Mauseweich, Auf der Suche nach Gleichgesinnten auf dem Weg in die Trockenheit

  • Vielen Dank erst einmal für eure Reaktionen, ich bin auch froh, mich auf den Weg gemacht zu haben. Ich muss auch sagen, dass ich durch meinen Mann viel Unterstützung erfahre, einmal indem er auch nicht mehr trinkt, allenfalls wenn er auf Dienstreise ist, und das finde ich völlig okay. Aber wenn wir zu Hause sind oder Essen gehen, trinkt er nicht und das macht es für mich nicht leicht, aber leichter mein abstinentes Leben in Angriff zu nehmen.

    Hartmut hat mir anfangs die Frage gestellt, ob ich Alkoholikerin sei... Darüber habe ich heute tatsächlich lange nachgedacht. Was macht mich zur Alkoholikerin? Gibt es dazu eine klare Definition? Kann man das abgrenzen, oder gibt es Grauzonen? Ich habe bis heute immer das Bild von mir gehabt, dass ich zwar viel zu viel getrunken habe, täglich getrunken habe, den Alkohol benutzt habe, um meine Wut, meine Trauer, meine Anspannung nicht mehr spüren zu müssen aber ansonsten habe ich in diesem Leben funktioniert was den Alltag anging. Wie ist das bei euch gewesen?

  • Hallo Mauseweich, das können die älteren bestimmt besser erklären als ich aber ich versuch es mal

    Was macht mich zur Alkoholikerin?

    Wir sind Alkoholiker weil wir nicht aufhören konnten zu trinken, sag ich jetzt mal so salopp, es gibt glaube ich fünf Formen der Krankheit alpha, beta usw. aber fest steht das wir Alkoholiker sind und mir genügt das auch, mehr muss ich nicht wissen, ich hab auch immer/meistens funktioniert, die letzten Jahre hab ich auch fast nur noch zuhause getrunken um alles unter dem Mantel zu halten.

  • Zweifelst Du noch? Du konntest am Ende 2 Flaschen Wein und mehr trinken und NOCH funktionieren ( wie lange noch?!). Das schaffen Nicht-Süchtige nicht, dazu gehört jahre-, eher jahrzehntelanges Training.

    Diese "Toleranzentwicklung" ist eines der Suchtkriterien der WHO, und die führt dazu, dass Du im Laufe der Jahre immer mehr Stoff brauchst - die Sucht bekommt nie genug, und irgendwann funktionierst du auch nicht mehr und riskierst alles, was Dir lieb und teuer ist.

    PS: Ich hab auch noch "funktioniert", mit deutlich weniger "Stoff", aber den hätte man mir nicht wegnehmen dürfen ...

  • Exakt das gleiche bei mir. Beruflich erfolgreich, sportlich, Familie. Von außen hat es mir keiner angesehen. Zwei Flaschen Wein waren eher am Wochenende angesagt- da hätte ich es morgens nicht aus dem Bett geschafft.
    Dass ich Alkoholikerin bin mache ich daran fest, dass ich oft nicht aufhören konnte. Außerdem habe ich mehrfach versucht den Konsum zu reduzieren, aber das hat nicht geklappt. Ich habe getrunken obwohl ich es schlimm fand. Ich fing an, meinen Konsum vor anderen runter zu spielen und leere Weinflaschen zu verstecken.
    Ich hab weder gezittert noch morgens schon getrunken (ich erwähne das, weil ich das mal als Kriterium für Sucht gehört habe). Dennoch bin ich zweifelsfrei Alkoholikerin. Allein schon wie sehr die Nüchternheit meinen Alltag verändert ist Beweis genug.
    Und diese schreckliche Scham- dieses Gefühl Leuten in die Augen zu schauen und zu denken ‚wenn ihr wüsstet‘. Das war sehr belastend.

  • Guten Morgen, ich bezeichne mich als Alkoholikerin, weil meine Gedanken viel zu oft um Alkohol kreisten. …. Und der Gedanke,ach jetzt das und das trinken, wäre gut‘ einfach zu oft aufploppte. Ungefähr zwei Mal im Monat habe ich bis zum Filmriss gesoffen. Das war bei mir die Trinkmenge von ca. zwei Flaschen Wein. Ich habe nie täglich gesoffen, manchmal auch nur einmal die Woche, aber ich habe es mir bewusst eingeteilt und das macht ein nicht abhängiger Mensch nicht. Der denkt überhaupt nicht an Alkohol.
    Guten Tagesstart!

  • Zweifelst Du noch? Du konntest am Ende 2 Flaschen Wein und mehr trinken und NOCH funktionieren ( wie lange noch?!). Das schaffen Nicht-Süchtige nicht, dazu gehört jahre-, eher jahrzehntelanges Training.

    Wenn ich es jetzt von dir zusammengefasst lese, kann ich nicht mehr zweifeln. Es gibt die Stimme in meinem Kopf, die mir sagt: "so schlimm ist es bei dir doch noch gar nicht" und die andere Stimme sagt: "Hör doch endlich auf, dich selbst zu belügen" Ich bin Alkoholikerin, die mittels Disziplin irgendwie noch funktionieren konnte und das Leben scheinbar im Griff hatte. Das "WIE LANGE NOCH?" Ist da völlig berechtigt.

    Ich hatte früher auch mal Trinkpausen, die ausschließlich disziplinarisch motiviert waren. Ich wusste immer, dass ich irgendwann wieder Alkohol trinken würde, weil ich mir nicht vorstellen konnte, für ein ganzes Leben darauf zu verzichten. Auch hatte ich immer die Hoffnung, nach der Trinkpause ein völlig anderes Trinkverhalten zu haben, wie durch Zauberhand mal nach einem Glas aufhören zu können.

    Das ist diesmal komplett anders. Ich habe mich verabschiedet, ich möchte keinen Alkohol mehr trinken, weil er mich im Griff hat, sobald ich ein Glas getrunken habe. Weil er mir nicht guttut, mich belügt und zu einem Menschen macht, der ich nicht mehr sein möchte. Ich bin dann von jetzt auf gleich nur noch eine Marionette. Es fällt mir in den meisten Fällen auch nicht sehr schwer auf Alkohol zu verzichten. Es gab in den 52 Tagen meiner Trockenheit zwei Situationen, in denen ich fast Alkohol besorgt hätte. Beide Male waren es unangenehme Gefühle, die ich dachte, nicht aushalten zu können. Es gab eine Unstimmigkeit auf der Arbeit, die ich zwar angesprochen und somit eigentlich geklärt hatte, der Ärger und die Wut hallten aber in mir nach. Mein gewohntes Muster wäre Wein gewesen und es hat fast körperlich weh getan, nichts zu kaufen und diese Gefühle nüchtern auszuhalten. Bei der anderen Situation gab es Probleme mit meinem Sohn, seine Freundin hat sich von ihm getrennt und er fiel in eine schlimme Phase zurück. Als Asperger Autist hat er immer größte Schwierigkeiten mit sich verändernden Situationen. Er wohnte zwei Wochen bei uns und es war für mich unerträglich ihn in diesem Zustand der Depression, Angst und maximaler Unsicherheit zu sehen. Mein "Pflaster" war nicht greifbar weil ich nicht mehr trinke. Ich ging anstatt zu trinken, zum Sport und in die Sauna. Das hat den Druck zumindest etwas von mir genommen. Trotz aller Situationen, die ich nur schwer ertrage, weiß ich, dass ich nicht mehr trinken will. Dass ich immer wieder in den Sumpf zurückfallen werde aus dem ich mich gerade herausarbeite. Dieses ganz deutliche "Ich will nicht mehr!" ist lauter als das: "Trink ein paar Gläser und dann geht es dir besser"

  • Du beschreibst sehr gut und deutlich was ich auch kenne und was ich auch bei vielen Neuankömmlingen hier lese.
    Immer wieder der Gedanke ‚ach komm, so schlimm war es doch noch gar nicht- ein bisschen Disziplin und dann klappt das auch mit dem kontrollierten Trinken‘.
    Aber genau das klappt eben nicht oder unter enormen Kraftanstrengungen nur ganz kurze Zeit.
    Und die Suchtstimme ‚jetzt ein Gläschen würde dich entspannen- sieht doch keiner und danach hörste halt wieder auch.‘

    Hab ich am Anfang sehr häufig und jetzt immer seltener gehört. Ich schreibe dann hier, gehe mit dem Hund und trinke Zitronensaft mit Wasser- das ist mein Mittel.

    Diese Zweifel ob man echt Alkoholiker ist ist auch im Grunde ein Versuch der Suchtstimme wieder an Alkohol zu kommen.

    Aber sie wird mit der Zeit leiser und wenn man nicht mit ihr diskutiert sondern ihr einfach sagt ‚hau ab, ich hör nicht mehr auf dich‘ geht das auch. Wobei: Einfach ist das nicht immer- aber es geht!

  • Hallo Mauseweich, herzlich willkommen. Ich denke hierher zu finden war das beste was dir passieren konnte., so war es zumindest bei mir. Funktionieren ist ein tolles Alibi für einen Alkoholiker. Ich habe in meiner nassen Zeit sehr gut funktioniert. An der Arbeit zum Beispiel hatte ich immer den Drang besser wie die anderen zu sein. Weshalb? Ganz einfach, damit man meinen Alkoholismus, den ich stets versuchte, im Rahmen zu halten, tolerierte. (Ich meine den Rest Atem Alkohol wenn ich an die Arbeit kam) Es war ein Ausgleich, der zwar sehr grenzwertig war, aber all die Jahre recht gut funktioniert hat auch wenn sich einige Vorgesetzte es sich haben anmerken lassen.Ich wün sche dir einen guten Austausch.🙋🏻‍♂️

    Ich bin (M/geb. 71)und "lebe" glücklich, abstinent seit 05./24.

  • Ich wün sche dir einen guten Austausch.🙋🏻‍♂️

    Vielen Dank Zwieback, ich denke auch, dass ich hier ganz genau richtig bin. Es tut ungemein gut zu lesen, dass ich gar keine Rarität bin, sondern dass sich Verhaltensweisen und Gedanken von mir hier in genau der gleichen Weise wiederfinden lassen.

  • Hallo Mauseweich,

    ich hab's mal geändert mit dem Zitat und deinem Beitrag.

    Wenn du etwas zitiert hast kannst du unter dem Zitatkästchen weiterschreiben. Also der Cursor muss unter das Zitatkästchen.

    Liebe Grüße Aurora

    Glücklichsein ist eine Entscheidung

  • Es gibt die Stimme in meinem Kopf, die mir sagt: "so schlimm ist es bei dir doch noch gar nicht"

    Hallo Mauseweich,

    ohh ja, diese Stimme kenne ich. Und ich bin jemand, die auf die sehr harte Tour lernen musste, wie falsch diese Stimme lag. Dass ich Alkoholikerin bin, weiss ich im Grunde schon seit ca. dem Jahr 2000. Dann habe ich mich 2006 (oder war es 2004) hier erstmalig angemeldet. Die Stimme meldete sich immer wieder nach ein paar Wochen. Ich habe dann nochmal 14(!!!!) Jahre gebraucht bis es bei mir endgültig Klick gemacht hat. Was für eine lange Zeit. Was für verschwendete Jahre. Die Stimme ist die Sucht, die Hoffnung, dass ich doch wieder trinken kann wie andere, gesunde Menschen auch.

    Heute ist die Stimme verstummt. Ich wünsche dir sehr, dass deine auch verstummt und du es nicht auf die harte Tour lernen musst.

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