Klänge in Dur und Moll

  • Vor beinahe 7 Jahren - an meinem persönlichen Tiefpunkt angelangt - hatte ich definitiv begriffen, dass ich da etwas dauerhaft ändern muss. Für immer. Und das habe ich getan. Ich wurde Rauch- sowie Alkoholfrei. Aus Überzeugung.

    In der Anfangszeit war ich noch etwas wackelig auf den Beinen, und habe mich durch die hier wohlbekannten Massnahmen geschützt.

    Ich hab damals für mich das Wandern entdeckt. Wegen des Corona Lockdowns, und weil ich sämtliche meine sogenannten Freunde und Bekannten in den Wind geschossen hatte, war ich da oft alleine unterwegs, und das war super. Ich lernte nämlich jemanden kennen, der ziemlich gut drauf, smart, liebevoll und ... interessant ist: Mich selbst.

    Irgendwann später lernte ich meine liebe Frau kennen - und zog dann kurzerhand 130 km weit weg zu ihr.

    Im Beruf stellten sich Erfolge ein - so wurde ich bis heute dreimal befördert. Ich bin Informatiker, und habe lange Jahre im 1st Level gearbeitet. Wurde Teamleiter, dann befördert in den 3rd Level, wo ich dann wiederum Teamleiter und Applikationsverantwortlicher für zwei unternehmenskritische Applikationen wurde.

    Ach ja - inzwischen habe ich auch die Band gewechselt. Die Alte fand in einem Millieu statt, welches ich zunehmend verabscheute. Dies kostete mich viel, da wir 20 Jahre lang zusammen Musik gemacht haben. Doch ich bereue auch diesen Schritt nicht. Die neue Band ist sauber. Unsere Fanbase und unsere "Kunden" bestehen aus normalen Menschen, was sich vor allem auch auf die niveauvolleren Auftritts-Lokationen auswirkt. Keine verrauchten Siffkeller mehr, keine johlenden Alkoholleichen mehr.

    Ich liebe mein Leben mit all seinen Höhen und Tiefen, mit seinen fröhlichen und traurigen Melodien.

    Ich spüre mich, meine Grenzen, und meine Möglichkeiten.

    Ich stehe für mich ein.

    All denjenigen hier, die am Anfang ihrer Reise stehen, möchte ich aus tiefer Überzeugung folgendes ans Herz legen:

    Es lohnt sich.

    Auf Dich wartet ein lebenswertes, gutes Leben.

    Auf Dich wartet jemand. Du selbst. Du wirst diesen Menschen lieben.

  • Gestern war ich mit meiner Frau an einem Live-Konzert. Die Band "Starsailor" ist grad auf Tour mit Kammer-Orchester. Es war grossartig.

    Ich liebe Konzerte, das ist so ein Ding von mir und meiner Frau. Wir waren schon mehrere Male an Gigs in London, Hamburg, in Wien, Zürich oder Bern, und besuchen sowieso pro Jahr sicher um die 15 Anlässe - von Klassik über Rock zu Indie-Zeugs oder Jazz, da ist alles dabei. Jaa, für tolle Gigs reisen wir manchmal recht weit, und machen dann gleich einen Kurzurlaub draus.

    Das mit den Live-Konzerten war am Anfang auch so eine Sache. Es versteht sich von selbst, dass man so etwas erst dann tun kann, wenn man sich sicher fühlt, als abgetrockneter Alkoholiker. Und da ich mich früher an Konzerten immer volllaufen liess, hatte ich Bedenken, ob mir das denn so gefallen würde, ohne irgendwelche Substanzen im Gebälk.

    Darum hatten wir damals die folgende Vereinbarung: Wenn ich nur den geringsten Druck verspüre, dann würden wir gleich wieder gehen.

    Doch ich durfte eine wunderbare, eindrückliche Erfahrung machen. Ich tanzte nämlich in vorderster Reihe, völlig im Sound fliessend, und ging nach 2,5 Stunden überglücklich, von guter Musik belebt, wieder nach Hause.

    Irgendwie stellte ich fest, dass ich früher gar nie wirklich an den Konzerten gewesen war, und schon gar nicht wegen der Musik. Das ist heute anders. Ich gehe wirklich wegen der Musik, wegen des Konzerts. Irgendwelche Substanzen würden das Erlebnis nur verkleinern oder verfälschen - ich will das gar nicht. Es ist gut so wie's ist , und ich darf mich vorbehaltlos darauf freuen.

    Wenn ich heute an ein Konzert gehe, denke ich gar nicht mehr an Alkohol. Alkohol hat in meiner Welt mit Konzerten nichts (mehr) zu tun.

    Ich möchte hier noch anmerken, dass ein solches Verhalten nicht blind nachgemacht werden kann/soll. Dies ist keine Anleitung für irgendwas.

    Meine Strategie bezüglich der Trigger, die funktioniert für mich, aber das verhält sich wohl nicht bei jedem/jeder gleich. (Ich "überschreibe" existierende Trigger, löse sie auf)

    Am Anfang der Reise in die Trockenheit ist das ein No-Go, ein unnötig dämliches Risiko, welches tunlichst vermieden werden soll.

    Ich habe diesen Konzertgang erst nach ca. 1,5 Jahren Trockenheit gewagt.

  • Etwas was mir sehr geholfen hat, war das Bewusstsein, worin meine eigentliche, wahre Freiheit im Leben besteht.

    Das Leben besteht (u.A.) aus Impulsen und Reaktionen darauf.

    Ein Impuls kann etwas sein, was von "aussen" an mich herangetragen wird. Beispiele: "Flasche steht da", "Ich sehe das Weinregal, an welchem ich vorbei gehe", "Freund ist gestorben", "Ich habe meinen Job verloren". (etc.)

    Ein Impuls kann aber auch von innen kommen, als Gedanke: "Ach wär das jetzt schön, auch ein Glas Wein zu trinken", "Ich mag Bier", oder "Ich fühl' mich aussen vor", "Ich langweile mich", etc.

    Darauf folgt ja dann eine Reaktion. Ich lasse mir ein Glas Wein einschenken (oder eben nicht), ich kaufe ein Flasche Bier (oder eben nicht), oder was ich auch immer tu'.

    Aber zwischen Impuls und Reaktion ist ein kleiner, manchmal sehr kurzer Moment. Das ist der einzige Moment, über den ich die volle Kontrolle habe - wenn ich das zulasse, in Anspruch nehme. Hier kann ich was bewirken.

    Und ich hab das in Anspruch genommen - nehme ich bis heute in Anspruch. Es steht nirgendwo geschrieben dass man auf einen Impuls umgehend reagiert/reagieren soll. Man darf das alles ruhig überdenken. Tut man auch, manchmal halt etwas unbewusst.

    Mir hat diese Überlegung das Steuer zurückgegeben. Die Verantwortung, und die Möglichkeit, dieser Verantwortung gerecht zu werden, lag und liegt sehr offensichtlich bei mir - und das ist gut so.

  • Hallo

    Hab eben deinen Beitrag bei doro gelesen bzgl fress Attacken oder so ähnlich.

    Dieses Hunger Gefühl erinnert mich etwas an beginnenden Saufdruck. Lust auf was süßes, ereilt mich meist wenn ich ein Nickerchen gemacht hab, oder Lust auf was feines zu essen.

    Nennt man bei uns im Raum "Gimms"oder "Gammer "eben das Bedürfnis auf ein bestimmtes Lebensmittel, starkes Bedürfnis mit u.U.speichelfluß,wie beim 🐕 wenn er das Leckerli sieht.

    Gleichzusetzen mit Saufdruck eher nicht,aber das könnte meiner Meinung nach aus derselben Ecke kommen.

    Kann das irgendwie nicht gut erklären aber die Vermutung liegt nahe.

    Der Weg ist das Ziel(Konfuzius)

    Seit 1.1.2014 trocken

  • Bolle ja, ich find auch, dass das aus derselben Ecke kommen könnte. Meine Entschuldigungen, einer ausgedehnten Fresserei zu fröhnen sind exakt dieselben (dämlichen) Ausreden/Erklärungen.

    Was ich bemerkt habe: Wenn ich eine Weile nicht auf's Gewicht achte, und diesem Drang Raum gebe, erhöht sich mit der Zeit die uralte Lust auf Alkohol. Kennst das auch?

  • Nein,das kenne ich so nicht.

    Meine Waage erinnert mich von Zeit zu Zeit daran etwas aufzupassen. Trotzdem esse ich manchmal über das satt Gefühl, weils eben sooo fein ist.

    Verknüpfungen mit Alkohol habe ich dabei nicht.

    Hatte mal vor sehr langer Zeit, auch im Rahmen einer Entgiftung, die damals gut 4 Wochen lief die Gelegenheit an einem Genuss Training teilzunehmen. Hat mich sehr beeindruckt und begleitet mich bis heute.

    Trotzdem kann ich auch eine Tüte Chips mit Genuss weghauen :mrgreen:

    Der Weg ist das Ziel(Konfuzius)

    Seit 1.1.2014 trocken

  • Lebensmut74

    Habs grad mal gegoogelt. Hat also nicht nur mit essen zu tun.

    In Erinnerung an ein Beispiel, wo der Therapeut sich vor uns stellte und eine halbe Zitrone nahm und einige Worte dazu sagte, wie sauer und intensiv sie doch sei.

    Jeder Teilnehmer musste heftig schlucken :)

    Sogar jetzt nach über 20 Jahren läuft mir das Wasser im Mund zusammen 🤤🤤

    Der Weg ist das Ziel(Konfuzius)

    Seit 1.1.2014 trocken

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