OK, ich begreife langsam, dass ich mir alles positive schlecht rede.
Als ich nüchtern war, habe ich nach und nach vieles realisiert, was eigentlich geschehen war, als ich noch getrunken hatte.
Der Aufarbeitungsmodus war im vollen Gange. Scham, Selbstvorwürfe und Selbstmitleid waren die Gefühle.
Das ist normal, darf aber nicht zum Dauerzustand werden. Was war kann ich nicht mehr rückgängig machen, aber ich kann noch vorne blicken und meine Zukunft gestalten und für sie die Verantwortung übernehmen. Tag für Tag.
Ich war aus einer tiefen, dunklen Gletscherspalte hochgeklettert. Gleisende Helligkeit umgab mich, aber ich konnte die Schönheit des Lichtes noch nicht erkennen.
Zuerst musste ich lernen, sicher am Grad der Spalte zu gehen, bis ich mich immer weiter von ihr entfernen konnte. Die Schönheit des Sonnenscheins konnte ich bald wieder erkennen.
Oder glaubt ihr ein Umbau des Gehirns ist einfach von der Zeit abhängig? Mir fällt es schwer da ein Ende zu sehen.
Bis ich Positives hinter dem Licht wahrnehmen konnte, hat es gedauert. Im Gehirn werden durch absolute Abstinenz neurologische Prozesse in Gang gesetzt, und die reversiblen Schäden werden wieder korrigiert, nicht alle aber viele. Durch jahrelanges Saufen hatte ich meinen Endzustand erreicht, jetzt konnte ich nicht erwarten, dass alles in ein paar Tagen oder Wochen wieder hergestellt ist. Diese Prozesse sind individuell und dauern viele Monate oder länger.
Auch das Belohnsystem ist gestört und nun, durch die Abwesenheit von Alkohol, erneut gezwungen sich neu anzupassen. Traurigkeit, Letargie waren bei mir die Folge.
Ich wusste, dass ich schon einiges geleistet hatte, aber es stimmte mich nicht so positiv, wie ich es gerne gehabt hätte.
Zeit, Geduld und kleine Schritte machen die Wirkung.
Und jetzt zu Benzos.
Diese sind sehr starke Psychopharmaka und deren Anwendung gehört ausschliesslich(!) in professionelle Hände.
Im Klinikentzug habe ich sie wohldosiert die ersten Tage bekommen und am 4. Tag waren sie wieder ausgeschlichen. Die Ärzte haben akribisch darauf geachtet. Jede Einzeldosis musste ich mir im Stationszimmer abholen, begleitet von der Überwachung meines Gesamtzustandes.
Benzos haben ein sehr starkes Suchtpotential in sehr kurzer Zeit. Du bist längst über diese Anfangsphase hinaus.
Akzeptiere und wertschätze, was du bisher schon geleistet hast, denn für Körper und Geist ist es Schwerstarbeit.
Und wenn du der Meinung bist, dass du weitere Unterstützung brauchst, dann besprich das offen und ehrlich mit deinem Arzt.
Da ich in einer Suchtklinik war, habe ich Benzopatienten kennengelernt. Manchmal war ich froh, dass ich "nur" Alkoholiker bin.