Umgang mit Unberechenbarkeit

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  • Liebe Mitleserinnen und Mitleser,


    immer wieder lese ich hier herum und schreibe auch manchmal. Nun beschäftigt mich eine Frage zur Unberechenbarkeit und meinem Umgang damit.


    Von meinem trinkenden Partner bin ich schon eine ganze Weile getrennt, beschäftige mich aber immer noch mit meiner Co-Abhängigkeit oder vielleicht auch Beziehungssucht. Vor ein paar Tagen fiel mir ein Tagebuch in die Hände aus Zeiten der Beziehung, die ich eigentlich als positiv erinnerte.


    Es war ziemlich am Anfang, ich schreibe dort (was mich heute überrascht) von großer Verunsicherung.
    Beschreibe dort diese Stimmungswechsel des Partners, die so wenig einschätzbar sind. Mal schickt er mir selbstgeschriebene Lieder, am nächsten Tag werde ich wegen irgendwas in Frage gestellt. An einem Abend bin ich "wundervoll", dann muss ich wieder erklären, warum ich in den Arm will. Mitten bei einem Spaziergang mit gutem Gespräch schlägt es um in extreme Reizbarkeit.
    Damals im Tagebuch beschäftigt mich das und ich nehme mir vor, geschmeidig, angepasst und duldsam :D zu sein.
    Ist mir über Jahre ganz gut "gelungen". Im Nachhinein eben immer, um die liebevolle Seite abzubekommen und nicht den reizbar-genervten. Wie schon in einem anderen Thread beschrieben: Ich vermied, zu stören.


    Nun meine Frage:
    Wird man automatisch unsicher, tastend, zaghaft, wenn man mit dieser Unberechenbarkeit konfrontiert wird?
    Ist man automatisch gestresst, weil man in hab-acht-Stellung ist?
    Ist das nur bei Co-Abhängigen so oder ist auch ein gesunder Mensch so anfällig für wechselhafte Launen?
    Bin ich selbst "schuld", weil ich verunsichert war?
    Ist der damalige Vorwurf, ich sei (nicht mehr) locker und entspannt berechtigt oder eine angemessene Folge dieser Komm-her-geh-weg-Wechsel?
    Es würde mir wirklich helfen zu verstehen, ob ich zu sensibel bin oder ob meine Sensibilität eine logische Folge war.


    Und: Wird die Co-Abhängigkeit durch dieses Wechselspiel noch gefüttert / verstärkt?


    Für Eure Erfahrungen wäre ich dankbar


    LG Biene

  • Liebe Biene,


    ob eine gesunder Mensch auch so anfällig ist, kann ich Dir nicht sagen. Jeder - auch gesunde Menschen - ist ein Individuum mit ganz eigenen Erfahrungen und Verhaltensmustern.


    Deine Frage, ob Du vielleicht zu sensibel bist, hat mich innehalten lassen.
    Vielleicht kommen ja auch gänzlich andere Denkweisen in Betracht? Ich will Dir gerne einen Denkanstoß aus meiner persönlichen Erfahrung geben:


    Wäre es denkbar, dass Du vielleicht aufgrund Deiner Persönlichkeit und Erziehung gerade an einen Alkoholiker geraten bist?
    Vielleicht könnte es Dir helfen, Deine früheren Beziehungen (Angefangen bei der Vaterbeziehung) mal darauf hin zu betrachten, ob Du schon früher "geschmeidig, angepasst und duldsam" warst?
    Vielleicht weil Du in der Tat sensibler/sensitiver bist als Durchschnittsmenschen? Ob nun angeboren oder als Folge von Traumata...
    Möglicherweise hilft es Dir, Deine "Verunsicherung" einmal in einem anderen Kontext zu beleuchten? Qusi außerhalb Deiner Co-Abhängigkeit und vollkommen losgelöst von dem Alkoholproblem...
    Wie sind Deine Erfahrungen mit anderen Menschen? Bist Du da auch gelegentlich verunsichert oder hälst Dich manchmal für zu sensibel?


    Ich wünsche Dir ein kleines Licht der Erkenntnis auf Deinem Weg zu Dir selbst


    LG Einhörnchen

  • Hallo Einhorn,


    vielen Dank für Deine Antwort.
    Um auf die von Dir angesprochene Thematik einzugehen:
    Ja, ich gehöre zu den 20 Prozent der hochsensiblen. Das liegt aber eben einfach in meiner Natur und ist ererbt.
    Ich habe aber gut gelernt, damit umzugehen im Alltag und kenne meine Belastungsgrenzen (zu viel Lärm, zu viel Menschen etc.)
    Zur Not lasse ich so was an mir abperlen und gehe zumindest innerlich auf Abstand. Ich arbeite den ganzen Tag im Team und mit Menschen, das klappt recht gut und ich fühle mich zwischen all den Leuten wohl. Ich muss da auch nicht alles "erspüren".
    Diese spezielle Art meine ich aber gar nicht.


    Ich meinte dieses permanente Anpassen an die Wechsellaunen, den Umgang mit Unzuverlässigkeit.


    Wenn ich nie weiß, ob ich nun gerade willkommen bin oder störe, ist das nicht für JEDEN schwierig?
    Was heute gut ist, ist morgen nervig.
    Zuwendung ist mal erwünscht, im nächsten Moment zu viel.
    Eben Unberechenbarkeit, die innerhalb von Minuten wechselt.
    Komm her .... jetzt nicht .... sei locker .... sei anders ... sei fürsorglich .... lass mich in Ruhe


    Also: Macht Unberechenbarkeit etwas mit dem Gegenüber? weil man nie weiß, was einen erwartet?
    Und macht nicht das schon "abhängig", weil man mit Wohlverhalten Verlässlichkeit erzeugen will?

  • meine Erfahrungen sind so...
    ich habe mich früher nie versucht irgendwem anzupassen, in meiner Familie, sowieso. es hat zu sehr vielen Konflikten geführt, aber "gesunden" Konflikten, die sich gelöst hatten, so auch in der Schule...
    Erst in meiner Ehe, besonders am Anfang, mit Familie von mm, habe ich wiederwillig versucht mich anzupassen, weil es 3x im Jahr der Fall war, mm hat es von mir erwartet. das hat zu unzähligen Streitereien zwischen uns geführt.
    das hat gute 10 Jahre gedauert, bis ich endlich begriffen habe, dass nur ich, und das was ich denke und empfinde, richtig für mich sein kann.
    ohne verstellen, dass ich zuerst auf mich (neben den Kinder) schauen muss.


    dann sind, aber, weitere 7-8 Jahre vergangen, mm hat immer mehr getrunken, und ich habe angefangen mich zu verlieren.
    danach kommt es das mit wechselhaftem Stimmungen und Unberechenbarkeit.
    ich dachte/denke noch immer dass es mit Alkoholentzug zu tun hat.
    was ich mache?
    habe versucht mich anzupassen,nicht auszusprechen was ich denke, etwas tun worauf ich keinen Bock hatte... aber es geht nicht mehr.


    ich kann höchstens ,wenn ich gute Laune habe, versuchen nicht zu reagieren auf seine, ich werde sie Launen nennen.
    ich habe ein gutes Gespür für meine Mitmenschen und für dass was sie fühlen, und versuche mich nach diesem Gefühl zu richten. dabei, vergesse ich oft was ich fühle...


    was ich noch erlebt habe: egal um was es geht und was wird von mir erwartet, wenn ich MEINEM Gefühl vertraut habe und das gemacht habe was ich wollte zu machen, es war immer richtig. egal auf welchen Widerstand ich bei mm oder bei anderen Leuten damit gestossen habe, im Nachhinein hatte ich damit viel mehr Achtung erfahren, als mit diesen vielen angepassten Reaktionen.


    lg ideja

  • Hallo Bine,


    Danke für Deine Antwort, ich war mir sicher, dass Du zu den HSP gehörst ;-)
    Ich für meine Teil bin mir auch ziemlich sicher, das es da einen Zusammenhang gibt, der unter anderem darauf beruht, dass HSP mehr als andere Menschen als Spiegel Ihres Gegenübers fungieren. Ich denke schon, das dies zusätzlich zum Alkoholproblem, die Wechsellaunen noch verstärkt.
    Hinzu kommt, dass in Beziehungen von HSP in der Regel auch der Partner nicht zu den "Normalsensiblen" gehört.


    Davon abgesehen ist Zuverlässigkeit und Verlässlichkeit für uns ja auch von größerer Bedeutung und wir nehmen - denke ich - auch die Anpassung stärker wahr. So wie wir auch das Abperlen lassen aktiv und bewußt tun und uns auch meistens über unser stärkeres Harmoniebedürfnis in Klaren sind.
    Meines Erachtens macht dies schon ein Stück weit abhängger.

  • Danke Ihr Beiden!


    ideja,
    es ist auch meine Erfahrung, dass mich mein Gefühl und meine Wahrnehmung nicht trügt. Eine Zeitlang versuche ich, mich einlullen zu lassen und glaube, wenn jemand mir erzählt, ich empfinde etwas falsch. Irgendwann werde ich jedoch bestätigt, dass ich gleich meinem Impuls hätte folgen können. Hätte Zeit und Denken erspart.
    Gerade heute aktuell: Ein eigentlich sachliches Gespräch mit meinem obersten Chef (in meinem Team muss eine Stelle nachbesetzt werden). Irgendwann wurde er komisch, redete endlos um den Brei herum, auf Nachfrage nach einer konkreten Aussage wurde er verdeckt aggressiv. Im Schlusssatz habe ich ihm gesagt, dass ich diese Reaktion auf ein Sachthema aggressiv fand. Tat gut.


    Einhorn,
    Was meinst Du mit dem Spiegeln des Alkoholikers? Dass man ihn konfrontiert und er deshalb aggressiv wird? Dass man ihn in die Ecke drängt, klar Stellung zu beziehen? Davon bekommt er schlechte Laune? Weil man eben nicht abperlen lässt, sondern darauf eingeht?
    Vielleicht kannst Du noch mal beschreiben, wie Du das meinst.


    Definitiv erspüre ich Stimmungen, die ein Gegenüber verleugnet. Wenn jemand mich scharf ansieht, braucht er mir nicht zu sagen, er sei entspannt. Oder Genervtheit, die rieche ich regelrecht. Wenn jemand das dann SAGEN würde, wäre ich ja zufrieden und könnte damit umgehen.
    Im Übrigen: Sind nicht ganz viele Alkoholiker auch HSP? Diejenigen, die ich kenne, erscheinen mir so. Eher sensible Menschen, die sich vielleicht selbst "therapieren" mit Alkohol. (Das Sensible zog mich an meinem Ex im Übrigen an)

  • Hallo Biene,


    ich finde deine Überlegungen sehr interessant!


    Dieses "Komm her -Geh weg" macht auf alle Fälle was mit einem.
    Gesunde, starke Persönlichkeiten werden sich solches Verhalten wahrscheinlich nicht lange gefallen lassen. Aber Personen, die von Natur aus schon eher unsicher sind, nicht stabil selbstsicher und Konfrontationen meiden, die haben große Schwierigkeiten. Also das ist jetzt meine eigene Meinung und Erfahrung dazu.


    Mich macht solches Verhalten extrem unsicher. Ich bin dann in ständiger Hab-Acht-Stellung und traue mich nicht, Grenzen zu setzen. Zum Beispiel. Also ist die andere Person gerade in guter Laune und "Komm-Her" Stimmung dann öffnen sich meine Grenzen und ich verliere mich. Bin voller Hoffnung auf bessere Zeiten und dass alles gut wird. Fühle mich gesehen und geliebt und angenommen.


    Wenn dann die Stimmung wieder kippt dann fühle ich mich abgewertet, verstoßen. Wertlos. Meine Grenzen sind verschwunden und ich kann sie nicht aufbauen. Ich verliere mich in Selbstzweifel und Schuld und Abwertung meiner Person. Ich möchte mich verschließen aber ich schaffe es nicht.


    Dieses Hin und Her zermürbt mich extrem und macht mich ängstlich. Ich bin eh eher eine ängstliche Person und durch solche ambivalente Verhaltensweise bin ich dauerangespannt. Ich erlebe das gerade mit meinem ExSchwiegersohn und dessen 2. Frau. Da passiert genau solches Verhalten und ich bin mittlerweile schon völlig am Boden. Ich weiß nie, was mich erwartet, wenn ich die Enkel abhole oder heimbringe. Es kann passieren, dass ich herein gebeten werde und mich setzen darf und wir plaudern nett. Dann bin ich voller Hoffnung, dass alles gut wird und ich gesehen und anerkannt werde. Dann kann aber einige Zeit später eine ganz böswillige Whatsapp kommen, in der ich beschuldigt werde. Hinten rum, nicht mal direkt. Für irgendwas, meistens, eigentlich immer, eine Lappalie. Und dann kann es passieren, dass ich stundenlang beschimpft werde.


    Und beim nächsten Kinderabholen ist auf einmal alles tutti und ich werde umarmt.


    Ich halte das nicht mehr aus, ich gehe gerade kaputt daran. Alles in mir ist völlig verdreht und durcheinander. Ich bin dabei, da Auswege zu suchen. Denn ich möchte ja meine Enkel auch weiterhin sehen. Wären die Kinder nicht, ich würde den Kontakt einstellen. Denn das macht mich kaputt.


    Ich hoffe, du kannst was mit meiner Erfahrung anfangen.


    Liebe Grüße
    Aurora

    Der meiste Schatten in unserem Leben rührt daher, dass wir uns selbst in der Sonne stehen.
    (Ralph Waldo Emerson)

  • Liebe Biene,


    ich lese Dich immer sehr gerne, Deine Antworten bei einigen Beiträgen bringen mich immer sehr zum nachdenken und zum reflektieren. Umso mehr freue ich mich über Deinen neuen Beitrag. Ich bin ja nun auch schon über zwei Jahre von meinem Ex-Mann getrennt, aber die Trennung alleine hat mir nicht geholfen, um aus der Co-Abhängigkeit raus zu kommen.


    Beziehungssucht finde ich auch besser als das Wort Co-Abhängkeit. Für mich jedenfalls. Denn bei vielen Sachen kann ich mich in der Co-Abhängkeit nicht finden, aber ich bin definitiv Beziehungssüchtig (gewesen). Diese Verunsicherung kenne ich sehr gut, ich habe genauso gehandelt wie Du.


    Zitat


    ich nehme mir vor, geschmeidig, angepasst und duldsam :D zu sein.
    Ist mir über Jahre ganz gut "gelungen". Im Nachhinein eben immer, um die liebevolle Seite abzubekommen und nicht den reizbar-genervten. Wie schon in einem anderen Thread beschrieben: Ich vermied, zu stören.


    Das habe ich auch getan. Ich konnte mit diesen extremen Stimmungswechseln überhaupt nicht umgehen. Ich wusste nie, was mich erwartet wenn ich nach Hause komme, war nur noch unsicher und nervös.


    Zitat

    Nun meine Frage:
    Wird man automatisch unsicher, tastend, zaghaft, wenn man mit dieser Unberechenbarkeit konfrontiert wird?
    Ist man automatisch gestresst, weil man in hab-acht-Stellung ist?
    Ist das nur bei Co-Abhängigen so oder ist auch ein gesunder Mensch so anfällig für wechselhafte Launen?


    Du hast geschrieben, das Du hochsensibel bist. HSP - den Ausdruck habe ich noch nie gehört. Ich kann Dir nur sagen, das ich genauso unsicher und gestresst war wie Du. Ob ich auch hochsensibel bin? Keine Ahnung. Auch ich merke bei anderen Menschen sofort, wenn irgendwas ist, wenn die Stimmung kippt oder jemand Sorgen hat. Man kann aber auch einfach ein sehr empathischer Mensch sein, der sich viele Gedanken um seine Mitmenschen macht, um solche Stimmungen schnell zu spüren.


    Zitat

    Bin ich selbst "schuld", weil ich verunsichert war?
    Ist der damalige Vorwurf, ich sei (nicht mehr) locker und entspannt berechtigt oder eine angemessene Folge dieser Komm-her-geh-weg-Wechsel?
    Es würde mir wirklich helfen zu verstehen, ob ich zu sensibel bin oder ob meine Sensibilität eine logische Folge war.


    Ehrlich gesagt glaube ich heute, das der Vorwurf, nicht mehr locker und nur noch angespannt zu sein berechtigt war. Ich kann mir vorstellen, mit einem Partner zusammen zu leben, der nur noch diese hab-acht-Stellung hat auch unbefriedigend ist. Das es durch das Verhalten unserer Ex-Partner hervorgerufen wurde ist ja erstmal nicht vordergründig, sondern das selten eine lockere Stimmung aufkommen konnte. Das würde ich jedenfalls jetzt Rückblickend auf meine damalige Zeit mit meinem Mann so sagen.


    Zitat

    Und: Wird die Co-Abhängigkeit durch dieses Wechselspiel noch gefüttert / verstärkt?


    Ich denke, das die Beziehungssucht auf jeden Fall dadurch verstärkt wurde. Wie Du selbst schon mal geschrieben hast, dieses ewige ranziehen und im nächsten Moment wegstoßen, das fördert die Sucht nach dem Menschen. Himmerhochjauchzend und zu Tode betrübt... Ich habe noch nie mit einem Mann eine so intensive Beziehung gehabt wie mit meinem Ex-Mann. Entweder ist mir der pure Hass entgegengeschlagen oder wir haben nachts zusammen im Wohnzimmer getanzt :roll: So wie wir meistens sehr sensible Menschen sind, so sind es Alkoholiker oftmals auch. Alleine deswegen haben wir schon "so gut" zusammen gepasst.


    Alles Liebe
    Sunny

  • Danke Sunny!
    Und doch eine Nachfrage: Wie KANN man denn locker und entspannt bleiben, wenn man so wechselhaft behandelt wird? Wenn man sich zeitweise vorkommt, als sei schon die Art zu Atmen eine Zumutung?
    Ich habe das zeitweise als unfair empfunden - der Alkoholkranke benimmt sich schlecht, hat wirklich unangenehme Angewohnheiten (u.a. im Hygienebereich oder beim ungenierten "Entgasen"), ist aber andererseits anspruchsvoll und möchte mit guter Laune belohnt werden.
    Das fällt mir schwer, da sonnig zu bleiben ....
    Wenn der Partner sich benimmt wie ein Pubertier ,-) und man selbst soll fröhlich lächelnd die Laune verbessern.
    Verleugnet man sich da nicht auch?

  • Liebe Biene,
    man KANN gar nicht locker und entspannt bleiben wenn sich der Partner so benimmt! Ich wollte das damit auch nicht zum Ausdruck bringen, sondern das „unsere“ Art mit der Situation umzugehen für den anderen vielleicht auch anstrengend war. Das heißt jetzt nicht, das ich Verständnis mit dem Alkoholiker habe!


    Ich empfand es auch extrem schwierig in solchen Momenten ruhig zu bleiben, die coole nette Verständnisvolle Frau zu spielen, das hat bei mir am Ende überhaupt nicht mehr funktioniert. Ehrlich gesagt glaube ich, das es den wenigstens Menschen gelingen wird, fröhlich und glücklich zu sein wenn man so behandelt wird!


    Den Schuh, das nur „ich“ total unentspannt bin, nur am meckern und alle Stimmung kaputt mache, den sollte man sich gar nicht mehr anziehen. Im Grunde wissen wir es doch heute besser, oder?


    Aber ein bisschen Unsicherheit wird wahrscheinlich immer bleiben... :cry:

  • Hallo liebe Biene, ich lasse dir auch mal ein paar Gedanken hier. Ich bin auch hochsensibel und für mich war das Buch von Luca Rohleder, „ die Liebe empathischer Menschen „ein ziemlicher Augenöffner. Die Stimmungsschwankungen haben mir auch extrem zu schaffen gemacht,aber mehr in Hinblick auf meine Ängste ,verlassen zu werden. - Eins meiner Kindheitstraumata-. Und sein Schweigen war die schlimmste Bestrafung. Das hatte er schnell raus und wusste dass ich alles tue ,um das zu beenden. Ich war wirklich süchtig. Vor allem nach der Nähe,die in guten Zeiten möglich war. Schon eher symbiotisch. Das hat zu Anfang sein und mein emotionales „ Liebesloch „( eigentlich ein Defizit aus Kindertagen) stopfen können,dann nicht mehr. Ja und dann hat er seiner Sucht,dem Alkohol,gefrönt und ich meiner Sucht nach seiner Nähe. Und dieses komm her geh weg Spielchen ist ein solcher Stress, den ich dann mit Riesen großer Liebe.....der größten überhaupt im ganzen Universum ....verwechselt habe. Bei mir ging es nur durch Trennung und radikaler Kontaktsperre ,um aus dieser Sucht rauszukommen. Dazu alle möglichen Selbsthilfegruppen und arbeiten mit dem inneren Kind, meditieren,lesen,Sport und komplette Suchtmittelfreiheit (Zigaretten,Alk,Süsskram). Jetzt ,nach knapp einem Jahr geht es mir ziemlich gut und ich fange mich an zu fragen,was an diesem Mann denn nun so toll war. Ganz liebe Grüße Mcfly

  • Liebe Biene,
    ich kann mich Mcfly eigentlich nur anschliessen und hätte Dir genau dieses Buch auch empfohlen.
    und plötzlich passte einfach alles zusammen...und ich bin dem Menschen der es mir schon vor langer Zeit ans Herz gelegt hatte zutiefst dankbar
    Einhorn

  • Hallo Biene,
    ohne jetzt die vorhergehenden Antworten gelesen zu haben...


    Zitat

    Wird man automatisch unsicher, tastend, zaghaft, wenn man mit dieser Unberechenbarkeit konfrontiert wird?


    Ja natürlich, was denn sonst? Stärken wird es einen wohl eher nicht, oder? :wink:


    Zitat

    Ist man automatisch gestresst, weil man in hab-acht-Stellung ist?


    Also ich wäre es mit Sicherheit.


    Zitat

    Ist das nur bei Co-Abhängigen so oder ist auch ein gesunder Mensch so anfällig für wechselhafte Launen?


    Ich bin nicht CO-abhängig, aber trotzdem anfällig für die Launen anderer.
    Ich bin ein sehr empathischer Mensch und fange so auch oft Stimmungen auf und kann so auch oft vorhersagen, wie der andere
    in Kürze handeln wird (wenn ich ihn gut kenne).
    Das ist einerseits eine Gabe, andererseits aber auch ein "Fluch" :wink:
    Ich musste lernen, mich abzugrenzen. Was auch bedeutet, einfach mal Situationen zu verlassen, Gespräche zu beenden,
    innerliche Grenzen zu ziehen etc.
    Meist klappt das auch ganz gut, aber nicht immer.
    Und da sehe ich ein Problem bei CO-Abhängigen Menschen, sie lassen oft ihre Grenzen überrollen, suchen sogar immer noch nach Anerkennung,
    selbst wenn der andere noch so schlecht drauf ist oder sie sogar schlecht behandelt.
    Und werden dabei auch immer mehr zum "Fähnchen im Wind".
    Es fehlt an Abgrenzung, an NEIN-Sagen-Können, an Selbstbewußtsein etc.
    Bitte nicht als Vorwurf sehen, so ist es nicht gemeint, auch ein CO hat ja seine Vorgeschichte, auf die er teilweise keinen oder kaum Einfluss hatte, beispielsweise, wenn die Abhängigkeit zu anderen schon in der Kindheit angelegt wurde.


    Zitat

    Bin ich selbst "schuld", weil ich verunsichert war?
    Ist der damalige Vorwurf, ich sei (nicht mehr) locker und entspannt berechtigt oder eine angemessene Folge dieser Komm-her-geh-weg-Wechsel?
    Es würde mir wirklich helfen zu verstehen, ob ich zu sensibel bin oder ob meine Sensibilität eine logische Folge war.


    Das kann ich nicht beurteilen.


    Zitat

    Und: Wird die Co-Abhängigkeit durch dieses Wechselspiel noch gefüttert / verstärkt?


    Das ist auf jeden Fall so.
    Es ist bekannt, das ambivalentes Verhalten Abhängigkeit fördert oder sogar entstehen lässt.
    (Kannst Du an auch diversen Stellen im net ergoogeln).
    Und das kann auch "gesunden" Personen so passieren, das das ambivalente Verhalten des Partners in eine psychische Abhängigkeit führt.
    Nur lassen die sich das nicht ewig bieten, sondern ziehen daraus wohl eher die Konsequenzen?


    LG Sunshine

  • Ich danke Euch für Eure Antworten und Anregungen - hier und auch per PN.
    Was mich immer noch sehr umtreibt, ist ein Schuldgefühl.
    Ich bin "schuld" an den Launen, weil ich sensibel bin oder eben irgendwann nicht mehr "easy" und locker.
    Das wird durch die Argumentation des Spiegelns fast noch verstärkt.


    Zusammengefasst: Wäre ich anders, hätte man mich nicht so behandelt.
    So ungefähr.
    Oder auch anders erklärt: Ich hätte die schlechte Laune beheben können, wenn ich anders wäre.
    Vielleicht aber auch ein bisschen größenwahnsinnig, wenn man meint, das beeinflussen zu können.
    Oder eben auch eine Facette der Coabhängigkeit: Ich kann etwas tun (lassen), damit es gut wird.

  • DU BIST NICHT SCHULD an den Launen Deines Gegenübers!


    Das mal zuallererst! Jeder Mensch ist wie er ist. Der eine sensibler, der andere eben anders. Du gibst Dir die Schuld daran, das du nicht mehr locker sein konntest. Dein Gegenüber hat doch aber durchweg deine Grenzen überschritten. Hättest Du denn auch bei einem anderen Menschen zugelassen, das diese dauernd überschritten werden?


    Wärst du anders, wärst du doch aber nicht mehr Biene... Und eh bist du doch nicht dafür geboren worden um die schlechten Launen eines anderen zu beheben! Und selbst wenn Du "anders" gewesen wärst, was wäre das denn für ein Leben mit einem Alkoholiker? Es gibt Menschen die in Partnerschaften zusammen leben, aber jeder nur auf sich fokussiert ist. Manchmal bewundere ich Frauen, die alles an sich abprallen lassen können, egal wie sich der Mann benimmt. Aber andererseits habe ich akzeptiert, das ICH neunmal nicht so ein Mensch bin! Man kann sich doch nicht immer verstellen, weil man denkt, man muss alles mal locker sehen!


    Man ist wie man ist... und das ist auch gut so! Hab dich mal selbst lieb, denn du bist bestimmt ein liebenswerter und ganz toller Mensch!!!

  • Zitat

    Ich bin "schuld" an den Launen, weil ich sensibel bin oder eben irgendwann nicht mehr "easy" und locker.


    Ach Unsinn, das ist ganz typisches Säufergelaber !
    Man sucht sich Schwachstellen, um den anderen runter zu machen, dann ist der nämlich gefügiger und funzt wieder geschmeidiger.
    Das ist reine Manipulation.
    Fall nicht auf sowas herein !


    Zitat

    Zusammengefasst: Wäre ich anders, hätte man mich nicht so behandelt.


    Hmmmm... das Problem ist, das CO-Abhängige schlecht Grenzen ziehen können und dann entsprechend von gewissen Leuten ausgenutzt werden.
    Wärest Du anders, hätte man Dich wohl gar nicht erst so behandeln können, nicht wahr?
    Aber ist es denn anders herum fair, einen Menschen auszunutzen, der schlecht Grenzen setzen kann?
    Ich kann sowas nicht, wenn ich merke, da ist mir jemand nicht gewachsen, hacke ich nicht weiter auf ihm rum, weil das unfair ist.
    Ein nasser Alkoholiker wird das aber anders machen, der entscheidet sich lieber für die Manipulation, weil sie der eigenen Sucht dienlich ist.


    Zitat

    Oder auch anders erklärt: Ich hätte die schlechte Laune beheben können, wenn ich anders wäre.


    Nö, hättest Du nicht !
    Ich muss direkt etwas darüber schmunzeln, denn es ist schlichtweg unmöglich, es einem nassen Alkoholiker recht zu machen.
    Da könntest Du biegsam wie ein Grashalm sein, er würde trotzdem was an Dir finden, um seinen eigenen Frust auszulassen.
    Oder wie hörte ich es erst gestern in einem alten "Columbo"?
    "Nichts ist schlimmer als ein nüchterner Trinker".
    Damit wurde es auch kurz und knapp auf den Punkt gebracht. Denn so ist es nun mal.
    Mal davon abgesehen, das ein Trinker kaum mal wirklich nüchtern ist, jedenfalls sicher nicht am Tag darauf. Aber das ist n anderes Thema.


    Nein Biene, Du hättest seine schlechte Laune nicht beheben können, egal was Du getan hättest.
    Nur wird das ein nasser Alkie kaum zugeben, dann passt ja seine kleine Säuferwelt nicht mehr zusammen.


    LG Sunshine

  • Vielen Dank - Ihr habt sicher recht.
    Das mit der Manipulation habe ich mir auch schon mal überlegt, sozusagen die Manipulation als Ablenkmanöver. Und dann werde ich eben "kompliziert" genannt, wenn ich nicht einfach funktioniere, sondern ungeschmeidig bin. Nicht zahm und fröhlich und gute Laune spendend.
    Es war immer mein ganzer Stolz, wenn ich mal "schaffte", dass er sich freut.
    Dafür habe ich mich angestrengt. Für´s herzliche Freuen.
    Und dabei vergisst man leicht, das wenig zurückkommt.


    Danke!
    PS: PN´s kann ich nicht beantworten, es heißt, ich sei nicht berechtigt. Vielleicht geht das nur im Bezahlforum.

  • Zitat

    Das mit der Manipulation habe ich mir auch schon mal überlegt, sozusagen die Manipulation als Ablenkmanöver. Und dann werde ich eben "kompliziert" genannt, wenn ich nicht einfach funktioniere, sondern ungeschmeidig bin.


    Genau so läuft das !
    Und man schlägt damit auch gleich 2 Fliegen mit einer Klappe.
    Der CO hält erstmal den Mund und man hat gleich auch noch einen Schuldigen, warum man nun schon wieder saufen muss.
    Ich habe es übrigens ähnlich gemacht, erst n Streit vom Zaun gebrochen und dann meine Sauferei darauf geschoben.
    Es sind IMMER andere schuld, nur der Säufer nie. :roll:


    Zitat

    Es war immer mein ganzer Stolz, wenn ich mal "schaffte", dass er sich freut.
    Dafür habe ich mich angestrengt. Für´s herzliche Freuen.


    Das ist echt traurig :(
    Und so sollte es auch nicht laufen in einer Beziehung, oder?
    Klar zieht man auch mal den anderen mit raus aus ner schlechten Stimmung wenn es geht, aber grundsätzlich ist jeder für sein Wohlbefinden
    selbst verantwortlich.
    Du bist nicht für die Stimmung Deines Partners zuständig !


    Zitat

    Und dabei vergisst man leicht, das wenig zurückkommt.


    Biene, da kann einfach nichts mehr zurück kommen bei einem abhängig saufenden Menschen !
    Die Sucht hat einen viel zu fest im Griff, da interessieren einen anderen Menschen nicht mehr wirklich.
    Eigentlich gar nicht, es sei denn, sie könnten einem von Nutzen sein.
    Man hat bereits alles, was man braucht, nämlich die PULLE. Und gegen die hast Du einfach Null Chance.
    Außerdem muss man seine ganze Energie für die Beschaffung, die Sauferei selbst und später der Pullenentsorgung verwenden.
    Als nasser Alkie hast Du gar keine Zeit mehr für was anderes, und alle Gedanken drehen sich auch nur noch darum, wenn man ehrlich ist.
    Was sollte da denn noch zurück kommen?


    LG Sunshine

  • Liebe Biene. Ich habe da für mich so einen Vergleich. Als Hochsensibler Mensch mit einem Alkoholiker oder Narzissten oder Egozentriker etc. Zusammensein zu wollen,ist als wenn man versuchen will als Pinguin im Haifischbecken zu überleben. Das klappt nicht gut und wenn dann nur mit vielen Verletzungen und höchster Konzentration (Stress). Jetzt ist der Pinguin doch ein total tolles und liebenswertes Tier aber leider im falschen Schwimmbecken. Und der Hai ist eben ein Hai. Der kann nicht anders. (Nur bei findet Nemo 😎😀). Sei ein Pinguin,hab dich lieb und wechsel das Becken. Weil du bist toll so wie du bist. Ganz liebe Grüße Mcfly. P.s. Das Buch „Benjamins Schatten“ ist sehr empfehlenswert.

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