Hallo ich bin Anna,
Ich habe mich hier angemeldet, weil ich beschlossen habe mit dem Trinken aufzuhören. Mich Alkoholikerin zu nennen fällt mir noch extrem schwer…
Ich bin 49 Jahre alt und seit meiner Jugend gelte ich als ‚Party-Kanone‘. Auf jeder Party die letzte, die lauteste, die die es am wildesten krachen lässt. Obwohl ich schon im Studium fast täglich Alkohol getrunken habe und mindestens 2-3 mal die Woche wirklich betrunken war, habe ich mein Studium mit sehr guten Noten beendet.
Nach dem Studium heiratete ich und bekam 2 Kinder. In Schwangerschaft und Stillzeit habe ich keinen Alkohol getrunken. Doch meine Ehe war unglücklich- ich fing wieder an immer wenn es ging auszugehen und dann richtig viel zu trinken. Damals ging das nicht häufig- die Kinder waren klein.
Ich ließ mich scheiden, ein Kind erkrankte schwer, ich war voll berufstätig. Ich ging häufig aus und trank dann immer sehr viel ‚zum Ausgleich‘ für meinen stressigen Alltag. Mein Trinkverhalten änderte sich schleichend. Ich fing an auch alleine zu trinken wenn ich einsam war, traurig oder gestresst- das war ich sehr oft. Die Mengen waren noch nicht riesig, aber irgendwann trank ich auch alleine eine ganze Flasche Wein oder Sekt am Abend- nicht jeden Abend aber doch 3-4 mal die Woche. Wenn ich jetzt ausging, fing ich an Risiken einzugehen. Gingen meine Freunde nach Hause trank ich mit wildfremden Menschen in der Kneipe weiter - häufig bis zum Filmriss- und wachte dann neben irgendwelchen Typen auf die ich nüchtern nie gemocht hätte.
Ich bildete mir ein eben eine ‚wilde Singlefrau‘ zu sein die sich nimmt was sie will und sich nicht um ‚die Guten Sitten‘ schert. In Wirklichkeit kam ich mit mir selbst nicht klar.
Ein Problem ist schon immer, dass es diesen ‚point of no return‘ gibt- wenn ich drei Bier trinke, höre ich nicht mehr auf bis der Filmriss einsetzt. Trotzdem habe ich mein Leben immer oberflächlich gemeistert- einen guten Job, die Kinder immer versorgt.
Vor zwei Jahren kippte ich beim Trinken vom Barhocker und kam mit einem Schädel-Hirn -Trauma ins Krankenhaus- danach trank ich 4 Wochen nicht, dann ging es weiter.
Letztes Jahr im Winter sagte mir meine Tochter auf den Kopf zu dass sie sich Sorgen wegen meines Trinkens macht. Ich reagierte ablehnend und aggressiv, motzte sie sie an und sie weinte. Das tut mir heute sehr leid.
Ich versuchte kontrollierter zu trinken- trinke seit mehreren Jahren jeden Januar keinen Schluck- trotzdem klappte das mit der Kontrolle immer nur für kurze Zeit. Diesen Januar klappte auch die Trinkpause schlechter- ich hatte lauter Ausreden doch zu trinken.
Im Frühjahr kam es im Vollsuff zu einem sexuellen Übergriff durch einen Bekannten- ich war so dicht dass ich mich nicht mehr wehren konnte- auch das änderte nichts.
Letztendlicher Auslöser zum Wunsch endlich etwas zu ändern kam am 2. Juni diesen Jahres. Ich erwachte mit Filmriss auf meiner Couch, hatte Verletzungen von denen ich nicht wusste, wie sie entstanden sind und hatte mein Handy verloren. Wieder gefunden wurde es auf der Straße an einer Ecke an der ich gar nicht unterwegs gewesen zu sein glaubte.
Ich erkannte, dass ich auf so ein Leben keine Lust mehr habe- schämte mich fürchterlich und beschäftige mich seit dem intensiv mit dem Thema Alkohol.
Ich habe seit 2. Juni keinen Schluck mehr getrunken! Ich will mich aber nicht zu sicher fühlen und glaube dass ich einen Austausch mit anderen Betroffenen brauche um nicht wieder rückfällig zu werden.
Ich sehe wie viel besser ich mich fühle, wie froh meine Tochter über meine Nüchternheit ist und wie viel leichter mein Alltag ist.
Dennoch habe ich Angst und wenn ich meinen eigenen Text hier lese kann ich es dann doch klar sagen: Hallo, ich bin Anna und ich bin Alkoholikerin.