Ich glaube, ich verarbeite gerade zum ersten Mal in meinem Erwachsenenleben eine Krise bewusst. Für diese Erfahrung bin ich dankbar.
Puh, bei dem Satz kommen so viele Gedanken in mir hoch. Ich war ja auch immer so ein Feigling, der vor Problemen die Nase in den Sand, genauer gesagt in die Flasche gesteckt hat.
Wie ich schon geschrieben habe, sind beide meine Eltern inzwischen tot. Sie waren beide Alkoholiker, wenn auch nicht so schlimm wie ich, aber schon auch recht übel dabei. Bei beiden hat der Alkohol den Tod zwar nicht direkt versursacht, aber doch beschleunigt.
Ich habe manchmal meinen Vater nicht am Sterbebett besucht, weil ich einfach zu groggy war. Und auch zu meiner Mutter war ich in den letzten Monaten ihres Lebens nicht immer so gut, wie ich zu ihr hätte sein können. So ganz grundsätzliche Vorwürfe muß ich mir nicht machen, ich hatte ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern bis zu deren Tod, zu meiner Mutter sogar ein sehr enges, aber ich denke mir heute so manches Mal: Verflucht, wärst du doch wenigstens nicht so oft besoffen gewesen. Bestimmt hättest du deinem Vater am Krankenbett die Zeit etwas vergnüglicher vertreiben können, bestimmt hättest du deiner Mutter den Marsch geblasen, daß sie gefälligst zum Arzt gehen soll. Meine Mutter ist letztendlich an Faulheit und Eitelkeit gestorben, sie hat eine Lungenentzündung verschleppt. Drei Tage vor ihrem Tod hat sie mich angelogen und behauptet, sie sei beim Arzt gewesen. Nach ihrem Tod habe ich alle Ärzte und Krankenhäuser in der Umgebung angerufen und auch mit der Krankenkasse gesprochen: sie war nirgends.
Dann habe ich mal in einer Entgiftungsstation das Zimmer mit einem Spiegeltrinker geteilt. Der hatte vier oder fünf Kinder, das letzte davon war mit einem Herzklappenfehler geboren und lag gerade auf der Intensivstation. Ich habe dem Mann ins Gewissen geredet, daß seine Frau ihn jetzt braucht und daß ein Mann, der sich in den Alkohol flüchtet, bestimmt keine Hilfe für sie ist. Ich bin mir nicht so sicher, ob ich zu ihm oder zu mir selbst sprach.
Inzwischen habe ich schon so einige Krisen in meinem Leben "gemeistert", natürlich alle mit Alkohol. Ich weiß, der Alk hat da nichts einfacher oder erträglicher, sondern alles nur noch schwieriger gemacht. Das Leben ist eben nicht einfach, wenn schon die Organisation einer Zugfahrt manchmal eine unüberwindliche Hürde darstellt. Mit Alkohol kann man vielleicht mal eine halbe Stunde lang all das miese Zeug vergessen, das einen belastet, aber nach dem nächsten Kater kommt der Ärger doch immer zurück, und dann erst recht knüppeldicke. Das ist nichts für schwache Nerven.
Ich erwarte vom nüchternen Leben keinen Ponyhof und keinen Rosengarten. Die nächste Krise kommt bestimmt. Aber ganz egal, was kommt, ich bin zuversichtlich, daß ich sie nüchtern besser meistern kann. Wenn ich saufe, kann allein eine Banküberweisung schonmal zwei Wochen in Anspruch nehmen, nüchtern erledige ich die in einer Minute.