AnnaBlume - Annas Geschichte

  • Eine alte Freundin will sich am Wochenende mit mir treffen. Sie ‚muss mal raus‘ - wollte mit mir eine Kneipentour machen. Sie trinkt sehr selten- ist eingespannt mit Familie, Beruf und Hobby. Aber sie hatte Lust ‚mal wieder einen drauf zu machen‘. Sie ist eigentlich eine gute Freundin, wohnt aber nicht in meiner Stadt und wir sehen uns nicht so häufig. Ich wollte also nicht gleich am Telefon mit der Tür ins Haus fallen und mein Problem im vollen Umfang schildern. Sagte aber dass ich sie gerne treffen würde, aber keinen Alkohol mehr trinke und auch nicht in Kneipen gehe. Ich habe ihr vorgeschlagen ein wenig zu Wandern und danach zu Hause zu kochen und zu schwätzen- ohne Alkohol. Wenn sie aber lieber eine Kneipentour machen möchte bin ich ihr gar nicht böse und wir treffen uns ein andermal. Und siehe da: sie fand die Idee mit Kochen und wandern schön und sagte ihr geht es gar nicht ums trinken sondern darum mal aus dem Familienalltag raus zu kommen.

    Jetzt hab ich eine ‚ungefährliche‘ Verabredung und bin ein wenig stolz. Und verwundert- denn ich hätte mich von nichts und niemandem dazu überreden lassen die Kneipe gegen Kochen und Saft einzutauschen- schon gar nicht am Samstag Abend!!! Aber sie ist eben gesund und fand die Alternative gut.

    Ich merke immer wieder, dass mein Umfeld lange dem Party-Alter entwachsen ist. Es spielt nicht mehr die zentrale Rolle ‚was am Wochenende so los ist‘ und wer wo einen Trinken geht. Viele haben Familie, sind beruflich erfolgreich - ich ja auch- nur der Fokus lag viel auf dem Wochenende und den Trinkanlässen.

    Wie blind war ich bitte dass ich gar nicht gemerkt habe, dass mein wirklich engster Freundeskreis da gar nicht mehr mitgezogen hat? Wenn man sich zwischen den Freunden abwechselt, dann zusätzlich noch pure Saufbekanntschaften für ‚dazwischen‘ und ‚danach‘ hat, fällt einem gar nicht auf, dass die wirklichen Freunde eigentlich nur alle paar Wochen ausgehen, dabei moderat trinken und sich zu recht normalen Zeiten verabschieden.

    Ich war jedes Wochenende unterwegs, blieb immer bis zum bitteren Ende und war Samstag und Sonntag tagsüber völlig ausgeknockt. Die Kinder sind erwachsen und waren am Wochenende meistens selbst unterwegs. Essen wurde bestellt. Mannomann…

    Ich bin froh, dass niemand von meinen Freunden negativ auf meine Nüchternheit reagiert. Die meisten kenne ich über 30 Jahre und offensichtlich haben alle gemerkt dass ich zu viel trinke und reagieren jetzt echt unterstützend. Das rührt mich- offensichtlich hat die Verbindung nicht zu sehr unter der Sauferei gelitten und dafür bin ich dankbar.

    Ich wurde im Suff nie aggressiv- nur eben nervig und aufgedreht- auch anhänglich und oft sehr emotional. Das muss für meine Freunde wirklich oft anstrengend gewesen sein. Wie oft haben sie mich nach Hause geschleift, mir beim kotzen die Haare aus dem Gesicht gehalten, mich ins Bett gebracht. Wie oft haben sie es nicht geschafft mich nach Hause zu bekommen und sich dann am nächsten Tag angehört was ich für einen Mist gebaut habe (und das Schlimmste hab ich sogar weggelassen).
    Ich bin dankbar dass diese Menschen mir die Stange gehalten haben und hoffe dass ich ihnen viel zurückgeben kann!

  • Ich wollte also nicht gleich am Telefon mit der Tür ins Haus fallen und mein Problem im vollen Umfang schildern.

    Worin genau siehst du ,dein Problem im vollen Umfang‘?

    Viele Grüße

    Stern

    ⭐️

    Wenn du heute aufgibst, wirst du nie wissen, ob du es morgen geschafft hättest.

  • Worin genau siehst du ,dein Problem im vollen Umfang‘?

    Ok erwischt. Ich hab nicht gesagt ‚xy ich hab erkannt, dass ich Alkoholikerin bin‘. Sondern nur ‚Ich trinke keinen Alkohol mehr‘. Da sie mir nahe steht will ich ihr aber sagen dass ich erkannt hab dass ich Alkoholikerin bin. Dass ich es bin wird sie vermutlich nicht sehr überraschen- dass ich es weiß ist neu.

  • Hatte gestern ein blödes Erlebnis und weiß nicht was ich davon halten soll. Ich war mit meiner Mutter und Schwester zusammen- beide wissen dass ich keinen Alkohol trinke und warum. Die beiden machten spontan eine Flasche Sekt auf. Meine Mutter bot mir einen an und ich sagte ihr dass sie doch wisse dass ich nicht mehr trinke. Sie sagte dann lachend ‚ach du versuchst es ja mal ohne- nicht doch kleiner Schluck?‘ und hielt mir die offene Flasche unter die Nase. Ich hätte ihr am liebsten ins Gesicht geschlagen und sagte sehr laut NEIN. Sie zuckte nur mit den Schultern und sagte ‚dann eben ein andermal‘. Was ist das???? Verdrängung? Ein Test? Gemeinheit? Unbedarftheit?

    Sie kennt sich sehr genau mit dem Thema aus- ist selbst Tochter einer Alkoholikerin, hatte auch schon in beruflichem Zusammenhang mit Alkoholsucht zu tun und ist geistig völlig klar. Selbst hat sie kein Alkoholproblem. Warum macht sie das? Kapiert das jemand?

    Ich bin dann ziemlich schnell nach Hause gegangen.

  • Selbst hat sie kein Alkoholproblem.

    Sicher?

    Denn es wird nicht möglich sein, jemandem, der selbst ein Alkoholproblem hat, deine Abstinenz zu erklären. Denn du bist ein Störfaktor und manche möchten dich zurück ins Boot holen, um ihr eigenes Trinkverhalten zu verbergen.

    Ob es bei deiner Schwester oder Mutter zutrifft, kann ich nicht sagen, aber es könnte auch deine Ernsthaftigkeit infrage stellen, wenn du in der Vergangenheit häufiger Trinkpausen eingelegt hast.

    Die letzte Möglichkeit, ein "unbedachter Scherz"

    Ich bin dann ziemlich schnell nach Hause gegangen.

    richtig gehandelt

    Gruß Hartmut

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    Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe!

    Trocken seit 2007

  • Guten Morgen Anna,

    es ist wahrscheinlich, dass Deine Mutter noch nicht wirklich verstanden hat, dass Du keine Trinkpause einlegst, sondern komplett abstinent leben möchtest.

    Möglich auch, dass sie gar nicht wahrgenommen hat, wie schlecht es Dir zu Deinen nassen Zeiten gegangen ist.

    Deine Reaktion so schnell wie möglich nach Hause zu gehen war richtig.

    In einem ruhigen Moment solltest Du nochmal mit Deiner Mutter reden und ihr erklären, wie sehr Dich ihr Verhalten entsetzt hat. Und ihr deutlich machen, dass Du keinen Alkohol mehr trinken willst, dass Du trockene Alkoholikerin bist und solche Situationen mit ihr nicht nochmal erleben willst.

    Es kann eine Weile dauern, bis der Letzte im Verwandten- oder Bekanntenkreis mitbekommen hat, dass Du abstinent lebst und Du dabei bist, Dich zu verändern und es ernst meinst.

    LG Elly

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    Mancher wird erst mutig, wenn er keinen anderen Ausweg mehr sieht.

    - Trocken seit 06.01.2013 -

  • Danke für Eure guten und hilfreichen Antworten. Ja sie nimmt meine Abstinenz nicht ernst. Sie nimmt allerdings grundsätzlich mich als Person nicht ernst (auch meine Schwester nicht). Sie hat früher selbst auf Feiern viel getrunken aber nie im Alltag. Seit etwa 10 Jahren trinkt sie sehr selten Alkohol und wenn dann wirklich wenig, weil sie schlecht zu Fuß ist mit über 80 und Angst hat zu stürzen.
    Ich befürchte dass sie es wieder als ‚albern‘ abtut wenn ich ihr den Ernst der Lage nochmal erkläre. Meine Schwester trinkt noch mehr als ich in meinen krassesten Zeiten- ich habe das Gefühl dass meine Abstinenz auch sie zum nachdenken anregt, aber vielleicht trinkt sie nur weniger wenn ich dabei bin- ich hatte sie 2-3 Mal betrunken am Telefon.
    Bis zu meiner Abstinenz bin ich regelmäßig mit ihr extrem abgestürzt. Aber sie hat mich von Anfang an unterstützt und mir nie was Alkoholisches angeboten oder ähnliches. Auch sie hat zu meiner Mutter gesagt ‚lass sie‘- aber wie gesagt, unsere Mutter nimmt uns absolut nicht für voll.

  • Wenn sie so renitent ist, dann hilft nur Konsequenz, Anna.

    Sobald Alkohol ins Spiel kommt, verlässt Du die Situation.

    Und in der nächsten Zeit würde ich Deine Mutter nicht zu Dir einladen. Möglich, dass sie sogar Alkohol im "Gepäck" hat.

    Und wenn Deine Schwester betrunken anruft, beendest Du schnellstmöglich das Gespräch. Ich möchte mich mit niemandem unterhalten, der getrunken hat.

    LG Elly

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    Mancher wird erst mutig, wenn er keinen anderen Ausweg mehr sieht.

    - Trocken seit 06.01.2013 -

  • Und wenn Deine Schwester betrunken anruft, beendest Du schnellstmöglich das Gespräch. Ich möchte mich mit niemandem unterhalten, der getrunken hat.

    Tatsächlich hatte sogar ich sie angerufen- mitten unter der Woche nach Feierabend und erst im Laufe des Gesprächs festgestellt dass sie offensichtlich betrunken ist. Dann habe ich das Gespräch zum ‚Ende geführt‘ was bei betrunkenen Menschen wie hier wahrscheinlich jeder weiß auch mal länger dauert… aber ja. Das muss schneller und konsequenter gehen.

    Und in der nächsten Zeit würde ich Deine Mutter nicht zu Dir einladen. Möglich, dass sie sogar Alkohol im "Gepäck" hat.

    Tatsächlich lade ich sie schon länger nicht mehr zu mir nach Hause ein, weil sie übergriffig ist und keine Grenzen akzeptiert. Die Situation fand bei ihr zu Hause statt- dort treffe ich mich, da ich dann gehen kann wenn es blöd wird und sie nicht ‚rausschmeißen‘ muss (in ihrem Fall wirklich das einzige Mittel).

    Ich versuche es noch ein letztes Mal mit einem Gespräch und wenn nicht gehe ich konsequent so bald Flaschen ausgepackt werden.

  • Warum macht sie das? Kapiert das jemand?

    Mit dem, was du über sie geschrieben hast, kann es eigentlich nicht sein, dass sie deine Alkoholkrankheit verharmlost.

    Kann es sein, dass sie es nicht wahrhaben will, dass ihre eigene Tochter Alkoholikerin ist.

    Ihr Verhalten ist ziemlich übergriffig.
    In jedem Fall hast du genau richtig reagiert.

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          - abstinent seit 6.01.2024 -

  • Ich versuche es noch ein letztes Mal mit einem Gespräch und wenn nicht gehe ich konsequent so bald Flaschen ausgepackt werden.

    Sag ihr das genau so. Wenn Du zu viel erklärst, sieht sie das wahrscheinlich als Schwäche an.

    Sie muss es nicht gutheißen oder verstehen. Hauptsache sie versteht, wie die Konsequenzen aussehen. Dann braucht sie sich anschließend nicht beschweren.

    Wo ich hingehe, dort bin ich.

  • Kann es sein, dass sie es nicht wahrhaben will, dass ihre eigene Tochter Alkoholikerin ist.

    Da sagst du was. Es war schon krass genug dass ihre eigene Mutter ihre letzten 20 Lebensjahre besoffen im Bademantel vor der Glotze verbracht und über die guten alten Zeiten schwadroniert hat. Es wurde nie darüber geredet, aber dieser Anblick muss sie erschüttert haben.

    Jetzt haben ihre Töchter beide das Problem- ich bin inzwischen offene Alkoholikerin und meine Schwester zeigt zumindest ein hochbedenkliches trinkverhalten. Da ist es geradezu verständlich wenn man sich erst mal wegduckt.

    Ich werde freundlich aber klar mit ihr sprechen und vor allem klar machen dass es mein Problem ist und nicht ihres. Sie kann mich lediglich unterstützen indem sie mir keinen Alkohol anbietet und bestenfalls in meiner Gegenwart selbst keinen trinkt.

    Mehr kann und soll sie ja nicht tun. Weder muss sie es unbedingt im weiteren verwandtenkreis ‚an die große Glocke hängen‘ (das befürchtet sie immer sehr) noch muss sie mir in irgendeiner Weise therapeutisch kommen.
    Vielleicht bekomme ich sie so ins Boot- mit der Wahrheit konfrontieren und ihr eventuelle Schuldgefühle nehmen- sie hat mich weiß Gott nicht gezwungen mich regelmäßig bis zum umfallen zu betrinken!!!

  • Komme gerade vom Besuch bei meiner Freundin. Wir haben offen und schön geredet. Sie hat sich sehr bedeckt gehalten mit Aussagen zu meinem Alkoholismus und der neuen Nüchternheit. Ihr Vater ist seit sehr langer Zeit trocken, aber davor gab es viele Rückfälle die sie in ihrer Jugend sehr belastet haben. Daher traut sie der Sache noch nicht ganz, aber unterstützt selbstverständlich meinen Weg indem sie sich alkoholfrei mit mir trifft.
    Sie hat zwar wahrgenommen dass ich an Feiern immer sehr betrunken war, aber wusste nicht wie oft das passierte weil sie nicht so oft ausgeht.

    So bekam jeder einen kleinen Schnipsel des Ausmaßes und ich konnte mich gut hinter dieser Fassade verstecken.

    Sie hat mir auch nochmal vor Augen geführt- und ich lese es ja auch hier bei den Angehörigen- wie hart Alkoholismus die nächsten Menschen trifft.

    Während des Saufens kommt man überhaupt nicht auf die Idee, dass es irgendwas mit den Menschen macht die man liebt- sie schauen ja dabei nicht direkt zu.

    Man ist so dumm zu glauben, dass sie es nicht riechen, die Launen nicht zuordnen, den Kater nicht bemerken. Sogar als ich vor den Augen meiner Tochter und ihrer Freundin von fremden Menschen aus der Kneipe ins Haus getragen wurde, dachte ich noch die beiden Teenager sehen das nicht so dramatisch. Aber es muss schrecklich und auch peinlich für meine Tochter gewesen sein.

    Es hat nichts mit mangelnder Liebe zu tun. Ich war blind für den Zusammenhang und glaubte, den Alkohol vom Rest des Lebens trennen zu können- auch wenn er einen riesigen Raum in diesem Leben einnimmt. Völlig paradox.

  • Ich habe gerade das Problem, dass ich unglaublich viel Schlaf brauche. Ich dachte immer man ist nach ein paar Monaten ohne Alkohol fitter. In gewisser Weise stimmt das auch- ich bin klarer und gelassener, auch sportlich leistungsfähiger- aber ich könnte schlafen ohne Ende. Unter 9 Stunden komme ich nicht hin, wenn ich kann mach ich noch einen Mittagsschlaf- das waren sonst immer so 30min- jetzt schlafe ich manchmal tief und fest 2 Stunden. Seltsam- geht das noch jemandem so???

  • Dein Körper und Deine Seele erholen sich von einer langen, schweren Krankheit. Das dauert und jetzt kannst Du endlich, nicht mehr betäubt, richtig schlafen, Anna.

    Nimm Dir diese Zeit, ohne schlechtes Gewissen oder mit einem inneren Antrieb, dass Du noch mehr schaffen solltest.

    Du kommst innerlich zur Ruhe und das braucht seine Zeit.

    Es wird sich wieder einspielen auf eine normale Schlafenszeit.

    LG Elly

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    Mancher wird erst mutig, wenn er keinen anderen Ausweg mehr sieht.

    - Trocken seit 06.01.2013 -

  • Ja total! Auch kommen jetzt gerade ganz neue Sachen dazu. Ich kann besser riechen - was im Bus nicht immer von Vorteil ist. Und obwohl ich weder zu- noch abgenommen habe fühle ich mich besser in meinem Körper. Irgendwie fester auf der Erde stehend, sicherer. Ich gucke nicht mehr in jeden Spiegel und denke ‚herrje- hier ne falsche Wölbung, da zu viel…‘ Ich finde mich jetzt auch nicht plötzlich wunderschön, sondern eben ok. Das bin halt ich… ich weiß nicht ob das wirklich ALLES mit der Nüchternheit zu tun hat. Parallel mache ich eine Psychotherapie und übe mich im Nein Sagen und Dinge auch mal nicht perfekt machen.
    Man glaubt immer alkoholismus und Perfektionismus schließen sich aus, aber bei mir hat sich das gut ergänzt. Nur besoffen konnte ich endlich mal los lassen, mir nur mit Kater erlauben mal einfach nichts zu tun.

    Ich war immer am machen, hab zu nichts nein gesagt, wollte alles super meistern und nie zugeben wenn ich Hilfe brauchte. Dabei wollte ich noch möglichst originell daher kommen. Als ginge es darum im Leben irgendeinen Wettbewerb zu gewinnen und am Ende hat man dann einen Pokal?

    Viel umdenken passiert da gerade. Ok ist oft gut genug und der Mensch hat Grenzen- das muss ich lernen. Ich habe die gleichen Grenzen wie andere auch - bin weder seelisch noch körperlich aus Stahl. Bin gerade auch nah am Wasser gebaut- in beide Richtungen. Schnell traurig, schnell gerührt- als würde plötzlich der Panzer fehlen und die Haut darunter ist noch ganz zart- dazu passt das viele schlafen irgendwie auch. Alles kommt näher ran- das ist auch teilweise echt anstrengend!

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