Wahrnehmung unserer gemeinsamen Zeit hat leider nichts mit der Realität zu tun. Ständig möchte er von mir hören, wie toll alles zwischen uns war. In der nächsten Sekunde ist er stinksauer, weil ich ja schuld bin, dass er da ist und nicht zuhause.
Dann hatte er anfangs lichte Momente, in denen er sich entschuldigt hat, dass er mir so viel Kummer bereitet. Das hat mich durchhalten lassen. Da war er für kurze Zeit der Mensch, der er früher war, wenn er nichts getrunken hatte. Und der Mensch, den ich so vermisse und ja auch lieb habe.
Leider hat er diese Momente schon seit ein paar Jahren nicht mehr. Und wurde immer fieser zu mir. Wenn ich ihn besucht habe, hat er sich die ersten 5 Minuten gefreut und dann hat sich sein Gesichtsausdruck und seine Körperhaltung verändert und er war nur noch gemein.
Das führte dazu, dass es mir eine Woche vor dem nächsten geplanten Besuch schon körperlich schlecht ging und ich danach auch ein paar Tage brauchte, um wieder "hergestellt" zu sein. Letztes Jahr habe ich dann den Kontakt abgebrochen. Seitdem geht es mir so viel besser.
Ich vermisse ihn wieder und kann mich auf die schönen gemeinsamen Dinge, die es gab, konzentrieren. Davor habe ich ihn teilweise wirklich gehasst. Und das möchte ich nicht. Das hat er nicht verdient. Aber das schlechte Gewissen fängt regelmäßig an, an mir zu nagen und je länger die letzte Begegnung her ist, desto häufiger denke ich, ich könnte es ja wieder versuchen. Weil man doch den Kontakt zu seinen Eltern nicht abbricht. Und weil er mich ja jetzt braucht.
Das war jetzt für eine Vorstellung wahrscheinlich viel zu viel Text
. Das war so gar nicht geplant. Aber jetzt ist er da und ich schicken das einfach mal so ab.
Liebe Grüße in die Runde,
XY