Amun - Es wird Zeit …

  • Ein paar Gedanken/Fragen, die mir noch in den Sinn kamen (teils gleich zu Beginn bei deiner Vorstellung) … womöglich helfen sie beim Nachdenken … folgen in Häppchen …

    Nebenbei bemerkt: Meine eigene Erfahrung war, alles an Analyse/Zerdenken erst mal verschieben. Fokus klar auf Stabilisierung. Aufarbeitung später.

    Ich war allein, trank allein, hörte allein auf. Keine "Schuldfragen", keine "Verfehlungen"; es blieb das Warum und die Rekonstruktion des Hergangs. Mir hilft so etwas enorm für meine eigene Selbsterkenntnis und hat somit positive Auswirkung auf meine Stabilität. Die Meinung dazu im Forum ist unterschiedlich. Manche machen einen dicken Strich drunter und schauen nur nach vorn. Hat auch viel für sich.

    Bei dir lässt sich aufgrund der Situation wohl nicht alles aufschieben. Ggf. auch hier: Differenzierung.

  • Dein Trinken, Muster, Zeitverlauf, Menge, Wirkung … kannst du nur selbst einschätzen, welche Auswirkung es auf dich hatte. Bist du wirklich selbstkritisch mit dir, kannst dich selbst ehrlich und schonungslos reflektieren?

    Das ich auch etwas träge nach ein paar Bierchen wurde (…)

    Maximal eine etwas schärfere Art der Formulierung

    Was bedeutet das genau?
    Vor allem: wie kam es beim Gegenüber (Frau, Verwandschaft) an? Der/die eine ist zart besaitet, andere kalt wie … Da gibt es doch eine beeindruckende Bandbreite auch beim Empfänger.

    Ich selbst bin ein sehr in sich ruhender aber offener Mensch. Kann auch mit Schärfe, aber wohlüberlegt, gut dosiert und sehr selten. Diese innere Gelassenheit begann zum Ende hin immer mehr zu bröckeln. Ich wurde durch den Alk manchmal ungehalten und cholerisch. Selten zwar, noch "ohne Aussetzer", aber ich bemerkte die Veränderung.

    Viele Nuancen der Alk-Wirkung wurden mir erst im Rückblick - mit beginnender "echter Trockenheit" - so ab einem halben Jahr Abstinenz - bewusst.

  • Manche machen einen dicken Strich drunter und schauen nur nach vorn.

    Das wird wohl tatsächlich bei jedem anders sein. Nur nach vorne schauen, und die Vergangenheit ausblenden, kann ich nicht. Ich muss vielleicht aufpassen dass ich nicht zu sehr in der Vergangenheit grübel und Szenarien entwerfe, wie man es hätte besser machen können. Aber Vergangenheit und Zukunft gehören für mich zusammen. Und im Moment ist meine Zukunft gerade sehr ungewiss und wenig deutlich. Ergo bin ich wohl auch mehr in der Vergangenheit.

    Bist du wirklich selbstkritisch mit dir, kannst dich selbst ehrlich und schonungslos reflektieren?

    Du beziehst das wahrscheinlich auf meine Bemerkung mit den „paar Bierchen“. Ich wollte damit in keinem Fall etwas verniedlichen oder relativieren. Ich bin schon recht selbstkritisch und ehrlich was das Thema Alkohol bei mir betrifft. Ansonsten wäre ich wahrscheinlich nicht hier, und auch nicht in der realen SHG. Nach über 40 Jahren Alkohol gibt es nichts schön zu reden.

    Was bedeutet das genau?
    Vor allem: wie kam es beim Gegenüber (Frau, Verwandschaft) an? Der/die eine ist zart besaitet, andere kalt wie … Da gibt es doch eine beeindruckende Bandbreite auch beim Empfänger.

    Ich bin jemand der auch ohne Alkohol zynisch und sehr engagiert formulieren kann. Wahrscheinlich mit Alkohol noch schärfer. Ich ziehe es eben vor bei bestimmten Themen ehrlich und direkt zu sein. Auch das mag nicht jeder. Manchmal wäre mehr Diplomatie wahrscheinlich ratsamer. Wenn du ein Bier oder Wein vor dir stehen hast neigen allerdings viele dazu ALLES auf den Alkohol zu schieben. Das ist einfach und passt sehr gut in ein bestimmtes Bild … wenn man will. Meine Frau kennt mich und meine Art. Cholerisch bin ich in Gegenwart meiner Frau nie geworden. Und ja, ich habe das Bedürfnis mit meiner Frau auch darüber zu sprechen. Wie ist es wirklich bei ihr angekommen? Ich kann nur meine Wahrnehmung schildern. Aber es sieht so aus, als wenn meine Wahrnehmung nicht ganz passt. Ich hoffe immer noch das klären und hinterfragen zu können. Tatsache ist dass der Alkohol mich in offenbar einer unangenehmen Art verändert hat.
    Wie bei Dir, werde ich sicherlich noch im Nachhinein, sehr viele Nuancen bewusster bemerken und reflektieren …

  • Auf deine Anmerkungen gehe ich später noch ein.

    Etwas hat mich gleich zu Beginn verwundert:
    Eine Trennung mit Auszug zu Ostern kommt in unserem Alter bei einer gefestigten Beziehung selten wie der Blitz aus heiterem Himmel. Da gibt es meistens eine lange Vorgeschichte, viele Vorzeichen, Warnungen, Gespräche. Konntest/wolltest du sie sehen oder hast es als nichtig abgetan?

    Andererseits gibt es auch Ausnahmen, wie letztens in meinem Freundeskreis. Plötzlich lernt Frau Jemanden kennen, die Liebe "schlägt voll ein". Die latent vorhandene Unzufriedenheit wird schlagartig spürbar, und es wird geballt und in Expresstempo das ausgeführt, was lange gärte (Trennung radikal). Tiefer Einblick in die Gemengelage war mir nicht möglich, wollte ich auch nicht.

    Also alles ist möglich.

  • Eine Trennung mit Auszug zu Ostern kommt in unserem Alter bei einer gefestigten Beziehung selten wie der Blitz aus heiterem Himmel. Da gibt es meistens eine lange Vorgeschichte, viele Vorzeichen, Warnungen, Gespräche. Konntest/wolltest du sie sehen oder hast es als nichtig abgetan?

    Ich denke ich habe irgendwelche Vorzeichen nicht wirklich gesehen. Es gab natürlich ab und an Gespräche, über Alkohol und auch über andere Dinge die ihr nicht so richtig gefallen haben. Aber insgesamt habe ich es wohl nicht ernst genug genommen. Das es dann zu Ostern so eskalieren würde, damit habe ich nicht gerechnet. Vielleicht haben wir beide es vermieden im Vorfeld intensiver über irgendwelche Probleme zu reden. Offenbar hat sich da ein Schwelbrand gebildet, der sich dann plötzlich in einer Stichflamme entladen hat. Über unsere eigenen Probleme, Wünsche und Belange offen zu reden war wohl nicht (mehr) unbedingt unsere Stärke. Jetzt ist es uns um die Ohren geflogen, und jetzt reden wir eben gar nicht mehr …

  • Ich bin jemand der auch ohne Alkohol zynisch und sehr engagiert formulieren kann. Wahrscheinlich mit Alkohol noch schärfer

    Dann kann er ja wieder saufen, wenn er es mal „schärfer“ braucht , das war mein erster Gedanke. ;) Genau solche Sätze liebt das Suchtgehirn. Das sind diese kleinen Hintertüren, die erst harmlos klingen und später plötzlich wieder ganz logisch wirken.

    „Mit Alkohol bin ich lockerer“, „mit Alkohol bin ich direkter“, „mit Alkohol kann ich besser schreiben, fühlen, reden, flirten, diskutieren“, klassischer nasser Alkoholikerfilm. Alkohol macht ja einen nicht besser. Er macht einen enthemmter. Und genau das verkauft das Suchtgehirn dann gern als Persönlichkeit.

    Gerade am Anfang der Trockenheit sind diese alten „nassen“ Denkweisen normal. Das Hirn hat jahrelang gelernt. Alkohol = Lösung. Also flüstert es irgenwann „Trink doch, dann geht es leichter.“

    Und genau diese Hintertüren muss man schließen, sonst steht die Sucht schneller im Wohnzimmer, als einem lieb ist. Gerade bei emotionalen Problemen ist der Wunsch, es auszuhalten, manchmal kleiner als der Druck, wieder zum Glas zu greifen.;)

    Deswegen alkoholfreies Umfeld.

    Wenn ich auf meine Beziehungen zurückblicke, war es am Ende nie nur der einzelne Streit oder ein Ausrutscher. Es war die Summe über Jahre. Alkohol kann ein guter und manchmal notwendiger Grund sein, sich zu trennen aber fast nie der einzige.

    Das ist zumindest meine Erfahrung.

    Gruß Hartmut

    ------------------

    Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe!

    Trocken seit 2007

  • Wenn ich auf meine Beziehungen zurückblicke, war es am Ende nie nur der einzelne Streit oder ein Ausrutscher. Es war die Summe über Jahre. Alkohol kann ein guter und manchmal notwendiger Grund sein, sich zu trennen aber fast nie der einzige.

    Genau das ist auch meine Meinung/ Vermutung. Der Alkohol hat sicherlich seinen Teil dazu beigetragen, vielleicht auch wie eine Art Verstärker gewirkt. Aber das alleine kann es nicht gewesen sein. So lange es keine offenen Gespräche geben wird, werde ich es auch nicht herausfinden.
    Vielleicht wäre es auch ohne Alkohol (früher oder später) zu dieser Trennung gekommen … schwer zu sagen. Meine aktuelle Misere komplett auf den Alkohol zu schieben ist eventuell auch zu einfach. Trotzdem denke ich das der Alkohol meine Wahrnehmung beeinträchtigt hat, sodass ich vielleicht die wirklichen Probleme nicht richtig gesehen habe. Mag auch sein, dass dieses Thema jetzt hier in diesem Forum etwas deplatziert ist. Natürlich liegt da gerade mein absoluter Fokus, aber vielleicht sollten wir es hier nicht so in den Mittelpunkt stellen.

  • … Trennung …
    Natürlich liegt da gerade mein absoluter Fokus, aber vielleicht sollten wir es hier nicht so in den Mittelpunkt stellen.

    Völlig klar und hier auch nicht richtig klärbar, wie schon besprochen.

    Ich hatte das Thema nochmal angefasst in Zusammenhang mit deinem Selbstbild in puncto Alk-Wirkung. Weil du es ablehntest, ein Jahr im Büßergewand umherzuwandeln. Darum geht es nicht, auch nicht um eine Art "Selbstzerfleischung".

    Trotzdem denke ich das der Alkohol meine Wahrnehmung beeinträchtigt hat

    Genau darauf wollte ich hinaus. Dass eigene Wahrnehmung lädiert/vernebelt gewesen sein dürfte. Dass es seine Zeit braucht, sich selbst wieder klarer und objektiver wahrzunehmen (bei trotzdem natürlich subjektiver Begrenztheit).

    Noch ein letzter offener Gedanke aus der Serie Mutmaßungen - nur für deinen Hinterkopf und als mentale Absicherung:

    Da die Trennung dein Schockmoment war - vordergründig wegen Alkohol … was wäre, wenn sich herausstellt, dass dieser Trennungsgrund eher nur ein Teilgrund, womöglich sogar Vorwand war. Würde es die Festigkeit deiner Abstinenz beeinflussen?

  • Meine Erfahrung ist, so lange das Alkoholproblem im Raum steht, wird das Alkoholproblem auch der Streitpunkt sein.
    Es ist dann immer "was wäre, wenn Du nicht trinken würdest?"

    Meine Frau war überzeugt, Alkohol ist das Hauptproblem zwischen uns, ich war davon nicht überzeugt. Denn es war auch ein Problem, dass sie mir vorschreiben wollte, wie ich leben soll und das hatte auch das Vehikel Alkohol.

    Erst wenn der Alkohol weggelassen wird, kommen die gegenseitigen Themen Nähe und Abgrenzung wirklich auf den Tisch und die möglichen Verstrickungen werden auch erst nüchtern aufgelöst.

    Klar hatte ich trotzdem ein massives Alkoholproblem, aber die Trockenheit löste nicht alles von selbst.

    Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.
    Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man es anschiebt.

    Aber das Gras wächst.
    Sei sparsam mit dem Düngen:mrgreen:

  • Da die Trennung dein Schockmoment war - vordergründig wegen Alkohol … was wäre, wenn sich herausstellt, dass dieser Trennungsgrund eher nur ein Teilgrund, womöglich sogar Vorwand war. Würde es die Festigkeit deiner Abstinenz beeinflussen?

    Nein, die Abstinenz ist gesetzt, daran wird sich auch nichts ändern. 40 Jahre sind absolut genug. Und auch wenn ich gerade meine psychischen Probleme mit der Frau in den Mittelpunkt stelle, Gesundheit und Klarheit sind mir sehr wichtig geworden. Die Trennung hat es eher noch mehr in mein Bewusstsein gedrängt …

    Erst wenn der Alkohol weggelassen wird, kommen die gegenseitigen Themen Nähe und Abgrenzung wirklich auf den Tisch und die möglichen Verstrickungen werden auch erst nüchtern aufgelöst.

    Klar hatte ich trotzdem ein massives Alkoholproblem, aber die Trockenheit löste nicht alles von selbst.

    Absolut. Eine sehr gute Analyse von Dir, und treffend formuliert.
    Und genau auf dieser Spurensuche bin ich jetzt. Ich möchte herausfinden was in der Vergangenheit wirklich passiert ist. Was ist passiert, was ich in meinem Nebel nicht gesehen und bemerkt habe.

    Der Alkohol war da, der hat seine Schuld, aber nicht alles kann damit erklärt werden … das wäre zu einfach.

  • Trotzdem denke ich das der Alkohol meine Wahrnehmung beeinträchtigt hat,

    Dazu wurde ja jetzt bereits etwas geschrieben. So war das bei mir definitiv. Aus dem Grund habe ich ja auch (die Betonung liegt auf auch) getrunken. Um nicht hin zu sehen. Nur wusste ich das selbst nicht.

    Was ist passiert, was ich in meinem Nebel nicht gesehen und bemerkt habe.

    Das habe ich dann mit der Nüchternheit gesehen. Wir hatten schon lange keine Beziehung mehr. Ohne Alkohol hätte ich mich wohl schon zehn Jahre früher getrennt.

    Alkohol kann auch helfen in schlechten Lebensumständen zu verharren. Im Prinzip sogar beiden.

    Nüchtern war dieser Zustand nicht länger auszuhalten. Annäherung war auch nicht mehr erwünscht. Es musste sich etwas ändern.

    Ich kenne viele Alkoholiker, die sich mit der Abstinenz getrennt haben. Oder der/die Partner/in, weil eine "richtige" Beziehung gar nicht mehr vorhanden war.

    Wo ich hingehe, dort bin ich.

    Einmal editiert, zuletzt von Alex_aufdemweg (7. Mai 2026 um 15:34)

  • Ich kenne viele Alkoholiker, die sich mit der Abstinenz getrennt haben. Oder der/die Partner/in, weil eine "richtige" Beziehung gar nicht mehr vorhanden war.

    Ja, ich glaube ich werde es langsam akzeptieren müssen. Es fällt allerdings verdammt schwer. Ich denke Du hast es richtig erkannt und beschrieben …

  • Und genau auf dieser Spurensuche bin ich jetzt. Ich möchte herausfinden was in der Vergangenheit wirklich passiert ist. Was ist passiert, was ich in meinem Nebel nicht gesehen und bemerkt habe

    Ich weiß nicht ob das sinnvoll ist, was würde es dir bringen? Du würdest doch nur in der Vergangenheit graben um eventuelle Fehler deinerseits oder von euch beiden zu finden, schau nach vorne Amun das bringt dir mehr.

  • Also rein von dem, was bisher hier geschrieben steht, kann ich kein fundiertes Bild gewinnen.

    Daher würde ich sagen: einfach mal abwarten.
    Und auch den eigenen (falschen/richtigen) Stolz zurückstellen.

    Gründe klar oder unklar? Keinerlei klärendes Gespräch … mir völlig unvorstellbar.

    Einmal hieß es Auszug, später Auszeit gewünscht, dann Trennung.

    Hast sie beim RA gesehen. Ja. Aber was sie da genau gemacht hat: unbekannt. Klar kann man vermuten, Wahrscheinlichkeiten annehmen. Bleibt trotzdem unklar.

    Aber sind wir doch einfach realistisch … nach einem Jahr hat man sich verloren unter solchen Umständen.

    Bei einer langen Beziehung und aktueller Lebensphase plus Lebensumstände wiegt eine Entscheidung sehr schwer. So etwas verwirft man normalerweise nicht leichtfertig (beiderseits betrachtet). Da ist ein (angenommenes!) Jahr überschaubar. Halbiere es mal gedanklich …

    Ergänzung: das soll kein positiv-Denk oder Hoffnung schüren sein. Nur mein neutraler Eindruck

    Einmal editiert, zuletzt von Oskar (7. Mai 2026 um 17:55) aus folgendem Grund: Ergänzung

  • Ich denke Du hast es richtig erkannt und beschrieben

    Wahrscheinlich hast du das jetzt erkannt.

    Ich habe nur beschrieben wie es bei mir war und was ich bisher bei einigen anderen Alkoholikern gehört habe. Ich habe dann gesehen, dass ich kein Einzelfall bin.

    Wie auch bei vielen anderen Dingen was Alkohol betrifft.

    Wo ich hingehe, dort bin ich.

Unserer Selbsthilfegruppe beitreten!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!