Klänge in Dur und Moll

  • Vor beinahe 7 Jahren - an meinem persönlichen Tiefpunkt angelangt - hatte ich definitiv begriffen, dass ich da etwas dauerhaft ändern muss. Für immer. Und das habe ich getan. Ich wurde Rauch- sowie Alkoholfrei. Aus Überzeugung.

    In der Anfangszeit war ich noch etwas wackelig auf den Beinen, und habe mich durch die hier wohlbekannten Massnahmen geschützt.

    Ich hab damals für mich das Wandern entdeckt. Wegen des Corona Lockdowns, und weil ich sämtliche meine sogenannten Freunde und Bekannten in den Wind geschossen hatte, war ich da oft alleine unterwegs, und das war super. Ich lernte nämlich jemanden kennen, der ziemlich gut drauf, smart, liebevoll und ... interessant ist: Mich selbst.

    Irgendwann später lernte ich meine liebe Frau kennen - und zog dann kurzerhand 130 km weit weg zu ihr.

    Im Beruf stellten sich Erfolge ein - so wurde ich bis heute dreimal befördert. Ich bin Informatiker, und habe lange Jahre im 1st Level gearbeitet. Wurde Teamleiter, dann befördert in den 3rd Level, wo ich dann wiederum Teamleiter und Applikationsverantwortlicher für zwei unternehmenskritische Applikationen wurde.

    Ach ja - inzwischen habe ich auch die Band gewechselt. Die Alte fand in einem Millieu statt, welches ich zunehmend verabscheute. Dies kostete mich viel, da wir 20 Jahre lang zusammen Musik gemacht haben. Doch ich bereue auch diesen Schritt nicht. Die neue Band ist sauber. Unsere Fanbase und unsere "Kunden" bestehen aus normalen Menschen, was sich vor allem auch auf die niveauvolleren Auftritts-Lokationen auswirkt. Keine verrauchten Siffkeller mehr, keine johlenden Alkoholleichen mehr.

    Ich liebe mein Leben mit all seinen Höhen und Tiefen, mit seinen fröhlichen und traurigen Melodien.

    Ich spüre mich, meine Grenzen, und meine Möglichkeiten.

    Ich stehe für mich ein.

    All denjenigen hier, die am Anfang ihrer Reise stehen, möchte ich aus tiefer Überzeugung folgendes ans Herz legen:

    Es lohnt sich.

    Auf Dich wartet ein lebenswertes, gutes Leben.

    Auf Dich wartet jemand. Du selbst. Du wirst diesen Menschen lieben.

  • Gestern war ich mit meiner Frau an einem Live-Konzert. Die Band "Starsailor" ist grad auf Tour mit Kammer-Orchester. Es war grossartig.

    Ich liebe Konzerte, das ist so ein Ding von mir und meiner Frau. Wir waren schon mehrere Male an Gigs in London, Hamburg, in Wien, Zürich oder Bern, und besuchen sowieso pro Jahr sicher um die 15 Anlässe - von Klassik über Rock zu Indie-Zeugs oder Jazz, da ist alles dabei. Jaa, für tolle Gigs reisen wir manchmal recht weit, und machen dann gleich einen Kurzurlaub draus.

    Das mit den Live-Konzerten war am Anfang auch so eine Sache. Es versteht sich von selbst, dass man so etwas erst dann tun kann, wenn man sich sicher fühlt, als abgetrockneter Alkoholiker. Und da ich mich früher an Konzerten immer volllaufen liess, hatte ich Bedenken, ob mir das denn so gefallen würde, ohne irgendwelche Substanzen im Gebälk.

    Darum hatten wir damals die folgende Vereinbarung: Wenn ich nur den geringsten Druck verspüre, dann würden wir gleich wieder gehen.

    Doch ich durfte eine wunderbare, eindrückliche Erfahrung machen. Ich tanzte nämlich in vorderster Reihe, völlig im Sound fliessend, und ging nach 2,5 Stunden überglücklich, von guter Musik belebt, wieder nach Hause.

    Irgendwie stellte ich fest, dass ich früher gar nie wirklich an den Konzerten gewesen war, und schon gar nicht wegen der Musik. Das ist heute anders. Ich gehe wirklich wegen der Musik, wegen des Konzerts. Irgendwelche Substanzen würden das Erlebnis nur verkleinern oder verfälschen - ich will das gar nicht. Es ist gut so wie's ist , und ich darf mich vorbehaltlos darauf freuen.

    Wenn ich heute an ein Konzert gehe, denke ich gar nicht mehr an Alkohol. Alkohol hat in meiner Welt mit Konzerten nichts (mehr) zu tun.

    Ich möchte hier noch anmerken, dass ein solches Verhalten nicht blind nachgemacht werden kann/soll. Dies ist keine Anleitung für irgendwas.

    Meine Strategie bezüglich der Trigger, die funktioniert für mich, aber das verhält sich wohl nicht bei jedem/jeder gleich. (Ich "überschreibe" existierende Trigger, löse sie auf)

    Am Anfang der Reise in die Trockenheit ist das ein No-Go, ein unnötig dämliches Risiko, welches tunlichst vermieden werden soll.

    Ich habe diesen Konzertgang erst nach ca. 1,5 Jahren Trockenheit gewagt.

  • Etwas was mir sehr geholfen hat, war das Bewusstsein, worin meine eigentliche, wahre Freiheit im Leben besteht.

    Das Leben besteht (u.A.) aus Impulsen und Reaktionen darauf.

    Ein Impuls kann etwas sein, was von "aussen" an mich herangetragen wird. Beispiele: "Flasche steht da", "Ich sehe das Weinregal, an welchem ich vorbei gehe", "Freund ist gestorben", "Ich habe meinen Job verloren". (etc.)

    Ein Impuls kann aber auch von innen kommen, als Gedanke: "Ach wär das jetzt schön, auch ein Glas Wein zu trinken", "Ich mag Bier", oder "Ich fühl' mich aussen vor", "Ich langweile mich", etc.

    Darauf folgt ja dann eine Reaktion. Ich lasse mir ein Glas Wein einschenken (oder eben nicht), ich kaufe ein Flasche Bier (oder eben nicht), oder was ich auch immer tu'.

    Aber zwischen Impuls und Reaktion ist ein kleiner, manchmal sehr kurzer Moment. Das ist der einzige Moment, über den ich die volle Kontrolle habe - wenn ich das zulasse, in Anspruch nehme. Hier kann ich was bewirken.

    Und ich hab das in Anspruch genommen - nehme ich bis heute in Anspruch. Es steht nirgendwo geschrieben dass man auf einen Impuls umgehend reagiert/reagieren soll. Man darf das alles ruhig überdenken. Tut man auch, manchmal halt etwas unbewusst.

    Mir hat diese Überlegung das Steuer zurückgegeben. Die Verantwortung, und die Möglichkeit, dieser Verantwortung gerecht zu werden, lag und liegt sehr offensichtlich bei mir - und das ist gut so.

  • Hallo

    Hab eben deinen Beitrag bei doro gelesen bzgl fress Attacken oder so ähnlich.

    Dieses Hunger Gefühl erinnert mich etwas an beginnenden Saufdruck. Lust auf was süßes, ereilt mich meist wenn ich ein Nickerchen gemacht hab, oder Lust auf was feines zu essen.

    Nennt man bei uns im Raum "Gimms"oder "Gammer "eben das Bedürfnis auf ein bestimmtes Lebensmittel, starkes Bedürfnis mit u.U.speichelfluß,wie beim 🐕 wenn er das Leckerli sieht.

    Gleichzusetzen mit Saufdruck eher nicht,aber das könnte meiner Meinung nach aus derselben Ecke kommen.

    Kann das irgendwie nicht gut erklären aber die Vermutung liegt nahe.

    Der Weg ist das Ziel(Konfuzius)

    Seit 1.1.2014 trocken

  • Bolle ja, ich find auch, dass das aus derselben Ecke kommen könnte. Meine Entschuldigungen, einer ausgedehnten Fresserei zu fröhnen sind exakt dieselben (dämlichen) Ausreden/Erklärungen.

    Was ich bemerkt habe: Wenn ich eine Weile nicht auf's Gewicht achte, und diesem Drang Raum gebe, erhöht sich mit der Zeit die uralte Lust auf Alkohol. Kennst das auch?

  • Nein,das kenne ich so nicht.

    Meine Waage erinnert mich von Zeit zu Zeit daran etwas aufzupassen. Trotzdem esse ich manchmal über das satt Gefühl, weils eben sooo fein ist.

    Verknüpfungen mit Alkohol habe ich dabei nicht.

    Hatte mal vor sehr langer Zeit, auch im Rahmen einer Entgiftung, die damals gut 4 Wochen lief die Gelegenheit an einem Genuss Training teilzunehmen. Hat mich sehr beeindruckt und begleitet mich bis heute.

    Trotzdem kann ich auch eine Tüte Chips mit Genuss weghauen :mrgreen:

    Der Weg ist das Ziel(Konfuzius)

    Seit 1.1.2014 trocken

  • Lebensmut74

    Habs grad mal gegoogelt. Hat also nicht nur mit essen zu tun.

    In Erinnerung an ein Beispiel, wo der Therapeut sich vor uns stellte und eine halbe Zitrone nahm und einige Worte dazu sagte, wie sauer und intensiv sie doch sei.

    Jeder Teilnehmer musste heftig schlucken :)

    Sogar jetzt nach über 20 Jahren läuft mir das Wasser im Mund zusammen 🤤🤤

    Der Weg ist das Ziel(Konfuzius)

    Seit 1.1.2014 trocken

  • Bolle Na, so meinte ich das nicht. Ist ja nicht so dass - wenn ich über den Appetit esse, ich Lust auf Alkohol bekomme. Ist nur so: Wenn ich meine Ernährung im Griff habe, und darauf schaue, habe ich mehr oder weniger gar keine Trigger. Erst wenn ich eine Weile in mich hineinstopfe was mir in die Finger kommt, erst dann schleichen sich Gedanken an's Rauchen ein. Gedanken an Alkohol eher weniger, kam aber auch schon vor. Sehr selten jedoch. Das Rauchen fand ich da schwerer. (also nachdem es "klick" gemacht hatte, meine "grosse Wende")

  • Stern Ich möchte dieses Statement von Dir in Hartmut's Thread hierher ziehen, da ich nicht dessen Thread vollmüllen möchte. Ich hatte dort geschrieben:
    "Alkohol in Essen hat mich noch nie getriggert, und Saufdruck verspüre ich sowieso nicht. Ich erinner' mich daran, dass ich mal getrunken habe, ja, klar, aber das erzeugt keinen Druck. Wieso auch."

    Du schreibst auf dieses Statement:

    Zitat

    Das finde ich ja mal eine ziemlich optimistische Aussage …. Oder schwingt da sowas wie Größenwahn mit?
    Was mich noch noch nie getriggert, hat mich noch nie getriggert. Bisher. Das heißt ja aber nicht, dass das für immer so bleiben wird. Ich bleibe Alkoholiker und mein Hirn hat sich nun mal verändert.

    Ich verspüre auch keinen Saufdruck ….dass ich den sowieso nicht verspüre würde ich so nie formulieren. Wäre ja schön, wenn es diese Garantie geben würde. Gibt es aber nicht.

    Es ist optimistisch, ja, und ich habe dazu auch allen Grund. Im Gegensatz zu vielen anderen (hier) hat es bei mir ordentlich "Klick" gemacht. Ich trinke nicht weil ich nicht trinken will. Mein Alkoholproblem war nur der initiale Auslöser für meine jetzige Lebensweise, die ich schätze und liebe. Ich erfuhr am Anfang viele Momente, in welchen ich früher geraucht, getrunken hatte. Doch dadurch, dass ich das nicht mehr machte, in jenen Momenten, hab ich diese überschrieben durch neue Erfahrungen. Der Effekt: Ich werde heute kaum mehr daran erinnert, dass ich da eigentlich irgendwas Dysfunktionales in mich reingezogen habe. Da ich mich entschieden - WIRKLICH entschieden - habe, und da es mich regelrecht innerlich schüttelt beim Gedanken, die Wirkungsweise von Alkohol erleiden zu müssen, weiss ich gar nicht, was da passieren könnte, damit sich das wieder ändert.

    Als ich teilgelähmt wegen meines Schlaganfalls auf dem Bett lag, fühlte ich mich, als wäre ich dauer-besoffen, und zwar kurz vor dem berühmten schwarzen Loch. Also ordentlich. Und das tagelang. Am Anfang dacht' ich noch "prima, ich hab völlig kostenlos einen sitzen". Doch das änderte sich. Es fing mich an zu nerven, ich lernte es zu hassen, und finde diese Vorstellung, mich wieder so zu fühlen, einfach widerwärtig. Für mich - in meiner Erinnerung - fühlt sich das somit an wie "krank sein".

    Hinzu kommt, dass ich dermassen viele, wunderbare Ereignisse in mein Leben lassen durfte, seitdem ich mich geändert habe, dass ich weiss Gott keinen Grund sehe, irgend etwas in diese Richtung ändern zu wollen/müssen.

    Ob das grössenwahnsinnig ist? Aus Deiner Sicht mag das vielleicht so sein, das überlass' ich Dir. Es ist mir im Grunde auch egal, was andere dazu sagen.

    Wenn jemand, der/die auch nach Jahren der Abstinenz Rückfälle erleidet, mein Verhalten für sich selbst nicht anwenden kann oder möchte, dann ist das doch voll in Ordnung so. Das stimmt für diesen Menschen. Diese Menschen müssen dann eben immer darauf achten, dass Alkohol in ihrem Umfeld nichts verloren hat. Weil sie z.B. eben getriggert werden, und danach dann tagelang Mühe damit haben.

    Aus deren Sicht bin ich wohl grössenwahnsinnig. Aus meiner Sicht sind die eben so gefährdet, weil sie sich im Grunde noch nicht ganz entschieden haben. Weil sie Alkohol immer noch auf diesen Sockel stellen und sich daran hindern müssen, mit auf diesen Sockel zu steigen, um dessen Wirkung zu erfahren.

    Die Strategien sind nicht für alle dieselben. Auch die erfolgreichen Strategien unterscheiden sich.

    Was wir aber wohl alle gemeinsam haben: Am Anfang musste/wollte auch ich mein Leben so gestalten, dass die "Angriffspunkte" auf ein absolutes Minimum reduziert werden.

    Auch ich habe meine Gewohnheiten geändert. Auch ich habe mein Umfeld "ausgetauscht" oder sensibilisiert, wo das nötig war.

    (und so weiter und so weiter, siehe Grundbausteine)

    Zitat

    Schön, dass du dich daran erinnerst, dass du mal getrunken hast, °Avalon° .
    Ich wünsche dir, dass du das nie vergisst.

    Sowas kann man ja gar nicht vergessen. Allerhöchstens verdrängen.

    Und auch das ist egal. Solange man nicht wieder zur Flasche greift.

    Und das würde ich nie tun.

    Sollte ich jedoch je einmal diesen berühmten Saufdruck doch tatsächlich wieder erfahren (ich hatte den vor dem Schlaganfall auch teilweise, leider versagte ich da öfters), habe auch ich noch irgendwo einen Notfallkoffer rumstehen. Verstaubt, unbenutzt, zwecklos.

  • Ich trinke nicht weil ich nicht trinken will.

    Mit dem ‚Wollen‘ ist das bei der Sucht so eine Sache.
    Ich zum Beispiel habe jahrelang nicht mehr saufen wollen… musste es trotzdem. Weil ich nicht anders konnte.
    Sucht ist nicht allein mit dem Willen in den Griff zu bekommen.

    Ob das grössenwahnsinnig ist? Aus Deiner Sicht mag das vielleicht so sein, das überlass' ich Dir. Es ist mir im Grunde auch egal, was andere dazu sagen.

    Ich habe da gar keine Sicht.
    Und ja, die wäre auch völlig egal.

    Die Strategien sind nicht für alle dieselben. Auch die erfolgreichen Strategien unterscheiden sich.

    Da gebe ich dir absolut Recht.

    Da ich mich entschieden - WIRKLICH entschieden - habe, und da es mich regelrecht innerlich schüttelt beim Gedanken, die Wirkungsweise von Alkohol erleiden zu müssen, weiss ich gar nicht, was da passieren könnte, damit sich das wieder ändert.

    Ich habe mich auch entschieden, mein Leben ohne Alkohol zu leben. Dennoch bleibt es ja eine absolute Notwenigkeit, genau das zu tun…. Weil es kein Leben mit Alkohol gibt.

    Viele Grüße

    Stern

    ⭐️

    Wenn du heute aufgibst, wirst du nie wissen, ob du es morgen geschafft hättest.

  • Stern

    Zitat

    Mit dem ‚Wollen‘ ist das bei der Sucht so eine Sache.
    Ich zum Beispiel habe jahrelang nicht mehr saufen wollen… musste es trotzdem. Weil ich nicht anders konnte.

    Ja. ging mir vor der "Wende" genauso. Aber dann hat sich was Grundlegendes bei mir geändert.

    Zitat

    Sucht ist nicht allein mit dem Willen in den Griff zu bekommen.

    Das behauptet niemand. Hab ich auch nirgendwo so geschrieben.

    Zitat

    Ich habe mich auch entschieden, mein Leben ohne Alkohol zu leben. Dennoch bleibt es ja eine absolute Notwenigkeit, genau das zu tun…. Weil es kein Leben mit Alkohol gibt.

    "genau das zu tun". Ja, was genau? Das, was für dich diese Notwendigkeit mit sich bringt. Was aber für mich nicht dasselbe sein muss. Ich tu das, was für mich notwendig ist. (Und das ist auch eine Menge, halt eine andere wie bei dir)

    Ich bin dankbar für meinen Weg, für meine Notwendigkeiten. Ich muss mich nicht mehr phobisch um den Alkohol herumwinden, damit ich den ja nie mehr antreffe. Ich habe mich vom Alkohol befreit. Was andere da schreiben, erinnert mich an "jetzt steh ich auf der anderen Seite des Käfigs" (aber immer sehe ich diesen Käfig)

    Ich möchte deren Weg aber nicht kritisieren, auch wenn das jetzt so klingen mag. Es ist ein bewährter Weg, der funktioniert. Er funktioniert insofern dass man tatsächlich sein Leben lang nicht mehr trinkt.

    Für mich ist Freiheit halt einfach etwas anderes. Und "ohne Alkohol zu leben" ebenso.

    Aus meiner Sicht sieht das so aus:

    Während einige nicht-trinker nicht trinken, denke ich überhaupt nicht darüber nach, nicht zu trinken. Weil es gar keine Option ist. Wieso soll ich über Optionen, die keine sind, nachdenken?

    Wenn ich über eine Brücke gehe, sag ich mir nicht jedesmal "spring dort nicht runter, spring dort nicht runter", oder "geh nicht über diese Brücke, sonst könntest du runterspringen". Sondern ich gehe über diese Brücke, weil ich darin einen Zweck sehe, der mir etwas bringt, was nichts damit zu tun hat, dort runterzuspringen. (Methapher im Übertragenen sinn, "hinkt" wohl da und dort)

  • Ich will Dir Deine persönliche Erfahrung nicht absprechen, Avalon, auch wenn ich Deine daraus resultierende Haltung für zu optimistisch und leichtsinnig halte - Dein Leben, Deine Sucht, Dein Risiko.

    In Deinem eigenen Faden mag das vielleicht Platz haben, auch wenn es von den hier zugrunde gelegten Grundbausteinen abweicht.

    Aber wenn Neulinge im allgemeinen Bereich nach dem richtigen Umgang mit Alk in Lebensmitteln fragen, finde ich es mehr als bedenklich, solche Sonderwege in den Raum zu stellen.

    Genausogut könnte jemand seinem Kind sagen, das gerade die Fahrschule besucht: "Ach was, ein Bier beim Fahren geht immer, mach ich auch so, wenn ich ausgehe, ist noch nie was passiert."

    Mag für ihn persönlich bisher gestimmt haben - aber ist es deshalb für andere hilfreich? Ich meine: nein, lieber auf Nummer sicher gehen.

  • Hallo Avalon,

    erst einmal freut es mich für dich, dass du dein Leben verändert hast, seit fast sieben Jahren trocken bist und dich damit wohlfühlst. Wenn deine Einstellung für dich funktioniert, ist doch alles bestens.:thumbup:

    Bei einigen Aussagen sehe ich es allerdings anders.

    Du schreibst, dass es bei dir im Gegensatz zu vielen anderen hier ordentlich „Klick“ gemacht hat. Woran misst du eigentlich, ob es bei jemandem ordentlich Klick gemacht hat? Und wie kommst du zu dem Schluss, dass andere noch gefährdet sind, weil sie sich im Grunde nicht wirklich entschieden haben?

    Kannst du tatsächlich beurteilen, was bei anderen Alkoholikern im Kopf vorgeht?

    Den Willen, nicht mehr zu saufen, hatte ich schon in meiner nassen Zeit. Sogar ziemlich oft. Nur hat mich dieser Wille damals nicht davon abgehalten, trotzdem weiterzusaufen. Mein Wille hat sich nicht verändert, die Sucht hat den Willen verändert.

    Natürlich hat es auch bei mir irgendwann Klick gemacht. Aber ein Klick macht keinen Alkoholiker trocken. Er bedeutet zunächst einmal nur, dass ich etwas erkannt oder begriffen habe. Entscheidend ist, welche Konsequenzen ich daraus ziehe und ob ich sie auch umsetze.

    Wäre es anders, müssten wir nur auf den berühmten Klick warten und wären anschließend alle Probleme los. Schön wär's. 😉

    Natürlich gibt es Denkweisen und Verhaltensmuster, mit denen sich Alkoholiker selbst in ihrer Sucht festhalten. Die erkenne ich hier im Forum durchaus auch. Aber daraus kann ich nicht ableiten, wie ernsthaft jemand seine Entscheidung getroffen hat.

    Ich gehöre übrigens auch zu denen, die nur in der Anfangszeit Saufdruck hatten. Trotzdem würde ich niemals behaupten, dass es bei mir mehr Klick gemacht hat als bei jemandem, der auch nach Jahren noch damit zu kämpfen hat oder rückfällig wird.

    Du schreibst, du würdest nie wieder zur Flasche greifen. Ich wünsche dir, dass das so bleibt. Ich selbst würde das nach 19 trockenen Jahren nicht so sicher behaupten. Nicht weil ich an meiner Entscheidung zweifle, sondern weil ich weiß, dass ich Alkoholiker bin.;)

    Strategien können unterschiedlich sein. Und wenn du deinen Weg gefunden hast, ist doch alles gut. Ich sehe darin auch keine Überheblichkeit.

    Nur haben wir hier im Forum auch schon erlebt, dass langjährig trockene Alkoholiker rückfällig wurden, obwohl sie überzeugt waren, ihren Weg gefunden zu haben.

    Für mich bedeutet „Heute nicht trinken“ deshalb mehr, als nur an diesem Tag keinen Alkohol anzurühren. Es bedeutet auch, meine Situation immer wieder neu zu beurteilen. Denn niemand weiß, welche Lebensumstände morgen auf ihn zukommen und ob seine bisherige Strategie dann noch ausreicht.

    Was gestern funktioniert hat, kann mich heute unter anderen Umständen schon wieder an die Theke bringen. Denn "unsere" Sucht und ihre Mechanismen interessieren sich herzlich wenig dafür, wie sicher wir uns gerade fühlen.

    Dir alles Gute weiterhin.

    Gruß Hartmut

    ------------------

    Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe!

    Trocken seit 2007

  • Rennschnecke

    Zitat

    Aber wenn Neulinge im allgemeinen Bereich nach dem richtigen Umgang mit Alk in Lebensmitteln fragen, finde ich es mehr als bedenklich, solche Sonderwege in den Raum zu stellen.

    Die Frage war wie andere damit umgehen, wie die Erfahrungen sind. Aber ich seh' Deinen Punkt, und schweige bei solchen Fragen zukünftig lieber. Die Frage war zwar so nicht gestellt, aber im Grunde heisst die ja "Ich, als Neuling, will von euch wissen, wie ich mich verhalten sollte".

    Hab wohl etwas die Connection zu nassem Gedankengut verloren.

  • Hartmut

    Zitat

    Du schreibst, dass es bei dir im Gegensatz zu vielen anderen hier ordentlich „Klick“ gemacht hat. Woran misst du eigentlich, ob es bei jemandem ordentlich Klick gemacht hat?

    Kannst du tatsächlich beurteilen, was bei anderen Alkoholikern im Kopf vorgeht?

    Nun, um das zu beantworten müsste ich vielleicht besser umschreiben was ich mit "Klick gemacht" meine, und merke, dass ich das echt schwierig finde, zu beschreiben. Der Klick hat einfach dazu geführt, dass es irre leicht wurde, keinen Alkohol mehr zu trinken. Das war - im Vergleich zu der Zeit vor dem Klick - lächerlich einfach. Was da genau geschehen ist, kann ich irgendwie nur schwer in Worte fassen. Eine Zeit lang dachte ich, der Schlaganfall hätte was mit der Stelle, wo meine Alkoholsucht stattfindet, gemacht. (was ja n irre Zufall und echt praktisch wäre)

    Dieses "klick" ist dermassen eindrücklich, dass ich echt Mühe mit der Vorstellung habe, dass es anderen, die von diesem Klick sprechen, nicht auch so geht. Es wirkt für mich als hätten sie "bloss einen teilweisen Klick". Wirklich. Ich sprech da aus meinem tiefsten Inneren, Hartmut. Die Möglichkeit, dass ich jemals wieder Alkohol trinken könnte, scheint mir derzeit unvorstellbar.

    Zitat

    Und wie kommst du zu dem Schluss, dass andere noch gefährdet sind, weil sie sich im Grunde nicht wirklich entschieden haben?

    Weil sie sich so verhalten. Wer sich zu seiner eigenen Sicherheit nicht mehr über Brücken traut (um meinem Beispiel von vorhin treu zu bleiben), weil er hier die Möglichkeit einer Selbstgefährdung sieht, hat offenkundig das "über die Brücke springen" noch als Option zur Verfügung. Oder er hält sich zumindest noch dazu befähigt, diese Option bei einem zukünftigen Brückengang neu zu verhandeln, was er vermeiden möchte. Frische Abstinenzler haben diese Option meistens noch "in Griffnähe", denke ich. Darum, für diesen Fall: Brücken sind in diesem Fall tatsächlich tabu.

    Diesen Satz von Dir find ich super wertvoll, möcht ich noch sagen:

    Zitat

    Es bedeutet auch, meine Situation immer wieder neu zu beurteilen. Denn niemand weiß, welche Lebensumstände morgen auf ihn zukommen und ob seine bisherige Strategie dann noch ausreicht.

    Die Konsequenz auf den Sachverhalt hier ist einleuchtend: Es könnte sein, dass das Gradmass meiner Selbstgefährdung tatsächlich irgendwann wieder steigen könnte. Dafür gibt es dann Vorzeichen. Sowas kommt nicht von heute auf morgen. Und dann werde ich die adäquaten Massnahmen einleiten müssen, um nasse Gedanken, nasses Handeln, oder gar einen Rückfall zu verhindern. (ich kann's mir aber offen gestanden tatsächlich nicht vorstellen, dass dieser Moment eintreffen könnte)

    2 Mal editiert, zuletzt von °Avalon° (21. Oktober 2026 um 10:23)

  • Ich finde es hier gerade sehr interessant.

    Gerade weil ich in den letzten Wochen eine richtige und sehr positive, trockenere Veränderung meiner Abstinenz spüre.

    An meinen „Klick“ Moment kann ich mir jederzeit wieder erinnern, wenn ich möchte.

    ————

    🦋 Heute trinke ich nicht 🦋 Heute lasse ich das 1. Glas stehen 🦋 abstinent seit 16.05.2024 🦋

  • Ich finde es hier gerade sehr interessant.

    Gerade weil ich in den letzten Wochen eine richtige und sehr positive, trockenere Veränderung meiner Abstinenz spüre.

    An meinen „Klick“ Moment kann ich mir jederzeit wieder erinnern, wenn ich möchte.

    Ja. Und dennoch... ich denk' drüber nach. Mache ich mir was vor? Falls ja, warum? Weil ich insgeheim doch wieder saufen möchte? Ist das eine jener Hintertürchen? Ich kann es mir beileibe nicht vorstellen. Aber dennoch... wie Hartmut sagt: Neu beurteilen muss man immer wieder - ich tu' das die Tage. Find ich ne gute Aufgabe für mich.

    Das Wort "Leichtsinn" fiel hier jetzt schon zweimal. Und... ja, stimmt. Ich bin - anscheinend - leichtsinnig. Wörtlich: Mein Sinn ist leicht. Ich nehm's mittlerweile auf eine recht leichte Schulter. Weil es da nix Schweres zu tragen gibt. Hab mich daran gewöhnt, nix tragen zu müssen. Wozu dann "Schwersinnig" sein? Ist ja auch irgendwie nachvollziehbar, oder?

    Und da es niemals, wirklich niemals darum ging "ach wenn das so einfach ist, dann könnte ich es ja wieder mal versuchen", sehe ich da wenig Gefahr.

    Aber ich denk' nach...

  • Ich mag deine Gedankengänge. Sind irgendwie tiefgründig. Denke dass du nach nem Schlaganfall alles andere als leichtsinnig bist. Aber deine Art wie du „Leichtsinnig“ siehst finde ich klasse.

    ————

    🦋 Heute trinke ich nicht 🦋 Heute lasse ich das 1. Glas stehen 🦋 abstinent seit 16.05.2024 🦋

Unserer Selbsthilfegruppe beitreten!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!