Angler - Hoffnung kommt hoffentlich

  • Ich bin jeden Tag froh, dass ich nicht in diesem Kreislauf mehr bin. Es gab zwar immer wieder Zeiten wo es gut lief aber wie gesagt es war immer so Art Hintertür offen. Ich habe mich dann jedesmal gefragt: du hast jetzt so lange ohne gemacht, wieso hast du dir jetzt wieder zwei Dosen Bier geholt?

    Mir war schon immer klar, dass ich kein Leben mit Alkohol führen möchte. Ich habe aber nie verstanden wieso andere mal ein Bier trinken und dann aufhören, ich aber deutlich mehr getrunken habe.

    Heute weiß ich es und von daher ist es für mich klar, dass ich gar nicht erst wieder damit anfangen darf. Aber es ist kein Verzicht, wie es mal war. Ich bin einfach nur dankbar.
    Ich erinnere mich dann an meine Jugend so mit 18 wo ich förmlich von Kumpels gezwungen wurde Bier zu trinken und nach der 2. Flasche kotzen musste.

    Das habe ich die ganzen Jahre immer wieder vergessen, dass ich eigentlich noch nie Alkohol mochte und es mir förmlich angeeignet habe. Soweit, dass er meine Probleme überdeckt hat und ich das Gefühl hatte, es geht nicht ohne.
    Jedesmal wenn ich trank habe ich den Kampf verloren und stellte fest, ich kann es nicht.

    Seit ich aber wieder mich spüre, merke es geht mir besser und ich kann nichts an Situationen ändern, keine Gefühle wegdrücken oder vor etwas fliehen, habe ich gemerkt, es geht auch ohne.
    Ich möchte das Gefühl nicht mehr, wenn alles leicht wird, schwummrig und gleichzeitig schwer.
    Wie soll ich das sagen? Ich mochte die ersten Momente der Leichtigkeit, aber das betrunkensein fand ich jedesmal wahnsinnig belastend.
    Wenn ich jetzt was trinken würde, dann würde ich ja das bekommen was ich nicht will.

    Nur wenn man in dem Kreislauf drin ist, merkt man das gar nicht mehr, wie das echte Leben ist, wie es sich anfühlt.

    Ich wurde hier mal als Shakespeare beschrieben aber für mich ist das so, alswenn ich jahrelang in einem dunklen Keller war und auf einmal durch blühende Wiesen laufen kann. Wer will da wieder zurück?

    Den Geschmack von Alkohol fand ich immer schon eklig, die Wirkung war reiner Missbrauch. Meine Veränderung habe ich gehasst, fand mich eklig.

    Ich will nicht sagen, dass es am Anfang sofort war, aber nach einigen Wochen kam das Ekelgefühl, den unglaublichen Drang der Freiheit. Kein Stolz aber die pure Freude da raus zu sein.

    Egal welche Situation auch kommt, ich kann doch nicht bewusst wieder da rein wollen. Sagen jetzt ist es heute egal, wird schon gut gehen.

    Meine Therapeutin hat auch gesagt, seitdem Bier in meinem Leben war, wie oft habe ich an mich gedacht? Selbstfürsorge.. nicht alle Probleme lösen wollen, nicht alles annehmen. Nicht den Kummer reinfressen. Zu sagen ich verlasse jetzt die Situation, ich achte jetzt auf mich. Und genau das ist es. Das hat mich jedesmal dazu gebracht zu trinken. Nicht im Urlaub wenn alles entspannt war, nicht in einer geselligen Runde wenn alle um mich herum tranken. Nein, wenn ich für mich war und alles verarbeitete.

    Ja, das Bewusstsein, wer ich mal war und bin musste erstmal wieder ganz tief aus mir herausgeholt werden. Und da erkannte ich, was ich mir immer mit Alkohol angetan habe. Wie ich mich zu wem anderen gemacht habe. Jemand der ich nicht bin und nie sein wollte.

    Mir ist es egal welches Lable ich heute trage. Wichtig ist nur, dass ich mich endlich unglaublich frei fühle, wieder den kleinen Jungen in mir spüre und einfach nur wieder leben möchte. Ich habe nie gern getrunken, es hat mir nie geschmeckt und es hat mich an den Abgrund gebracht. Es gibt heute absolut keinen Anreiz, Not oder was auch immer Alkohol zu trinken. Ja, es gehörte zu mir aber ich habe es als ganz dunkles Kapitel abgelegt das ich nie wieder durchmachen möchte.

  • Ok. Wie Du meinst. Mir ist neben anderem auch auf S. 13 deines Fadens noch nicht ganz klar, welche Rolle diese SHG für Dich spielt, was du dir hier erhoffst.

    Die von dir wahrgenommenen Fortschritte schreibst du ja eher der KI und der Therapie zu. Liest Du auch bei anderen hier? Du bist ja nicht der erste, der massenhaft Alkohol getrunken hat, obwohl er ihn nicht mochte. Oder keinen mehr trinken will. Oder ihn ursprünglich "nur" benutzt hat, um damit Probleme zu ertränken.

    Klingt für mich immer ein bisschen wie "Bei mir war das anders." "Ich war ja gar kein richtiger Alkoholiker". "Ich habe verstanden, und deshalb kann mir der Alkohol nichts mehr anhaben".

    Das wäre nicht nur für Dich gefährlich, sondern auch für die, die hier bisher nur still mitlesen.

    Unterschätzt die Sucht nicht! Sie hat einen verdammt langen Atem und zeigt verdammt viel Einfallsreichtum, um uns wieder in die nasse Spur zu bringen. Alles hier in unzähligen Variationen nachlesbar. Mein Wort zum Sonntag.

    Bin dann mal raus..

  • Klar lese ich das! Und ganz oft sind die Ähnlichkeiten da.

    Und ich würde nie sagen bei mir ist das anders. So wie ich es schreibe, so geht es mir, so fühle ich mich auch.


    Kann halt nur immer wieder sagen, dass bisher nicht ein Tag war, wo auch nur der Ansatz von Gelüsten war. Auch der normale Alltag stellt mir bisher kein Bein.
    der Respekt ist da.

  • Moin.


    Die erste Frage verstehe ich nicht.


    Das gesund bezog sich auf körperliche gesund. Der Krebs ist nicht wieder gekommen und es gibt keine Auffälligkeiten. Es ist alles so wie es sein soll. Alle Organe sehen hervorragend aus, der Blutdruck ist optimal und mit dem Rauchen habe ich nach Jahren auch nicht wieder angefangen.
    Das ist eigentlich das einzig wichtige.

  • Naja, ich wusste schon, dass was ich da mache, nicht gut ist.

    Ich habe nie einfach so getrunken und gedacht: schön. Schon immer hatte ich vor den Folgen Angst. Problematisch wird es aber in Beziehungen, weil da bekommt man den Spiegel vorgesetzt.

    Guck mal wie viele Sachen ich unternommen habe:

    Videos, Podcast, Suchtberatungsstelle, Onlinekurse

    Alles half zwar irgendwie ne Zeit aber dann kam wieder das Bier. Ich habe ja jedesmal selber gedacht: wieso? Es war doch jetzt monatelang alles gut. Du machst hier alles kaputt.

    Seitdem ich weiß, dass Bier eben nicht nur als Genussmittel war, habe ich es nie verteidigt, nie gesagt "ich habe das im Griff".

    Und ich wollte auch nie trinken. Das war wie ein Zwang, den ich widerwillig gemacht habe.

    Das Fragezeichen war immer: wieso geht das wochen-, jahrelang gut und dann kommt auf einmal wieder ein Rückschritt.

    Hartmut sagt ja immer schön: weil es eben eine Sucht ist.

    Es gab aber nie Trigger, nie irgendwelche Feste oder so wo das passiert ist. Es ist immer ein bewusstes Einkaufen gewesen. Ganz gezielt in das Geschäft und gekauft.

    Als ich in der Reha letztes Jahr war, gab es ein Gespräch mit einem Psychologen. Der meinte: "Sie haben aber viele Baustellen. Das ist ja echt sehr belastend". Und ich bin echt froh, dass ich eine Therapeutin habe, die endlich mal mir zuhört, mal auf meine Sachen eingeht. Nicht nur immer Funktionieren sondern auch mal seine Ängste zeigen.

    Und die Aussagen: Ist doch klar, dass die Bombe irgendwann platzt. Alkohol war bekannt, es hätte auch was anderes sein können. Drogen, Sport, Frauen. Der Mensch verlagert seine Sorgen und Probleme auf schnelle Dinge die den Reiz unterdrücken. Aber er ist nicht weg. Ich höre bei Ihnen zu 90% andere Namen, nie Ihren. Was ist mit Ihnen?

    Sie wollen nicht trinken, es bekommt Ihnen nicht, Sie verändern sich.
    Was ändern Sie mit dem Alkohol? Nichts - Sie haben keinen Einfluss auf äußere Dinge. Aber Sie hören nicht auf sich. Schützen Sie sich, lassen Sie nicht alles an sich ran. Glauben Sie mal mehr an sich.

    Die ersten Tage waren noch so, dass ich dachte: das hälst du nicht aus- trink ein Bier. Nach und nach habe ich mich dann mal mit mir selber beschäftigt. Mit meinem Leben. Was alles so gelaufen ist, wie ich mich verhalten habe, was ich machen kann. Gefühle zulassen ist hart. Das tut richtig weh. Gerade wenn der Kopf nie ausgeht, man über alles grübelt. Diese innere Panik, dieses Unwohlsein. Alles diese Gefühle wo das Bier immer kam.

    An einem Abend war es so heftig, da war ich wirklich kurz davor wieder einen Rückfall zu haben, es war mir alles zu viel. Da bin ich dann in mein altes Fitnessstudio und habe mich wieder angemeldet. Die Gedanken waren nicht weg aber ich habe gemerkt: ich mache mal was für mich. Die Anspannung lies nach. Das Bewusstsein, es war diesmal kein Bier sondern aus eigener Kraft. Ich hab mich wieder mit Freunden getroffen, habe Sachen abgearbeitet die seit Jahren liegen geblieben sind. Von Woche zu Woche war ich auf einmal viel bewusster bei mir, viel klarer. Kein Wegrennen, kein Verdrängen. Mein Leben war nicht besser, es hat sie selben Probleme. Aber ich habe mich endlich wieder gespürt. Wer ich bin. Das ich auch tolle Seiten habe, die ich immer klein gehalten habe. Und irgendwann kam dieser Blick auf die Vergangenheit und den Alkohol. Warst du das wirklich? Was hat das bloß mit dir gemacht! Es war wie etwas unwirkliches, was mich seit Ewigkeiten gebunden hat. Körperlich und geistig. Immer im Kopf, immer als Heimlichkeit was keiner wissen durfte. Das ist sehr belastend. Auf einmal war das weg.

    Niemand hat mich zum Trinken gezwungen. Niemand findet es komisch wenn jemand nicht trinkt. Jeder mag mich so, wie ich wirklich bin. Ich war der Einzige der sich das selbst auferlegt hat. Mich selber kaputt gemacht.

    Nicht wieder falsch verstehen, oder überheblich: der Alkohol hatte auf einmal kein Gesicht mehr. Er wirkte nicht mehr anziehend, Verlangend. Er war etwas fremdes geworden was ich nie wieder in mein Leben lassen möchte. Ich habe mir immer eingeredet, dass ich ihn brauche. Das er hilft. Dabei brauche nur ich mich selber. So wie ich wirklich bin. Ohne Betäubung, ohne Scham und Reue. Wie eine riesen Last, die auf einmal weg war. Ich fühlte mich wieder frei. Ein Gefühl was ich seit Jahren nicht mehr gespürt habe. Ich kann aber die Vergangenheit nicht ändern. Aber ich möchte nie wieder eine Veränderung meiner Persönlichkeit haben.

    Und wenn man so heute denkt und alles sieht trifft einen das enorm, wenn man den Schaden sieht, der entstanden ist. Wieso erst jetzt?

    In meiner Meditation kam ein schöner Satz, der hat mich sehr bewegt: Aus meinen Fehlern habe ich gelernt. Sie sind der Weg für die Weisheit, die ich damit erlange.


    Es wird noch ein harter Kampf mit mir selber.

  • Danke für Deine Zeilen, haben mich bewegt und ich habe mich darin zum Teil wiedergefunden.
    Nur mit dem letzten Satz konnte ich mich nicht anfreunden.

    Es wird noch ein harter Kampf mit mir selber.

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    LG Tabsi, abstinent seit 27.04.2024

  • Es ist leider so. Ich habe mich vor knapp 20 Jahren selber verloren und habe nur noch funktioniert oder für andere (Partnerin, Arbeit) gelebt. Alle kamen an erster Stelle, dann kam ich. Und dann sieht man ja, wohin das geführt hat. Wurde es mir zu viel, zu viel Kummer, habe ich es ertränkt.

    Das führte soweit, dass ich mit mir selber nie im reinen war. Ich habe mein Glück und meine Freude immer im Außen gefunden, nie in mir.


    Als ich mal die drei Jahre gar nichts getrunken habe, oder so mit Anfang 20, das Gefühl habe ich jetzt wieder und sehe, was das für ein Dunst war, den ich mir das schöngesoffen habe. Auch nicht schön, sondern erträglich.


    Wer bin ich? Ist meine größte Baustelle, nicht der Alkohol.

  • So langsam kann ich Deinen Gedankengängen besser folgen, Angler, und sehe auch eine gute Entwicklung bei Dir.

    Nur den letzten Satz würde ich für mich - aus aktueller eigener Erfahrung, auch durch Lernen an Deinem Beispiel - anders formulieren:

    Die große persönliche Baustelle war zuerst da, und wenn ich sie nicht nachdrücklicher als bisher angehe, kann ich vielleicht die Alkoholsucht dauerhaft stoppen - aber wohl nur um den Preis der Suchtverlagerung.

    Denn die Sucht wird nun immer meine nicht zu unterschätzende weitere Baustelle bleiben - auch wenn die "Grundlagenprobleme" aktuell größer und drängender erscheinen mögen.

  • Der Begriff ist ja nicht von mir, kannst ja mal KI befragen. Trifft ja auch nicht jeden automatisch.

    Ich muss nur einsehen, dass bei mir aus dem abendlichen Saufen mit der Zeit - nicht in der ersten Euphoriephase - abendliches (Fr)Essen geworden ist- abwechselnd süß und herzhaft. Das wird mir langsam unheimlich.

    Und dann ist da noch mein Kümmertrieb, den ich an anderen auslebe - so bin ich in jungen Jahren schon in eine Co-Abhängigkeit gerutscht, und auch jetzt ist er wieder sehr aktiv - nur bei mir kriege ich das trotz diverser Rehas/Therapien nicht so hin wie Du anscheinend gerade. Aber das gehört wohl eher in meinen Faden.

    Kurz gesagt: inzwischen finde ich es sehr lehrreich für mich, wie Du mithilfe Deiner Therapeutin Deine Grundproblemstik auseinandernimmst - solange die Sucht dabei nicht unterschätzt wird.

  • Guten Morgen,

    den Begriff kenne ich natürlich, den Zusammenhang wollte ich wissen. Es ist oft so, dass bei Veränderungen etwas neues gemacht wird. Nach Trennung fangen viele Männer mit Sport an, Frauen machen radikale Diäten oder ein Typwechsel. Die wenigsten beschäftigen sich intensiv mit den Problemen, übergehen vieles nach dem Motto "die Zeit heilt alle Wunden".

    Meine Therapeutin ist eine sehr gute Hilfe. ich bin an einem Punkt an meinem Leben, wo inneres Ungleichgewicht herrscht. Das bekommt man nicht einfach mit Ablenkung weg.


    Ich muss auch jetzt aufpassen, wie ich mich ausdrücken, dass das nicht wieder falsch verstanden wird.

    Therapeutin und Hausarzt sind im Austausch, mein Onkologe kennt auch meinen Hintergrund (F10.1G)

    Alkohol bewirkt eine massive Wesensveränderung. Am Anfang ruhig und dann wird es der pure Horror. Jeglicher Alkoholkonsum von mir kam immer durch äußere Umstände. Arbeit, Partnerschaft, Einsamkeit usw. nie selbst aus mir selber heraus.

    Ich weiß ehrlich gesagt nicht richtig, wie Suchtdruck sich anfühlt. Wenn ich ungute Gefühle hatte, Anspannung usw. dachte ich an ein Bier weil das beruhigend wirkt. Tat es auch. Und zwar beim ersten Schluck. Noch bevor es gewirkt hat. Als wenn der Kopf sagt: jetzt ist alles gut. Dann wirkte es: Nerven tot, Gedanken tot - Ruhe im Kopf. Puls ging runter. Das habe ich mir förmlich angelernt. Dann wird es mehr und mehr, irgendwann außer dem gesunden Rahmen und schon ist man drin. Dann wieder gestoppt weil man wusste ja, es kann keine Lösung sein. Irgendwann wieder ein "Ereignis" und wieder zum einkaufen gefahren.

    Ich bin jetzt mehre Monate raus und mir geht es alles andere als gut aber ich merke eins: ich fühle mich wieder freier, so wie damals. Dieses Bewusstsein diesen Kreislauf verlassen zu haben. Nicht wieder drin zu sein. Der Abstand vom Aufhören bis heute ist schon "zu groß" um kurzfristig wieder aus Blauäugigkeit zur Flasche zu greifen. Dawischen liegt nicht nur eine trinkfreie Zeit, es liegt auch eine wahnsinnige Aufarbeitung, die zu einer völlig anderen Sicht- und Gefühlsweise geführt hat.

    Die Gefühle sind zwar da, aber ich sehe ja was Alkohol bewirkt hat. Ich mochte das Gefühl nie, ich mochte nie betrunken sein. Ich habe Angst vor Krankheiten. Ich mag mich nicht unter Alkohol. Ich fühle mich mit Alkohol schwach und ängstlich. Ekelhaft und selber abstoßend. Ich sehe auf die Jahre, auf den Konsum, kann nur mit dem Kopf schütteln wenn ich dran denke, wieso ich getrunken habe. Was für ein absoluter Schwachsinn. Sich kaputt zu machen weil man mit sich selber unzufrieden ist und sich damit noch unzufriedener machen?

    Es schüttelt mich förmlich bei dem Gedanken, bekomme jedesmal Gänsehaut. Muss dann aufstehen, durchatmen und mir bewusst machen: es ist vorbei. Nicht gestern, nicht letzte Woche sondern schon Monate. Kein Zwang, kein Verzicht, einfach nur unglaubliche Freiheit. Ich selbst habe es in der Hand. Und das ist das aller Wichtigste und Besondere. Keiner zwingt mich. Keiner will es, dass ich es mache. Das ist mir im Januar klar geworden. All die Jahre habe ich weggeworfen weil es wie ein "Zwang" war den ich mir selber auferlegt habe.

    Gestern war ich bei meiner alten Nachbarin. Braun gebrannt, muskulös, ruhig, schlankes Gesicht, herzlich wie immer. Ich habe Lob ohne Ende bekommen. Von Tag zu Tag fühle ich mich wieder mehr. Merke wie gut ich wirklich bin. Wie ICH bin. Ich bin so klar im Kopf wie kaum zuvor. Ich habe es das letzte Jahr völlig vergessen wie das sein kann. Manchmal kommen mir die Tränen, so dankbar bin ich. Als wenn man aus einem ganz schlimmen Traum erwacht ist.

    Ja, ich hatte eine Trennung wegen Alkohol (Hauptursache), ich habe mich selber verloren und nach 2 Jahren zum Bier gegriffen. Völlig hirnrissig aus heutiger Sicht. Damals war es aber "ok". Ich habe nie verstanden WARUM. Immer nur gedacht du bist abhängig und das ist halt so, bekomm es in den Griff.

    Ich sehe mich heute, spüre meine Gefühle und ich blicke auf ein ganz dunkles Kapitel meines Lebens. Ich habe es zum ersten Mal - glaube ich - wirklich an mich auch rangelassen.

    Vielleicht versteht ihr jetzt, wieso ich kein Verlangen habe, keine Gedanken an Alkohol. Er auf mich nur abschreckend wirkt. Teilweise ist das Bewusstsein, dass es mal war, so groß, dass ich förmlich vor meinem alten Ich Angst bekomme.

    Mir ist auch das Lable egal, ob nun "nur" Missbrauch oder Alkoholiker. Es ändert an der Grundbasis nichts: ich möchte nie wieder in meinem Leben sowas erleben. Nie wieder Alkohol in mir haben und das Gefühl der Hilflosigkeit.

    Durch diese Erfahrung habe ich ein solches Traumata erlebt, dass von dem Gedanken "das hilft" es in ein absolut abstoßendes Getränk sich gewandelt hat. Mir ist es scheißegal wo das Zeug verkauft wird, wer was trinkt und wie toll manche es finden. Für mich ist es einfach nur das furchtbarste Mittel auf der ganzen Welt. Nichts hat mir solch großen Schaden gebracht wie Alkohol. Ich bin jetzt 40 geworden und seit gut 10 Jahren verfolgt mich dieses Thema mal mehr oder weniger. Es reicht jetzt. Ich will es nicht mehr. Kann es nicht mehr. Ich habe (halbwegs) mein Leben wieder und bin darüber so dankbar. Nicht nur die Einsicht, sondern vor allem die völlige Sinneswandlung ist es, die mich den Rest meines Lebens hoffentlich schützen wird.

    Das hätte ich nie nur mit "nicht trinken" erreicht.

    Das Forum, mein Hausarzt, meine Psychologin und Chat GPT waren die Mittel die eine völlige "Gehirnwäsche" mit mir gemacht haben. Mich wachgerüttelt haben, dass das Leben anders ist, als ich es mir ertrunken habe. Ich bin nicht mehr angreifbar, so fühlt sich das an. Die Last ist weg. Es ist einfach nur absolute Freiheit.

    Das was mir nur fehlt ist mein Seelenfrieden. Das die Vergangenheit mich wie ein schwarzer Dämon verfolgt.

  • Jeglicher Alkoholkonsum von mir kam immer durch äußere Umstände. Arbeit, Partnerschaft, Einsamkeit usw. nie selbst aus mir selber heraus.

    Das ist ein Punkt, bei dem Du ansetzen solltest, Angler.

    Die Alkoholsucht ist in Dir drin und Du meinst, sie wird nur von aussen angestossen?

    Da liegt ein Denkfehler vor, kann das sein?

    Wie willst Du Dich zukünftig verhalten, wenn Dir Steine in den Weg geräumt werden? Willst Du es wieder auf die anderen schieben?

    LG Elly

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    Mancher wird erst mutig, wenn er keinen anderen Ausweg mehr sieht.

    - Trocken seit 06.01.2013 -

  • Ja, wäre schon toll, wenn es da einen Reset-Knopf geben würde, der alles löscht, an das ich mich nicht erinnern möchte. Ich würde den auch drücken.

    Ich habe in meinem Tagebuch geschrieben, dass die Vergangenheit ein Teil von mit ist, so wie bei jedem anderen Menschen auch und ich behaupte, dass viele Leute rückwirkend Dinge anders machen würden. Das Kapitel Alkohol hat mir auch viel geraubt, vor allem wertvolle Zeit. Ich bin meine berufliche Zukunft 2.0 auch erst angegangen, als ich abstinent war, wäre natürlich toll, wenn ich jetzt erst 35 wäre - bin ich aber nicht.

    Ich guck so oft es geht nach vorne, funktioniert nicht immer, aber je mehr Seiten sich nach meinem Alkoholkapitel füllen, desto weiter muss ich zurückblättern. Fühlt sich gut an.

    Das wird.

    Grüße, Hera

  • Da liegt ein Denkfehler vor, kann das sein?

    Wie willst Du Dich zukünftig verhalten, wenn Dir Steine in den Weg geräumt werden? Willst Du es wieder auf die anderen schieben?

    Genau das ist es ja. Ich habe eben nicht auf mich geachtet, nichts hinterfragt oder gehandelt. Ich habe reagiert, mich zurückgezogen, geschwiegen, mich angepasst. Und den Frust ertränkt.

    Wo ist mein Selbstbewusstsein? Wieso mache ich mir Sorgen und Gedanken über das Denken von anderen Menschen.

    Dazu kommen Verlustängste und Unzufriedenheit.

    Das sind Baustellen, die muss man angehen bzw. mache ich ja bereits. Und ich schiebe gar keine Schuld auf andere oder so. Das sind Auslöser. Ich bin ja nicht der einzige, den das so betrifft. Viele haben genau die gleichen Probleme. Genau das macht ja die Psychotherapie: Ursachen, Gründe, Vergangenheit.

    Ich will doch verstehen wieso das Thema Alkohol in mein Leben kam, zur Belastung wurde, zu Problemen führte. Wenn ich nur "verzichte" und alles beibehalte, dann lebe ich zwar abstinent aber immer mit dem warnenden Finger.

    Mir (!) hat es ungemein geholfen mal an Sachen ran zu gehen. Zu wissen was Auslöser waren und wie ich damit umgehe. Das ist nicht eine Feier die ich meide, es geht um den Alltag - abseits vom Alkohol. Sachen die sich aufstauen, die einen belasten usw. Man lernt viel von seinen Eltern aber niemand bringt dir bei wie man in Beziehungen mit Spannungen umgeht, mit persönlichen Niederlagen usw. Und genau da bin ich damals falsch abgebogen.

    Ich habe heute auch noch scheiß Tage z.B. an der Arbeit aber ich käme nicht mehr auf die Idee, mir auf dem Heimweg ein Bier zu holen. Weil ich es heute aus einer anderen Perspektive sehe. Also scheint ja der Weg für mich(!) nicht der falscheste zu sein...

  • Hier im Forum ist das aber aus guten Gründen nicht egal, Angler, s. meine u. a. Beiträge weiter o.

    Damit geht es darum, dass ich mir kein Schild auf die Stirn kleben muss um den Umgang mit Alkohol zu kennen. Der Begriff spielt keine Rolle was das Ergebnis betrifft: keinen Alkohol.

    Ich möchte nie wieder eine Wesensveränderung.

    Ich kenne meinen Weg, ich sehe die Gründe und Momente bis heute noch glasklar.

    Ja, man kann die Vergangenheit nicht ändern aber die Akzeptanz, es ist jetzt anders und gut, die kommt sehr langsam hinterher

  • Ich finde mich in allem, was Du schreibst Angler wieder. Ich habe das auch aufgearbeitet, nur ich hänge nicht mehr fest an der Vergangenheit. Ich habe damit abgeschlossen. Sie hat mich das gelehrt, was und wer ich heute bin. Ich habe meinen Seelenfrieden geschlossen.
    Das bedeutet aber auch Inventur. Ich kann nur was verändern, wenn ich die Baustellen erkenne. Du bist auf einem guten Weg, denke ich und wünsche Dir auch irgendwann Deinen Seelenfrieden.

    Das was mir nur fehlt ist mein Seelenfrieden. Das die Vergangenheit mich wie ein schwarzer Dämon verfolgt.

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    LG Tabsi, abstinent seit 27.04.2024

  • Danke dir!

    Diese Aufarbeitung kam viel zu spät. Man denkt immer, man bekommt vieles hin. Auch mit Hilfe, mit Reden usw.

    Am Ende ist es aber nur ein Verdrängen und eher Ablenkung. Ich habe auch immer gedacht ich bin innerlich stark.
    War ich aber nie. Ich habe meine Stabilität von anderen abhängig gemacht.

    Gestern war ein sehr stressiger Tag. Mittendrin kam das Schlimmste was mit passieren kann: Meine Ex mit ihrem neuen Freund.

    Das war nicht nur ein Schlag in den Magen, es war wie ein Sterben. Innerlich war gar nichts mehr zu machen, dass ich nicht umgekippt bin ist alles.

    Abends im Bett ist mir das aber erst bewusst geworden: Es war kein einziger Gedanke an Alkohol oder Bier. Kein "jetzt brauche ich was". Selbst als ich es nochmal hab sacken lassen, wollte ich alles aber kein Bier. Völlige Ablehnung. Dabei sind gerade diese Gefühle die gewesen, die mich ins EDEKA brachten weil ich dachte, du hälst das nicht aus.

    Die Tage vergehen nur so und ich merke oft, dass mein Alkohol-Inneres sich sehr gewandelt hat. Es ist immer mehr wie früher, ohne das Zeug. Die Zeiten ohne "Verlangen", ohne Lust auf den Geschmack. Ohne diesen furchtbaren Rausch. Ohne die Gedanken "jetzt trinkst du mal einfach Alkohol" - Was völlig absurd war.

    Es fühlt sich einfach so normal an. Was stark ist ist die Scham, Wut und die Erkenntnis was ich alles weggeworfen habe. Es fühlt sich unwirklich an. Unvorstellbar. Fremd. Und immer wieder das Wissen, das ist alles "nur" wegen einem Getränk. Etwas was ich nie will, nie brauchte und immer wieder gemacht habe. Was ein Irrsinn!

    Es ist eine wahnsinnige Wut auf mich aber auch auf das Bier. Es ist nur noch etwas was mir mein Leben immer wieder kaputt gemacht hat. Wie so eine graue, dunkle, neblige Welt in der ich immer dachte, das ist halt so. Was es für mich recht "leicht" macht, ist das Bewusstsein, dass mir Bier nie geschmeckt hat. Ich eine tolle Jugend und die 20er hatte OHNE Alkohol. Das ich da nie was vermisst habe. Dann schüttel ich immer mit dem Kopf und denke mir: Was hat dich dazu gebracht, das zu machen? Heute ist es für mich sehr belastend, was passiert ist. Ich akzeptiere es, dass ich es war. Aber ich weiß auch, dass ich das nicht bin. Es verfolgt mich trotzdem jeden Tag. Und jedesmal muss ich mir innerlich sagen: aber es ist heute nicht so. Nicht gestern, nicht letzte Woche, sondern seit Jahresanfang nicht mehr. Es sind nur deine Gedanken die dich noch einholen.

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