sansl - Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen.

  • Hallo,

    ich habe einen alkoholabhängigen Vater, der sich mittlerweile in der sogenannten "chronischen Phase" befindet. Er verwahrlost in seiner Wohnung, schläft, schaut fern oder vegetiert vor sich hin, wäscht sich nicht mehr und verrichtet seine Geschäfte in diversen Eimern, da er nicht mehr laufen kann... Ich habe ihn dieses Jahr nach vier Jahren Funkstille wieder gesehen und werde ihm aus vielerlei Gründen nun wieder häufiger begegnen. Aus diesem Grund habe ich mich entschieden mich in diesem Forum anzumelden und mir vielleicht ab und zu etwas von der Seele zu schreiben und die Geschichten anderer Angehöriger zu lesen und eventuell auch mal einen hilfreichen Rat abzugeben oder meine eigene Sicht der Dinge nochmal zu überdenken.

    Ich habe den Eindruck mein Vater wird sein Leben nicht mehr in eine positive Richtung lenken. Während ich schreibe schmerzt mir der Bauch und Tränen steigen mir in die Augen. Sicher können sich fast alle Kinder von Alkoholikern mit dem Gefühlschaos identifizieren: Ein Durcheinander von Hass, Trauer, Selbstmitleid, sich wünschen dass es endlich vorbei ist und sich dann fragen ob es noch eine Chance gibt und wie schön dann alles sein könnte etc.

    Nun schlage ich einen Weg ein, der mit viel Arbeit an mir selbst verbunden ist.

    Frei nach Aristoteles: Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen.

  • Hallo sansl ,

    willkommen bei uns in der Selbsthilfegruppe.

    Leider ist es so, dass sich viele Geschichten der EKAs (erwachsene Kinder von Alkoholikern) bei uns im Forum ähneln.

    Du hast schon genau richtig erkannt, dass nur der Alkoholkranke selbst die Sucht stoppen kann. Du kannst im Grunde nichts tun, nur dafür sorgen, dass es Dir besser geht.

    Dir hier alles von der Seele schreiben wird dir sicher helfen, dich in dieser schwierigen Situation zurechtzufinden.

    Für den Austausch mit den anderen Teilnehmern klicke den folgenden Link an:

    https://alkoholiker-forum.de/bewerben/

    Anklicken und kurz etwas dazu schreiben.

    Wir werden Dich dann freischalten und Dein Thema in "Erste Schritte für EKA" verschieben.

    Viele Grüße

    Stern

    ⭐️

    Wenn du heute aufgibst, wirst du nie wissen, ob du es morgen geschafft hättest.

  • Hallo sansl,

    schön, dass du hier bist.

    Mein Vater ist am Alkohol gestorben.

    Ich hatte aber schon lange keine Bindung mehr zu ihm. Das macht es sehr viel einfacher.

    Du bist jetzt freigeschaltet und an die richtige Stelle im Forum verschoben worden. Ich wünsche dir weiterhin einen guten Austausch und Platz für deine Gedanken.

    Du kannst überall schreiben, nur bitte die ersten vier Wochen nicht bei den anderen neuen Teilnehmern im Vorstellungsbereich (erkennbar an den orange-roten Namen)

    VG

    Alex

    Wo ich hingehe, dort bin ich.

  • Auch von mir herzlich willkommen hier in der Selbsthilfegruppe.


    Wie Alex‘ Vater ist auch meiner an den Folgen seines Alkoholkonsums gestorben. Zuvor hat er eine chronische Phase durchlaufen, die Deiner Beschreibung sehr ähnelt (einzig das mit den Eimern war bei meinem Vater nicht und dass er bis zum Schluss das Familiensystem um sich hatte).


    Das man die Sucht als Angehöriger nicht stoppen kann, habe ich erst hier gelernt, wenngleich ich mir immer noch schwer tue, Alkoholismus als das zu akzeptieren, was es ist: Sucht und damit Krankheit.


    Der Austausch hier hilft mir sehr und ich bin sicher, Dir wird es auch so gehen. Und die Absicht, sich selbst bei der Aufarbeitung in den Mittelpunkt zu stellen, ist die beste Idee überhaupt - habe ich auch erst hier gelernt.


    VG


    Seb

  • Hallo zusammen, vielen Dank schon einmal für die lieben Wort.

    Alex, es tut mir Leid, dass du deinen Vater so verlieren musstest. Ich frage mich, ob du bis zum Ende noch Kontakt zu ihm hattest?

    Ich habe mittlerweile einen Pflegegrad für meinen Vater beantragt. Unsere Beziehung hat die letzten Jahre sehr gelitten und auch ich habe mich sehr von meinem Vater entfernt... er ist ja auch ein ganz anderer Mensch geworden. Meine Großmutter kümmert sich um ihn und ich befürchte sie versucht mich dahin zu bringen, dass ich mich demnächst um ihn kümmere, wenn sie mal nicht mehr kann. Mein Vater geht auf die 60 zu. Ich behaupte meine Großmutter ist Co-Abhängig. Für sie ist das Wichtigste, dass mein Vater versorgt ist und sein Dasein so weiterführen kann, wie gehabt. Ich versuche mich da irgendwie durchzuschlängeln... ich kann meinen Vater ja schlecht "verrecken" lassen, sowie er jetzt lebt. Aber seinen Alkohol und seine Zigaretten werde ich ihm nicht besorgen. Ich bin das einzige Kind meines Vaters und er das einzige Kind meiner Oma. Ich bin oft missgünstig, da mein Vater alles hatte, was man für ein glückliches Leben braucht. Die Alkoholsucht als Krankheit zu verstehen fällt mir sehr schwer, obwohl ja klar ist, dass sich niemand als Ziel setzt sein Leben zu versaufen.

  • Ich frage mich, ob du bis zum Ende noch Kontakt zu ihm hattest?

    Frag einfach mich. 😉

    Er war noch recht lange in der geschlossenen Abteilung.
    Wir hatten keinen Kontakt.

    Hatten wir aber schon vorher kaum. Ich denke im Nachhinein, dass das ein Glück für mich war.

    Wo ich hingehe, dort bin ich.

  • Willkommen bei uns in der Selbsthilfegruppe, sansl!

    Selbst habe ich den Kontakt mit meinem Vater vor vielen Jahren abgebrochen. Es hatte verschiedene Gründe, u.a. vermute ich, dass er Alkoholiker ist.

    Ich habe ihn dieses Jahr nach vier Jahren Funkstille wieder gesehen und werde ihm aus vielerlei Gründen nun wieder häufiger begegnen.

    Musst Du das wirklich? Er ist erwachsen und sollte selbst für sich sorgen. Auch wenn Deine Oma meint, ihm vieles abzunehmen, so ist das nicht Deine Aufgabe.

    Erschreckend finde ich, dass er fast in meinem Alter ist, sich derart aufgegeben hat und unter diesen Umständen haust.

    Ich habe mittlerweile einen Pflegegrad für meinen Vater beantragt

    Somit hast Du alles Weitere in die Wege geleitet und wenn es tatsächlich so ist, wie Du schilderst, wird sich da in Zukunft sehr viel ändern.

    Du bist nicht verpflichtet, ihn zu pflegen oder ihn regelmäßig zu besuchen. Lass Dir das nicht einreden!

    LG Elly

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    Mancher wird erst mutig, wenn er keinen anderen Ausweg mehr sieht.

    - Trocken seit 06.01.2013 -

  • Vielen Dank Elly,

    nun mein Vater hat natürlich nicht immer so gehaust... das tut er erst seit etwa 3 Jahren. Er war jahrzehntelang ein funktionierender Alkoholiker. Ich habe erst mit etwa 14 Jahren bemerkt, dass er offenbar ein Problem hat und als ich etwa 18 Jahre alt war, dass er Alkoholiker sein muss. Nun bin ich fast 30 und sein totaler Absturz bis zum aktuellen Stand zog sich sechs Jahre. Nach einem halben Leben heimlichen trinkens krachte es richtig. Er lief besoffen durch den Ort um sich Alkohol zu besorgen, drohte damit sich umzubringen, ich brachte ihn sogar einmal in die Geschlossene zum Entzug, seine Lebensgefährtin trennte sich, ehemalige Freunde versuchten zu helfen und wendeten sich ab, falsche kamen hinzu usw.

    Ich wohnte damals eine Wohnung über Ihm. Schließlich hielten wir es nicht mehr aus und zogen aus. Das letzte was ich zu ihm brüllte war: "LASS MICH IN RUHE UND GEH WEITER SAUFEN!" so laut, dass ich meine eigene Stimmte nicht mehr erkannte. Meine Großeltern sagten damals zu mir:"Man haut nicht gleich ab, wenn's in der Familie mal ein bisschen schwierig ist." - Als mein Opa vor zwei Jahren starb, hatten wir Funkstille. Ich hatte den Kontakt abgebrochen. Das tut mir heute noch weh.

    Naja und "müssen" tue ich gar nichts... ich habe das momentan so für mich beschlossen. Im Moment habe ich die Kraft dazu... und egal was mit meinem Vater geschieht, die Organisation im Anschluss wird an mir hängen bleiben. Seine vernachlässigte Firma, seine vernachlässigte Wohnung. Ich brauche glaube ich die Kontrolle bevor der große Knall kommt. Aber gut dass du nochmal betonst, dass ich zu nichts verpflichtet bin. Das sollte ich nicht vergessen!

    Ich hoffe einfach, dass mit einem Pflegegrad wieder etwas Licht in seine Höhle kommt. Ich weiß, dass es sehr unwahrscheinlich ist. Aber wenn man gewaschen und angezogen in einer sauberen Wohnung sitzen würde... naja beim schreiben merke ich gerade schon selbst, dass mein Vater dann nicht beschließen wird ein neues Leben zu beginnen. :roll:

  • Hallo sansl,

    Ich behaupte meine Großmutter ist Co-Abhängig.

    Deine Großmutter stammt noch aus einer Generation, in der Alkoholismus keine Krankheit sondern eher ein unangenehmer Zustand war. Da half nur, das unter dem Deckel zu halten und das schlimmste verhindern. " Wer saufen kann, kann auch arbeiten" war so ein Spruch der aus dieser Zeit stammt.

    Heute ist klar das es eine schwere Erkrankung ist. Also würde ich ihre Sicht auf die Dinge etwas relativieren, aber Du distanzierst Dich ja zum Glück schon.

    lG WW

    m. , Bj. 67 :wink: , abstinent seit 2005

    Wir gehen unseren Weg, weil wir nur den Einen haben. Hätten wir mehrere zur Auswahl, wären wir total zerrissen und unglücklich. Einzig die Gestaltung unterliegt uns in gewissen natürlichen Grenzen.

  • Heute ist klar das es eine schwere Erkrankung ist.


    Stimmt, aber auch hier muss man relativierend sagen, dass dies meist nur Betroffenen und ihrem Umfeld so klar ist. Ein Tabuthema ist es in Deutschland nach wie vor, weshalb auch eine sachgerechte Auseinandersetzung nicht gelingt.

    Vieles, was ich heute weiß, wusste ich früher noch nicht, auch deshalb, weil die Krankheit in Medien etc. so gut wie gar nicht thematisiert wurde. Das ändert sich zwar gerade ein wenig. Wenn man es allerdings mit der Diskussion im Zuge der begrenzten Freigabe von Cannabis vergleicht, ist es immer noch zu wenig.

  • Hallo sansl,

    Deine Großmutter stammt noch aus einer Generation, in der Alkoholismus keine Krankheit sondern eher ein unangenehmer Zustand war. Da half nur, das unter dem Deckel zu halten und das schlimmste verhindern. " Wer saufen kann, kann auch arbeiten" war so ein Spruch der aus dieser Zeit stammt.

  • - Stimmt, Whitewolf. Ich kann es auch bis zu einem gewissen Punkt verstehen. Aber spätestens jetzt wo ihr Sohn sich ganz offensichtlich tottrinkt... und mein Vater ist (zumindest noch auf dem Papier) selbstständig, sein lokales Umfeld, hat mitbekommen wie es um ihn steht. Also das unter dem Deckel halten fällt auch weg. Ich verstehe nicht warum sie diesen Zustand unterstützt und auch bewusst aufrecht hält. Sie betont zum Beispiel jedes Mal, wenn der Pflegeantrag Thema ist, mein Vater darf auf keinen Fall in ein Heim, das wäre sein Tod!

    Und dann würde ich sie am liebsten schütteln und sagen, dass der aktuelle Zustand sein Tod sein wird, durch ihre Unterstützung.

    Kann es ab diesem Punkt noch eine Wendung geben?

  • Evtl. hat sie Angst dann alleine zu ein wenn er in eine Einrichtung kommt?

    Die Hoffnungen auf Wendungen kosten Deine Zeit und Energien. Es ist leider ziemlich überschaubar was passiert. Somit hast Du die Möglichkeit für Dich Vorsorge zu treffen und auch Hilfe anzuleiern damit Du nicht soviel alleine stemmen musst.

    m. , Bj. 67 :wink: , abstinent seit 2005

    Wir gehen unseren Weg, weil wir nur den Einen haben. Hätten wir mehrere zur Auswahl, wären wir total zerrissen und unglücklich. Einzig die Gestaltung unterliegt uns in gewissen natürlichen Grenzen.

  • Ich möchte einfach mal den aktuellen Stand mitteilen in Sachen Pflegeantrag. Heute war jemand im Haus um den Pflegegrad meines Vaters zu ermitteln. Die Person hat hauptsächlich mit mir alleine gesprochen und vorläufig mitgeteilt, dass in der aktuellen Situation meines Vater eher eine Vollzeitpflege oder ein Pflegeheim in Betracht kommt... Ich habe später versucht mit meinem Vater sachlich über die Situation zu sprechen, aber er hat seinen Zustand als völlig normal abgetan. Nur das Pflegeheim entlocktem ihm ein paar Emotionen, da wolle er auf keinen Fall hin. Nun bin ich mal gespannt was im Gutachten stehen wird und wie das ganze dann vonstatten gehen soll. Außerdem hat er Post über die Nachprüfung seiner Berufsunfähigkeit bekommen. Ich fürchte das gibt noch Schwierigkeiten, denn die meisten Fragen (z. B. welche Ärzte behandeln Sie, welches Maßnahmen beabstichtigen Sie noch in Richtung Berufsfindung) kann ich schon nicht zufriedenstellend beantworten. Ich hab das blöde Gefühl der Rattenschwanz wird eher länger statt kürzer.

  • Hallo Sansl,


    Mein Vater weist sehr viele Verhaltensweisen von deinem auf und hat ebenfalls einen Pflegegrad. Der Betreuer ist bereits seit Monaten am Versuchen ein Pflegeheim zu finden. Leider sind Alkoholkranke Menschen keine gern gesehenen Vollzeitpflegefälle, sodass bisher aus diesem Grund nur Absagen kamen. Ich hoffe, dass du mit deinem Vater da mehr Erfolg hast.

    LG

  • Danke für die Antwort Lara,

    Ein Pflegegrad wäre schon mal eine große Hilfe. Beim Pflegeheim wird sich auch meine Großmutter querstellen... keine Ahnung wieso, aber sie ist der Meinung in seiner vernachlässigten Wohnung geht's ihm am Besten.

    Mein Vater hat nun nach Jahren auch plötzlich eingewilligt sich von einem Arzt behandeln zu lassen. Es ist ja immer ein hin und her aber ich habe den Eindruck er wird plötzlich etwas kooperativer (?)

    Ein aktueller Standpunkt über seine Gesundheit würde mich jedenfalls etwas beruhigen, da die Pflegegutachterin und eine Pflegeberatungsstelle mich auch schon mal auf das Korsakowsyndrom aufmerksam gemacht haben... Andererseits ist es ja auch egal, er hört ja nicht auf zu trinken und damit wäre eine Behandlung ja eh nicht möglich. Ich denke die unvorhersehbare Situation belastet mich am meisten, dass mein Vater sich zu Grunde säuft habe ich mittlerweile wohl akzeptiert. Dass ich so denke finde ich allerdings sehr traurig.

  • Liebe Sansl, das du so denkst, sollte dich nicht traurig machen. Es zeigt nur, dass du in der Realität angekommen bist und das ist wichtig, weil man dann die Dinge so sehen kann, wie sie sind. Dein Vater hat sich für diesen Weg entschieden und das ist sein gutes Recht. Vielleicht kannst du schon mal einen Antrag auf rechtliche Betreuung für ihn stellen, dann hast du alles getan, was zu tun ist. Und wenn er das alles ablehnt und mit seiner Mutter so weiterleben möchte, dann ist das so und du solltest dich zurück ziehen.

  • Hallo Sare, ja da hast du recht. Ich würde mich auch zurückziehen. Allerdings habe ich schon seit ein paar Tagen das mulmige Gefühl, es wird bald etwas Unschönes passieren und ich möchte auf dem Laufenden bleiben. Vielleicht auch Einbildung... es ändert sich aktuell ja auch täglich etwas (inkl. meiner Gefühlslage). Heute war ein Arzt vor Ort und hat eine erste Begutachtung meines Vaters durchgeführt und mit ihm einfach ein wenig über seine Beschwerden und Gefühlslage gesprochen. Im Anschluss sprach der Arzt noch einmal mit mir alleine. Es wurde der Verdacht einer Leberzirrhose geäußert. Nächste Woche wird Blut abgenommen, aber es wurde schon heute eine Palliativmedizin angesprochen und auch die Möglichkeit in ein Hospiz zu gehen. Ich bin jetzt doch ziemlich fertig und weiß gar nicht mehr was ich denken soll und muss das erstmal sacken lassen. Ich denke momentan, dass ich meinen Vater schon begleiten sollte...

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