Ich bin trocken , nicht, weil andere an mich glauben, sondern weil ich der Einzige bin, der damit leben muss. Mein Selbstwert hängt nicht an Gerüchten, Meinungen oder „Expertenanalysen“ aus der fünften Hand . Was draußen erzählt wird, ist stille Post mit moralischer Attitüde und dem Zeigefinger schon im Anschlag.
Der Schwager erzählt, der Bruder habe behauptet, die Schwester sei in zweiter Generation alkoholabhängig gewesen und daraus wird konstruiert, dass ich nun benachteiligt bin. Ernsthaft? Und jetzt soll ich meine Entscheidungen und Risikominimierung auf Stammtischgeschwätz aufbauen? Und die "Lautsprecher", die beim Outing noch jubeln, sind die ersten, die beim Rückfall kommentieren.„Wusste ich’s doch – der kriegt das nie hin.“
Und die ironie. Ich passe mich an, verbiege mich, versuche zu gefallen und genau dabei stolpere ich zurück ins Saufen. Bin ich wirklich so billig zu haben, dass ich mir die eigene Wahrheit von außen wegdefinieren lasse?
Und mal ehrlich: Selbst der Dümmste merkt, wenn ich plötzlich keinen Alkohol mehr trinke, dass etwas im Gange ist. Hinter den Kulissen läuft das Geschwätz schon auf Hochtouren, während ich mir einrede, dass es niemand bemerkt. Altes nasses Denken in neuer trockener Verpackung: tarnen, täuschen, lächeln – damit niemand merkt, wie leise der Absturz beginnt.
Und ist es das wert, mir einen anderen Anstrich zu geben und mich nicht als Alkoholiker zu betrachten? Selbst hier nicht? Oder mache ich mir mit den abenteuerlichen Umschreibungen wieder selbst etwas vor?
Ich weiß nicht mehr, wem ich was schon erzählt habe. Ist auch egal. Denn wenn ich hier im Forum auftauche, dann nur aus einem Grund: Ehrlichkeit. Kein Theater, keine Maskerade, keine Ausrede. Ich bin Alkoholiker. Das ist mein Einstieg und kein Abgesang.