Beiträge von Hartmut

    Servus OG92.

    Der Anfang sieht oft genau so aus. Leicht wird es nicht, das muss ich auch nicht schönreden. Ein neues Umfeld aufzubauen gehört dazu, aber es ist nicht die einzige Arbeit.

    Warum machst du heute nicht etwas dort, wo Alkohol keine Rolle spielt? Rausgehen, laufen, irgendwo einen Kaffee trinken – irgendwas.

    Zu Hause sitzen und alte Sommer mit Bier, See und Ex-Partnerin im Kopfkino laufen lassen, ist jedenfalls nicht gerade die beste Veranstaltung.;) Und mal ehrlich: Willst du wirklich zurück zu den Leuten, bei denen das gemeinsame Programm hauptsächlich aus Saufen besteht? Dann waren das vielleicht weniger Freunde als Saufgesellschaft. Oder?

    Was du gerade beschreibst, klingt für mich stark nach Suchtdenken. Kein Vorwurf – da spricht die Sucht aus dir.;) Dieses Muster kennen viele: Plötzlich wirkt das alte Leben , gesellig und frei, während die Trockenheit wie ein Verlust erscheint.

    Nur vergisst der Kopf dabei oft den Rest des Films. Ich bin Alkoholiker.

    Du bist gerade erst am Anfang. Zwei Wochen sind nichts, woran man schon sein ganzes zukünftiges Sozialleben messen sollte. Heute reicht erst mal, nicht trinken, raus aus dem Kopfkino und irgendetwas tun, das nicht mit Alkohol verbunden ist.

    Der Rest wächst nicht über Nacht, aber er wächst. Und hau hier in die Tasten, es wird immer jemanden geben, der dir etwas dazu schreiben kann.

    Co-Pilot, hast du dir eigentlich mal die Mühe gemacht, deine eigenen Beiträge am Stück zu lesen? Nicht die Antworten darauf. Deine.

    Du beschreibst deine Frau inzwischen wie ein ausrangiertes Gerät: „keine Funktion mehr“, Mehraufwand, Ekel, Schadensbegrenzung. Und kurz danach berufst du dich auf die Würde des Menschen. Echt jetzt? Das passt für mich vorne und hinten nicht zusammen.;)

    Für mich sagt das inzwischen mehr über dich aus als über die suchtkranke Person. Aber gut, das ist nur meine kleine Einschätzung nach dem, was du hier selbst schreibst.

    Ich bin kein Psychologe und werde dir keine Diagnose verpassen. Aber ganz blind bin ich nach fast 20 Jahren Selbsthilfe nun auch nicht. Und manches von dem, was du hier schreibst, lässt mich durchaus auch an narzisstische Züge denken.

    Auffällig ist für mich jedenfalls, wie konsequent du dich ins Zentrum dessen stellst, was dir widerfahren ist, während es bei der eigenen Verantwortung und Veränderung erstaunlich dünn wird.

    Seit Jahren dreht sich sehr viel um sie, ihr Saufen, die Auswirkungen auf dein Leben und darum, wie du sie bewertest. Gleichzeitig schreibst du selbst, dass finanziell, materiell und seelisch möglichst wenig Schaden entstehen soll und dass es dir inzwischen ziemlich egal ist, ob das Trennungsjahr ein Jahr oder anderthalb dauert.

    Da darf man dann auch mal fragen, wie viel von diesem Aussitzen noch Co-Arbeit ist und wie viel schlicht damit zu tun hat, dass die bestehende Situation für dich an manchen Stellen günstiger oder bequemer ist.

    Was ich jedenfalls immer wieder lese, ist dieselbe Abrechnung in neuer Verpackung. Mal Zynismus, mal Ekel, mal angebliche Gleichgültigkeit. Nur Gleichgültigkeit klingt normalerweise etwas weniger beschäftigt.

    Das ist für mich keine Entwicklung. Das ist Stillstand mit wechselnder Tapete.

    Denn deine Frau kannst du noch hundertmal analysieren, abwerten oder für „funktionslos“ erklären. An dir verändert das genau gar nichts.

    Nichts für ungut. Das ist meine Einschätzung aus dem, was du hier seit längerer Zeit schreibst. Ich kann damit falschliegen. Nach fast 20 Jahren hier erlaube ich mir allerdings auch mal, mich etwas weiter aus dem Fenster zu lehnen.

    Dir alles Gute

    Rückblickend war ich noch nicht bereit dazu,nie wieder Alkohol zu trinken.

    Deine Erklärung passt – du warst einfach noch nicht so weit. Die Sucht hatte zu viel Spielraum, die Wachsamkeit war weg, und dann reicht ein Gedanke wie: „Wird schon gut gehen.“

    Der andere Teil ist deine heutige Sicht. Da gehört Risikominimierung dazu. Der Saufdruck kann manchmal stärker sein als das eigene Handeln – genau da setze ich an.

    Ich weiß ja nicht, wie es bei dir war: Ob du Alkohol im Haus hattest. Ob du dir alkoholfreie Zonen geschaffen hast. Ob du Rückzugsräume hattest oder ob du einfach noch nicht an dem Punkt warst.

    Ausschließen kann man nichts , Rückfälle sowieso nicht. Aber man kann den Weg zum Alkohol erschweren und auf Zeit spielen.

    Je länger der Weg, desto mehr Chancen hat der nüchterne Teil im Kopf.

    Aber was passiert vorher anderes?


    Chewie,

    genau das ist doch die interessante Frage. Wenn es dir gut ging und es keinen äußeren Grund gab – was ist dann vorher passiert?

    Ich glaube nicht, dass morgens plötzlich ein Rückfall vom Himmel fällt und abends das Glas in der Hand steht. Irgendwo vorher muss sich etwas verschoben haben: Grenzen, Risikobewertungen, Nachlässigkeit, dieses berühmte „Wird schon nichts passieren“?

    Sucht kann leise arbeiten. Die trägt selten eine Warnweste.:whistling:

    Und genau deshalb interessiert mich weniger der Grund, den man hinterher draufklebt. Mich interessiert, was vor dem ersten Glas im Kopf wieder möglich geworden ist.

    Mein Rückfall hier ganz am Anfang war für mich nie nur das Saufen. Das Saufen war die Quittung.

    Vorher bist doch in der Verleugnung.

    Solange ich in der Verleugnung hänge, ist „Ich bin Alkoholiker“ noch nicht wirklich angekommen. Dann kommen die üblichen Tests: ein paar Tage Pause, weniger trinken, kontrollieren. „Geht doch.“ Kennt jeder.

    Ich rede von dem Punkt, an dem die Erkenntnis wirklich sitzt: Ich bin Alkoholiker. Wenn diese Erkenntnis auch nach Jahren klar bleibt, erübrigt sich die Frage, warum es keinen „guten Grund“ mehr gibt, wieder anzufangen.

    Trotzdem werden trockene Alkoholiker rückfällig. Nicht, weil plötzlich ein Grund auftaucht – sondern weil vorher etwas anderes passiert.

    Je mieser ich mich gefühlt habe, desto mehr hab ich getrunken. Bis ich nicht mehr ohne konnte.

    Ja, Auslöser gab es bei mir auch. Aber ich spreche ab dem Punkt, an dem Sucht da ist.

    Dann war für mich die Frage nicht mehr: Was hat mich zum Saufen gebracht? Sondern: Hat der Auslöser mein Saufen bestimmt, oder hat meine Sucht einfach jeden passenden Auslöser benutzt?;)

    Je mieser ich mich fühlte, desto mehr konnte ich saufen. Wenn ich nicht süchtig gewesen wäre, hätte ich auch anders reagieren können. Sport, mich auspowern, rausgehen, reden, schlafen, irgendwas. Möglichkeiten gab es genug.

    Ich habe aber gesoffen.

    Das wusste ich schon sehr lange über mich, es war aber kein Grund damit aufzuhören.

    Das eine ist das Wissen: Ich bin Alkoholiker. Das andere ist die Konsequenz: irgendwann aufhören. Alles, was später passiert ist – Verluste, Krankheit, Beziehungschaos, fast tödlicher Rückfall – waren Folgen meiner Sucht, nicht ihre Ursache.

    Sie haben nur bestimmt, wann ich gehandelt habe, nicht warum.

    Die Basis bleibt und ohne die Sucht hätte es diese „Gründe“ gar nicht gegeben.

    Interessant, wie unterschiedlich „Begründung“ verstanden wird.

    Natürlich kann ich anschauen, welche Funktion Alkohol bei mir hatte, welche Lebensumstände eine Rolle gespielt haben oder warum ich in bestimmten Situationen besonders viel gesoffen habe. Das bestreite ich gar nicht.

    Mir geht es um etwas anderes: Ich brauche daraus keine Rechtfertigung und keinen Schuldigen für meine Sucht.

    Verstehen kann hilfreich sein. Begründen müssen musste ich meine Sucht für mich nie.

    Und trocken werden musste ich ebenfalls nicht erst, nachdem ich mein komplettes Warum, Weshalb und Wieso abgearbeitet hatte.

    Ich bin Alkoholiker. Das war für mich Grund genug, aufzuhören.

    Dann mache ich heute mal mit einem kurzen Rückblick weiter. Vielleicht kann jemand etwas mitnehmen.

    Braucht Sucht eigentlich eine Begründung?

    Wenn ich auf meine Geschichte zurückblicke, brauchte der Anfang meines Saufens keine große Erklärung. Jung, Clique, Alkohol, das gehörte einfach dazu, mit all seinen Begleitumständen.

    Irgendwann wurde daraus Sucht. Dafür musste mir niemand erst einen Grund genehmigen.

    Natürlich gab es später auch Einsamkeit, Stress, Streit, Probleme und jede Menge anderen Mist. Das Leben liefert davon zuverlässig genug. Aber meine Sucht brauchte das irgendwann nicht mehr. Wenn ein Grund da war, wurde er genommen. Wenn keiner da war, hat mein Kopf eben einen gebastelt.

    Ich habe nicht gesoffen, weil die Einsamkeit getrunken hat oder der Stress zur Flasche griff. Ich habe gesoffen. Für mich ist Sucht deshalb keine Schuldfrage. Begleitumstände kann ich anschauen, Zusammenhänge auch. Aber ich brauche keinen Schuldigen und keine Rechtfertigung dafür, dass ich Alkoholiker geworden bin.

    Und genauso wenig brauche ich heute eine Begründung dafür, nicht zu trinken.

    Meine Sucht brauchte keinen Antrag. Meine Trockenheit auch nicht.

    Übrigens, ihr dürft euch hier ruhig beteiligen, auch wenn meine Texte manchmal ziemlich klar, direkt oder wie ein Monolog daherkommen.

    Ich schreibe sie nicht, damit alle betreut nicken. Austausch darf auch widersprechen.

    Genau deshalb habe ich diesen Thread im offenen Bereich wiederbelebt. Sonst könnte ich mir das Zeug auch auf einen Zettel schreiben und an den Kühlschrank hängen..

    In diesen Forum geht es doch um das Zusammenleben mit Alkoholikern und auch um die Trennung von Ihnen, richtig?

    Dann hast du das Forum missverstanden. Hier geht es nicht darum, Geschichten darüber zu erzählen, wie du mit einer nassen Alkoholikerin zusammengelebt hast oder zusammenlebst.

    Das hier ist kein Stammtisch, sondern eine Selbsthilfegruppe.

    Hier geht es um dich. Um dein eigenes Co‑Verhalten, deine Verstrickungen, deine Grenzen – und darum, wie du da herauskommst. Du bist wegen dir hier, nicht wegen der Sucht deiner Frau.

    Wenn du nur darüber sprichst, was sie tut, wie sie säuft, was sie sagt oder wohin sie ziehen soll, bleibt dein eigener Anteil außen vor.

    Co‑Arbeit heißt nicht, den Alkoholiker zu analysieren. Co‑Arbeit heißt, sich selbst anzuschauen. Im Moment reagierst du überwiegend auf sie. Aber aus ständigem Reagieren entsteht keine eigene Richtung.

    Solange du nicht bei dir schaust, drehst du weiter dieselbe Runde. Und die läuft inzwischen lange genug. Zwei Jahre, wenn ich es richtig im Kopf habe. Ich habe den Eindruck, es geht dir inzwischen mehr um Abrechnung und Lebensphilosophie als um echte Co‑Arbeit.

    Wenn ein Alkoholiker sagt: „Ohne dich schaffe ich es nicht“, hängt sein Trockenwerden schon am falschen Haken.;)

    Hilfe ist wichtig. Aber Hilfe gehört zu Stellen, die helfen können: Suchtberatung, Arzt, Entgiftung, Therapie, Selbsthilfe. Nicht zum Partner, der plötzlich zum persönlichen Trockenhalteprogramm erklärt wird.

    Dafür hat der Partner weder die Aufgabe noch die Qualifikation. Und wenn aus „Ich brauche Hilfe“ ein „Komm zurück, sonst schaffe ich es nicht“ wird, dann wird die Rückkehr zur Bedingung. Praktisch für die Sucht, ziemlich beschissen für den Partner.

    Gefühle können sich für den Alkoholiker dabei durchaus echt anfühlen. Auch ein nasser Kopf kann lieben, Angst haben und Verlust spüren. Nur macht das den anderen trotzdem nicht verantwortlich. Ich spreche da durchaus aus eigener Erfahrung.;)

    Und deshalb finde ich deinen Satz wichtig: Du hast verstanden, dass du nicht helfen kannst, indem du zurückgehst. Du hast sogar die Stellen eingeschaltet, die tatsächlich helfen können. Mehr musst du nicht übernehmen.

    Wenn er trocken werden will, muss er diesen Weg selbst anfangen. Ohne dich zur Bedingung dafür zu machen, ob er trinkt oder aufhört. Denn sonst lautet die Rechnung irgendwann: Solange du da bist, bin ich trocken. Wenn du gehst, trinke ich.

    Nette Rechnung. Nur gehört sie nicht auf deinen Tisch.

    Alkoholiker sind weltklasse im Leute verarschen und schauspielern. Das ist eine (überlebens)wichtige Fähigkeit, nur so kommen sie durch den Alltag und können im Job noch lange unauffällig funktionieren, und unterm Radar fliegen. Das geht aber nicht endlos.

    Deine Erfahrungen mit deiner Frau und dein Frust darüber sind deine. Die spreche ich dir nicht ab. Aber daraus „Alkoholiker sind Weltklasse im Leute verarschen und schauspielern“ zu machen und das allen Alkoholikern überzustülpen, ist schlicht pauschaler Unsinn.

    Ich bin auch Alkoholiker und keine Charakterbeschreibung deiner Frau.;)

    Vielleicht wäre es langsam sinnvoller, weniger darüber nachzudenken, wie „die Alkoholiker“ funktionieren, und etwas genauer hinzuschauen, was deine Erfahrungen mit dir gemacht haben. Falls du das bisher nicht gemacht hast, wäre vielleicht eine eigene therapeutische Aufarbeitung hilfreicher als die nächste Generalabrechnung mit Alkoholikern.


    Yve2006 Yve, ob dein Mann dich gerade belügt, getrunken hat oder tatsächlich irgendwelche Ärzte abtelefoniert, kann hier niemand wissen. Aber eigentlich musst du das auch nicht mehr herausfinden.

    Du hast klar deine Grenze gesetzt: Kein Kontakt, solange er sich nicht wirklich bewegt. Seine Angelegenheiten bleiben bei ihm – ob er heute anruft, morgen einen Termin ausmacht oder wieder nur redet, liegt in seiner Verantwortung, nicht in deiner.

    Versuche auch nicht, aus seiner Stimme herauszuhören, ob er gesoffen hat, denn damit bist du gedanklich sofort wieder bei ihm und seiner Sucht. Genau da willst du nicht mehr hin. Du hast begonnen, dich um dich selbst zu kümmern – bleib dabei.

    Wenn er wirklich etwas verändert, erkennt man das irgendwann nicht an seinen Erklärungen, sondern an seinem Handeln.

    Upps, der Thread ist etwas verstaubt. Ich puste mal drüber und belebe ihn mit ein paar Erfahrungen und Erkenntnissen. :saint:

    Heute mal Rückfall. Nicht der Rückfall selbst, sondern die Mechanik dahinter.;)

    Für mich beginnt ein Rückfall im Kopf. Ausnahme wäre höchstens, wenn mir jemand Alkohol mit Gewalt einflößt. Selbst wenn ich aus Versehen ein alkoholhaltiges Getränk erwische, muss ich es nicht austrinken. Als Alkoholiker merke ich ziemlich schnell, dass da etwas nicht stimmt. Spätestens dann kommt wieder meine Entscheidung ins Spiel.

    Das Glas vor mir ist für mich irgendwann nur noch das sichtbare Ergebnis von etwas, das vorher im Kopf passiert ist.

    Und dabei ist nicht einmal der erste Gedanke in einem nassen Umfeld das Problem: „Ach, das macht mir nichts aus.“ Das kann vieles sein. Der Partner trinkt zu Hause weiter. Auf Feiern wird gesoffen. Urlaub wie früher, nur diesmal eben trocken. Freunde trinken neben mir. Ich sitze in der Kneipe oder auf einem Fest und stelle fest: Macht mir nichts aus.

    Das "macht mir nichts aus" ,ist erst einmal eine Momentaufnahme. Ein Wetterbericht im Kopf. Mehr nicht. Das unterschätzte Risiko liegt für mich in dem, was daraus entstehen kann. Wenn das problemlos geht, warum sollte das andere, wo Alkohol deutlicher im Vordergrund steht, noch ein Risiko sein? Dort passiert mir schließlich auch nichts. ;)

    Irgendwann werden Grenzen neu gezogen, die einst aus gutem Grund bestanden. Nicht plötzlich, sondern Stück für Stück. Langsam hat mich die Sucht in ihre Abhängigkeit getrieben. Und genauso schleichend kommt sie zurück und zieht mich wieder zum Glas. Genau das kann Sucht ziemlich gut.

    Das Suchthirn verteilt schließlich keine Passierscheine: Hier darfst du rein, dort nicht und hinter der nächsten Ecke bist du dann wieder Alkoholiker. Ich bin es überall.

    Deshalb betrachte ich Alkohol möglichst neutral. Weder schönreden noch verteufeln. Für andere ist es ein Getränk. Für mich ist es nicht mehr vorgesehen. Fertig. Ich brauche keine Angst davor. Aber ich brauche auch keine Erfolgsmeldung, weil mir eine Situation nichts ausgemacht hat. Denn daraus folgt für die nächste Situation genau gar nichts.

    Und da kommt für mich auch der Austausch ins Spiel. Wenn jemand schreibt: „Das macht mir nichts aus, funktioniert wunderbar“, und fünf andere Alkoholiker nicken dazu, kann daraus schnell mehr werden als Erfahrungsaustausch.

    Vielleicht sucht mein Kopf nämlich gerade genau diese Bestätigung: „Siehst du, bei denen geht’s doch auch.“ Und schon wird nicht nur diese eine Situation neu bewertet, sondern die nächste gleich mit. Genau diese kleinen Verschiebungen finde ich gefährlicher als die Flasche, die irgendwo dekorativ herumsteht. Die Flasche sehe ich wenigstens.

    Ich habe über die Jahre genug User erlebt, die mit meiner Art, solche Dinge immer wieder anzusprechen, ihre Probleme hatten. Manche fanden es übertrieben, andere hatten andere Risikomaßstäbe. Dürfen sie.

    Nur werde ich deshalb nicht anfangen mitzunicken. Auch nicht bei jemandem, den ich mag. Sympathie ändert schließlich nichts an der Suchtmechanik. Und weil mir jemand sympathisch ist, bekommt seine Sucht von mir keinen Rabatt.

    Das gilt genauso für mich. Wenn ich anfange, mir Risiken passend zu erklären, wird die Erklärung nicht richtiger, nur weil sie von Hartmut kommt. Nach meinen nassen Jahren weiß ich ziemlich genau, wie hervorragend ich darin war, mir Dinge passend zu machen. Was gestern noch Risiko war, konnte heute plötzlich harmlos erscheinen, wenn es gerade in meine Planung passte.

    Deshalb brauche ich weder „Alkohol macht mir nichts aus“ noch „Alkohol macht mir Angst“. Beides gibt dem Zeug mehr Bedeutung, als es heute verdient.

    Neutralität passt für mich besser. Alkohol ist da, meine Sucht auch. Und meine Grenze der Risikominimierung nach den Grundbausteine bleibt.

    Meine Empfehlung: Weg von den hypothetischen Nebenschauplätzen.

    Ob da nun Missbrauch, Abhängigkeit oder sonst irgendein ICD‑Kürzel auf einem Zettel steht, wäre mir für meine Selbsterkenntnis, Alkoholiker zu sein, ziemlich egal. Ich kenne zumindest niemanden, der sich freut, Alkoholiker zu sein und anschließend noch zum Amt rennt, um sich die passende Urkunde abzuholen. ;)

    Du hast dich selbst als Alkoholikerin eingeordnet und willst lebenslang abstinent leben. Fertig.

    Natürlich kannst du die Ärztin noch einmal fragen, was sie mit ihrer Diagnose gemeint hat. Nur würde ich mich irgendwann fragen, warum mir diese Unterscheidung überhaupt so wichtig ist. Hoffe ich vielleicht doch auf „ein bisschen weniger“? Alkoholiker Light? Lifestyle-Alkoholikerin? Die Sucht bietet erstaunlich viele Sondermodelle an, wenn man lange genug danach sucht.;)

    Für mich sind das irgendwann nur noch Hintertüren im Kopf.

    Wenn ich ein Bein verloren habe, wächst mir schließlich auch kein neues, nur weil jemand sagt: „Das ist nicht verloren. Das ist lediglich weg.“

    Ich würde den Stempel liegen lassen und mich um das kümmern, was mich trocken hält. Alles andere ist für mich hypothetisches Geplänkel.

    Danke für den Input! Muss das alles erstmal gründlich wirken lassen! Ich möchte euch auch nicht langweilen weil ich mich ständig wiederhole… ;)

    Danke für eure Anreize dass ich mich mit meiner Situation ehrlich auseinander setzen kann.
    Ich nehme auch nichts böse!
    Ich bin ja hier und möchte Hilfe annehmen, es fällt mir nur sehr!schwer meinen Weg zu finden…

    Unabhängig davon: Es ist völlig egal, welchen Weg du für deine Trockenheit gehst, solange er dich trocken hält. Es ist deine Trockenheit, dein möglicher Rückfall und am Ende auch dein Leben.

    Du wirst hier allerdings immer wieder ähnliche Antworten bekommen, gerade weil du täglich in einem Haushalt lebst, in dem getrunken wird. Auf dieses Risiko hinzuweisen ist keine Kritik an dir. Es wäre eher merkwürdig, wenn eine Alkoholiker‑Selbsthilfe genau da höflich wegschaut.;)

    Das lässt vielleicht für einen Moment jemanden sagen: „Ach, die Arme, sie hat es wirklich schwer.“ Und ja, hast du. Nur trocken halten kann dich dieses Mitgefühl nicht.

    Ich lese bei dir viel Motivation, Einsicht und guten Willen. Was ich aber genauso lese, ist Zeitspiel: wirken lassen, nachdenken, schauen, wie sich die Beziehung entwickelt, hoffen, dass er irgendwann versteht. Das kann ich alles nachvollziehen. Nur hast du inzwischen auch genug Erfahrungen gesammelt, um zu wissen, dass Sucht sich nicht durch Nachdenken beeindrucken lässt.

    Sucht geht nicht durch den Kopf. Sie geht durch Gelegenheiten.

    Absichtserklärungen haben noch niemanden trocken gemacht oder trocken gehalten.

    Dir weiter alles Gute

    Carl Friedrich, ich wünsche dir für deinen Befund alles Gute. Gesundheit ist durch nichts zu ersetzen. Du gehst das, so wie ich dich kenne, souverän an.:thumbup:

    Was andere nach Jahren der Abstinenz machen, interessiert mich für meine eigene Trockenheit wenig. Ob da bei irgendeinem Star Aufmerksamkeit, Klicks, Publicity oder die ehrliche Überzeugung dahintersteckt, wieder kontrolliert trinken zu können, ist für mich genauso irrelevant.

    Interessant ist für mich höchstens die alte Mechanik dahinter. Erst „Ich bin trocken“, irgendwann „Ich kann wieder kontrolliert trinken“. Nichts Neues.;)

    Die einen denken vielleicht: „Siehste, geht doch.“ Und andere haben möglicherweise nur lange genug auf einen brauchbaren Grund gewartet, es nach zu machen.

    Meine Abstinenz ist nicht verhandelbar.

    JEB

    Dass sich hier ausschließlich bekennende Alkoholiker austauschen, ist dir vielleicht aus dem Vorstellungsbereich noch bekannt. Deshalb ist mir deine Einordnung auch so wichtig.;)

    Für mich gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen missbräuchlichem Trinken und Alkoholabhängigkeit: Beim Missbrauch steht das problematische Trinkverhalten im Vordergrund. Beim Alkoholiker kommt die Suchtmechanik mit dem Zwang zum Trinken dazu.

    Missbrauch ist problematisches Verhalten. Alkoholismus ist Sucht.

    Und genau darauf ist diese Selbsthilfegruppe ausgerichtet. Hier tauschen sich Menschen aus, die aufgrund ihrer Alkoholabhängigkeit abstinent leben müssen, nicht Menschen, die lediglich eine Zeit lang zu viel oder problematisch getrunken haben.

    Deshalb fragte ich da so genau nach. Es geht nicht um ein "Etikett" sondern darum, ob dieser Austausch überhaupt der richtige für dich ist.

    Für mich ist das schon beinahe eine philosophische Fragestellung: was bringt mich im Leben weiter: die positiven oder die negativen Seiten - beide machen das Dasein nun mal aus. Viele Fäden hier fangen fast immer ungeschönt an und als Leser freue ich mich über manche Entwicklung - vermeldete Rückschläge tun mir fast körperlich weh. Ich hätte nie gedacht, dass ich hier so mitleiden und hoffen würde.

    Nun, zwischen der philosophischen Betrachtung und dem tatsächlichen Leben sitzt bei uns eben noch die Sucht. Und die interessiert sich herzlich wenig dafür, was ich denke, hoffe oder mir vorstelle. Ungestoppt wird sie tödlich enden.;)

    Was du über die vielen User schreibst, die hier auftauchen und irgendwann wieder verschwinden, gehört für mich genau zu dieser Schattenseite. Natürlich frage ich mich manchmal auch. Was ist aus dem geworden? Hat er einen anderen Weg gefunden, säuft er wieder oder lebt er überhaupt noch? Meistens erfahren wir es nicht.

    Aber genau genommen spiegelt das Forum damit auch ein Stück der Realität von Alkoholismus wider. Menschen kommen mit Leidensdruck und Erwartungen, manche bleiben, manche gehen, manche kommen nach einem Rückfall wieder und andere verschwinden einfach. Die einen sind noch nicht so weit, andere wollen noch nicht so weit sein und manche drehen eben noch ein paar Runden.

    Auch der Umgang miteinander hier gehört für mich dazu. Erfahrungen werden weitergegeben, angenommen, abgelehnt, kleingeredet oder erst Monate später verstanden. Lesen und verstehen ist das eine. Irgendwann kommt aber dieser unangenehme Punkt: Uiii, jetzt müsste ich ja tatsächlich etwas verändern. ;) Zu Hause umsetzen ist dann noch einmal eine ganz andere Veranstaltung.

    Nach zwanzig Jahren wundert mich diese Fluktuation deshalb nicht mehr. Natürlich geht nicht alles spurlos an mir vorbei. Aber ich kann niemandem hinterherlaufen und auch nicht jede verschwundene Geschichte mit nach Hause nehmen.

    Und genau deshalb finde ich solche extra Threads wichtig. Dort steht nicht nur die Geschichte eines Einzelnen. Es sammeln sich Erfahrungen von vielen hier: mit Sucht, Rückfällen, Widerständen, nassem Denken, Angehörigen und eben auch mit dem" gefühlten Scheitern"

    Der Nächste, der hier vielleicht erst einmal nur mitliest, findet so einen Thread, erkennt sich möglicherweise irgendwo wieder und merkt: Verdammt, das kenne ich. Ich bin damit nicht allein. Und vielleicht gibt genau das irgendwann den kleinen Ruck: Ich melde mich jetzt an. Mehr muss so ein Thread für mich gar nicht leisten.

    Upps, jetzt schweife ich schon wieder ab.:whistling:

    Machen wir weiter. Eine andere Chance haben wir schließlich nicht.

    Ich gehöre zu den Co. Abhängigen und ich empfinde dieses Thema hier als verdammt wichtig, weil obwohl ich denke ich nicht dumm bin, aber auf eine gewisse Art und Weise in dieser Thematik lange! gefühlsblind war, es für mich schon vor langer Zeit verdammt wichtig gewesen wäre, dies genauso klar sehen zu können/annehmen zu können.

    Nine, darf ich kurz nachfragen, einfach um es für mich einordnen zu können?

    Du schreibst, dass du heute weißt, dass du co-abhängige Muster hattest und damals „gefühlsblind“ warst. Das würde ich für mich erst einmal voneinander trennen.;)

    Hast du deine Co-Abhängigkeit damals schon bewusst erkannt und trotzdem verdrängt, oder wird dir diese Dynamik erst heute im Rückblick klar? Erst als du hier aufgeschlagen bist und alles gelesen hast.

    Das macht für mich einen Unterschied. Denn das eine wäre. Ich erkenne etwas und kann oder will trotzdem nicht entsprechend handeln. Das andere wäre: Ich konnte die Co-Dynamik damals überhaupt noch nicht als solche erkennen.

    Genau dieser Unterschied würde mich interessieren.