Liebe Pamela,
wenn du deinen Mann wirklich los werden willst, wird es ziemlich sicher nicht auf die sanfte Tour gehen. Es wird wohl auch nicht ohne gravierende Einschnitte gehen, aber manchmal sind es eher unsere eigenen Gedanken, die uns glauben lassen, dass es keinen Ausweg gibt.
Mit meinem Mann war es nicht so lange so schlimm wie mit deinem..."nur" 1,5 Jahre. Das war aber für mich kaum zu ertragen. Ich habe mich gedanklich so oft im Kreis gedreht, weil ich keinen Ausweg sehen konnte. Soll ich dir was sagen? Manches ging im Rückblick gesehen ziemlich rasch. Ich bin ja noch gar nicht durch. Für mich war auch die Arbeit ein großes Thema. Ich war ja mit meiner Firma mit ihm gemeinsam in quasi gemeinsamen Firmenräumlichkeiten. Hätte ich nicht so lang gezaudert, hätte sich mein Auszug aus den gemeinsamen Firmenräumlichkeiten noch viel schneller vollziehen können. Jetzt hab ich es besser als vorher und meine Firma läuft weiter. Ein paar finanzielle Einbußen hatte ich, aber nur, weil ich mir eine psychische Pause gönnen musste.
Es wird bestimmt auch einen Weg geben deinen Mann zum Auszug zu bewegen. Warst du schon mal beim Anwalt und hast dich beraten lassen, welche Möglichkeiten es da geben könnte? Es gibt auch kostenlose Rechtshotlines. Ich habe mich sowohl bei einer solchen als auch von meinem Anwalt beraten lassen. Er nimmt mir immer wieder Ängste und stärkt mich.
Zu Aggressionen gehört nicht nur Geschlagenwerden!!! Anschreien, Beschimpfen, Demütigen, Erpressen...gilt als verbale Gewalt. Das ist ebenso strafbar wie körperliche Gewalt. Verbale Gewalt ist nur leider schwerer nachweisbar, weil man keine sichtbaren Blessuren davonträgt.
Es hat bei uns zum Glück nur wenige Abende gegeben, in denen unsere Kinder ihren Papa richtig betrunken erlebt haben. Diese gab es "nur" in der ersten Jahreshälfte diesen Jahres. In solchen Momenten hat er mich beschimpft und auch mal angeschrien. Er hat auch Schimpfwörter verwendet. Leider neben unseren Kindern. Ich fand das schrecklich für sie, obwohl es sich nur um einzelne Momente gehandelt hat, was das aber keinesfalls beschönigt. Einmal ist er ziemlich ausgerastet und hat mich gefühlt minutenlang angeschrien. Unser Sohn (10) war daneben. Ich habe meinen Mann gebeten aufzuhören und auf unseren Sohn verwiesen. Das hat ihn nicht interessiert, also habe ich die Polizei gerufen. Ich bin nicht stolz darauf, dass es so weit gekommen ist. Aber ich bereue es nicht. Ich bereue es höchstens nicht schon früher härter gehandelt zu haben. Kinder leiden unbeschreiblich unter solchen Szenen. Sie leiden auch wahnsinnig unter der Trennung der Eltern. Aber sie halten vieles für normal, weil sie es gar nicht anders kennen. Du hast schon öfters geschrieben, dass dein Mann seit 30 Jahren trinkt. Deine Tochter kennt ihn nicht anders. Kinder glauben uns alles. Wir erklären ihnen, wenn sie klein sind, dass das ein Tisch und das Bett und das der Ofen ist. Sie glauben uns. Sie zweifeln nicht an uns. Sie "wissen" auch nicht, dass es in anderen Familien anders ist als zu Hause. Deine Tochter hält aus, was du aushältst. Denn das hat sie 26 Jahre beobachtet. Später einmal, wenn sie Mutter ist, wird sie möglicherweise ihren Kindern vorleben, was ihr als Kind vorgelebt wäre.
Ich kann dich trotz allem gut verstehen, dass dir dein Mann auch leid tut. Ja, er hat eine Krankheit und er hat bestimmt eine Geschichte, wie es zu dieser Krankheit kam. Niemand wird absichtlich krank. Gerade in den letzten Tagen spüre ich wieder viel Mitleid mit meinem Mann - ja Mitleid, ich weiß - ist nicht gut. Ich sehe in ihm den kleinen, traurigen Jungen, der er war, der so sehr die Liebe seiner Eltern gebraucht hätte, aber nicht bekommen hat. Er war so einsam. Er kann nichts für seine Kindheit, wohl aber für seine Gegenwart und Zukunft. Mein Mann und ich waren viele Jahre sehr glücklich. Er war mein absoluter Traummann, meine große Liebe, mein Fels in der Brandung. Mein Liebe und mein Ja-Sagen von der Hochzeit hätte für ein ganzes Leben gereicht. Er wäre mir nicht zu langweilig geworden, mir gefällt an ihm nach wie vor dasselbe, das mir schon immer gefallen hat. Mir tut es leid, dass er sich selbst so im Weg steht, weil ich weiß, dass er es gerne anders hätte, er aber aus seiner Haut wie es aussieht nicht herauskann. Er beschert aber gerade unseren Kindern eine beschissene Kindheit. Das liegt in seiner Verantwortung. Die muss er selber tragen, auch wenn er sie nicht nimmt. Mitleid hat noch niemanden in seine Kraft gebracht, auch nicht meinen Mann und deinen genauso nicht. Ich weiß nicht, ob es für unsere Männer noch Hoffnung gibt. Es sieht aber sicher schlecht für sie aus, wenn wir sie nicht zur vollen Verantwortung für ihre Taten ziehen.
Als es vor 1,5-2 Jahren mit meinem Mann so schwierig wurde, war mein Plan erst auch, ich mache was für mich, nur weil es ihm schlecht geht, muss es mir deswegen nicht schlecht gehen. Ich habe alles Mögliche versucht, damit ich glücklich bin. Habe vieles gemacht, das mir gut getan hat. Ich habs auch tatsächlich geschafft mich immer wieder unabhängig von ihm glücklich zu fühlen und "mein" Leben zu leben. Alles, was ich gemacht habe, war für mich wichtig um den Kopf über Wasser zu halten und um meinen Kindern eine gute Mama zu sein. Gelöst habe ich mich dadurch von ihm aber nur mäßig...da hab ich mir wohl selbst etwas vorgemacht. Nun getrennt zu sein, ist noch mal eine gaaaaanz andere Hausnummer!
Wenn du wirklich etwas machen willst, das dein Leben verändert, wird es in ein paar Wochen nicht einfach sein als jetzt gleich. Der erste Schritt ist der schwerste und ich kann dir sagen, es ist sauschwer und sehr schmerzhaft.
Meine Oma ist mit meinem Opa noch immer zusammen, sie sind beide über 90. Er ist in etwa so, wie du deinen Mann beschreibst. Meine Oma ist immer geblieben, obwohl sie später viel Hilfe von ihren erwachsenen Kindern gehabt hätte. Sie ist inzwischen schwer herzkrank. Meine Mama hat mir erst kürzlich gesagt, sie wäre so froh gewesen, wenn sich ihre Mutter getrennt hätte...auch noch als sie bereits erwachsen war. Kinder sorgen sich immer irgendwie um die Eltern.
Warte nicht darauf, dass sich dein Mann verändert oder irgendwas kapiert. Das hat er in den letzten 30 Jahren nicht geschafft. Glaube auch nicht, nur weil du jetzt an dir einiges verändert hast, dass das ihn zur Heilung bringt. Dafür hast du noch viel zu wenig geändert. Du hast noch nichts geändert, das dir richtig weh tun würde. Das berührt ihn nicht. Dein Einsatz ist zu gering. Es braucht mindestens ein "All in"!
LG, Saphira