Kurswechsel - Auch ich möchte mich nun vorstellen.

  • Es heißt doch immer, dass man sich ein Leben lang mit seiner Krankheit auseinandersetzen soll. Davon lebt ja auch dieses Forum. Gehören dann meine Gedanken nicht auch dazu? Oder ist das wirklich reine Zeitverschwendung. Oder kann man es so ausdrücken, dass es vielleicht am Anfang des Prozesses dazu gehört?

    In den ersten Monaten war die Auseinandersetzung intensiv und ich habe viel über mich und die Krankheit gelernt.
    Deine Gedanken gehören auch dazu, natürlich. Dafür hat jeder von uns dieses Forum. Jeder muss seinen eigenen Weg finden und der fällt mir nicht in den Schoß. Reflektieren, sich selbst hinterfragen, verstehen und sich in der Stabilisierung der Abstinenz weiterentwickeln, dann ist es für mich keine Zeitverschwendung.

    Aber dafür ist dein Faden ja auch da, in ein paar Jahren liest du deinen Beitrag erneut und erkennst einen Prozess "darüber habe ich mir mal Gedanke gemacht?"

    Das habe ich auch schön öfter gemacht und dabei kannst Du Deine Entwicklung erkennen. Die Zeiteinheit sind hier eher Monate statt Wochen.

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          - abstinent seit 6.01.2024 -

  • Hallo Kurswechsel,

    ich finde Deine Gedanken komplett nachvollziehbar. Ich bin jetzt seit 7 Jahren trocken und habe am Anfang auch vieles durchdacht. Manchmal mache ich das auch heute noch. Weil ich es spannend und interessant finde. Nicht jeder hat das Bedürfnis zu analysieren oder auf einer Sache länger herum zu denken. Das ist für mich typabhängig und hat nichts mit richtig oder falsch zu tun.

    Auch im Nachhinein betrachtet, war das von mir kein nasses Denken. Denn für mich steht von Tag 1 an fest, dass ich bis an mein Lebensende keinen Alkohol mehr trinken will und werde.

    Deine Gedanken sind völlig in Ordnung und gehören hier auch hin.

    Ich lese Dich übrigens sehr gern (und fand Deine Gedanken wie gesagt nachvollziehbar).

    LG Cadda

  • Ich persönlich hatte diese Gedanken am Anfang auch und glaube, dass sie relativ menschlich sind. Wir analysieren, zerdenken und kategorisieren als Spezies nun mal gerne. Und Wissen ist nun mal Macht und sei es nur am Anfang der Abstinenz als Waffe gegen das Suchthirn.

    Mit fortlaufender Abstinenz sind diese Analysen ganz von selbst verschwunden, der Weg wurde alternativlos klar und der Drang zu philosophieren löste sich in Wohlgefallen auf.

    Hobbes für diese Worte bin ich dir sehr dankbar. Das hat mir definitiv noch einmal Klarheit in meine Gedanken gebracht und geholfen alles einzuordnen.

    Nicht jeder hat das Bedürfnis zu analysieren oder auf einer Sache länger herum zu denken. Das ist für mich typabhängig und hat nichts mit richtig oder falsch zu tun.

    Liebe Cadda, das bestätigt mich nochmal, dass solche Gedanken auch ihren Platz haben dürfen, solange die Abstinenz fest im Fokus bleibt.

    Dieser heutige Austausch hat mich ein gutes Stück auf meinem Weg weitergebracht. Ich bin jedem Einzelnen hier gleichermaßen dankbar für seinen Beitrag zu meinen heutigen Gedanken - egal ob schonungslos ehrlich oder einfühlsam verständnisvoll. Die einfühlsamen und verständnisvollen Stimmen geben mir Hoffnung und Motivation, während die schonungslos ehrlichen Worte mir den nötigen Anstoß geben, den ich gerade brauche. Beide Seiten sind wichtig, und ich bin froh, dass es hier im Forum diese Mischung gibt.

    Jetzt gehe ich doch noch mit einem ruhigen Kopf in die Nachtruhe und irre geistig nicht weiter umher. Mein Gedankenkarussell hat angehalten, und diesmal bin ich sogar halbwegs elegant ausgestiegen. Sollte es morgen wieder losgehen, weiß ich ja, wo ich Halt finde - hier bei euch. :)

    Gute Nacht zusammen!

    „Ein klarer Geist ist wie ein stiller See – jeder Tropfen hinterlässt Wellen, aber die Ruhe kehrt immer zurück.“

  • Ist das wirklich nasses Denken Hartmut ?

    Vielleicht mal etwas allgemeines zum "nassen Denken"

    Viele, die am Anfang ihrer Alkoholabhängigkeit stehen, ordnen den Begriff 'nasses Denken ' oft in die Schublade 'schlimm' ein. Sie wehren sich mit Händen und Füßen dagegen und analysieren den Begriff so lange, bis sie glauben, dass es bei ihnen ganz anders ist.

    Das ist Quatsch. Das braucht es nicht. Es ist eine Nebenwirkung von jahrelangem Trinken, tief eingebrannt ins Gehirn, um an den Stoff zu kommen. Es ist ein Prozess, der im Kopf abläuft, und jeder Alkoholiker erlebt das. Da braucht sich niemand etwas vorzumachen.

    Wenn ich heute zum Arzt gehe, beschreibe ich meine Symptome, damit er meine Krankheit richtig diagnostiziert, einordnet und mir hilft, gesund zu werden. Genauso ordne ich auch das nasse Denken ein. Es ist ein Symptom, keine Anklage und schon gar nicht eine Unwort.

    Wer sich dagegen wehrt oder es unangenehm findet, wenn das 'nasse Denken' angesprochen wird, hat den Sinn nicht ganz verstanden und läuft Gefahr, in alte Verhaltensmuster zurückzufallen, in denen er immer wieder zum Glas gegriffen hat.

    Ich habe es immer neutral betrachtet. Wenn ich es nicht sofort verstanden habe, habe ich nach ein paar Tagen noch einmal darüber nachgedacht. Ob derjenige, der es geschrieben hat, nun recht hatte oder nicht, ändert nichts daran, dass es möglich sein könnte.

    Das war ein etwas längerer Text und hat nicht unbedingt nur mit dir zu tun. Vielleicht kannst du und andere die es lesen etwas entspannter damit umgehen.

    Gruß Hartmut

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    Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe!

    Trocken seit 2007

  • Es ist ein Symptom, keine Anklage und schon gar nicht eine Unwort.

    Danke für deinen ausführlichen Text Hartmut. Ich finde deinen Vergleich mit dem Arzt sehr treffend.

    Dass mit dem „nassen“ Denken und dem sich dagegen wehren, erinnert mich an eine kleine Zen-Geschichte, die ungefähr so ging: Ein Schüler fragte seinen Meister, wie er mit unangenehmen störenden Gedanken umgehen solle. Der Meister antwortete: „Stell dir vor, du sitzt am Fluss und siehst, wie Blätter vorbeischwimmen. Manche Blätter magst du, andere nicht. Aber der Fluss fließt weiter, egal, was du davon hältst.“

    Ich glaube, so könnte ich auch mit dem „nassen Denken“ umgehen – es kommen zu lassen, es zu beobachten, aber nicht daran festzuhalten oder dagegen anzukämpfen. Diese Perspektive nehme ich auf jeden Fall für mich mit. Danke dir!

    „Ein klarer Geist ist wie ein stiller See – jeder Tropfen hinterlässt Wellen, aber die Ruhe kehrt immer zurück.“

  • Bin auf Deinen Projektbericht gespannt😉

    Hey Nayouk,
    ich schulde dir ja noch einen Projektbericht zum Schlaf-Verbesserungs-Projekt mittels Süßigkeiten-Verzicht.

    Also: Ich habe es tatsächlich durchgezogen, keine Süßigkeiten mehr zu essen… okay, zumindest ab dem späten Nachmittag nicht mehr. Und siehe da, mein Schlaf hat sich signifikant verbessert (ja, da spricht der kleine Empiriker in mir). Zugegeben, ich wache ab und zu immer noch auf, wenn die Blase drückt – ich bin halt keine 20 mehr, wo man noch bis zum Mittag durchgeschlafen hat. Aber alles in allem: eindeutig ein Erfolg!

    Ob mein Versuch objektiv, reliabel und valide ist, sei dahingestellt (wissenschaftliche Genauigkeit und so), aber ich glaube an das Ergebnis. Jetzt stehe ich nur vor einem neuen Problem: Abends keine Süßigkeiten mehr, aber ich LIEBE Süßigkeiten! Naja, es gibt schlimmere Herausforderungen im Leben (eine davon hat mich in dieses Forum geführt).

    Fazit: Projekt geglückt, abendliche Süßigkeiten ade! In diesem Sinne – allen einen angenehmen Abend!

    „Ein klarer Geist ist wie ein stiller See – jeder Tropfen hinterlässt Wellen, aber die Ruhe kehrt immer zurück.“

  • Klingt gut. Aber pass auf, dass Du Dich nicht übernimmst. Das mit den Süßigkeiten habe ich auch später erst reduziert.

    Danke für deinen Hinweis, Alex! Ich glaube, ich habe da einen ganz guten Kompromiss gefunden: Ich verzichte ja nicht komplett – zum Kaffee gibt’s (aktuell) schon noch Lebkuchen (natürlich selbstgebacken – unfassbar lecker!) und so. Außerdem ist es ja nicht nur ein Verzicht, sondern auch ein großer Gewinn: Meine Schlafqualität hat sich verbessert und davon profitiere nicht nur ich, sondern auch meine Mitmenschen – schließlich müssen sie dann meine schlechte Laune (bei zu wenig Schlaf) nicht mehr ertragen :)

    „Ein klarer Geist ist wie ein stiller See – jeder Tropfen hinterlässt Wellen, aber die Ruhe kehrt immer zurück.“

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