Kompass - Was führt mich her?!

  • Hallo zusammen,

    ich gehöre zu den Erwachsenen Kindern Alkoholkranker Eltern. Ich bin das jüngste Kind, mein Geschwister ist 6,5 Jahre älter. Mir ist erst mit ca. 25 (heute bin ich 42) bewusst geworden, dass meine Mutter eine stille Alkoholikerin ist. Mein Vater und mein Geschwister wollten diese Wahrheit nie sehen, sodass ich alleine mit meiner Wahrnehmung dort stand und mich ein Stück weit sogar rechtfertigen musste, dass ich meine Mutter "in diese Schublade" stecken würde. In der Konsequenz habe ich mich lange gescheut, die Wahrheit nach außen zu tragen, geschweige denn anzuerkennen, dass unsere "heile und zusammenhaltende" Familie in Wahrheit sehr dysfunktional war. Es lief lange so vor sich hin, die Konfrontation meiner Mutter hatte nur ein Erstarren ihrerseits zur Folge. Sie hatte Therapie gemacht und war auch selbst ehrenamtlich in der Seelsorge tätig - sie kannte den Weg zur Hilfe und ist ihn dennoch nicht gefolgt.

    Als ich Mitte/Ende 30 alt war und das Verhalten meiner Mutter immer "komischer" wurde, habe ich das Schweigen erstmalig nach außen gebrochen. Meine Mutter hatte einige schwere Stürzte und ihr Leiden begann. Sie ist eine sehr dominante und sture Frau und hat meinen Vater voll im Griff gehabt. Ich habe auch den behandelnden Ärzten die Wahrheit gesagt - mein Vater hat diese Wahrheit aus dem Arztbericht mit TIP-Ex herausgestrichen.

    Nach seinem Tod Anfang 2024 ist die Verantwortung meiner nun bereits mit beginnender Korsakow-Demenz und vielen weiteren Organschäden betroffenen Mutter auf mich über gegangen. Diese Zeit war die Hölle für mich. Mein Geschwister hat zur gleichen Zeit die Sucht in der Ehe erkannt und haderte mit der Trennung.

    Da ich keine Kinder habe, habe ich den Rücken frei gehalten und musste mich dennoch ein wenig zurück ziehen, weil ich den erwarteten emotionalen Support nicht zusätzlich leisten konnte. Das wurde mich quittiert mit: "Wie kann man nur so sein." Seit dem besteht der Kontakt nur bei Bedarf zum Austausch über unsere Mutter.

    Nach sehr harten Monaten und Szenen, die ein "Kind" niemals ertragen sollte, ist meine Mutter in ein Pflegeheim gezogen. Das war mein Glück. Ich habe eine Therapie begonnen und habe mich Ende letzten Jahres aus der Beziehung "frei geschwommen". Es war hart - diese Schuldgefühle, Angst, Trauer, Wut....

    Nach 9 Monaten Besuchspause habe ich sie aus einem Impuls heraus besucht - und konnte innerlich befriedet gehen. Es war gut. Am 12.10 haben wir ein paar Worte am Telefon ausgetauscht und einander auch die Zuneigung ausgesprochen.

    Dann kam die Nachricht, dass sie in die Sterbephase eintreten würde. Das hat mich wieder schier an die Decke gehen lassen. Angst, Trauer, Verantwortung, Pflicht, Scham - alles auf einmal. ABER: ich hatte keinen wirklichen Impuls sie nochmal sehen zu wollen und habe es bis heute gelassen.

    Aber das sind die Gedanken: Darf ich das? Was sagt das über mich aus? Was denken die anderen? Sollte ein Kind so herzlos sein? Es ist doch meine Mutter, der Tod unumkehrbar.

    Ich bin immer noch nicht gefahren und suche hier nach Menschen, die mir helfen können, meinen Weg durch diese Phase zu finden. Sind diese heftigen Gefühle "normal"?! Darf ich mich so hart abwenden, wo es doch immer noch meine Mutter ist?!

    Ich danke Euch von Herzen!

  • Hallo Kompass,

    herzlich Willkommen hier in der SHG.

    Ich bin auch EKA und habe gerade ähnliches erlebt. Für mich war und ist es in Ordnung, wie ich alles gehandhabt habe und auch weiterhin so mache. Es ist keine Entscheidung gegen das Elternteil, sondern eine Entscheidung für sich selbst. Das ist in Ordnung. Ich habe die letzten Monate sehr genau geschaut, wo meine Grenze verläuft und diese eingehalten. Sonst wäre ich nicht mehr handlungsfähig gewesen.

    Bitte folge diesem Link, schreibe einen Satz, das reicht. Dann wirst du fürs Forum freigeschaltet.

    https://alkoholiker-forum.de/bewerben/

    LG, Linde

    You can't wait until life isn't hard anymore before you decide to be happy.

    - Nightbirde

  • Linde66 25. Oktober 2026 um 13:01

    Hat den Titel des Themas von „Was führt mich her?!“ zu „Kompass - Was führt mich her?!“ geändert.
  • Du bist jetzt fürs Forum freigeschaltet und kannst überall schreiben, nur bitte in den ersten 4 Wochen nicht im Vorstellungsbereich bei den neuen Teilnehmern mit den orangeroten Namen.

    Dein Thema habe ich in den EKA-Bereich verschoben.

    Oben angepinnt ist eine Textsammlung "Merkmale für ein EKA". Vielleicht ist da schon etwas hilfreiches für dich dabei.

    Viele Grüße, Linde

    You can't wait until life isn't hard anymore before you decide to be happy.

    - Nightbirde

  • hallo Kompass

    schön das du da bist. bin alki sowol als auch EKA mit einer mutter die trinkt.

    Dann kam die Nachricht, dass sie in die Sterbephase eintreten würde. Das hat mich wieder schier an die Decke gehen lassen. Angst, Trauer, Verantwortung, Pflicht, Scham - alles auf einmal. ABER: ich hatte keinen wirklichen Impuls sie nochmal sehen zu wollen und habe es bis heute gelassen.

    Aber das sind die Gedanken: Darf ich das? Was sagt das über mich aus? Was denken die anderen? Sollte ein Kind so herzlos sein? Es ist doch meine Mutter, der Tod unumkehrbar.

    Ich bin immer noch nicht gefahren und suche hier nach Menschen, die mir helfen können, meinen Weg durch diese Phase zu finden. Sind diese heftigen Gefühle "normal"?! Darf ich mich so hart abwenden, wo es doch immer noch meine Mutter ist?!

    Ich danke Euch von Herzen!

    du musst in erster linie garnichts:idea: du bist dir selbst verpflichtet. die trinkerei hat schon zuviel platz in deinem leben eingenommen als das du dich rechtfertigen müsstest. ich habe auch den kontakt schon vor langer zeit abgebrochen und muss mich deswegen auch nicht schuldig fühlen. "ihre" entscheidung und "ihr" leben, nicht deines:idea:

    -"darfst du das?" ja natürlich darfst du...

    - " was sagt es aus über dich?" nicht sagt es über dich aus, es ist dein leben, nicht das der anderen...

    -"was andere über dich denken?" kann dir egal sein, sie stecken nicht in deinem leben und dem erlebten...

    -"herzlos" drehen wir es mal um, wie kann man als elternteil so herzlos sein und seinem kind das antun...

    es gibt nichts was dich nach dem erlebten dazu verpflichtet kontakt zu halten mit deiner mutter, egal wie rum du es auch drehst. du bist verpflichtet für dich selbst zu sorgen und das es dir gut geht. lass dich nicht beirren was das angeht.

    gruss

    Perfer et obdura, dolor hic tibi proderit olim.

    ("Ertrage und halte durch, dieser Schmerz wird dir einst nützen")

    (Trocken seit 26.03.2009)

  • -"herzlos" drehen wir es mal um, wie kann man als elternteil so herzlos sein und seinem kind das antun...

    es gibt nichts was dich nach dem erlebten dazu verpflichtet kontakt zu halten mit deiner mutter, egal wie rum du es auch drehst. du bist verpflichtet für dich selbst zu sorgen und das es dir gut geht. lass dich nicht beirren was das angeht.

    gruss

    Hallo _Eternal_

    Danke Dir! Die Tage nehmen zu, an denen ich das neu entdeckte Wissen im Herzen tragen.

    Ein drohender Tod stellt alles irrational in Frage.

    Dann sehe ich dort den Menschen, der selbst von den eigenen Eltern zu dem gemacht wurde, der sie heute ist. Dann sehe ich überwiegend die "gute Mutter", die sich sehr für die eigenen Kinder eingesetzt hat und mich auch viele gute Dinge mit auf den Weg gegeben hat.

    Es ist so schräg, diese beiden Ansichten übereinander zu bekommen. Als stille Alkoholikerin kenne ich die meisten in den Foren beschriebenen Herausforderungen in der Kindheit nicht so sichtbar. Sie war offensichtlich eine Meisterin im Vertuschen.

    Erst, nachdem ich mit Anfang zwanzig ausgezogen bin, wurde es immer komischer und zuletzt unbegreiflich. Das Negieren meiner übrigen Familie erschwert es mir, so klar bei der einen Sicht zu bleiben.
    innerhalb von knapp 3 Jahren habe ich meine vollständige Idee über meine Familie verloren---- alles eine Lüge`?

  • ich persönlich glaube, dass wir alle eine gewisse vorstellung haben wie familie funktioniert und selbst da klaffen die vorstellungen von "wäre" wenn zur gelebten realität auseinander. du sagst es ja selber, nachdem du ausgezogen bist und auf eigenen beinen gestanden hast, waren diese erlebnisse(kindheit) und dein jetziges leben unvereinbar. zumindest sorgen sie für mehr fragen als es antworten gibt. das schlimme am EKA ist dass das erlebte nicht gleich triggert sondern erst in späteren lebensphasen ganz offen zu tage tritt. ich beschreib es immer gern wie eine datei die im kopf abgelegt wird und solang man sie nicht abruft sie auch nur vor sich hin schlummert. gibt es aber einen trigger der sie abruft, katapultiert sie dich sie dich sofort in die vergangenheit mit allem was dazu gehört, schuldgefühle, wut, hilflosigkeit... sowas lässt sich nicht so einfach wegwischen.

    was deine familie angeht kann ich nicht viel sagen(kenne sie ja nicht), aber ich glaube sie wollten den anschein wahren und sind unweigerlich in die co schiene gerutscht. ob nun bewusst oder unbewusst? ich glaube aber kaum das sie es böse gemeint haben, vielleicht wollten sie sie nur schützen... das sind aber nur vermutungen.

    gruss

    Perfer et obdura, dolor hic tibi proderit olim.

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    (Trocken seit 26.03.2009)

  • Lieber Kompass, dein Name ist Programm. Sei dir selbst dein bester Kompass u trau dir u deinen Gefühlen, auch den Gefühlen die sich sehr ungut anfühlen. Ich denke du fühlst u schätzt das alles richtig ein. Und nur weil deine Angehörigen das nicht so sehen, bist du deshalb nicht falsch, auch wenn es sich womöglich desöfteren so anfühlt.
    Ich bin eine Co.
    Mein Bruder, zu dem ich wegen seines Alkoholkonsums ein sehr distanziertes Verhältnis hatte, verstarb 2020 kurz vor seinem 60. Geburtstag an den Folgen seines jahrelangen Alkoholkonsums. Ich wollte ihn in dieser seiner letzten Lebensphase auch nicht mehr sehen u ihm beim Sterben zu schauen.
    Er lag im künstlichen Koma. Als dann beinahe eine Woche rum war, ich hatte eigentlich jeden Moment damit gerechnet, dass die Todesnachricht eintrifft. Es wurde dann Sonntag, da wusste ich u hatte ein Drängen in mir, zu ihm zu fahren. Es gab da plötzlich in mir kein Halten mehr. Mein Mann hat mich hingefahren, es waren etwas mehr als 300km.
    Einen Tag später wurden die Geräte abgeschaltet u er verstarb, wie er es in seiner PatVerfügung verfügt hatte.
    Heute bin ich froh, nochmal bei ihm gewesen zu sein.

    Kurz: Trau dir, deiner Wahrnehmung u deinen Impulsen.

    Ich wünsche dir von ganzem u sehr berührtem Herzen, dass du dich gut für dich einsetzt u die nötige Kraft findest, deinen Weg, ungeachtet der anderslautenden Stimmen, zu gehen.

    LG Simsalabim 🧙‍♀️🧹

  • Hallo Simsalabim ,

    danke für den Einblick, wie es für Dich verlaufen ist und es ist gut zu hören, dass Du für Dich diesen guten Abschluss finden konntest.

    So einen inneren Impuls hatte ich vor ca. 8 Wochen, wo ich einen ca. 30 Minütigen Besuch bei meiner Mutter hatte. War ich vorher noch sehr wütend, war nach dem Besuch viel Frieden in meinem Herzen - sie kann mir "nichts mehr anhaben". Seit 2 Jahren verabschiede ich mich so, als wenn es das letzte Mal wäre, denn sie hat sehr viele Organ- und Hirnschäden. Der Tod wäre eine Erlösung.

    Ich hatte totales Mitgefühl mit ihr, denn sie saß dort, nahezu bewegungsunfähig in ihrem Sessel. Es ist Wahnsinn, was ihr Körper alles aushält. Sie wollte nie in eine solche Situation kommen und nun ist sie gefangen in diesem Körper und durch das Korsakow weder noch "da" und im Verhalten wirklich schwer einzuschätzen.

    Sie fragt auch nicht nach mir - was ich jedoch tröstlich finde. Ich glaube nicht, dass sie das, was sie uns Kindern am Ende angetan hat, wirklich wollte. Das macht es mir am Ende nur nicht einfacher.

    So wie ich den Impuls vor 8 Wochen hatte zu ihr zu fahren, so war und bin ich mir zu 97% sicher, dass sie nicht mehr in diesem Zustand sehen möchte. Den Leichnam meines Vaters habe ich noch besucht - das hat mir geholfen, da er über Nacht plötzlich verstorben ist. Ich weiß nicht mal, ob ich sie nochmal so wiedersehen möchte. Es zerreißt mich innerlich.

    Sie hat mich in den letzten Jahren nach dem Tod psychisch so unter Druck gesetzt und alles aus mir heraus geholt. Mit Selbstmord gedroht und das sogar den Ärzten gegenüber zugegeben, dass sie mich "gefügig" machen wollte.

    Dabei wohne ich zwei Stunden von ihr entfernt. Sie wollte auch in meinen Ort ziehen - da habe ich geistesgegenwärtig "Nein" gesagt. Sie hat vier enge Freundinnen, die sie regelmäßig besuchen und begleiten. Das ist mein Glück, denn so ist sie nicht "allein". Mein Bruder besucht sie ebenfalls - nur, während ich die harten Entscheidungen treffen musste, konnte er einfach Zeit mit ihr verbringen. Ein Zustand, den ich mir gewünscht habe - nur, bei jedem Besuch habe ich nur Aufträge erhalten und sollte alles mögliche für sie tun. Ich habe ihr gesagt, ich sei kein Double von meinem Vater - da sagte sie: Doch!

    Ich regle seitdem alles aus der Ferne. So habe ich nach meinem letzten Besuch die Weichen für eine palliative Versorgung gestellt. Zum Glück, denn nun hat sie es gebraucht. Nun wird sie palliativ versorgt und hat keine Schmerzen. Kein Rein/Raus aus dem Krankenhaus, oder einen Tod in einer fremden Umgebung habe ich ihr so erspart.

    Ich glaube, weiter kann ich nicht mehr gehen. Ich entdecke gerade erst, dass ich Grenzen habe - wenn ich sie überschreite, verletze ich mich wieder selbst.

  • In deinem letzten Satz steckt sehr viel drin. :thumbup:

    Nein, du mußt nicht weiter gehen oder mehr geben oder mehr machen. Aus der Ferne regeln ist gut. Delegieren ist gut.

    Und immer wieder schauen, wonach dir ist, ob du den Abstand verlängern oder die Dauer bzw. die Häufigkeit der Besuche verändern möchtest.

    You can't wait until life isn't hard anymore before you decide to be happy.

    - Nightbirde

  • Ich regle seitdem alles aus der Ferne. So habe ich nach meinem letzten Besuch die Weichen für eine palliative Versorgung gestellt. Zum Glück, denn nun hat sie es gebraucht. Nun wird sie palliativ versorgt und hat keine Schmerzen. Kein Rein/Raus aus dem Krankenhaus, oder einen Tod in einer fremden Umgebung habe ich ihr so erspart.

    Ich glaube, weiter kann ich nicht mehr gehen. Ich entdecke gerade erst, dass ich Grenzen habe - wenn ich sie überschreite, verletze ich mich wieder selbst.

    Ich finde du machst es spitze! Du hast alles organisiert und zeigst damit das du nur das Beste für wolltest!
    Würde es mein Vater auch nicht mehr geben würde ich es genau gleich machen!

    Wie alt ist deine Mutter wenn ich fragen darf?

  • Hallo Sonne_xx,

    danke Dir für den klaren Zuspruch. In den vergangenen Tagen habe ich damit so stark gehadert, weil "man doch" der eigenen Mutter, einem sterbenden Menschen, Beistand leisten sollte. Mir zu erlauben, nicht den "üblichen", sondern den für mich passenden Weg zu wählen, fühlt sich trotzdem vollkommen verboten an. Zumal ich ihr einmal zugesagt hatte, dass sie ich nach Möglichkeit beim Sterben begleiten werde. Ich breche also mein eigenes Wort mir selbst gegenüber. Dazu kamen ganz irrationale überwältigende Gefühle von Angst und Panik auf.... und doch, irgendwo ist eine Ruhe die sagt: fahr nicht.

    Meine Mutter ist 75 Jahre alt und lebt seit Ende 2024 im Pflegeheim. Dort bereits schon mit Pflegestufe 3, war aber absolut der Meinung alleine leben zu können - was auch das Heimpersonal ihr immer wieder bestätigen würde. Nun hat sie bereits PS 4.

    Begonnen hat nicht mehr versteckbare körperliche Abbau ca. Ende 2019 - Anfang 2020. Allerdings wurde mir nach dem Tod meines Vaters erst das Ausmaß der "Vertuschung" bewusst. Ich glaube auch, dass die Überforderung mit der Situation ihn aus dem Leben gekegelt hat - das kann ich nicht beweisen, aber zwei Wochen vor seinem Tod habe ich eine Nachricht erhalten, dass er nicht mehr könne. Natürlich habe ich versucht ihn zu unterstützen, dass das aber schon fünf vor zwölf war, konnte ich nicht ahnen. Er hatte zuvor alle Hilfsangebote konsequent abgelehnt.

  • das schlimme am EKA ist dass das erlebte nicht gleich triggert sondern erst in späteren lebensphasen ganz offen zu tage tritt. ich beschreib es immer gern wie eine datei die im kopf abgelegt wird und solang man sie nicht abruft sie auch nur vor sich hin schlummert. gibt es aber einen trigger der sie abruft, katapultiert sie dich sie dich sofort in die vergangenheit mit allem was dazu gehört, schuldgefühle, wut, hilflosigkeit... sowas lässt sich nicht so einfach wegwischen.

    was deine familie angeht kann ich nicht viel sagen(kenne sie ja nicht), aber ich glaube sie wollten den anschein wahren und sind unweigerlich in die co schiene gerutscht. ob nun bewusst oder unbewusst? ich glaube aber kaum das sie es böse gemeint haben, vielleicht wollten sie sie nur schützen... das sind aber nur vermutungen.

    gruss

    Ja, mit böser Absicht hat das niemand gemacht, dass glaube ich von tiefsten Herzen.

    Was ich einfach noch nicht begreifen oder absehen kann, worauf kann ich mich denn nun in meiner Wahrnehmung verlassen?

    Was bin ich, was ist das Überlebensprogramm meiner Kindheit? Ich stelle immer mehr fest, dass meine Fassade sogar vor mir selbst so gut funktioniert (hat), dass ich mir selbst erst Stück für Stück auf die Schliche komme.

    Wie befreist Du Dich davon? Ist man damit eines Tages mal "fertig"?! oder trage ich diese "Macken" nun auch die restlichen Jahre meines Lebens mit mir herum?!

  • Hallo Sonne_xx,

    danke Dir für den klaren Zuspruch. In den vergangenen Tagen habe ich damit so stark gehadert, weil "man doch" der eigenen Mutter, einem sterbenden Menschen, Beistand leisten sollte. Mir zu erlauben, nicht den "üblichen", sondern den für mich passenden Weg zu wählen, fühlt sich trotzdem vollkommen verboten an. Zumal ich ihr einmal zugesagt hatte, dass sie ich nach Möglichkeit beim Sterben begleiten werde. Ich breche also mein eigenes Wort mir selbst gegenüber. Dazu kamen ganz irrationale überwältigende Gefühle von Angst und Panik auf.... und doch, irgendwo ist eine Ruhe die sagt: fahr nicht.

    Meine Mutter ist 75 Jahre alt und lebt seit Ende 2024 im Pflegeheim. Dort bereits schon mit Pflegestufe 3, war aber absolut der Meinung alleine leben zu können - was auch das Heimpersonal ihr immer wieder bestätigen würde. Nun hat sie bereits PS 4.

    Begonnen hat nicht mehr versteckbare körperliche Abbau ca. Ende 2019 - Anfang 2020. Allerdings wurde mir nach dem Tod meines Vaters erst das Ausmaß der "Vertuschung" bewusst. Ich glaube auch, dass die Überforderung mit der Situation ihn aus dem Leben gekegelt hat - das kann ich nicht beweisen, aber zwei Wochen vor seinem Tod habe ich eine Nachricht erhalten, dass er nicht mehr könne. Natürlich habe ich versucht ihn zu unterstützen, dass das aber schon fünf vor zwölf war, konnte ich nicht ahnen. Er hatte zuvor alle Hilfsangebote konsequent abgelehnt.

    Hallo Kompass,


    nach den Erläuterungen von dir schätze ich deine Mutter ähnlich wie meine Mutter ein. Ich könnte mir vorstellen das sie es garnicht mehr richtig rafft was du ihr mal versprochen hast und wie jetzt die Lage ist. Ich weis hört sich leichter an als getan, aber verrenn dich nicht in einem schlechten Gewissen. Du musst es so sehen sie ist sehr schwer krank und wenn es so weit ist ist es eine reine Erlösung für sie. Zu mir sagte mal ein Arzt ich muss meine Mutter wie zwei Menschen sehen, die eine Person ist meine Mutter als sie völlig gesund war und jetzt ist die zweite Person die Krankheit. So hart es klingt aber du musst für dein Kopf sehen dass „deine“ Mutter bereits „tot“ ist. Es ist im Prinzip nur die Krankheit noch da. Du musst dich an die schöne Sachen erinnern.

    Ich hoffe du verstehst mich richtig wie ich es meine.

  • hallo Kompass

    Was ich einfach noch nicht begreifen oder absehen kann, worauf kann ich mich denn nun in meiner Wahrnehmung verlassen?

    Was bin ich, was ist das Überlebensprogramm meiner Kindheit? Ich stelle immer mehr fest, dass meine Fassade sogar vor mir selbst so gut funktioniert (hat), dass ich mir selbst erst Stück für Stück auf die Schliche komme.

    Wie befreist Du Dich davon? Ist man damit eines Tages mal "fertig"?! oder trage ich diese "Macken" nun auch die restlichen Jahre meines Lebens mit mir herum?!

    zu deiner wahrnehmung, vertraue auf dein bauchgefühl. was tut dir gut und was nicht und vorallem setz dich nicht so unter druck. sie kann dir nichts mehr anhaben, du bist auch kein kind mehr und stehst mitten im leben.

    ich beschreib das mal aus meiner perspektive, also wie ich es früher wahrgenommen hab.meine mutter scheint deiner zu gleichen. dominantes auftreten und sie ist die einzige die die deutungshoheit hat, was richtig und was falsch ist. herzlichkeit gab es wenig und nur wohl dosiert, wie sie es brauchte halt. ich muss dazu sagen sie ist quartaltrinker und deswegen ist es mir als kind nicht recht bewusst gewesen was da eigentlich abläuft. ich habe funktioniert, habe verantwortung für meine geschwister übernommen (bin der älteste). hab aufgepasst das sie zur schule gehen was zu essen da war. sowas halt und es liess mir wenig zeit darüber nachzudenken das es eigentlich garnicht meine aufgabe war sondern ihre. die hausärztin meiner mutter war dort aber immer hinther, jedes mal wenn ich sie wieder völlig fertig zu ihr geschleift habe. als sahnehäupchen gabs dann immer noch die ausraster meist verbaler natur, aber auch das sie ab und an die ganze wohnung auseinander genommen hat. diese erinnerungen sitzen sehr sehr fest und wegbekommen tu ich sie nicht. auch die gewalt die ich erfahren hab von meinem vater wenn er meine mutter krankehhausreif geschlagen hat und ich versucht habe dazwischen zu gehen, sitzen nach wie vor fest. ja das hört sich alles sehr dramatisch an, war es auch für meine kindheit.

    wie hab ich es geschafft? nun da hat mir meine sucht ein stückweit geholfen:roll: ich weis, dass hört sich nach einem absoluten anachronismus an, ist es aber nicht, zumindest für mich. als erstes ich kann nichts von dem was passiert ist ändern, dass ist fakt. ich kann aber sehr wohl meine zukunft bestimmen. da ist die erste parallele zum alk:idea: zweitens, ich weiss das ich die welt nicht trockenlegen kann bloss weil ich ein trockenes leben führe. soll heissen ich bin nicht der einzige mit diesem problem. also geb ich dem ganzen so wenig raum wie möglich, gehe den triggern aus dem weg und betreibe risikominimierung. ich achte auf mich, was mir gut tut, sie(eltern) haben auch keinen einfluss mehr auf mein tun und handeln. ebenso muss ich keine verantwortung mehr für sie übernehmen. ich grenze das ganze rigeros ab und bin mir vollkommen bewusst, dass ich nichts dafür kann wie und wann etwas gelaufen ist in meiner kindheit. ich trage keine schuld daran und muss mich auch nicht rechtfertigen was das angeht. das hört sich recht einfach und strukturiert an, ist aber jahrelange arbeit an mir selbst. heute begene ich diesen gedanken wie auch dem alk mit akzeptanz und abstand. denn ich kann und will diesen kampf nicht führen, weil ich ihn verlieren würde und er mich unentlich energie kostet. also seh ich diese tatsache derweil wie einen alten unliebsamen bekannten, der an mir vorbeischleicht, ich ihn aber nichts mehr zu sagen habe und wir beide unserer wege gehen. ich kann dir nicht sagen ob meine gedanken die richtigen sind und was du davon für dich mit nimmst, oder ob ich es überhaupt getroffen hab...behalte deinen kurs bei;)

    gruss

    Perfer et obdura, dolor hic tibi proderit olim.

    ("Ertrage und halte durch, dieser Schmerz wird dir einst nützen")

    (Trocken seit 26.03.2009)

  • Ja, mit böser Absicht hat das niemand gemacht, dass glaube ich von tiefsten Herzen.

    Was ich einfach noch nicht begreifen oder absehen kann, worauf kann ich mich denn nun in meiner Wahrnehmung verlassen?

    Was bin ich, was ist das Überlebensprogramm meiner Kindheit? Ich stelle immer mehr fest, dass meine Fassade sogar vor mir selbst so gut funktioniert (hat), dass ich mir selbst erst Stück für Stück auf die Schliche komme.

    Wie befreist Du Dich davon? Ist man damit eines Tages mal "fertig"?! oder trage ich diese "Macken" nun auch die restlichen Jahre meines Lebens mit mir herum?!

    Hallo Kompass ,

    eben habe ich Deinen thread gelesen und ich bin sehr berührt. Ich bin kein EKA, ich bin hier weil ich Alkoholikerin bin, aber ich habe vor 30 Jahren den Kontakt zu meiner Familie abgebrochen, weil ich in einer völlig dysfunktionalen und gewalttätigen Familie aufgewachsen bin. Viele Deiner Fragen und Gefühle kann ich daher sehr gut nachvollziehen.

    Ich kenne auch die Phase der Orientierungslosigkeit und Irritation: was ist jetzt meins? Was ist angelernt? Was ist Überlebensprogramm? Mir hat sehr geholfen zu erkennen, dass alles, was ich mir als Überlebensstrategie angeeignet habe, erstmal hilfreich war und damit Anerkennung verdient.

    Auf meinem Weg durch das Chaos hat mir auch geholfen, all die Stimmen und Gefühle als Figuren auf einer Theaterbühne zu sehen... die alle ihre Berechtigung haben... nur manche sind jetzt nicht mehr so hilfreich oder funktional. Ich habe mithilfe einer Therapeutin und in Eigenarbeit meine verschiedenen "Anteile" aufgeschrieben und beschrieben und habe so einen Überblick bekommen und konnte dann immer Besser erkennen, wer will hier gerade was... Ich habe geübt, innerer Beobachter zu sein und achtsam und mitfühlend mit meinen Innenanteilen zu sein, habe geübt, mir zuzuhören und anzuerkennen, dass da zB gerade eine 4jährige ist, die die Mutter vermisst - und habe gelernt, diese 4jährige zu trösten und im Hier und Jetzt keinen Kontakt zur Mutter zu suchen, weil ich als Erwachsene das Ergebnis davon kenne.

    Ich glaube nicht, dass wir bis an unser Lebensende mit dem Chaos leben müssen, aber ich glaube, dass die Arbeit mit unserem Innenleben schon sehr lange dauern kann... auch wenn ich feststelle, dass es immer leichter und besser wird...

    Meine Mutter lebt noch. Bis jetzt denke ich, dass ich nicht hinfahren werde, sollte mal die Nachricht kommen, dass sie im Sterben liegt. Aber ich kann nicht ausschließen, dass mich ein Gefühl doch dazu drängen wird... und dann würde ich auf das Gefühl hören, insofern es ein echtes Gefühl ist und nicht eine Stimme die etwas von Verboten oder Geboten schwafelt. Da würde ich fein differenzieren wollen!

    Ich wünsche Dir ganz viel Kraft, Mut und vor allem Klarheit. Vertraue Dir selbst und Deiner Wahrnehmung für Deine Gefühle, dann wirst Du Deinen Weg bestimmt finden.

    Liebe Grüße
    Morgaine

    per aspera ad astra (nach Seneca) - durch das Dunkel zu den Sternen

  • Hallo Kompass,


    nach den Erläuterungen von dir schätze ich deine Mutter ähnlich wie meine Mutter ein. Ich könnte mir vorstellen das sie es garnicht mehr richtig rafft was du ihr mal versprochen hast und wie jetzt die Lage ist. Ich weis hört sich leichter an als getan, aber verrenn dich nicht in einem schlechten Gewissen. Du musst es so sehen sie ist sehr schwer krank und wenn es so weit ist ist es eine reine Erlösung für sie. Zu mir sagte mal ein Arzt ich muss meine Mutter wie zwei Menschen sehen, die eine Person ist meine Mutter als sie völlig gesund war und jetzt ist die zweite Person die Krankheit. So hart es klingt aber du musst für dein Kopf sehen dass „deine“ Mutter bereits „tot“ ist. Es ist im Prinzip nur die Krankheit noch da. Du musst dich an die schöne Sachen erinnern.

    Ich hoffe du verstehst mich richtig wie ich es meine.

    Doch, ich denke, ich verstehe Dich richtig. Es ist vermutlich so simpel und hart in einem :(

    Es ging in den letzten 2,75 Jahren alles so schnell. Mein Kopf versteht das, der Rest kommt noch nicht so recht mit.

    Lebt Deine Mutter noch?

  • Hallo Morgaine,

    danke, Deine Worte machen mir Mut, dass es einen Weg gibt, dem Ganzen einen Platz zu geben, ohne dass es mein Leben noch so bestimmen muss, wie es heute noch der Fall ist. Ich freue mich, dass Du für Dich hier auf einem guten Weg bist!

    Wie hast Du diesen Weg gefunden? Hast Du Dich unterstützen lassen? und wenn ja, wie?

  • hallo Kompass

    zu deiner wahrnehmung, vertraue auf dein bauchgefühl. was tut dir gut und was nicht und vorallem setz dich nicht so unter druck. sie kann dir nichts mehr anhaben, du bist auch kein kind mehr und stehst mitten im leben.

    (---)

    Moin Eternal,

    wow, danke für Deine persönliche Geschichte und die darin enthaltene radikale Ehrlichkeit. Meinen aufrichtigen Respekt, dass Du Dir Deinen Weg so erkämpft hast!

    Darf ich dich fragen: Findest Du eine Balance in der Abgrenzung auf der einen und dem verbundenen Kontakt zu anderen außerhalb der Familie?

    Nun begleitet mich die Notwendigkeit mich zum Selbstschutz abzugrenzen erst sei eher kurzer Zeit (2,75 bis 1 Jahr). Ich merke dadurch eine abnehmende Toleranz auch in anderen Beziehungen war - oder, anders formuliert: ich bemerke erstmalig, wie oft meine Grenzen überschritten werden und ich es wegtoleriere (was nicht bedeutet, dass ich alles mit mir machen lasse, das Problem hatte ich nie).

    Ich habe den Eindruck, im Moment drücke ich jeden von mir weg, der auch nur dein Eindruck erweckt, etwas von mir zu erwarten. ...

    Verstehst Du, was ich meine?

  • Hallo Morgaine,

    danke, Deine Worte machen mir Mut, dass es einen Weg gibt, dem Ganzen einen Platz zu geben, ohne dass es mein Leben noch so bestimmen muss, wie es heute noch der Fall ist. Ich freue mich, dass Du für Dich hier auf einem guten Weg bist!

    Wie hast Du diesen Weg gefunden? Hast Du Dich unterstützen lassen? und wenn ja, wie?

    Hallo Kompass,

    mein Weg lief über die Psychoanalyse und die tiefenpsychologische Gesprächstherapie zur Traumatherapie mit Anteilearbeit. (Ego-State-Therapie). Ich habe mir schließlich vor einigen Jahren Literatur und Podcasts zu dem Thema Innere Anteile besorgt und habe mir viel durch die im Internet kostenlos zur Verfügung stehenden Podcasts von Verena König (Traumatherapeutin und Autorin) angeeignet. Im Rückblick würde ich sagen, dass ich aus allen Therapien, die ich im Laufe der Jahre gemacht habe, etwas gelernt habe, aber stünde ich heute nochmal vor der Entscheidung, würde ich gleich eine Traumatherapie mit Anteilearbeit machen. Das hat mir am meisten geholfen mich zu sortieren, ein kohärentes Ichgefühl zu bekommen und zu spüren, was ich brauche und wo ich hin will...

    Aber letztlich ist das ja bei jedem anders und wenn ich darüber nachdenke, wie ich meinen Weg gefunden habe, dann kann ich eigentlich nur sagen, dass es eine Mischung aus Bauchgefühl und äußere Notwendigkeiten waren... (Stichwort: welche Therapie wird von der Kasse bezahlt, welche nicht...)

    Lass Dich auf keinen Fall entmutigen! Du kannst spüren, was für Dich passend und hilfreich ist, vielleicht braucht es manchmal nur ein wenig Zeit und Recherchearbeit... in meinem Menschenbild haben wir alle auch etwas Unversehrtes in uns, einen Wesenskern, wenn Du so willst, und der trägt auch ganz viel Weisheit in sich... wenn ich in ruhigen Momenten in mich spüre, dann kann ich diese meine eigene Weisheit anzapfen und dann weiß ich in der Regel, wie es weiter gehen kann...

    Liebe Grüße
    Morgaine

    per aspera ad astra (nach Seneca) - durch das Dunkel zu den Sternen

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