Hallo ihr Lieben,
es ist morgens 7:30h, mein Arbeitstag vorm PC fängt gleich an und doch geht mir vieles durch den Kopf - schon seit längerem. Als ich selbst vor 2 Jahren einen Nervenzusammenbruch erlitten habe begann ich, vieles aufzuarbeiten und auch über vieles nachzudenken. Mein Leben ist geprägt gewesen von Emotionaler Abwesenheit (bis auf meine Oma) beider Elternteile.
Die Ehe meiner Eltern war eine reine Katastrophe würde man mich fragen. Ich musste bereits im Kindesalter schon agieren wie ein Erwachsener, meine Mutter mental betreuen, wenn sich die zwei mal wieder gestritten haben. Ich habe mit ihr aber wiederum nie ein gutes Mutter-Tochter Verhältnis gehabt, da sie ihre Unzufriedenheit gerne an mir "ausgelassen" (und das meine ich wortwörtlich) hat.
Mein Vater hingegen war viel arbeiten - und hat sich danach immer gerne in die Kneipe oder zu Kumpels verzogen. Er hat also schon immer gerne Bierchen getrunken, ist irgendwie hier auch so ein Dorfding.
Als ich 11 war ließen sich meine Eltern scheiden - ich blieb (logischerweise) bei meinem Vater, für mich war klar ich wollte nicht so weit von meiner Oma weg, und er war halt irgendwie auch die Person, die sich mehr dafür zu interessieren schien, dass was "gescheides" aus mir wird. Ich habe mit ihm mein Leben lang schon Höhen und Tiefen, mal schwimmen wir auf einer Wellenlänge, mal sind wir weit auseinander - so wie jetzt aktuell.
Denn warum ich mich gerade hier angemeldet habe ist eigentlich früher etwas gewesen, was ich immer ziemlich "cool" gefunden habe. Wir haben beide übernächstes Wochenende Geburtstag und haben nun schon 34 (bald 35) Jahre lang Geburtstag zusammen gefeiert. Auch wenn ich seit 2014 nicht mehr hier wohne (Studium), so fühlt sich das Heimkommen mittlerweile immer mehr etwas komisch an, ist sogar mit etwas Bauchschmerzen verbunden.
Weil er einfach launisch unberechenbar geworden ist. Er hatte Anfang des Jahres eine OP, bei dem ihm ein künstlicher Darmausgang gelegt wurde, der Dickdarm war perforiert. Ich würde das nicht zuletzt auch auf den übermäßigen Alkoholkonsum zurückführen, welcher hier am Dorf vorherrscht. Hier wird jeder Mittwoch zelebriert, jeder Donnerstag, jedes Wochenende - Leute finden immer Gründe, sich auf ein paar Bierchen zu treffen. Ich mein - für mich war das auch immer normal, ich kannte auch nichts anderes bis vor ein paar Jahren. Alkohol gehört(e) auch zu meinem Leben dazu. Besonders in der Zeit während dem Zusammenschreiben meiner Abschlussarbeit (zwischen Ende 2022- Anfang 2024) habe ich rückblickend absolut die Kontrolle verloren, was den Konsum anging. Und da wurde mir klar - Moment, dass ist nicht normal, das ist krank. Woher das Verhalten kommt ist mir auch klar: Dorf, Familie - eben der ganz "normale" Wahnsinn in dem ich groß geworden bin.
(Ich selbst trinke ab und zu nur noch ein bisschen, meine Psyche hält seit dem Nervenzusammenbruch nichts von Zustandsveränderten Substanzen mehr, ich bekomme sogar richtig Hangxiety nach 2 Bier manchmal - Angst dass ich Tod umfalle etc. Vielleicht sind auch einfach meine Masken gefallen, und ich habe nun realisiert, dass ich das noch nie leiden konnte - aber mit Alkohol war die Welt um einen herum plötzlich immer so schön still - Mittel der Wahl wenn die Psyche sich mal entspannen wollte?)
Mein Vater hatte nach seiner Darm OP nichts besseres zu tun, als alsbald wieder mit dem Trinken anzufangen - zu Ostern fing er an, Eierlikör zu trinken. Aber nicht ein Schnapsglas weil es so lecker ist, sondern er kaufte sich eine Flasche, setzte diese vor allen Leuten an den Mund an und trank diese auch zur Hälfte - das war etwa 3-4 Wochen nach der OP. Einen alten sturen Esel kannst du keine Karotte vorhängen, auch das ist mir klar. Und vor allem klar ist mir: das ist nicht meine Aufgabe. Irgendwann später des Jahres wurde er dann mit dem Fahrrad angehalten - natürlich ist es soviel gewesen, dass jetzt demnächst ein Verfahren eröffnet wird um den Führerschein. Scheint wohl nicht gerade sein Jahr zu sein derzeit. Noch dazu macht ihm der Darm weiterhin zu schaffen, er hat Schmerzen - nimmt Tabletten - trinkt aber natürlich weiter seine Bierchen. Dadurch werden Teile seiner Launen auch unberechenbar, er war immer ein "Schaffer" - jemand der immer hart gearbeitet hat und manchmal fallen ihm jetzt die einfachsten Dinge langsam schwer, weil er körperlich einfach am Ende ist. Ich akzeptiere das, jedoch zeige ich ihm aber auch ganz klar Grenzen - soweit so schlecht.
Mein Problemchen mit der Sache ist, dass ich seit einem halben Jahr einen Partner habe - ich habe das erste mal in meinem Leben jemanden gefunden, der vor allem eines ist: emotional verfügbar. Bei ihm ist die Welt um mich herum still, ich fühle mich sicher. Und ihr könnt euch wahrscheinlich schon denken was jetzt kommt: Weil es auch mein Geburtstag sein wird, kommt er natürlich auch. Wovor ich natürlich jetzt große Angst habe ist, dass mein Vater sich einfach wieder daneben benimmt ab einem Pegel. Würde mein Vater auch nicht 60 werden, würde ich dieses Jahr auch nicht mehr hier feiern - ich hatte eigentlich letztes Jahr schon gesagt ich mach das nicht mehr, aber ein runder ist halt auch schwierig. So dachte ich mir: Nunja gut, einmal noch. Auch ein Vorteil für mich - ich kann die Leute, die mir hier geblieben sind, noch einmal zusammen trommeln, bevor ich beruflich auch zu meinem Partner ziehe - Minimum Entfernung: 700 km.
Aktuell hoffe ich einfach, dass mein Vater sich etwas entspannt, wenn mein Bruder (wohnt noch hier) und ich, die Ganzen Vorbereitungen soweit abgeschlossen haben und die Planung läuft. Wenn es zuviel wird, hat mein Partner auch die Möglichkeit, sich in meine Wohnung innerhalb des Hauses hier zurück zu ziehen - aber mal ehrlich: das sollte so nicht sein. Ich bin mir auf der anderen Seite aber auch ziemlich sicher, da mein Onkel und meine Tante etc. auch da sein werden, dass die auch was gegenüber meinem Vater sagen werden, wenn er dumm wird. Vor allem mein Onkel kann das gut.
Ich in sicher, dass das einige hier von euch kennen - und ja, ich habe Bauchschmerzen davor. Ich habe Angst, dass mein Vater sich ihm gegenüber gelinde gesagt - scheiße - benimmt. Ich weiß, dass mein Partner das nicht negativ auf unser Verhältnis legen wird, für mich ist es aber ehrlich etwas, was mich unsäglich traurig machen würde wenn es soweit kommt. Ich weiß auch, dass man oft rät sich dann von den Elternteilen zu distanzieren, aber das ist nicht mein Ding - mein Vater hat mich wirklich wirklich auch viel im Leben unterstützt (Studium allein schon). Ich bin nicht mehr oft hier, sodass ich die meiste Zeit auch aus der Schusslinie bin.
Aber kennt ihr das? Habt ihr das selbst auch durch?
So, das war ein kleines Stückchen meiner Geschichte - ich bin ein Kind, dessen Dorf eigentlich verdammt Alkoholkrank ist, und nicht nur ein Elternteil.
Ich wünsche euch einen schönen Donnerstag!