Eine alte Freundin will sich am Wochenende mit mir treffen. Sie ‚muss mal raus‘ - wollte mit mir eine Kneipentour machen. Sie trinkt sehr selten- ist eingespannt mit Familie, Beruf und Hobby. Aber sie hatte Lust ‚mal wieder einen drauf zu machen‘. Sie ist eigentlich eine gute Freundin, wohnt aber nicht in meiner Stadt und wir sehen uns nicht so häufig. Ich wollte also nicht gleich am Telefon mit der Tür ins Haus fallen und mein Problem im vollen Umfang schildern. Sagte aber dass ich sie gerne treffen würde, aber keinen Alkohol mehr trinke und auch nicht in Kneipen gehe. Ich habe ihr vorgeschlagen ein wenig zu Wandern und danach zu Hause zu kochen und zu schwätzen- ohne Alkohol. Wenn sie aber lieber eine Kneipentour machen möchte bin ich ihr gar nicht böse und wir treffen uns ein andermal. Und siehe da: sie fand die Idee mit Kochen und wandern schön und sagte ihr geht es gar nicht ums trinken sondern darum mal aus dem Familienalltag raus zu kommen.
Jetzt hab ich eine ‚ungefährliche‘ Verabredung und bin ein wenig stolz. Und verwundert- denn ich hätte mich von nichts und niemandem dazu überreden lassen die Kneipe gegen Kochen und Saft einzutauschen- schon gar nicht am Samstag Abend!!! Aber sie ist eben gesund und fand die Alternative gut.
Ich merke immer wieder, dass mein Umfeld lange dem Party-Alter entwachsen ist. Es spielt nicht mehr die zentrale Rolle ‚was am Wochenende so los ist‘ und wer wo einen Trinken geht. Viele haben Familie, sind beruflich erfolgreich - ich ja auch- nur der Fokus lag viel auf dem Wochenende und den Trinkanlässen.
Wie blind war ich bitte dass ich gar nicht gemerkt habe, dass mein wirklich engster Freundeskreis da gar nicht mehr mitgezogen hat? Wenn man sich zwischen den Freunden abwechselt, dann zusätzlich noch pure Saufbekanntschaften für ‚dazwischen‘ und ‚danach‘ hat, fällt einem gar nicht auf, dass die wirklichen Freunde eigentlich nur alle paar Wochen ausgehen, dabei moderat trinken und sich zu recht normalen Zeiten verabschieden.
Ich war jedes Wochenende unterwegs, blieb immer bis zum bitteren Ende und war Samstag und Sonntag tagsüber völlig ausgeknockt. Die Kinder sind erwachsen und waren am Wochenende meistens selbst unterwegs. Essen wurde bestellt. Mannomann…
Ich bin froh, dass niemand von meinen Freunden negativ auf meine Nüchternheit reagiert. Die meisten kenne ich über 30 Jahre und offensichtlich haben alle gemerkt dass ich zu viel trinke und reagieren jetzt echt unterstützend. Das rührt mich- offensichtlich hat die Verbindung nicht zu sehr unter der Sauferei gelitten und dafür bin ich dankbar.
Ich wurde im Suff nie aggressiv- nur eben nervig und aufgedreht- auch anhänglich und oft sehr emotional. Das muss für meine Freunde wirklich oft anstrengend gewesen sein. Wie oft haben sie mich nach Hause geschleift, mir beim kotzen die Haare aus dem Gesicht gehalten, mich ins Bett gebracht. Wie oft haben sie es nicht geschafft mich nach Hause zu bekommen und sich dann am nächsten Tag angehört was ich für einen Mist gebaut habe (und das Schlimmste hab ich sogar weggelassen).
Ich bin dankbar dass diese Menschen mir die Stange gehalten haben und hoffe dass ich ihnen viel zurückgeben kann!