Hallo zusammen,
ich habe mich hier angemeldet, weil ich für meine Situation Einschätzungen und Impulse von außen brauche, da ich mit meinem eigenem Wissen nicht mehr weiterkomme. Im eigenen Umfeld sind die Menschen zu weit weg und über Alkohol sprechen ist bekanntlich nicht leicht. Hier im Forum sind viele Menschen mit Erfahrungen zu dem Thema und ich hoffe, darauf zurückgreifen zu dürfen.
Es geht vorrangig um meine Partnerin, wobei ich wahrscheinlich auf die eine oder andere Weise auch Teil des Problems bin. Ich war mir jetzt unsicher, ob ich schon in der Vorstellung ins Detail gehen oder noch warten soll. @Moderatoren: Bitte entschuldigt, wenn ich nicht den richtigen Informationsgrad treffe.
Ich würde einfach mal versuchen chronologisch den Verlauf der Ereignisse der letzten Jahre wiederzugeben, um zu beschreiben, wie das Thema Alkohol bei uns aussieht. Falls es zu lang wird, entschuldige ich mich vorab und bedanke mich bei jedem, der dennoch bis zum Ende durchhält.
Meine Freundin habe ich Ende 2018 kennengelernt. Sie war damals Mitte 20, ich Anfang 30. In den ersten Monaten Kennenlernen/Dating haben wir beide rückblickend betrachtend schon relativ viel getrunken. Also quasi bei jedem Treffen (egal ob auswärts oder bei sich zuhause) immer mehrere Gläser Wein, Longdrinks etc. Bestimmt so 4-5 oder auch mehr über einen Abend lang. Damals habe ich da nie wirklich drüber nachgedacht. Sie kam aus dem Ende der Studentenzeit mit viel Feiern, also habe ich ihren Konsum nicht als ungewöhnlich betrachtet und meinen eigenen auch nicht hinterfragt, weil ich unter der Woche weniger oder auch mal nichts trank.
Nach wenigen Monaten Kennenlernen, wollte meine Freundin für eine Zeit ins Ausland zu gehen, um in einer Tauchbasis zu arbeiten, bevor in Deutschland der normale Arbeitsalltag beginnt. In den letzten Wochen dieses Aufenthalts hatte sie bei einem ihrer Taucheinsätze eine Panikattacke unter Wasser aufgrund schwieriger Vor-Ort-Bedingungen. Davon erzählte sie mir auch. Seitdem hat sie in bestimmten Situationen auch eine Art Höhenangst entwickelt.
Als sie wieder in Deutschland war lebten wir noch ein gutes halbes Jahr getrennt und zogen dann zu Beginn 2020 (und Corona) zusammen in meine Wohnung. In dem halben Jahr war ihr Alkoholkonsum in meiner Erinnerung ähnlich hoch wie vor dem Auslandsaufenthalt. Nur wirkte sie manchmal vielleicht bereits etwas „aufgedrehter“, wenn wir uns trafen. Ich habe mir damals nichts dabei gedacht. Heute denke ich, dass sie davor am Tag eventuell schon etwas getrunken hatte. Als wir 2020 zusammenzogen lief erstmal alles gut bzw. „normal“ – heißt ab Abends meist mehrere Getränke wie oben (auch von meiner Seite) aber ich weiß ehrlich nicht mehr, ob das täglich war oder „nur“ ein paar Mal die Woche.
Irgendwann so ab Mitte 2020 fielen mir erstmals Dinge auf. Leere Flaschen in unserer Glas-Sammlung für den Container, die ich nicht zuordnen konnte. Oder das Alkoholflaschen sehr schnell leer wurden, obwohl wir davon in meiner Wahrnehmung wenig oder nichts getrunken hatten. Und immer häufiger, wenn sie zum Rauchen nach draußen ging, und zurückkam, kam sie über die Kellertreppen hoch statt durch die Haustür (wir waren in einer Wohnung mit Keller-Raum und Tiefgarage). Sie sagte sie geht über die Tiefgaragenzufahrt, weil das schneller geht oder sie beim Rauchen ein paar Schritte laufen will. Ich wurde misstrauisch, weil das in meinen Augen keinen Sinn ergab. Ich habe dann an einem Tag geschaut, was sie wirklich macht und war auch im Keller schauen. Dort war sie dann in unserem Abteil, wirkte sichtlich ertappt, angeblich „Dinge sortieren“. Wir hatten im Kellerraum in Kartons unsere extra Weinflaschen, die nicht in den Weinkühlschrank passten. Und dann habe ich in die Kartons reingeschaut und eine angebrochene Flasche Wein entdeckt. Nicht den, den wir gekauft hatten, sondern irgendeinen anderen, den sie zum Trinken dort versteckt hielt. Ab da war ich natürlich in Alarmbereitschaft. Ich weiß nicht mehr, in welchem Ton und welchem Inhalt wir über die Situation sprachen. Ich weiß nur, dass der Tenor war, ich bin für dich da, aber das ist eine ernste Sache, die wir in den Griff kriegen müssen (und werden). Sie erzählte mir, dass sie seit dem Tauchunfall 2019 mit wiederkehrenden Angstzuständen kämpft und deshalb mehr trinkt. Ich sollte auch erwähnen, dass sie nach ihrer Rückkehr erstmal Anlaufschwierigkeiten bei der Jobsuche hatte und auch während der Corona-Zeit einen weiteren Jobwechsel mit einer längeren Such-Zeit durchmachte, weil der erste Job auf 1,5 Jahre befristet war ohne Übernahmeoption. Der Stress und die Angst rund um das Thema Job haben wahrscheinlich zusätzlich nicht geholfen.
Auf jeden Fall fand sie gut in den neuen Job rein und war zuversichtlich wieder die Kontrolle beim Trinken zu erlangen. Und wenn wir gemeinsam zuhause oder unterwegs was tranken, sollte ich den Takt angeben, wieviel. Sie hatte auch eine gute Freundin, mit der sie über das Thema sprechen konnte. Da ich kein Experte bin, dachte ich mir damals erstmal – probieren wir’s so.
Leider ging der Plan nicht auf. Über die nächsten Monate gab es immer wieder Situationen mit heimlichem Trinken. Die Verstecke wurden kreativer. Sie trank heimlich, wenn sie alleine unterwegs war, hatte z.B. in einem unbedachten Moment noch ein kleines Fläschchen in der Handtasche vergessen. Ich begann es auch zu riechen, wenn sie getrunken hatte. Jedes Mal, wenn ich sie konfrontierte, tat es ihr sichtbar leid und sie gelobte Besserung. Irgendwann entdeckte ich dann in der Tiefgarage bei Öffnungen in den Wänden für Tageslicht und Belüftung leere Weinflaschen. Da war für mich ein Kipp-Punkt erreicht. Ich sagte ich kann die Beziehung so nicht fortsetzen. Sie müsse zumindest eine ganze Weile erstmal gar nichts trinken, damit ich sehe, dass sie überhaupt ohne kann. Wir einigten uns auf ein halbes Jahr und dass sie mit einer Beratungshotline spricht. Sie bot sogar an, ganz aufzuhören, aber ich meinte, wir warten erstmal ab, wie es läuft. Rückblickend war das wahrscheinlich ein Fehler, wobei man nie sagen kann, wohin die Entscheidung letztlich geführt hatte. Mit der Beratungshotline hatte sie telefoniert. Sie erzählte mir, dass die Situation dort nicht so dramatisch eingeschätzt wurde und man da gut rauskommen kann.
Das war Ende August 2020. Ab da trat tatsächlich eine spürbare Veränderung ein. Soweit ich das beurteilen kann, hat sie die 6 Monate wirklich durchgehalten. Es gab keine Verstecke mehr, sie wirkte auch anders, probierte alkoholfreien Wein als geschmackliche Alternative zum Essen und kam mit der Enthaltsamkeit insgesamt in meiner Wahrnehmung gut klar. Ich selbst hatte meinen Konsum auch etwas reduziert. Heißt vermeiden ihr was „vor zu trinken“ und z.B. dann auch den alkoholfreien Wein mittrinken.
Nach Ablauf der 6 Monate wollte meine Freundin sich wieder „rantasten“. Für mich war das in Ordnung, solange sie es langsam angeht. Im Grunde lief es aber nach kurzer Zeit darauf hinaus, dass sie auf relativ hohem Niveau wie früher trank und „nur“ das heimliche Trinken wegfiel. Im Grunde ist das auch der Stand bis heute. Das ist natürlich besser im Vergleich zu der damaligen Tiefpunktphase, aber auch weit entfernt von gesund. Man merkt bis heute, dass Stress-Situationen sie dazu ermuntern, zur Beruhigung zu trinken. Eines der Dinge, die sie in den letzten Jahren gestresst haben, ist durch mich verursacht:
Circa. zwei Monate nach der 6-monatigen Trinkpause in 2021 ergab sich durch Zufall die Möglichkeit ein Grundstück ca. 60-80 Minuten außerhalb der Stadt zu erwerben – verbunden mit einer Bauverpflichtung innerhalb von vier Jahren. Wir beide mochten die Stadt und waren zwiegespalten. Ich war unterm Strich mehr für den Schritt als dagegen, weil das Angebot sehr gut war und aufgrund der hohen Kosten nur die Option für ein Eigenheim im Speckgürtel in Frage kam. Sie war eher dagegen, weil sie noch mehr als ich an der Stadt hing, hat aber letztlich zugestimmt, weil sie mit mir zusammen sein wollte und es für die nächsten 5 Jahre sowieso als logischen Schritt ansah. Ich habe aber gemerkt, dass sie während der Planungs- und Bauphase 2022-2023 doch innerlich damit zu kämpfen hatte, auch weil sie nach dem Umzug häufiger pendeln musste als ich. Mittlerweile jetzt nach dem ersten Jahr hadert sie in meiner Wahrnehmung deutlich weniger, denn jetzt mit Garten und Außenanlagen drum rum sieht es sehr schön aus und auch der Anschluss an die Nachbarschaft (Neubaugebiet, viele Leute im gleichen Alter) klappt für sie sehr gut. Sie hat auch mittlerweile einen neuen Arbeitgeber, wo sie eine etwas kürzere Strecke pendeln muss, mehr Homeoffice hat und sich dort sehr gut reinfindet mit top Feedback und locker bestandener Probezeit.
Zusammengefasst verliefen also die Jahre 2021 – 2024 wie folgt. Kein heimliches Trinken, dafür sehr hoher Regel-Konsum. Hoch bedeutet, auch unter der Woche 3-4 Gläser Equivalent zu Wein, am Wochenende ähnlich oder etwas mehr. Es hilft natürlich nicht, dass ich als Mittäter oft mitziehe. Den Schuh muss ich mir anziehen.
Ein paar Exzesse mit starker Betrunkenheit gibt es jährlich vielleicht ein halbes Dutzend; eher bei Parties/Feiern. Manchmal sind es Anlässe, wo ich dabei bin. In der Regel ist es aber eher, wenn ich nicht dabei bin. Ein paar Mal im Jahr bin ich außerdem dienstlich für ein paar Tage unterwegs. Dort habe ich auch schon 2-3x erlebt, dass diese Zeit mit vermehrtem Trinken genutzt wurde. Das konnte ich bei abendlichen Telefonaten mit ihr an der Stimme raushören.
Ich habe irgendwann 2022/2023 versucht aktiver gegenzusteuern und eingefordert, dass wir beide an weniger Tagen trinken. An 5 Tagen in der Woche war erlaubt, an 2 nicht. Das war zu dem Zeitpunkt der höchste Kompromiss, den ich ihr abringen konnte. Jetzt Anfang 2024 haben wir diese Regel auf mein Hinwirken von 5:2 auf 4:3 umgestellt, nachdem sie wochentags von einem eigentlich normalen Abendessen mit einer Freundin stark angetrunken zurückkam. Das hat zumindest die Anzahl der Tage eingeschränkt. Trotzdem stört mich der hohe Konsum an den Tagen, wo getrunken wird. Auf der anderen Seite macht sie jährlich eine Art Entgiftungs- und Abnehm-Diät/Kur für 4-6 Wochen, wo sie gar nichts trinkt.
Momentan weiß ich nicht, wie ich weiter vorgehen soll. Ich liebe sie, aber die letzten Jahre waren auch für mich eine emotionale Achterbahnfahrt und ich merke, dass ich eine kleine Mauer um mich herum gebaut habe. Ich merke, wir drehen uns gerade im Kreis und treten auf der Stelle. Ich habe Angst mit Blick auf die Zukunft. Ein Szenario, wo wir verheiratet sind mit Kindern und sie wieder abdriftet wie in 2020 oder schlimmer, wäre der absolute Albtraum.
Was kann ich beitragen, um das zu verhindern und es in eine gute Richtung zu drehen? Wie schätzt ihr die Lage insgesamt ein und was würdet ihr mir empfehlen, zu tun? Ich bin für jeden Input wirklich dankbar. Mit dem eigenen Latein bin ich so ziemlich am Ende.