ladnax - Ehefrau trinkt immer mehr, keine Einsicht

  • Hallo zusammen,

    ich bin neu hier und suche dringend Austausch als Angehöriger.

    Ich bin seit rund 20 Jahren mit meiner Frau (46) zusammen, wir haben einen Sohn (16). Er ist stabil und unkompliziert, merkt die Situation aber mittlerweile auch und hat mich darauf angesprochen. Er zieht sich mittlerweile schon komplett von ihr zurück - er ist froh, wenn sie in der Arbeit ist. Ab Feierabend verschwindet er im Zimmer.

    Nach der Geburt unseres Sohnes haben wir gemeinsam entschieden, dass meine Frau Vollzeit arbeitet und ich mich um Kind/Haushalt kümmere und meine Selbstständigkeit im Haus halbtags aufbaue. Dadurch ist sie Hauptverdienerin (fast 5x mehr als ich). Ich könnte Haus und Leben finanziell alleine nicht halten - das macht alles zusätzlich schwierig - zudem ist meine Firma im Haus.

    Meine Frau trinkt seit längerer Zeit zunehmend. Untertags ist sie nüchtern, meistert ihren Job, ab spätem Nachmittag kippt die Stimmung, sie wird gereizt und abends wird getrunken. Sie sieht kein Problem und wenn ich es anspreche, heißt es schnell, ich wolle ihr Alkohol verbieten oder ich würde übertreiben. Wir hatten vereinbart: nur noch Freitag/Samstag. Trotzdem ist eine angebrochene Weinflasche im Kühlschrank unter der Woche verschwunden und gestern (Donnerstag) waren es mindestens 1,5 Flaschen Weißwein gemischt als Schorle vorm TV. Für mich wirkt das wie Rückfall oder Heimlichkeit. Ich ertrage den Geruch und die Stimmung kaum noch.

    Dazu kommt: starke Familienbelastung. Ihre Mutter ist vor ca. 12 Monaten qualvoll an den Folgen von Alkohol gestorben, ihr Opa ebenfalls ein paar Jahre vorher. Ihr Vater trinkt täglich ca. 1,5 Liter Bier am Stammtisch. Das Paradoxe: Sie lästert selbst darüber, sieht bei sich aber kein Problem.

    Körperliche Gewalt gibt es nicht, aber verbal wird es oft verletzend. Ich habe viele ruhige Gespräche versucht, ohne Vorwürfe, mit Angeboten, gemeinsam Hilfe zu suchen - ich stoße auf Abwehr oder Aggression. Ich liebe meine Frau und will Familie und Haus nicht aufgeben, aber ich bin am Limit und weiß nicht, wie es weitergehen soll. Wir sind grundsätzlich ein tolles Team, haben gemeinsam wirklich viel erreicht.
    Ein weiteres Problem ist leider, dass sie sehr, sehr eloquent und schlagfertig ist. Ich komme dagegen fast nicht an.

    Wie geht ihr als Angehörige damit um, wenn der Partner keinerlei Einsicht hat - und was wären aus eurer Sicht sinnvolle nächste Schritte für mich? Wie setzt man Grenzen oder Konsequenzen, ohne dass es nur eskaliert? Was kann ich konkret tun, wenn ich Heimlichkeit (z. B. verschwundene Flaschen) vermute? Und wie schütze ich mich und meinen Sohn emotional, während ich versuche, die Ehe nicht zu zerstören?

    Danke fürs Lesen und für jeden Rat. Ich hoffe hier Hilfe zu finden.

  • Hallo Ladnax,

    herzlich willkommen in unserer Selbsthilfegruppe.
    Gut dass du hierher gefunden hast, denn die Angehörigen sind auch starken Belastungen ausgesetzt.
    Im Prinzip kannst du ohne Krankheitseinsicht von ihrer Seite nichts machen, du kannst sie nicht vom trinken abhalten.
    Die Begrenzung auf das Wochenende kann ein nasser Alkoholiker nicht einhalten, er braucht den Alk.
    Konsequenz ist auf Seiten der Angehörigen gefragt, d.h. Kündige nur etwas an, was du auch umsetzen kannst, sonst nimmt sie dich nicht
    ernst.
    Wichtig ist, du bist weder schuld an ihrer Trinkerei, noch kannst du sie ändern.
    Du und dein Sohn sollten im Mittelpunkt stehen.. Es ist wichtig, dass es euch besser geht.

    Wenn du dich hier austauschen möchtest klicke bitte unten auf den Link, schreibe einen kurzen Satz dazu. Wir schalten dich dann für den Austausch frei.

    https://alkoholiker-forum.de/bewerben/


    lg Morgenrot

    Wer nicht hofft, wird nie dem Unverhofften begegnen. ( Julio Cortazar )

  • Ich liebe meine Frau und will Familie und Haus nicht aufgeben, aber ich bin am Limit und weiß nicht, wie es weitergehen soll.

    Puh. Dein Text wirkt sehr reflektiert – und gleichzeitig sehr erschöpft.

    Du stehst vor einer Art Quadratur des Kreises: Du möchtest Dir Deine Frau, Eure Familie und das Haus erhalten – und gleichzeitig ein Leben ohne diese ständige Anspannung, ohne Alkohol, den Geruch davon, eine Betrunkene im Haus, ohne Stimmungskippen und Heimlichkeit. Beides gibt es aber offenbar leider nur im Gesamtpaket.

    Wenn sie irgendwann Einsicht hätte und nicht mehr trinken würde, wäre das Dilemma natürlich gelöst. Aber das kannst Du ja nicht beeinflussen. Hoffnung kann man haben – aber sie ersetzt keine echte Handlungsoption. Die wäre, aus dem Kreis auszubrechen, aber das ist natürlich extrem hart, und das kannst nur Du selbst für Dich und Deinen Sohn entscheiden.

    Aber fürs erste kannst Du vielleicht Deinem Sohn zeigen, dass Du sein Empfinden wahrnimmst , dass er damit nicht allein ist, und für ihn und für Dich selbst Unterstützung suchen?

    Grenzen zu setzen kann meines Erachtens nicht heißen, sie zu kontrollieren oder zum Ändern ihrer Lebensweise zu drängen. Das wäre sinnlos und auch übergriffig: Wenn sie trinken will, ist das ihr gutes Recht.

    Legitime Grenzen sind meiner Meinung nach aber, für Dich zu klären, was Du Dir selbst zumutest. Zum Beispiel: Welche Gespräche führst Du nicht mehr, sobald Alkohol im Spiel ist? Wann, wohin und wie lange ziehst Du Dich dann zurück, um Dich zu schützen? Das sind keine Strafen, sondern Selbstschutz. Es wird ihr trotzdem nicht gefallen, also kannst Du Eskalation nicht ganz vermeiden. Aber was ist schlimmer für Deinen Sohn und Dich: Eskalation und gleichzeitig mehr schützende Distanz – oder so weiterleben wie bisher?

    Heimlichkeit musst Du meiner Meinung nach nicht beweisen. Sie ist ja nur ein Symptom und nicht das Problem an sich. Detektivarbeit kostet viel Kraft und ändert am Grundproblem nichts. Auch wenn Du ihr Beweise vorlegst, wird sie weitertrinken, wenn sie das will. Auch Ansprechen bringt nichts. Da bekommst Du dann die Eskalation ohne schützende Abgrenzung.

  • Danke euch beiden für eure Antworten, die haben mich wirklich zum Nachdenken gebracht.

    Mir wird beim Lesen klar, wie sehr ich innerlich noch zwischen Hoffnung und Realität hänge. Wenn ich ehrlich bin, habe ich aktuell kaum echte Konsequenzen, die ich wirklich durchziehen könnte. Ich will ihr helfen - und damit auch uns. Das große Problem ist die finanzielle Abhängigkeit: Wir haben uns über Jahre ein sehr gutes Leben aufgebaut, Haus, Sicherheit, Stabilität. Das aufzugeben fällt mir extrem schwer. Dazu kommt, dass ich sie nicht nur als Partnerin sehe, sondern als meinen besten Freund. Zumindest war das lange mein Gefühl.

    Zum Thema Selbstschutz merke ich, wie schwer mir das fällt. Ich habe das Gefühl, ich kann mich kaum "abschirmen", weil ich ihr Problem jeden Abend sehe, sobald Alkohol im Spiel ist. Gleichzeitig klammere ich mich noch an die Hoffnung, dass sie von Sonntag bis Donnerstag "funktioniert" und der Ausrutscher letzte Woche vielleicht nicht so dramatisch war - auch wenn ich merke, dass ich mir damit vermutlich selbst etwas vormache.

    Unterstützung möchte ich auf jeden Fall annehmen. Der Austausch hier tut mir schon gut. Zusätzlich kann ich mir Einzelgespräche mit einem Therapeuten gut vorstellen. Gruppenangebote sind für mich im Moment schwierig, weil sie sehr genau mitbekommt, was ich tue und ich noch nicht weiß, wie ich das offen oder diskret handhaben kann.

    Was ich innerlich aber schon erkenne, ist: Im Moment gibt es sie tatsächlich nur im "Gesamtpaket" mit Alkohol. Und ich weiß auch, dass ich das auf Dauer so nicht mittragen kann. Ich sehe ja, wie es ihr körperlich immer schlechter geht (Haut, Gesicht, Erschöpfung) und das macht mir Angst.

    Ich glaube, ich stehe genau an diesem Punkt zwischen "nicht mehr so weiter" und "noch nicht bereit, alles zu ändern". Vielleicht ist das gerade mein größter innerer Konflikt.

    Gleichzeitig habe ich aber noch die Hoffnung oder den Eindruck, dass es vielleicht noch nicht komplett in eine unveränderbare Sucht abgerutscht ist. Vor einigen Monaten lag ihr Konsum praktisch täglich. Das konnte sie auf jeden Fall reduzieren. In den letzten Wochen hatte ich den Eindruck, dass sie von Sonntag bis Donnerstag alles im Griff hat und nur Freitag und Samstag trinkt. Kann es sein, dass es noch nicht zu spät ist?

  • Hallo ladnax,

    Du bist jetzt für die offenen Bereiche freigeschaltet,

    Jetzt kannst du kannst überall schreiben, jedoch bitte nicht die ersten 4 Wochen bei den neuen Teilnehmern im Vorstellungsbereich. (Erkennbar an den orangeroten Namen)

    Ich wünsche Dir einen guten und hilfreichen Austausch.

    lg Morgenrot

    Wer nicht hofft, wird nie dem Unverhofften begegnen. ( Julio Cortazar )

  • Morgenrot 1. Februar 2026 um 13:22

    Hat den Titel des Themas von „Ehefrau trinkt immer mehr, keine Einsicht“ zu „ladnax - Ehefrau trinkt immer mehr, keine Einsicht“ geändert.
  • Wenn ich ehrlich bin, habe ich aktuell kaum echte Konsequenzen, die ich wirklich durchziehen könnte. Ich will ihr helfen - und damit auch uns. Das große Problem ist die finanzielle Abhängigkeit

    Ja, das ist alles ein großes Dilemma und erscheint bestimmt ausweglos. Für mich war es damals einfach ohne finanzielle Verstrickung.

    Aber sicher wichtig beim weiteren Überlegen: Du kannst ihr nicht durch Rückhalt helfen, wie Du hier immer wieder im Forum lesen kannst. Denn selbst wenn sie sich entscheidet, abstinent werden zu wollen, weiß ich nicht, ob es dann eine große Unterstützung ist, wenn sie weiß, dass sie zu Hause immer diesen Rückhalt sowieso hat, egal ob sie abstinent bleibt oder doch wieder trinkt?

    Zum Thema Selbstschutz merke ich, wie schwer mir das fällt. Ich habe das Gefühl, ich kann mich kaum "abschirmen", weil ich ihr Problem jeden Abend sehe, sobald Alkohol im Spiel ist.

    Aber vielleicht kannst Du ja erreichen, dass Du ihr Problem nicht immer wieder mit ansehen musst, indem Du Dich zurückziehst, zum Beispiel innerhalb des Hauses?

    Diese Art Abgrenzung kann Dir vielleicht erst einmal seelisch helfen. Und so eine Änderung gestaltet ja auch die gesamte Beziehungsdynamik ungeahnt stark um: Es ist dann nicht mehr so, dass sie die gesamte Gestaltungsmacht über die Beziehung hat. Jetzt: Sie trinkt nicht, sie trinkt - alles läuft trotzdem genauso gemeinsam weiter, als ob das keine Rolle spielen würde. Du fügst Dich, egal was sie tut.

    Aber es ist schon ein gutes Gefühl, wenn man sich seinen legitimen Anteil der Gestaltungsmacht (nämlich den über das eigene Wohl und Wehe in der Beziehung, nicht Gestaltungsmacht über den anderen) zumindest ein Stück weit zurückholt: Sie trinkt - Du hast damit nichts zu tun. Sie kann das ja gern alleine machen, wenn sie will, aber warum sollte sie einen Anspruch haben, dass das ein (asymmetrischer, aber )gemeinsamer Zeitvertreib mit Dir ist? Du schränkst sie nicht ein, Du schützt Dich nur. Mir hat diese Abgrenzung sehr geholfen. Das Gefühl der Selbstwirksamkeit ist ein Segen.

    Was ich innerlich aber schon erkenne, ist: Im Moment gibt es sie tatsächlich nur im "Gesamtpaket" mit Alkohol. Und ich weiß auch, dass ich das auf Dauer so nicht mittragen kann.

    Gleichzeitig habe ich aber noch die Hoffnung oder den Eindruck, dass es vielleicht noch nicht komplett in eine unveränderbare Sucht abgerutscht ist. Vor einigen Monaten lag ihr Konsum praktisch täglich. Das konnte sie auf jeden Fall reduzieren. In den letzten Wochen hatte ich den Eindruck, dass sie von Sonntag bis Donnerstag alles im Griff hat und nur Freitag und Samstag trinkt. Kann es sein, dass es noch nicht zu spät ist?

    Klar, die Hoffnung ... Aber dazu kommen mir zwei Gedanken:

    Zum einen stützt Du dich bei der Hoffnung auf das jeweils aktuelle Situationsbild und hoffst, dass sie kontrolliert trinken kann. Aber ist nicht die langfristige Tendenz das Entscheidende?

    Und zum anderen noch etwas, was ich hier gelernt habe: Selbst wenn sie nicht abhängig ist, so ist doch ihr Leben auf jeden Fall emotional und gewohnheitsmäßig stark mit dem Alkohol verknüpft. Was gibt da Anlass zu der Idee, dass sie ja vielleicht aufhören würde, wenn sie doch nicht abhängig ist? Warum sollte sie das dann tun, solange nicht wirklich spürbare Konsequenzen aus der Trinkerei erwachsen, zum Beispiel gesundheitliche?

    Wenn sie es dann aber nicht tut: Spielt es dann für Dich eine Rolle, ob sie auf die Dauer abhängig oder "un-abhängig" so trinkt, wie sie trinkt?

    Einmal editiert, zuletzt von sorrowful (2. Februar 2026 um 16:26)

  • Hallo zusammen,

    ich wollte euch ein Update geben, weil sich seit meinem letzten Beitrag etwas Wichtiges getan hat.

    Am Sonntag hatte ich ein sehr ruhiges und unerwartet offenes Gespräch mit meiner Frau. Es war kein Streit und kein Vorwurfsgespräch, eher ein ehrlicher Austausch über meine Sorgen, meine Belastung und unsere Zukunft als Familie. Ich habe dabei nicht von "Sucht" gesprochen, sondern davon, dass ich merke, dass sie beim Trinken irgendwann die Kontrolle verliert. Ich habe das mit Situationen bei mir verglichen (hatte früher Essanfälle), wo man spürt, dass der Kopf eigentlich nein sagt, aber irgendetwas innerlich übernimmt. Da hat sie zum ersten Mal selbst gesagt, dass sie das kennt: Am Anfang entscheidet sie noch bewusst, aber irgendwann kann sie innerlich nichts mehr dagegenhalten. Sie meinte sogar, sie merkt selbst Tendenzen, dass es bei ihr gekippt sein könnte.

    Das hat mich sehr berührt. Sie war am Ende sehr emotional, mit Tränen in den Augen. Ich habe ihr gesagt, dass ich sie nicht kontrollieren oder ihr etwas verbieten will, dass ich aber auf Dauer so nicht leben kann, weil es mich innerlich und auch körperlich krank macht. Wenn sie ihr Thema angehen möchte, bin ich zu 100 % an ihrer Seite. Sie hat vorsichtig zugestimmt, dass wir gemeinsam mit einer externen Person sprechen könnten, um Hilfe zu bekommen - nicht nur für sie, sondern für uns als Paar und Familie.

    Seitdem kann ich sicher sagen, dass sie Sonntag und Montag nichts getrunken hat. Sie war die ganze Zeit mit mir zusammen, ich habe nichts gerochen und sie war völlig klar im Kopf. Ich weiß natürlich, dass zwei Tage nichts "lösen", aber für mich fühlt es sich wie ein erster kleiner Schritt an - vor allem, weil das Gespräch von ihr emotional ernst genommen wurde. Gleichzeitig habe ich Hoffnung, aber auch die realistische Angst, dass es wieder kippen kann.

    Was mir aber gerade zusätzlich im Kopf hängt: Ich spüre jetzt schon Angst vor dem kommenden Wochenende. Ich weiß nicht, ob sie dann auf Alkohol verzichten wird. Und falls nicht, weiß ich nicht, wie ich reagieren soll. Soll ich es aus der Perspektive unseres Sonntagsgesprächs ansprechen, weil es eine gute Basis war? Oder lieber nicht, weil frühere Gespräche oft eskaliert sind? Das verunsichert mich gerade sehr.

    Ich möchte auch dazu sagen: Ich verstehe ihre Belastung grundsätzlich gut. Sie trägt beruflich wirklich eine enorme Verantwortung, erste Reihe für zwei Unternehmen und Personalverantwortung für über 100 Mitarbeiter. Das macht sie nicht nur für sich, sondern auch für uns als Familie. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Stressabbau für sie lange der Alkohol war. Ich werfe ihr das nicht mal direkt vor - ich sehe nur, dass es sich inzwischen verselbstständigt und uns als Familie schadet. Ich versuche gerade, zwischen Unterstützung und Selbstschutz die Balance zu finden.


    Und noch eine Antwort auf den Beitrag von sorrowful , weil da viele wichtige Punkte drin waren:

    Danke dir für deine Gedanken, da steckt viel Wahres drin, auch wenn es mir schwerfällt. Mir ist bewusst, dass ich sie nicht "retten" kann und dass Rückhalt allein keine Veränderung bewirkt. Ich merke aber gerade, dass sich bei uns etwas verschoben hat - nicht durch Druck, sondern durch dieses offene Gespräch, in dem sie selbst gemerkt hat, dass sie Kontrolle verliert. Das kam diesmal von ihr, nicht von mir.

    Das Thema Abgrenzung beschäftigt mich sehr. Ich verstehe deinen Punkt, dass ich nicht alles einfach weiterlaufen lassen darf, egal ob sie trinkt oder nicht. Gleichzeitig ist es für mich ein Balanceakt, weil ich im Moment versuche, den Raum offen zu halten, in dem sie sich nicht angegriffen fühlt, sondern selbst hinschauen kann. Aber ich nehme mit, dass mein Selbstschutz langfristig genauso wichtig ist und ich mich nicht komplett aufreiben darf.

    Zur Hoffnung: Du hast recht, dass man sich leicht am aktuellen Bild festhält. Ich versuche gerade, beides zu sehen - dass es schon länger eine problematische Entwicklung gibt, aber auch, dass sie jetzt zum ersten Mal selbst etwas gespürt und ausgesprochen hat. Für mich ist das neu. Ob es reicht, weiß ich nicht, aber es fühlt sich nach einem anderen Ausgangspunkt an als vorher.

    Und ja, ob sie am Ende "abhängig" ist oder nicht, wird für mich wahrscheinlich zweitrangig sein, wenn das Verhalten und die Auswirkungen gleich bleiben. Genau deshalb ist mir Hilfe von außen jetzt wichtig.

  • Lieber Ladnax,

    ich verstehe, dass Du jetzt wieder mehr Hoffnung hast, und ich hoffe, Du hast Recht damit.

    Ich muss aber ehrlich sagen: Ich tue mich mit dieser Hoffnung schwer. Ich kann Dir auseinanderklamüsern, warum, und vielleicht korrigieren mich ja dann andere Leute mit viel mehr Erfahrung auch. Aber ich weiß nicht, ob Du das überhaupt lesen möchtest.

    Für jetzt nur kurz eine Sache:

    Am Anfang entscheidet sie noch bewusst, aber irgendwann kann sie innerlich nichts mehr dagegenhalten.

    ist natürlich kein sehr schönes Eingeständnis. Denn es beschreibt Kontrollverlust, und zwar als wiederkehrendes inneres Erleben, also als Struktur, nicht als Ausrutscher.

  • Hallo sorrowful,

    danke dir für deine ehrliche Rückmeldung. Ja, ich möchte das lesen - lieber klar und realistisch als nur beruhigend.

    Und du hast recht: Dieses Eingeständnis ist kein "schöner Satz" und es klingt nach Kontrollverlust als wiederkehrendem Muster, nicht nach einem einmaligen Ausrutscher. Genau deshalb hat mich ihre Aussage auch so getroffen. Gleichzeitig war es für mich das erste Mal, dass überhaupt so etwas wie Selbstwahrnehmung und Offenheit da war. Vorher kam eher Abwehr oder "ich habe kein Problem".

    Meine Hoffnung bezieht sich also weniger darauf, dass jetzt plötzlich alles gut ist oder dass sie kontrolliert trinken kann, sondern darauf, dass sie erstmals selbst gemerkt und ausgesprochen hat, dass es kippt. Das ist für mich eine andere Ausgangslage als früher - auch wenn mir klar ist, dass das alleine noch gar nichts löst.

    Ich versuche gerade beides gleichzeitig zu halten: Einerseits realistisch zu bleiben (Kontrollverlust ist ein ernstes Signal), andererseits diesen kleinen Moment von Einsicht nicht wieder kaputt zu machen, indem ich sofort Druck aufbaue. Deshalb will ich jetzt auch Hilfe von außen anstoßen und nicht weiter allein über Gespräche hoffen.

    Was mich dabei ehrlich gesagt zusätzlich beschäftigt: Ich habe mich hier im Forum inzwischen viel umgeschaut und gelesen, und einige Geschichten schockieren mich sehr. Gleichzeitig finde ich bisher selten eine klare "Lösung" im Sinne von: Wie geht man denn konkret damit um, wenn man nicht aufgeben will? Bleibt am Ende wirklich nur die Trennung? Das will ich so eigentlich nicht - ich will sie nicht verlieren, sondern einen Weg finden, wie wir damit umgehen können, ohne dass ich dabei selbst kaputt gehe.

    Wenn du magst, schreibe gerne ausführlicher, wie du das siehst und welche nächsten Schritte du aus Angehörigen-Sicht für sinnvoll hältst. Gerade das Thema "wie verhalte ich mich am Wochenende, wenn es wieder losgeht" beschäftigt mich sehr.

  • Hallo ladnax,

    ich habe Deine Geschichte gelesen, und mich wiedergefunden in der Aussage „Wie geht man denn damit um, wenn man nicht aufgeben möchte?“.


    Ich erzähle Dir dazu kurz von mir: Ich lebe nicht mit meinem Partner zusammen, bin alleinerziehend mit einem Teenager aus voriger Beziehung.

    Mein jetziger Partner ist nicht nur Quartalstrinker, er hat auch eine narzisstische Persönlichkeitsstörung.

    Das bedeutet, er kann wundervoll sein und wir können tolle Zeiten haben - und dann kippt es wie aus heiterem Himmel und er verwandelt sich in einen wahrhaftig bösartigen Menschen.

    Man könnte von außen betrachtet sagen: „Du spinnst. Verlass ihn.“

    Aber in mir drin ist noch immer das „nicht aufgeben wollen oder können“, zumal er seit gut 1,5 Jahren in Therapie ist.

    Trotzdem bin ich gezwungen, mich sehr sehr deutlich abzugrenzen. Er hat immer wieder Rückfälle - trotz Therapie.

    Praktisch bedeutet das: Sobald ich den Verdacht habe, dass er getrunken hat, bin ich weg. Ich kommuniziere ihm freundlich sachlich, dass ich das Gefühl habe, dass er nicht nüchtern ist und ich deswegen keinen Kontakt möchte, bis er wieder nüchtern ist und mich das wissen lässt. Und dann ziehe ich es durch: Keine Begegnungen, kein Telefonieren, keine Textnachrichten.

    Das ist im gemeinsamen Haus natürlich schwieriger, aber ich glaube, sorrowful hat es schon angesprochen: Ein sicherer Rückzugsort innerhalb des Hauses für Teenager und Dich wäre hilfreich.

    Das würde bedeuten, dass Du ihr aus dem Weg gehen könntest, wenn sie trinkt. Aber auch Kontakt mit ihr haben kannst, wenn sie nüchtern ist.

    Ob das auf Dauer befriedigend für Dich ist und wie es sich auf euren Sohn auswirkt, steht auf einem anderen Blatt. Aber ich glaube, es ist für viele Angehörige ein Abgrenzungsprozess, der durchlebt werden muss. Der Punkt wird kommen, wo Du entweder merkst, dass „nicht aufgeben wollen“ leider zu nichts führt, weil Du kämpfst und Dein Gegenüber seine Arbeit an sich nicht machen möchte und Du daran verzweifelst und es Dir wirklich schlecht geht. Oder sie wirklich etwas ändert und Du merkst, dass sich das gut anfühlt und sich ganz deutlich etwas bewegt.


    Ich stecke noch immer mitten in diesem Prozess. Ich habe fast drei Jahre gebraucht, bis bei mir wirklich durchgesickert ist, dass ich nichts tun kann, außer mich ( und mein Kind ) ganz deutlich abzugrenzen.

    Trotzdem freue ich mich jedesmal, wenn er nüchterne Phasen hat und wir uns begegnen können. Aber die Abstürze sind jedesmal wieder sehr sehr schmerzhaft. Ich frage mich immer wieder, ob ich das wirklich so mitmachen will, und ich habe immer wieder Momente, wo ich nah am „aufgeben“ bin und ihm den Rücken kehren möchte.

    Alles Liebe, hiiumaa

  • hiiumaa das was du beschreibst kenne ich auch nur zu gut.

    Ich bin hier auch mitten im Abgrenzungsprozess, aber ich will ihn nicht aufgeben, weil wir eben auch gute Zeiten haben.

    Momentan ist es allerdings wieder sehr schlimm. Er trinkt täglich und gibt mir sehr oft die Schuld an allem. Ich versuche mich dann rauszunehmen, was mir leider nicht immer gelingt.

    Liebe Grüße

    Sternie

  • Hallo hiiumaa , hallo Sternie ,

    danke euch beiden sehr für eure offenen Schilderungen. Ich erkenne mich in vielem wieder, vor allem in diesem inneren Konflikt zwischen „nicht aufgeben wollen“ und gleichzeitig merken, dass man selbst immer mehr leidet.

    Was ihr zum Thema Abgrenzung schreibt, beschäftigt mich sehr. Ich merke, dass ich genau da erst am Anfang stehe. Bisher war ich eher im Modus hoffen, reden, verstehen, helfen wollen. Dass Selbstschutz überhaupt ein eigener, aktiver Schritt ist und nicht einfach „kalt werden“, muss ich gerade erst lernen.

    Bei uns ist seit Sonntag etwas in Bewegung. Wir hatten ein sehr offenes Gespräch, in dem meine Frau zum ersten Mal selbst gesagt hat, dass sie merkt, dass sie beim Trinken irgendwann die Kontrolle verliert. Seitdem (heute ist Freitag) hat sie die ganze Woche nichts getrunken. Ich weiß, dass das noch nichts beweist und kein „alles gut“ ist, aber für mich war das ein wichtiges Zeichen, weil es von ihr selbst kam und nicht aus Druck von außen.

    Gleichzeitig sitze ich jetzt genau vor der Situation, vor der ich am meisten Angst habe: Wir fahren nachher einkaufen und ich rechne innerlich fest damit, dass Alkohol im Wagen landen wird. Und ich merke, wie sehr mich allein diese Erwartung schon stresst. Ich weiß nicht, wie ich in so einem Moment reagieren soll. Wenn ich etwas sage, fühlt es sich nach Kontrolle und Misstrauen an. Wenn ich nichts sage, fühlt es sich an wie stilles Mittragen.

    Und selbst wenn der Einkauf ruhig bleibt, habe ich Angst vor dem Wochenende insgesamt. Falls sie wieder trinkt, weiß ich nicht, wie ich mich verhalten soll. Meinen Mund halten schaffe ich vielleicht, aber innerlich kocht es und meine Körpersprache verrät mich. Ich frage mich gerade sehr konkret: Wie reagiert man so, dass man sich selbst schützt, ohne wieder in Vorwürfe, Druck oder alte Muster zu rutschen?

    Eure Beschreibungen mit klarer Abgrenzung - also Kontakt nur im nüchternen Zustand - erscheinen mir logisch. Aber im gemeinsamen Haushalt fühlt sich das für mich noch sehr schwer umsetzbar an. Trotzdem merke ich, dass ich lernen muss, mich zumindest innerlich und auch räumlich zurückzunehmen, wenn Alkohol im Spiel ist, statt immer alles auszuhalten.

    Mich würde deshalb wirklich interessieren, wie ihr ganz konkret in solchen Situationen reagiert: beim Einkaufen, wenn Alkohol sichtbar wird, oder abends, wenn getrunken wird - ohne sofort in Streit oder Kontrolle zu rutschen.

    Alles Liebe
    ladnax

  • Hallo ladnax !

    Die Abgrenzung im gemeinsamen Haushalt ist unglaublich schwer. Ich versuche mittlerweile nichts mehr zu sagen. Allerdings fängt mein Mann gerade damit an, mich dann trotzdem zu beschimpfen und mich für alles verantwortlich zu machen.

    Und ja, irgendwann reagiere ich dann trotzdem darauf und es knallt wieder. Seine neueste Idee ist gerade, dass wir an unserem jetzigen Wohnort alles aufgeben sollen (wir haben hier ein eigenes Haus gekauft und ich habe hier einen sicheren Job und meine Kinder wohnen in erreichbarer Nähe beim Papa) und in seine Wunschheimat ans andere Landesende ziehen sollen. Dann würde alles gut werden... Das glaub ich allerdings schon lange nicht mehr...

    Und ich will nicht auch noch mein letztes Sozialgefüge aufgeben, das ich noch habe...

    Ich habe jetzt meine Schwiegereltern miteinbezogen, um mit irgendwem wirklich offen reden zu können. Sie sind glücklicherweise auf meiner Seite und versuchen mich zu schützen... Sie wohnen allerdings auch ein gutes Stück weg und sind nicht mehr die Jüngsten.

    Einkauf vor meinen Augen ist schon lange kein Thema mehr. Er macht es heimlich und ich merke dann natürlich trotzdem, dass er getrunken hat.

    Ich versuche keine Anschuldigungen mehr auszusprechen. Sie führen zu nichts und kosten mich nur unendlich viel Kraft...

    Ich schaue jetzt mal, wie er jetzt dann drauf ist, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme. Heute morgen meinte er wieder, es wäre doch das Beste hier zu bleiben. Vormittags kam eine Nachricht mit der komplett gegenteiligen Aussage. Auf die hab ich nicht mehr reagiert.

    Er ändert mittlerweile fast stündlich seine Meinung... Da kann ich ihn dann auch nicht mehr ernst nehmen... In meinem Kopf reagiert seit Monaten das Chaos, wie es weitergehen kann... Aber sie Hoffnung stirbt zuletzt...

    Viele Gedanken - ich weiß - und manches auch wirr, aber diese Situation macht mich unendlich fertig und hilft dir wahrscheinlich auch nicht viel weiter... Sorry dafür.

  • Hi Ladnax,

    erstmal: Ja, das Gespräch, das ihr hattet, war wichtig, das denke ich auch. Vor allem der Punkt, dass sie selbst beschreibt, wie ihr beim Trinken irgendwann die Kontrolle entgleitet. Das ist keine Diagnose und kein Vorwurf, sondern Selbstwahrnehmung und Selbstreflexion. Psychologisch ist das m.E. ein ganz anderes Niveau als alles, was Du vorher geschildert hast.

    Genauso wichtig finde ich, dass Du Deine Grenze klar benannt hast: „So kann ich nicht leben.“ Ohne Drohung, ohne Ultimatum. Jetzt wird sich zeigen, ob das auch praktische Folgen hat.

    Und damit sind wir ziemlich direkt bei der Wochenendfrage. Klar, die ist kein Detail, sondern ein Lackmustest. Zuerst einmal: Was tut sie? Und außerdem: Sprichst Du Deine Sorge nicht an, bist Du sehr schnell wieder in der alten Dynamik: Du schützt die Stimmung, trägst die Spannung allein, und sie entscheidet weiter allein.

    Vielleicht kannst Du es diesmal anders machen als früher: nicht kontrollierend, nicht prüfend, nicht bittend und um Verständnis werbend, sondern einfach als ehrliche Information für sie? Zum Beispiel, indem Du sagst, dass Du Angst vor dem Wochenende hast? Das ist kein Rückschritt, sondern Konsistenz – und verhindert, dass das Thema wieder im Schweigen verschwindet.

    Grundsätzlich glaube ich: Gespräche bzw. das, was auf sie folgt, können ein guter Test oder eine gute Informationsquelle sein. An den Reaktionen und dem, was danach tatsächlich passiert, lässt sich ziemlich schnell ablesen, wie groß das Problem wirklich ist. Aber Gespräche sind meist auch nicht mehr als das: Wenn sich dabei zeigt, dass das Problem groß ist, würde ich mir wenig Hoffnung machen, es allein durch Gespräche lösen zu können. Das kann sie dann nur selbst tun.

    Was meine Hoffnung insgesamt eher klein hält, ist etwas Grundsätzlicheres:

    Schon bei Menschen ohne starken Trinkdrang und ohne Kontrollverluste ist es erfahrungsgemäß schwer, eingefahrene Trinkgewohnheiten zu verändern – selbst dann, wenn man mit der Begründung darum bittet: „Mich belastet das.“

    Die Grenze zwischen Wollen, Gewohnheit und innerem Zwang ist ja fließend. Klar ist aber: Wer regelmäßig trinkt, hat zumindest immer eine tiefsitzende Gewohnheit, bedingt und permanent stabilisiert durch das an-sozialisierte Gefühl, dass das ja alles normal ist, dass das doch alle so machen und dass man ja selbst glücklicherweise nur wenig trinkt (den Satz habe ich bisher von allen gehört, vom absoluten Abstinenzler bis zum - für mein Empfinden - schweren Trinker), und überhaupt ...

    Wenn Partner dann ihr Trinken runterschrauben, geschieht das natürlich nur als Anpassungsleistung, sie werden ihr eigentliches erlerntes Verhalten immer auch weiterhin als "normal" empfinden. Aber wenn es sich schon in Richtung innere Zwänge, meinetwegen in Form von großer Regelmäßigkeit oder Kontrollverlusten, verschoben hat, wird selbst eine solche Anpassungsleistung natürlich eher schwieriger als leichter, selbst wenn die Trinker das dem Partner zuliebe gerne tun würden..

    Deshalb wirkt Deine Hoffnung auf mich ziemlich fragil. Zumal Euer offenes Gespräch ihr – ob beabsichtigt oder nicht – auch einen neuen Geduldkredit verschafft haben könnte: viel Verständnis, wenig Druck, also erst mal weiter wie bisher? Auch die Zustimmung zu externer Hilfe war ja sehr vorsichtig formuliert: "könnten", "vielleicht" ...

    Und ein Gedanke noch zu „Ich bin zu 100 % an ihrer Seite, wenn sie ihr Thema angehen möchte“: Bist Du es nicht faktisch auch dann, wenn sie es nicht angeht? Und weiß sie das nicht längst?

    Kurz gesagt: Nach dem, was Du beschreibst, sehe ich im Moment noch keine starke Motivation bei ihr, weniger zu trinken. Behalte zumindest die Möglichkeit im Blick, dass Du gerade eine weitere Ehrenrunde drehst.

    Deshalb halte ich Abgrenzung für wichtig – nicht, um sie vom Trinken abzubringen, sondern um selbst nicht nervlich unterzugehen, wenn sie es nicht lässt. Das kann ja auch ganz leise anfangen, ohne schwierige, große Ansage: Du bist eben öfter nicht dabei, wenn sie trinkt, ziehst Dich zurück, machst Dein eigenes Ding. Du musst ja auch nicht jede andere Freizeitbeschäftigung mitmachen – warum sollte Trinken die Ausnahme sein?

    Mir hat das sehr geholfen. Nicht, weil sich die andere geändert hätte, sondern weil ich mich selbst weniger abhängig von ihrem Verhalten gemacht habe. Selbstwirksamkeit statt stilles Mitlaufen. Und nachdem Dein bisheriger „Modus hoffen, reden, verstehen, aushalten“ Dir nur Dauerstress eingebracht hat, wäre es vielleicht nicht verkehrt, mal eine andere Strategie zu testen?

    Einmal editiert, zuletzt von sorrowful (6. Februar 2026 um 16:07)

  • Hallo sorrowful ,

    Was meine Hoffnung insgesamt eher klein hält, ist etwas Grundsätzlicheres:

    Schon bei Menschen ohne starken Trinkdrang und ohne Kontrollverluste ist es erfahrungsgemäß schwer, eingefahrene Trinkgewohnheiten zu verändern – selbst dann, wenn man mit der Begründung darum bittet: „Mich belastet das.“

    Die Grenze zwischen Wollen, Gewohnheit und innerem Zwang ist ja fließend. Klar ist aber: Wer regelmäßig trinkt, hat zumindest immer eine tiefsitzende Gewohnheit, bedingt und permanent stabilisiert durch das an-sozialisierte Gefühl, dass das ja alles normal ist, dass das doch alle so machen und dass man ja selbst glücklicherweise nur wenig trinkt (den Satz habe ich bisher von allen gehört, vom absoluten Abstinenzler bis zum - für mein Empfinden - schweren Trinker), und überhaupt ...

    Wenn Partner dann ihr Trinken runterschrauben, geschieht das natürlich nur als Anpassungsleistung, sie werden ihr eigentliches erlerntes Verhalten immer auch weiterhin als "normal" empfinden. Aber wenn es sich schon in Richtung innere Zwänge, meinetwegen in Form von großer Regelmäßigkeit oder Kontrollverlusten, verschoben hat, wird selbst eine solche Anpassungsleistung natürlich eher schwieriger als leichter, selbst wenn die Trinker das dem Partner zuliebe gerne tun würden..

    Woher nimmst du diese Mutmaßungen? Hier geht es Erfahrungen, die Menschen selbst gemacht haben, bist du Alkoholiker und schreibst von dir?

    Kurz gesagt: Nach dem, was Du beschreibst, sehe ich im Moment noch keine starke Motivation bei ihr, weniger zu trinken. Behalte zumindest die Möglichkeit im Blick, dass Du gerade eine weitere Ehrenrunde drehst.

    Kennst du die Frau von ladnax, dass du das so sagen kannst? Ich finde das schon ziemlich gewagt, was du da schreibst.

    Lieber Gruß Aurora

    Glücklichsein ist eine Entscheidung

  • Interessanter Einwurf.

    Frage vorab, ehe ich mir unnötig Mühe mache:

    Was für eine Antwort wünschst Du?

    (Falls du überhaupt eine wünschst, denn die Stöckchen, über die ich da springen soll, waren ja eher rhetorische Elemente eines Verdikts von höherer Stelle, wenn mich nicht alle Erfahrung täuscht.)

  • Hallo zusammen,

    ich wollte kurz ein Update geben, weil sich seit meinem letzten Post doch einiges getan hat.

    Das Wochenende, vor dem ich so große Angst hatte, ist komplett anders gelaufen als befürchtet.
    Freitagabend - kein Tropfen.
    Samstagabend - kein Tropfen.
    Sonntag - bis jetzt ebenfalls nicht.

    Ich glaube, das war das erste komplett nüchterne Wochenende seit vielen Monaten. Und nicht nur "kein Alkohol", sondern wirklich gute Stimmung. Wir haben viel gemeinsam gemacht, auch mal jeder für sich, aber insgesamt war es ein sehr schönes, entspanntes Wochenende. Keine Spannungen, kein Kippen am Abend, keine Diskussionen.

    Das fühlt sich für mich ehrlich gesagt wie ein wichtiges Signal an. Nicht im Sinne von "alles ist gelöst", sondern eher: Es ist vielleicht wirklich noch nicht zu spät und es ist noch Beweglichkeit da. Vor allem, weil das vorherige Gespräch ja von ihr aus diesen Punkt hatte, dass sie selbst gesagt hat, dass sie beim Trinken irgendwann die Kontrolle verliert.

    Gleichzeitig merke ich, dass ich innerlich noch vorsichtig bleibe. Meine größte Sorge ist gerade weniger das Wochenende, sondern wie es jetzt im Alltag weitergeht. Und auch die Frage, die mich beschäftigt: Ab wann ist etwas ein "Rückfall"? Ist z.B. ein Glas am Samstag automatisch wieder der Einstieg ins alte Muster - oder geht es eher um Kontrollverlust und das Verhalten drumherum?

    Sternie
    Deine Schilderung mit dem Chaos, den wechselnden Aussagen und dem ständigen inneren Alarm kenne ich von meinem Kopf her leider auch. Dieses Dauer-Gedankenkreisen ist unglaublich zermürbend. Ich sehe bei dir sehr, wie viel Kraft es kostet, immer wieder nicht zu reagieren. Das mit dem Sozialgefüge kann ich total verstehen - das wäre für mich auch ein riesiger Faktor.

    sorrowful
    Deine Gedanken zu Gewohnheit, innerem Zwang und wie schwer Veränderung generell ist, finde ich inhaltlich nachvollziehbar, auch wenn sie mich natürlich treffen, weil ich mir gerade Hoffnung erlaube. Ich nehme das nicht als Angriff, sondern als Hinweis, realistisch zu bleiben. Gleichzeitig erlebe ich im Moment eben auch etwas, das ich vorher so noch nicht hatte: dass sie selbst etwas benannt hat und jetzt konkret Verhalten anders ist. Ob das trägt, weiß ich nicht - aber ich will diesen Unterschied auch nicht klein reden.

    Ich merke, dass ich gerade irgendwo zwischen Hoffnung und Selbstschutz stehe. Ich will nicht wieder blind aushalten, aber auch nicht jeden positiven Schritt sofort unter Generalverdacht stellen.

    Mich würde weiter interessieren, wie ihr innerlich mit dieser Phase umgeht, wenn es mal gut läuft. Bleibt ihr im "gleich kippt es wieder"-Modus oder gelingt es euch, solche Zeiten auch einfach anzunehmen, ohne ständig auf den nächsten Absturz zu warten?

    Alles Liebe
    ladnax

  • Hallo ladnax,

    Ab wann ist etwas ein "Rückfall"

    Ein Rückfall ist, wenn ein Alkoholiker nach Entgiftung, evtl Therapie und dann Abstinenz wieder trinkt.

    Wenn deine Frau jetzt am nächsten Wochenende oder in der Woche wieder trinkt ist das kein Rückfall weil sie ja noch garnicht wirklich aufgehört hat zu trinken. Zuerst kann das eine Trinkpause sein, so habe ich das mit meinem ersten Mann erlebt. Es gab immer wieder Zeiten wo er zu trinken aufhören wollte, zumindest konnten wir reden und er sah ein und sagte auch, er hätte da ein Problem und würde aufhören.

    Das war immer dann wenn er merkte, dass ich entschlossener wurde, was für mich zu tun. Es folgte daraus aber nichts also er ging nicht zur Entgiftung und setzte sich auch nicht mit seiner Suchterkrankung auseinander.

    Und da war es so, dass ich voller Hoffnung war, wir uns annäherten. Und immer dann wenn auch meine Zweifel verschwunden waren begann er wieder zu trinken.

    Gleichzeitig merke ich, dass ich innerlich noch vorsichtig bleibe

    Das finde ich gut.

    Liebe Grüße Aurora

    Glücklichsein ist eine Entscheidung

  • Ein Rückfall ist, wenn ein Alkoholiker nach Entgiftung, evtl Therapie und dann Abstinenz wieder trinkt.

    Das sehe ich nicht so.

    Nicht jeder Alkoholiker macht eine Entgiftung!/ Therapie! mit. Wenn ich mich als Alkoholikerin entscheide ohne Alkohol weiter zu leben, mir also mein Kontrollverlust in Bezug auf Alkohol bewusst wird, ist.. und ich dann den Entschluss zur Abstinenz fasse und dann auch eine Zeit lang abstinent bleibe ist das nächste getrunkene Glas Alkohol ein Rückfall für mich.

    Dry January …etc., das sind Trinkpausen.

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