Vertrauen und Mut / Thalia

Willkommen in unserem Forum : Bitte stellt euch zuerst bitte kurz im Vorstellungsbereich vor, damit wir sehen können, wer sich unter Onlineselbsthilfegruppe anschließen möchte. Unsere Onlineselbsthilfegruppe ist weiterhin in zwei Bereiche unterteilt. Einmal der offene Bereich und einmal der geschützter Bereich. Nach der Vorstellung könnt ihr dann für die offenen Bereiche freigeschaltet werden. Die geschützten Bereiche sind für Mitglieder gedacht, die sich hier langfristig und intensiv mit ihrem Leben auseinandersetzen möchten. Um aufgenommen zu werden, solltest du dich zuerst Vorstellen und später hier dich bewerben und um Aufnahme bitten. Der Austausch lebt von der Ernsthaftigkeit und der Aktivität mit der die User ihr jeweiliges Problem angehen . Deshalb haben wir dieses Verfahren gewählt, wir werden dann im Team entscheiden. Wir wünschen euch einen guten und hilfreichen Austausch bei und mit uns.
  • Bevor ich aufgehört habe mit Trinken, dachte ich, ich kann ohne Alkohol nicht leben. Aber der Hauptgrund, warum mein Leben inzwischen so "unlebbar" für mich war, war der Alkohol. Dass sich da der Hund in den Schwanz beißt, erkannte mein weinumnebeltes Hirn nicht. Das konnte ich erst erkennen, als ich bereits einige Zeit trocken war.


    Das bedeutet, das Trockenwerden hat ganz viel mit Vertrauen zu tun, und Mut. Vielleicht wie das Aussteigen aus einem fliegenden Flugzeug. Ich weiß, dass ich einen Fallschirm auf den Rücken geschnallt habe, aber alles in mir wehrt sich gegen diesen einen Schritt ins Leere. Angst entsteht, Panik. Der normale, gesunde menschliche Instinkt sagt mir: Du kannst nicht fliegen. Und genauso normal und "gesund" fühlte es sich an, wenn mein Hirn mir sagte, Du kannst nicht ohne Alkohol leben. Angst entsteht, Panik.


    Vertrauen und Mut.


    Ich bin den Schritt ins Leere vor etwa 20 Monaten gegangen. Inzwischen habe ich festgestellt, dass das Flugzeug gar nicht flog. Ich war die ganze Zeit auf sicherem Boden, nur konnte das mein weinumnebeltes Hirn nicht mehr erkennen.


    So gehe ich auch heute mit Gedanken ans Trinken um, wenn sie denn mal kommen. Ich weiß, ich bin auf sicherem Boden, und ich habe akzeptiert, dass mein Hirn mir immer mal wieder zwischendurch etwas anderes weiszumachen versuchen wird. Das Suchtgedächtnis wird mir bleiben. Indem ich das akzeptiere, gebe ich ihm keine Macht mehr über mich.


    Ich merke, dass ich mit jedem Tag, jeder Woche, dem Monat, jedem Jahr ohne Alkohol klare werde in mir, neue Möglichkeiten habe, mich selbst kennenzulernen und mein Leben aktiv zu gestalten. Das ist wohl das größte Geschenk, das ich mir in meinem Leben bisher gemacht habe.


    Vor einem Jahr bin ich auf dieses Forum gestoßen, das für mich seither eine ganz reale Selbsthilfegruppe geworden ist. Hier lerne ich - wenn ich will - jeden Tag etwas über mich und über meine Sucht. In den vergangenen zwölf Monaten hat sich viel in meinem Inneren verändert, und dadurch konnte ich auch viel in meinem äußeren Leben verändern, so dass beides jetzt besser zueinander passt.


    Ich bin schon gespannt, wie das Leben für mich in den nächsten zwölf Monaten weitergeht. Und freue mich sehr darüber, dass ich das aktiv mitgestalten kann.


    Thalia
    (hauptsächlich im erweiterten Bereich aktiv)

  • Heute schrieb ich einer Freundin, Silvester ist für mich gar nicht so eine "Zäsur", hat nicht so eine besondere Bedeutung als Punkt, von dem ich zurück oder nach vorne schaue, Fazit ziehe oder Vorsätze fasse. Das mache ich mittlerweile immer wieder an "ganz normalen" Tagen, dass ich mich in meinem Leben umschaue und gucke, was da ist, und durchaus auch im Gegensatz dazu, was da mal war, und dann auch, was ich mir noch wünsche.
    Aber da ich jetzt hier einige Stunden Zeit habe einfach nur mit mir allein, nehme ich die Gelegenheit nun doch wahr und freue mich darüber, welche Richtung mein Leben seit meinem Abschied vom Alkohol vor etwas über zwei Jahren eingeschlagen hat.


    Als ich noch trank, fühlte ich mich in meinem Leben gefangen. Sah keinen Ausweg. Fühlte mich schuldig, dass ich so fühlte, trank, weil ich so fühlte, und fühlte mich schuldig, weil ich trank, und trank, weil ich mich schuldig fühlte, und mehr und mehr höhlte ich innerlich aus und wurde leer. Ich war nur noch bröckelnde, einstürzende Fassade und dahinter ein Gemisch aus alkoholgetränkten Pseudogefühlen, Scham, Angst, wütende Verzweiflung, verzweifelte Wut, taube Gleichgültigkeit, von denen ich wohl glaubte, dass sie mich ausmachten, aber das war nur mein alkoholisches Ich, das die Leere in mir eingenommen hatte und sich für mich ausgab.


    Als ich aufhörte zu trinken, trocknete mein alkoholisches Ich langsam aus. Und machte Platz für anderes. Auch erstmal für die Leere, die es hinterließ, während es schrumpfte. In die Leere konnte - und Jann - ich dann hineinwachsen. Und kann mir eine neue Außenhaut aufbauen; manche Steine der alten Fassadenruine taugen noch, andere nicht. Mein Haus - mein Ich ist jetzt ein anderes als vorher. Und mein alkoholisches Ich ist jetzt und für immer in mir wie eine kleine schrumpelige Rosine, und all solche Teil von mir.


    Ich kann gut damit leben. Dass es in mir ist, für immer, bedeutet, dass ich immer achtsam sein darf. Und das bedeutet für mich auch, dass ich mein Leben selbst gestalte.


    Ich freue mich auf das kommende Jahr. Ich habe ein paar Wünsche, und ich bin gespannt, ob ich mich entscheiden werde, Energie in die Umsetzung zu stecken. Ich lass das mal auf mich zukommen.


    Allen, die hier vorbeischauen, ein glückliches Neues Jahr!


    Thalia

  • Als ich noch heimlich trank, und jemand mich fragte, ob ich getrunken hätte, log ich in der Regel. Für mich bedeutete dieses "Nein" noch viel mehr als nur die Antwort auf die Frage, ob ich getrunken hätte; ich antwortete gleichzeitig auf die Frage, "bist du ein erbärmlicher, willensschwacher, schlechter Mensch, der es nicht wert ist, geliebt zu werden?" - und das Nein fühlte sich auch auf diese Frage wie eine Lüge an. Denn nicht nur hatte ich getrunken, ich war auch ein wertloser Mensch. So war das bei mir im Hirn verknüpft. Das ist Teil meiner Krankheit, das weiß ich jetzt. Und es ist so perfide, weil der Weg zur Genesung damit beginnt, den letzten Rest dieser falschen Selbstachtung über Bord zu schmeißen, die sich darauf gründet, andere und sich selbst über das Trinken zu belügen.
    Das ist, glaube ich, für mich persönlich das, was ich unter dem Tiefpunkt verstehe. Loslassen, woran ich mich noch klammere. Trotz der wahnsinnig großen Angst, die damit verbunden ist.

  • glück auf thalia


    ja, "lügen-kaufen-saufen" <in jeder möglichen reihenfolge stehn in ursächlichem zusammenhang - und das erkennen, dass ich mich selbst am meisten belogen hab (obwohl ich mich immer für n besonders ehrlichen kerl gehalten hab) war schmerzhaft.


    schöne zeit

    :D
    matthias

    trocken seit 25.4.1987 - glücklich liiert - 7 Kinder - 17 Enkel

  • glück auf träumer


    Zitat von luzider Träumer

    Nächstes Jahr um diese Zeit werde ich hier auch schreiben dürfen. :)

    das wünsch ich dir.
    das is genau die richtige einstellung.


    schöne zeit

    :D
    matthias

    trocken seit 25.4.1987 - glücklich liiert - 7 Kinder - 17 Enkel

  • Ich bin jetzt seit etwa zwei Jahren hier im Forum, und seit mehr als zweieinhalb Jahren trocken. Es kommt mir viel länger vor. Es hat sich so viel bewegt in dieser Zeit, in mir und in meinem Leben, innen und außen. Zwei erstaunliche Sachen sind mir dabei aufgefallen (na gut, mehr, aber diese zwei will ich benennen): es bewegt sich, auch wenn sich vermeintlich nichts bewegt. Und: es ist ganz leicht.


    Mit dem Trinken aufzuhören war lange nicht leicht, sonst hätte ich nicht getrunken, als und so lange wie ich es tat. Ich weiß nicht, warum ich aufhören konnte im November 2013. Wenn mich jemand fragt, was am Anfang wichtig war, würde ich wohl sagen: Ansammeln abstinenter Zeit. Das war wichtig und ermöglichte alles weitere. Erst einmal Abstand herstellen zum Alkohol. Ich hatte es gut, da ich von Anfang an mein Zuhause alkoholfrei gestalten konnte. Ich musste keine Diskussionen führen und lief auch nicht Gefahr, faule Kompromisse einzugehen. Ich erinnere mich an eine der ersten Abendeinladungen, die ich Freunden gegenüber aussprach, als ich einige Monate trocken war. Ich hatte mich nicht als alkoholkrank geoutet gegenüber diesen Freunden. Aber es gab natürlich, anders als sonst bei mir, keinen Wein zum Essen. "Wirklich gar nichts Alkoholisches?" fragte die Freundin. "Nein." sagte ich.


    Ich vermute, und meine Erfahrung mit mir selbst zeigt mir, dass ich nicht trocken geblieben wäre ohne ein alkoholfreies Zuhause. Als ich dann auf dies Forum stieß, bestätigten die Grundbausteine meine eigenen Erfahrungen.


    Leicht ist es, weil ich eben nicht "das Leben beim Schopfe packen und in (m)eine bestimmte Richtung zwingen muss". Sondern anhand einiger grundlegender Entscheidungen zulassen, dass sich danach die Weichen stellen. Das Ziel ist Glück. Und in weiten Teilen habe ich es schon erreicht, denn ich empfinde es ja schon. Das befreit und ermöglicht mir mitunter, aus anderer Motivation heraus zu handeln. Daraus entsteht Gelassenheit und Freude am Alltag. Freude auch, mein Kind wachsen und lernen und sein zu sehen. Es geht nicht mehr darum (ging es in Wirklichkeit nie), etwas zu erreichen. Ich bin immer schon da. Ich kann es jetzt manchmal spüren, und so fühlt sich für mich auch Glück an.


    Zum Forum kann ich noch sagen, dass ich mir hier selbst die Chance gegeben habe, mich mir selbst anzunähern. Das war (und ist) spannend und herausfordernd und lohnend und nur möglich, weil ich mich nicht mehr betäube, und weil ich mich darauf einlasse, mich durch mein Schreiben mir selbst zu zeigen (dass ihr anderen da "draußen" seid, ist ja lediglich eine Vorstellung.)


    Es hat mir ungemein geholfen, mich auch anderen zu zeigen, denn in dem Maße, wie ich lernte, den Blick auf mich selbst zu richten und dabei nicht die Augen zuzukneifen, konnte ich auch vorsichtig, Stückchen für Stückchen, den Blick anderer zulassen. Inzwischen auch in einer "RL"-Selbsthilfegruppe, aber eben auch und vor allem in einzelnen Kontakten zu Menschen, in denen ich mir Mühe gebe, auch tatsächlich in Kontakt zu treten, statt wie früher die Nebelmaschinen anzuschmeißen.


    Das Forum hat mir hierfür die Plattform, den Übungsraum geboten, und das ist das, was ich für mich bis jetzt daraus gemacht habe. Ich glaube, das Forum kann für jeden so gut oder so hilfreich sein, wie er oder sie es selbst zulässt.


    Ich kann mich nicht mehr so richtig erinnern, wie ich mich gefühlt habe, als ich auf dies Forum stieß und bevor ich mich anmeldete. Eins weiß ich jedoch noch, und zwar, dass ich mich irgendwann hier anmelden und in den Austausch gehen wollte, obwohl mein Verstand (oder was auch immer) noch längst nicht akzeptiert hatte, dass ich Alkoholikerin bin. In der Auseinandersetzung mit mir selbst, im Austausch mit anderen Teilnehmern hier, und natürlich in Abstinenz vom Suchtmittel konnte sich bei mir diese Erkenntnis, und damit die Stabilität der Trockenheit, erst langsam entwickeln. Ich bin sehr froh, dass ich auch für diesen Prozess den Raum hier gefunden habe (mir genommen habe.)


    Wenn ich jetzt meist im "Inneren Bereich" schreibend unterwegs bin, dann deshalb, weil ich wirklich recht Persönliches hier mit mir teilweise inzwischen auch persönlich bekannten Menschen teilen möchte, das ich hier draußen nicht schreiben möchte.


    Aber manchmal hab ich den Wunsch, hier draußen "laut" zu sagen, wie sehr es sich lohnt, mit dem Trinken aufzuhören. Ob mit Hilfe dieses Forums oder anders.


    Mir geht es gut.


    Viele Grüße
    Thalia

  • Als ich vor etwas über zwei Jahren hierher kam, schrieb ich zum ersten Mal in meinem Leben das Wort "alkoholkrank" im Zusammenhang mit mir. Ich schrieb es, weil ich mich hier austauschen wollte, und weil es einen Teil in mir gab, der wusste, dass ich alkoholkrank war. Ein anderer Teil glaubte es nicht. Ich schrieb es trotzdem, obwohl ein Teil von mir glaubte, dass ich log.


    Seither bin ich hier im Forum in Kontakt mit Menschen gekommen - in den Austausch mit Menschen gekommen - die ganz genau wissen, wie das ist, wenn man diesen Anteil in sich hat, dieses Sucht-Ich. Das ist unglaublich hilfreich. Aber das alleine, also der Austausch mit ebenfalls Suchtkranken, macht mich noch nicht trocken. Trocken kann ich nur werden, wenn ich mich auch öffne. Wenn ich mich traue. Wenn ich mich und mein Denken und Fühlen hier der Forumsgemeinschaft, dieser Selbsthilfegruppe anvertraue. Und wenn ich mich für die anderen und deren Erlebnisse und Erfahrungen und Empfindungen öffne. Dadurch entsteht Bewegung in mir, kommt ein Prozess in Gange. Das fängt bei mir an. Nicht bei dem, was andere mir schreiben oder auch nicht.


    "Das fängt bei mir an", das klingt so einfach, aber dieser Schritt zurück in die Verantwortung für mich selbst ist einer der schwersten für mich als Suchtkranke.
    Aber - und das ist die schöne Kehrseite der Anstrengung: aus der Eigenverantwortung können auch erst wieder echte Glücksgefühlen entstehen. Die innere Regie über das eigene Leben zurückzuerlangen (soweit es uns Menschen denn überhaupt möglich ist), das ist das beste Gefühl von allen.


    Viele Grüße
    Thalia

  • Danke, Matthias. :)


    ---


    Mein Faden hier heißt ja "Vertrauen und Mut", und das sind für mich auch zwei der wichtigsten Dinge, die ich brauchte, um trocken zu werden, und brauche, um trocken - und glücklich - zu bleiben. Vertrauen in mich und andere, und Mut, weil ich oft Angst habe.


    Ein Drittes gehört aber auch in diese Reihe der wichtigen Dinge, und das ist Geduld. Eigentlich hat auch Geduld wieder mit Vertrauen zu tun, irgendwie, denn wenn ich geduldig bin, vertraue ich ja darauf, dass etwas kommt, (oder geht), auch wenn es lange dauert.


    Geduld fällt mir nicht leicht. Vor allem nicht die Geduld mit mir selbst. Mit mir selbst geduldig zu sein heißt ja auch wieder Vertrauen zu haben; diesmal in mich selbst, und das ist schwer für mich.


    Aber es ist heute nicht mehr so schwer wie letztes Jahr oder vorletztes oder vor zehn Jahren.


    Mein Alkoholismus ist - neben anderem - auch eine Krankheit der mangelnden Geduld gewesen. Etwas nicht aushalten können. Etwas sofort anders haben wollen. Etwas sofort können wollen. Das hat auch mit Gelassenheit zu tun. Als ich getrunken habe, konnte ich nicht gelassen sein. Jetzt lerne ich es wieder. Lerne zu denken
    "Ja, das ist jetzt so. Das hätte ich lieber anders. Mal gucken, ob ich da was machen kann. Und wenn heute nicht, dann vielleicht morgen. Denn ich verändere mich, und was ich heute noch nicht kann, lerne ich vielleicht durchs Ausprobieren (und Scheitern), und irgendwann kann ich's dann. Vielleicht. Probieren kann ich's ja mal."


    Als ich noch getrunken habe, war es ein "Das darf nicht so sein! Das muss ich ändern! ich kann es nicht ändern?! Das halt ich nicht aus!"


    Geduld hat daher auch viel mit Akzeptanz zu tun. Ich akzeptiere, dass etwas so ist. Und paradoxerweise ermögliche ich erst dadurch Veränderung.


    Solange ich nicht akzeptieren konnte, dass ich alkoholkrank bin, konnte ich nicht gesund werden. So einfach - und so schwer - ist das.

  • Danke dir, Matthias. :)


    ---
    Da ich nicht mehr genau weiß, an welchem Tag vor drei Jahren ich zum letzten Mal Alkohol getrunken habe und mit welchem Datum dementsprechend mein trockenes Leben begann, ich aber für meine RL SHG ein Datum nennen sollte, damit mir dort gratuliert werden kann :), habe ich mir vor einer Weile bereits diesen Tag ausgesucht, den fünften November. Ich weiß, dass ich vor drei Jahren am 31.10. noch getrunken habe und in der Woche darauf mit meiner Hausärztin gesprochen habe. Der 05.11.2013 ist daher der Tag, den ich als den Beginn meines trockenen Lebens gesetzt habe und als solchen auch feiere, innerlich.


    So ein Jahrestag ist ja auch immer eine Gelegenheit, um zurückzuschauen, obwohl ich langsam begreife, dass Zurückschauen manchmal das Heute zu kurz kommen lässt. Was ich aber nicht möchte ist, die Augen zu verschließen vor dem, was war, weil ich es schlimm und schrecklich finde und mich schäme. Ich möchte mich erinnern und Trauer und Mitgefühl und Verantwortung spüren, nicht Versagen, Ekel und Schuld.


    Ich merke, dass mein Gefühl für mich als Alkoholikerin sich wandelt im Laufe meiner ja erst dreijährigen Trockenheit. Und das tut es erstaunlicherweise (scheinbar) ganz von selbst, wenn ich den Raum und die Zeit dafür bereitstelle. Die Zeit: indem ich trocken bleibe, und den Raum: indem ich mich nicht verschließe sondern öffne für die Erfahrungen anderer und für meine eigenen Erfahrungen, Gefühle und Gedanken, die Raum haben dürfen, die sein dürfen ohne Bewertung.


    Es scheint paradox: Durch das Annehmen dessen, was ist, ermögliche ich Veränderung. Indem ich Ja sage zum Hier und Jetzt, bewege ich mich im Fluss des Lebens. Durch das "anders sein wollen" und kämpfen, verleugnen, schämen, verhindere ich Veränderung, spüle mich quasi selbst ans Ufer und wundere mich, dass ich nicht vom Fleck komme, sondern im Schlamm steckenbleibe. (Um mal bei dem Bild vom Fluss zu bleiben :))


    Genauso, wie das heute für mich gilt, galt das auch für die Anfänge des Trockenwerdens. Indem ich mich jahrelang im Kampf befand gegen das, was ist (Ich bin Alkoholikerin), verhinderte ich die Heilung.


    Bei mir war das Loslassen, das Annehmen, (die berühmte Kapitulation) nicht ein einzelner Moment, sondern ein Prozess, der noch immer andauert. Wenn ich also heute mit einem Freund spreche, der ganz am Anfang steht und Angst hat, loszulassen, der immer noch im Kampf ist und sich festklammert ("vielleicht bin ich gar kein Alkoholiker") dann kann ich das gut verstehen, weil es mir selber lange so ging. Aber ich kann ihm jetzt erzählen, dass ich nicht fortgespült worden bin, sondern dass ich mich getragen fühle, umso mehr, je mehr ich annehmen kann, was ist, und wer ich bin.


    Thalia

  • Herzlichen Glückwunsch liebe Thalia.


    Dein Gefühl für dich wird sich weiter wandeln, dein Lebensfluss fließt weiter, da kommt mal eine Stromschnelle, ein Hindernis, aber er fließt. Du hast dich gut frei geschwommen. Mach weiter so.


    LG PB

    Nichts ist schlimmer als die Weltanschauung derer, die sich noch nie die Welt angeschaut haben.

  • Ich kenne jemanden, der drei Tage nach Beendigung seiner teilstationären dreimonatigen Entwöhnungsbehandlung in einer Tagesklinik wieder rückfällig geworden ist. Er ist bereits körperlich schwer geschädigt vom Alkohol und wird wohl nicht mehr allzu lange überleben.


    Er kann nach wie vor nicht kapitulieren. Er kann nicht aufhören wollen.


    Nicht wollen zu können, daran erinnere ich mich auch noch. Ich bin so froh, dass ich es irgendwie geschafft habe, nicht mehr trinken zu wollen.


    Das ist der Klick, und wenn er nicht da ist, dann wird es sehr sehr schwer. Dann entscheidet sich jemand aus Vernunftgründen, aus Liebe, aus Angst, was weiß ich, nicht mehr zu trinken. Aber es bleibt die Hintertür offen, und dann bleibt es ein Kampf, mal mit Saufdruck, mal ohne, aber es bleibt ein Kampf.


    Wie lernt man - wie habt ihr es geschafft (die es können) - trocken leben zu wollen?


    Ich sehe in meinen beiden Selbsthilfegruppen Leute, denen ich sagen möchte, wie es geht. Aber ich weiß es selbst nicht.


    Sieh zu, dass du trocken bleibst, bis du auch wirklich trocken bleiben willst. So irgendwie. Nur leider ist das Trockenbleiben bis zu diesem Punkt echt schwer.


    Es ist wichtig, den Klick in sich zu suchen. Bei mir hat am meisten geholfen, mich ganz viel mit dem Thema zu beschäftigen. Hier und woanders ganz viel zu lesen. Und auch zu fragen und schreiben. Insofern habe ich wohl auch etwas dafür getan, dass ich jetzt trocken leben wollen kann. Aber darüber hinaus empfinde ich es auch als eine Art Gnade, die mir zuteil wird, und jetzt verstehe ich auch erst das Wort der Demut, das mir hier und anderswo in diesem Zusammenhang immer wieder begegnet ist.


    Viele Grüße,


    Thalia

  • glück auf thalia


    Zitat von Thalia1913

    Wie lernt man - wie habt ihr es geschafft (die es können) - trocken leben zu wollen?

    zuerst wusst ich ganz genau, was ich nicht wollte - dieses elende leben weiterführn - also trocken oder tod - ich hab mich für trocken entschieden und mit hilfe der selbsthilfe ganz fix erkannt:
    1. ich will lernen
    - über die krankheit
    - wie geh ich sinnvoll mit meiner zeit um
    - wie und wo bekomm ich hilfe
    - gelassenheit
    - usw.
    2. wie schön das trockene leben ist
    - natur - nüchtern - geniesen
    - usw. (ganz viel usw. :wink: )
    3. - wie geh ich mit meinem umfeld um
    - outen
    - alk in medis, lebensmitteln
    - usw.


    klar will ich trocken leben wer will schon verrecken


    schöne zeit

    :D
    matthias

    trocken seit 25.4.1987 - glücklich liiert - 7 Kinder - 17 Enkel

  • Zitat von Thalia1913

    [...]Etwas nicht aushalten können. Etwas sofort anders haben wollen. Etwas sofort können wollen. [...]


    Hallo Thalia,


    den Satz oben habe ich grade erst gelesen und denke er trifft ganz gut. auch das "Belohnungszentrum" des Menschen.


    Ich will etwas schnell und mit möglichst wenig Aufwand


    Alkohol erscheint da als eine verlockende Abkürzung es macht (gefühlt) etwas sofort anders.
    Das ist etwas das ich mir auch voir Augen halte...


    Danke!

  • Moin Thalia


    Ich denke, es gibt kein


    – Wie es Geht - .


    Ich habe für mich und mein Leben keine Perspektive mehr gesehen, ich wollte es nicht mehr. Also habe ich getrunken mit dem Ziel, irgendwann nicht mehr aufzuwachen. Ich bin aber wieder aufgewacht, also musste ich leben.
    In dem Moment war mir völlig klar, trinkend konnte und wollte ich nicht mehr leben. Es gab keinen Druck von außen, es war meine Entscheidung für das Leben, für mein Leben, dass ich mir Schritt für Schritt zurück erobert habe.


    Vom Kopf her wurde ich alkoholfrei, es war eine Befreiung, ich musste nicht mehr trinken, hatte nie mehr Zweifel an meinem alkoholfreien Leben.


    Immer, wenn ich hier von inneren Kämpfen und Zweifeln lese, bin ich dankbar und demütig, dass es mir so leicht fällt, mich und mein nüchternes Leben zu akzeptieren, ich es wieder gern lebe und genieße.


    PB

    Nichts ist schlimmer als die Weltanschauung derer, die sich noch nie die Welt angeschaut haben.

  • Vielen Dank für die Rückmeldungen, darüber freue ich mich!


    PB, das könnte eine wichtiger Schlüssel sein: dass du für dich entschieden hast, ohne Druck von außen.


    Ich konnte auch erst trocken werden, als ich meine Lebenssituation so verändert hatte, dass ich meine Eigenverantwortung wieder spüren konnte.


    Barthell, stimmt, das passt!


    PB, Barthell, Matthias und allen, die vorbeischauen, einen guten Start in ein erholsames, trockenes Wochenende.


    Viele Grüße
    Thalia

  • Vor ein paar Tagen war ich zum ersten Mal seit drei Jahren wieder bei dem Supermarkt, bei dem ich mir oft Wein gekauft habe. Er liegt nicht in meinem normalen "Einzugsgebiet", daher war das gar nicht mal so eine bewusste Entscheidung, den Laden zu meiden oder so. Aber neulich war ich gerade in der Gegend und brauchte Milch, und so hielt ich dort frühmorgens auf dem Weg zur Arbeit an.


    Der Laden öffnete gerade. Schon als ich auf den Parkplatz fuhr, drückte sich mein Magen zusammen, wurde ich kurzatmig und bekam starkes Herzklopfen. Als ich dann drin war, ließ ich mir bewusst Zeit. Mein Instinkt war, mir die Milch zu schnappen und durchzueilen zur Kasse. Aber ich hab erstmal tief durchgeatmet und bin bewusst langsam durch die Gänge gegangen. Ich wurde dann auch ruhiger.
    Sie hatten in der Zwischenzeit etwas umgebaut, aber das Weinregal war immer noch links am Gang vor den Kassen.


    Ich erinnere mich, dass ich dort oft sechs Flaschen Weißwein aufs Band gelegt habe. Irgendwie bildete ich mir ein, das würde so wirken wie eine "Einheit", so eine Kiste, die man beim Weinhändler bekommt (was mir auf Dauer zu teuer wurde).


    Und ich erinnere mich an das Gefühl der Erleichterung, wenn ich mit den sechs Flaschen den Laden verließ. Der Vorrat war gesichert. (Manchmal kaufte ich in einem anderen Laden aber auch noch ein oder zwei Flaschen, um auch ganz ganz sicher durchs Wochenende zu kommen.)


    Solche Erinnerungen tauchen nicht mehr oft bei mir auf, aber dieser Supermarkt holte das wieder hervor. Ich kann mittlerweile Mitleid empfinden mit mir selbst, wenn ich daran denke. (Das klingt doof: Selbstmitleid.) Ich meine Mitgefühl. Und ich weiß auch, dass meine Suchtkrankheit mich auch heute noch, als der Mensch, der ich heute bin, mir-nichts-dir-nichts wieder so handeln lassen würde, auch wenn ich mich jetzt ganz weit weg davon fühle. Daher ist es gut, dass es das Suchtgedächtnis gibt. Es ist wichtig, nicht zu vergessen, aber die Erinnerung quält mich heute nicht mehr. Dafür bin ich sehr dankbar.


    Thalia

  • Hallo!


    Da bin ich überrascht, da Du schon mehr als 3 Jahre clean bist. Ich suche schon längst wieder Läden auf, in denen ich mich früher eingedeckt habe. Das berührt mich allenfalls am Rande.


    Ich habe mir klar gemacht, dass der Alkohol schlicht und ergreifend passiv ist. Ich geh an ihm vorbei und gut ist. Er läuft mir nicht hinterher oder springt in meinen Wagen. Er wird auch in Zukunft da sein. Na und?


    Was Du meinst, ist dein glänzend funktionierendes Suchtgedächtnis. Es sah den Rebensaft und fing an mit deinen Gefühlen zu spielen. Warum gehst Du nicht in den nächsten Tagen noch mal hin? Stell dich vorher drauf ein, das sich das Gedächtnis wieder meldet. Dein Betriebsprogramm "Supermarkt x = Alkoholkauf" muss durch eine bessere Software überschrieben werden, nämlich "Supermarkt x = Milch, Kaffee ....."


    Mir hat so eine Strategie geholfen.


    Gruß Carl Friedrich

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