Noch lange nicht trocken.

Willkommen in unserem Forum : Bitte stellt euch zuerst bitte kurz im Vorstellungsbereich vor, damit wir sehen können, wer sich unter Onlineselbsthilfegruppe anschließen möchte. Unsere Onlineselbsthilfegruppe ist weiterhin in zwei Bereiche unterteilt. Einmal der offene Bereich und einmal der geschützter Bereich. Nach der Vorstellung könnt ihr dann für die offenen Bereiche freigeschaltet werden. Die geschützten Bereiche sind für Mitglieder gedacht, die sich hier langfristig und intensiv mit ihrem Leben auseinandersetzen möchten. Um aufgenommen zu werden, solltest du dich zuerst Vorstellen und später hier dich bewerben und um Aufnahme bitten. Der Austausch lebt von der Ernsthaftigkeit und der Aktivität mit der die User ihr jeweiliges Problem angehen . Deshalb haben wir dieses Verfahren gewählt, wir werden dann im Team entscheiden. Wir wünschen euch einen guten und hilfreichen Austausch bei und mit uns.
  • Hallo ihr Lieben,


    ich bin momentan sehr verzweifelt. Eigentlich wollte ich erst im erweiterten Forenbereich schreiben, doch da ich noch nicht freigeschaltet bin und der Leidensdruck zu groß ist, eröffne ich nun hier mein Thema.


    Ich trinke seit dem 03.03.20 keinen Alkohol mehr. Grund des Aufhörens war ein einwöchiger Totalabsturz mit vielen peinlichen Eskapaden und letztendlich einem völligem Nervenzusammenbruch, der mich fast in die Geschlossene gebracht hätte.


    Von Anfangseuphorie, wie ich sie hier oft von frischen Abstinenzlern lese, keine Spur. Das verunsichert und demotiviert mich.
    Ich kenne diese Anfangseuphorie von früheren Versuchen, doch dieses Mal ist es anders.


    Ich bin sehr depressiv, frustriert, gereizt, aggressiv und antriebslos, sehe oft keinen Sinn mehr. Ich habe wahrscheinlich eine Depression, durch die es mir noch schwerer fällt, nicht zu trinken. Ich führe gefühlte 100 mal am Tag Dialoge mit meiner Krankheit.


    Mein Suchtgedächtnis bombardiert mich fleißig, da hilft auch oft keine Ablenkung. Die Stimme ist zu laut. Ich will mich hier nicht als Opfer hinstellen, aber ich bin ganz schön verzweifelt. Wäre mein Partner in den letzten Wochen nicht immer zu hause gewesen, hätte ich vielleicht schon wieder getrunken.


    Da stelle ich mir natürlich die Frage, was ich falsch mache. Es kann ja nicht sein, dass ich nur unter Aufsicht nüchtern bleibe.


    Ein Teil von mir sieht die schöne nüchterne Zukunft ganz klar vor Augen und möchte nicht mehr trinken.
    Der andere Teil sieht alles negativ und sagt: " Das schaffst du niemals, es macht keinen Sinn zu kämpfen."
    Dann kommen auch Gedanken wie " Durch die Coronakrise kannst du momentan eh nicht wirklich handeln, also trink doch wIeder und werde erst abstinent, wenn alles vorbei ist."


    Vielleicht findet der ein oder andere Fehler in meiner Denkweise oder sich selbst darin wieder?


    LG
    Carmen

  • Die Ausreden sind Zahlreich .)


    Und ja man wird nur unter Aufsicht nüchtern und wenn's nur die Eigene Sichtweise ist.



    Klar aktuell ist es schwer aber sicher nicht unmöglich, du kennst die Euphorie, aber es geht auch ohne.... Wenn du auf dich achtest das ist anstrengend und unbequem, kenne ich selbst, aber es lohnt sich!

  • Hallo Barthell,


    verstehe ich richtig, dass du auch solche Gedankengänge zu Beginn hattest?
    Ist das die eigene Einstellung oder unsere Krankheit?


    Ja! Die Euphorie kenne ich; mir wurde sie oft zum Verhängnis. Vielleicht schaffe ich es ja, meine schlechte Stimmung aus diesem Grund positiv zu sehen.
    Aber es ist schon verdammt hart und unangenehm.

  • Hallo Carmen,


    ich kann dir nicht aus Erfahrung schreiben, aber sicher geht es auch ohne Euphorie :)


    Denke an die Woche die dich jetzt zum Aufhören brachte...


    Die Grundbausteine hast du schön gelesen und umgesetzt?


    Ich wünsche dir viel Kraft!


    LG ideja

  • Moin Carmen,


    du benutzt das Wort kämpfen. Ein Leben ohne Alkohol ist für mich eine Frage der Einstellung, meine Haltung, kein Kampf, keine Willensstärke.


    Ich habe erkannt, dass mich das Leben ohne Alkohol frei gemacht hat. Ich entscheide über mein Leben, entscheide wann ich mit wem wohin gehe, wann ich wieder gehe, nicht der Alkohol.


    Es gibt viele Gründe zu trinken, es gibt keinen Grund, wenn du nicht willst.


    LG PB

    Nichts ist schlimmer als die Weltanschauung derer, die sich noch nie die Welt angeschaut haben.

  • Hallo Carmen & Willkommen im Forum! :D


    Ich schreib es mal ganz nüchtern: Abstinenz unter Aufsicht ist keine.


    Wenn sich bei deinem jetzigen Anlauf keine Euphorie einstellen will, liegt das vor allem daran, dass dir klar geworden ist, du hast dir bei den bisherigen Versuchen etwas vor gemacht. Einfach aufhören funktioniert in den meisten Fällen eben nicht.


    Der unangenehme Gefühlscocktail, den du zur Zeit durchmachst, ist bei frisch trockenen Menschen alles andere als untypisch. Ich beschreibe das immer mit: Den Hormonhaushalt krumm gesoffen.


    Bis sich das wieder reguliert, vergeht viel Zeit. Manche sagen, etwa so viel Zeit wie der Missbrauch andauerte.


    Was ich dir als erstes empfehlen möchte: Aller Suff muss aus dem Haus. Dein Partner ist ja nicht betroffen, dem wird das demzufolge nichts ausmachen. Kein Alk im Haus - kein schneller Rückfall.


    Dann hilft bei Suchtdruckschüben, viel Wasser zu trinken. Ein voller Bauch signalisiert keinen Flüssigkeitsbedarf.


    Außerdem hilft es, Dialoge zu führen. Über alles mögliche, Papstbesuch, Parkplatznot, Sonnenflecken - nur nicht über Alk. Indem du den Alkohol aus dem Kopf kegelst, kann er punktaktuell keinen Platz in deinen Gedanken besetzen.


    Etwas geht aus deinem kurzen Text hervor, was ganz wichtig ist: Du wirst eh gegen den Alkohol verlieren. Also trete gar nicht erst gegen ihn an, lass ihn vor der Tür deiner Welt, sonst macht er dich kaputt. ;)

    Die Mühen der Gebirge liegen hinter uns.
    Vor uns liegen die Mühen der Ebenen. (Bert Brecht) 8)

  • Hallo Pellebär,


    danke für deine Zeilen.


    Du schreibst: "du benutzt das Wort kämpfen. Ein Leben ohne Alkohol ist für mich eine Frage der Einstellung, meine Haltung, kein Kampf, keine Willensstärke.


    Ich habe erkannt, dass mich das Leben ohne Alkohol frei gemacht hat. Ich entscheide über mein Leben, entscheide wann ich mit wem wohin gehe, wann ich wieder gehe, nicht der Alkohol."


    Genau da möchte ich auch hin. Meine Ungeduld steht mir im Weg. Ich werde daran arbeiten.


    Lg
    Carmen

  • Hallo Dante,

    vielen Dank für den netten Willkommensgruß und deinen wertvollen Beitrag.


    Du schreibst:
    "Ich schreib es mal ganz nüchtern: Abstinenz unter Aufsicht ist keine."


    Das sehe ich genauso und bin deshalb frustriert.


    Dann schreibst du noch:
    " Wenn sich bei deinem jetzigen Anlauf keine Euphorie einstellen will, liegt das vor allem daran, dass dir klar geworden ist, du hast dir bei den bisherigen Versuchen etwas vor gemacht. Einfach aufhören funktioniert in den meisten Fällen eben nicht."


    Genauso ist es! Das erste Mal setze ich mich mit meiner Krankheit wirklich auseinander und das ist unangenehm.


    UND du schreibst:


    " Der unangenehme Gefühlscocktail, den du zur Zeit durchmachst, ist bei frisch trockenen Menschen alles andere als untypisch. Ich beschreibe das immer mit: Den Hormonhaushalt krumm gesoffen.
    Bis sich das wieder reguliert, vergeht viel Zeit. Manche sagen, etwa so viel Zeit wie der Missbrauch andauerte."


    Würden bei mir 17 Jahre heißen. Ohje! Das hoffe ich doch nicht.


    Alkohol haben wir nicht im Haus.Mein Partner hat durch meinen Alkoholismus so eine Aversion gegen Alkohol entwickelt, dass er seit Jahren keinen Tropfen mehr trinkt.


    Gespräche würde ich gerne führen, nur habe ich keine Freunde mehr, da ich mich in den letzten Jahren sehr isoliert habe. Die Sucht hat zuviel Raum eingenommen.


    Ich weiß, dass ich gegen den Alkohol immer verlieren werde. Ich kämpfe halt gegen diesen Suchtdruck, doch auch das ist wahrscheinlich falsch. Vielleicht sollte ich ihn einfach annehmen und aushalten. Denn er geht vorbei und lässt mit der Zeit immer mehr nach.


    Lg
    Carmen


    PS: Das mit dem Zitieren hat irgendwie nicht geklappt.

  • Die 17 Jahre werden schon vergehen.


    Ich bin jetzt 13einhalb Jahre trocken, & noch immer falle ich in alte "nasse" Verhaltensmuster zurück.
    Diese erkennen & dagegen halten mache ich schon reflexartig.
    & trotzdem gibt es immer wieder Situationen, wo mich meine Frau auf den Teppich bringen muss, so verbohrt bin ich in manchen Situationen.


    & die Zeit, welche bisher durch die Sauferei belegt war, lässt sich anderweitig füllen. Bei mir ist's das Eheleben. Ich war ja bis nach der Therapie stets Single gewesen. Aber man kann auch belangloses bei Facebook schreiben, wenn man nichts anders zu tun hat. Oder lesen. Oder Musik hören.

    Die Mühen der Gebirge liegen hinter uns.
    Vor uns liegen die Mühen der Ebenen. (Bert Brecht) 8)

  • "Die 17 Jahre werden schon vergehen."
    Das kann ich nur mit schwarzem Humor verkraften.


    Toll! 13einhalb Jahre trocken! Ich habe großen Respekt davor.


    Danke für die Tipps.


    Was sind für dich "nasse" Verhaltensmuster? Ein paar Beispiele würden mir helfen, damit ich diese Muster auch bei mir besser erkennen kann.

  • Nasse Verhaltensmuster sind persönliche Verhaltensmuster, die das eigene Trinkverhalten begünstigen können.
    Zum Beispiel sich über irgend etwas aufregen & das zum Anlass nehmen, sich einen Schluck zu gönnen. Oder in die Kneipe gehen & dort Mineralwasser trinken, nur um bei seinen alten Tresenfreunden zu sein, mit denen man vorher Bier trank. Oder zu Hause ein bestimmtes ritual durchziehen, an dem eine gut in Erinnerung gebliebene Trinkgewohnheit inne steckt.

    Die Mühen der Gebirge liegen hinter uns.
    Vor uns liegen die Mühen der Ebenen. (Bert Brecht) 8)

  • Hallo Carmen,


    und ich finde es toll, dass Du Dich hier geöffnet hast, damit hast Du Dir selbst geholfen. Bist Du inzwischen für den geschlossenen Bereich freigeschaltet?


    Es war richtig, nicht zu warten, sondern hier was zu schreiben....


    Ich hab es glaub ich schon berichtet. Ich denke den Gedanken immer zu Ende, wenn ich an Alkohol denke. Wie würde es enden? Das hilft mir sehr!!


    Ich wünsch Dir einen schönen Tag, der auch ohne Anfangseuphorie schön sein kann. Lieber ohne Euphorie, dafür aber auch ohne betrunken sein.

  • Guten Morgen Cadda,


    danke für deine lieben Worte.
    Ich werde jetzt regemäßig schreiben; das tut gut.
    " Den Gedanken zu Ende denken" hat mich in den letzten Wochen oft vom Trinken abgehalten.
    Danke nochmal für diesen hilfreichen Tipp.


    Ich möchte dieses schreckliche Suffleben wirklich nicht mehr. Ich war vorhin so dankbar nüchtern und ohne Kater aufzuwachen. Das war schon das erste Glücksgefühl des Tages.
    Da war doch schon die Euphorie! :-D


    Keine Schuld und-Schamgefühle beim Aufwachen, kein panischer Blick aufs Handy, wen man im Suff wieder belästigt hat,keine peinlichen Auftritte, für die man sich am nächsten Morgen so sehr schämt, kein Zittern, kein Herzrasen, keine Kopfschmerzen, keine depressiven Gedanken.


    Ich musste meistens schon morgens trinken, weil ich mich und mein Leben nicht mehr nüchtern ertragen konnte. Wie unangenehm es war mit Restfahne morgens an der Kasse zu stehen mit den Flaschen auf dem Band. Die Blicke ( vielleicht habe ich es mir auch nur eingebildet) der Verkäuferin und Kunden.Ich möchte das nicht mehr, ich kann das nicht mehr.


    Meine Kräfte schwinden mit jedem weiteren Versuch in die Trockenheit. Das Fass ist schon lange voll. Es gibt keinen Weg zurück mehr aus der Suchtspirale. Ich kann den Alkohol nicht kontrollieren. Konnte es noch nie und werde es niemals können. Er zerstört mich und mein Umfeld.


    Für den geschlossenen Bereich werde ich bald freigeschaltet. Darauf freue ich mich schon.


    Ich wünsche dir auch einen schönen sonnigen Tag!


    LG
    Carmen

  • Moin Carmen,


    du klingst sehr zuversichtlich, erhalte dir deine Zuversicht.


    Mir hat es gerade am Anfang, aber auch heute noch, sehr geholfen aufzuschreiben, was ich erlebe, was mir durch den Kopf geht. Es hilft mir meine Gedanken zu ordnen, zu sortieren und manchmal ergeben sich dabei von ganz allein Lösungen.


    Bleib am Ball, wir lesen uns.


    LG PB

    Nichts ist schlimmer als die Weltanschauung derer, die sich noch nie die Welt angeschaut haben.

  • Guten Morgen Pellebär,


    vielen Dank für deinen Beitrag. Das freut mich.:-D


    Ja! Ich merke auch, dass das Schreiben sehr hilft.Ich habe mich über die vielen Jahre sehr verschlossen und alles mit mir selbst ausgemacht. Ich möchte hier wieder lernen, mich zu öffnen und Hilfe anzunehmen.


    Ich habe gestern in einem deiner Threads gelesen und konnte da sehr viel für mich rausziehen.
    Die Beiträge hier sind so wertvoll und es tut so gut verstanden zu werden ohne sich erklären zu müssen.


    Ich wünsche auch dir einen schönen sonnigen Tag!


    LG
    Carmen

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