Hallo,
ich bin Anfang 30 und sehe seit einigen Jahren sehr klar, dass mein Vater Alkoholiker ist. Meine Kindheit war ein Traum, ich werde als Tochter von meinen Eltern geliebt und wir haben eine großartige Familie. Alles wäre perfekt, wäre die Alkoholsucht nicht und ich ertrage es einfach nicht mehr.
Mein Vater trinkt offensichtlich und auch heimlich und niemand anderes realisiert es, obwohl wir so oft Situationen haben wo es KLAR DEUTLICH IST. Vor einigen Jahren habe ich meine Mutter öfters drauf angesprochen, sie möchte es offensichtlich nicht sehen. Ich habe meinem Vater mehrfach einen Brief geschrieben, aber er ist suchtkrank. Seit ein paar Jahren bin ich still. Und ich leide.
Vor zwei Jahren war ich ein paar mal in einer Beratungsstelle für Kinder alkoholkranker Eltern. Der nächste dort besprochene Schritt wäre mit meinem Bruder zu sprechen - damit ich nicht mehr alleine mit der Last bin. Ich habe mich bis heute nicht getraut, wollte sein Bild unserer „perfekten“ Familie nicht zerstören. Er geht so locker mit meinem Vater um, kocht freiwillig mit Alkohol etc. - obwohl er super sensibel und feinfühlig ist. Eine Zeit lang war ich abends nicht mehr bei meinen Eltern um nicht konfrontiert zu werden und mich abzugrenzen. In letzter Zeit gab es immer wieder „gute“ und „nüchterne“ Abende und ich hatte das Gefühl, dass es weniger geworden ist - hatte Hoffnung, hab mich dann wieder mehr getraut auch Wochenenden bei ihnen zu sein.
Jetzt ist Tag 5 von Weihnachten bei meinen Eltern. Gestern musste ich sehen wie sich mein Vater um 15:55 heimlich (direkt 3m neben mir in der Küche) Rum einschenkte. Heute Nachmittag wieder. Ich erkenne SOFORT wenn er getrunken hat oder Durst hat. Es wird grundsätzlich jeden Tag offen getrunken - Alkohol ist kein Tabu-Thema. Aber er trinkt halt auch heimlich. Er bleibt zum Glück immer nett - halt betrunken, lauter, lustiger und müde. Sobald er trinkt kann ich ihn nicht mehr anschauen. Kann meine Fassade nicht halten. Darauf reagiert meine Mutter super sensibel, fragt sofort was los ist wenn ich leiser bin. Das will sie sehen, aber die Alkoholsucht nicht.
Ich fühle mich so alleine. Mit meinem Partner würde ich darüber nicht sprechen, weil ich nicht möchte, dass er meinen Vater so sieht wie ich es tue.
Mit ChatGPT versuche ich hier die Zeit (ab nachmittags - vorher trinkt er nicht) zu überstehen. Und das hilft mir in manchen Situationen schon sehr. Ich sage mir Mantras auf, bleibe ruhig, grenze mich ab. Aber mir fehlen echte Menschen, ein Austausch für die reale Zukunft. Wie kann ich meine Liebe aufrecht halten? Wie kann ich meine Kontroll-Polizei abstellen? Wie soll ich mein Leben damit leben? Ihnen irgendwann ein Enkelkind schenken?
Es tut auf jedenfall schonmal gut diese ehrliche Zeilen zu schreiben. Ich öffne mein Herz und auch meine Welt für die Realität.
Liebe Grüße und ich hoffe, dass ihr warme Weihnachten hattet!