Rennschnecke - bin froh, hier zu sein

  • Kurz vor dem Jahreswechsel habe ich diesen (nach gut 2,5 Jahren Forenzugehörigkeit immer noch übersichtlichen) Faden mal wieder durchgelesen.

    Damit wollte ich mich, so bin ich wohl gestrickt, darauf vorbereiten, nach längerer Schreibpause im eigenen Faden wieder öfter bei mir zu schreiben (mein guter Vorsatz fürs neue Jahr).

    Dann kam mal wieder das Leben dazwischen, dazu hab ich dann was in meinem Faden im Grünen geschrieben (wo ich auch schon länger verstummt war).

    Was mir aber im vorliegenden Faden aufgefallen ist: Da hatte ich noch gar nicht von meinem bisher einzigen Suchtdruck-Erlebnis berichtet, das hatte ich wohl nur im Grünen gemacht.

    Da es mich immer mal wieder beschäftigt und vielleicht auch für andere, gerade für Neulinge interessant sein könnte, erzähle ich auch noch mal hier davon, wie ich es heute erinnere (ohne vorher im Grünen danach zu suchen und nachzulesen, dazu bin ich gerade zu bequem, den möchte ich auch mal in Ruhe durchlesen).

    Suchtgedanken ("Jetzt ein schönes ...") kommen ab und an in den unterschiedlichsten Situationen mal kurz bei mir auf (und sind meistens schon wieder verschwunden, bevor sie zu Ende gedacht sind.) Das kann ich für mich mit "Gelernt ist eben gelernt" abhaken.

    Suchtdruck hatte ich dagegen auch in meiner nassen Zeit nie erlebt, da ich immer sorgfältig auf meine Alk-Vorräte und meinen abendlichen Pegel geachtet hatte. Ich war ja so kontrolliert .... :(

    Vorgestellt hatte ich ihn mir ein bisschen wie ein trotziges Kleinkind, das sich im Supermarkt schreiend auf den Boden wirft, weil es unbedingt hier und jetzt etwas Bestimmtes haben will. Wehe dem Erwachsenen, der da nicht mitzieht!

    Dann musste ich aber aus eigener Erfahrung lernen, es muss so im ersten halben oder Dreivierteljahr der Abstinenz gewesen sein, dass Suchtdruck auch hinterlistig um die Ecke kommen kann und manchmal erst als solcher erkannt wird, wenn es schon (fast) zu spät ist.

    Es war Samstag, gegen Abend, so wie heute, da habe ich in nassen, insbesondere Single-Zeiten immer gern meine Wochenendeinkäufe erledigt (weil es dann nicht so voll war und ich traurigerweise meistens nichts Besseres vorhatte)und mir dabei auch gern zur Abwechslung "was Besonderes" an Alk gegönnt.

    Im ersten Jahr der Abstinenz habe ich bewusst zu anderen Zeiten eingekauft, um mich nicht zu gefährden.

    So auch an dem Tag. Ich merkte dann gegen Abend, dass ich unruhig wurde und meinte, noch mal losfahren zu müssen, weil ich unwichtige Kleinigkeiten vergessen hatte. Dabei war mir nach kurzem Nachdenken selbst klar, dass der Kauf auch bis Montag Zeit gehabt hätte.

    Das ging so mehrfach in meinem Kopf hin und her: Ich 1 (=eher rational): "Das eilt doch nicht, du kommst doch dieses WE problemlos ohne hin." Ich 2 (= Suchthirn, wie ich erst später merkte): "Ich will aber trotzdem!" Ich 1:" Wieso denn, lohnt doch gar nicht, eilt doch wirklich nicht." Ich 2: "Egal, weg ist weg, ich will das jetzt erledigen." Ich 1: "Ok, dann fragen wir mal Kumpel xy, der nahe dem nächsten Supermarkt wohnt und gerade krank ist, ob er noch was braucht. Wenn ja, können wir ja losfahren, dann lohnt sich das wenigstens."

    Der Kumpel lehnte dankend ab, ich bin nicht gefahren, war erst genervt, aber irgendwann wieder ruhiger und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Wenn ich gefahren wäre, hätte ich nicht dafür garantieren können, keinen Alk zu kaufen.

    Das war wohl gerade Suchtdruck von hintenrum gewesen, obwohl ich bis dahin gar nicht ans Alktrinken gedacht hatte.

    Bei dem Gedanken gruselt es mich heute noch. Ob ich den Absprung noch mal geschafft hätte?

    Und was mich manchmal geradezu quält: Habe ich das wirklich erst nach der Nachfrage beim kranken Kumpel gemerkt, dass es mir eigentlich um Alk ging oder doch schon vorher? Habe ich etwa sehenden Auges Russisch Roulette mit meinem Suchthirn gespielt?!

    Ihr seht schon: Wer eher zurückgezogen lebt, für den sind selbst solche kleinen Erlebnisse Stoff für ganz großes Kopfkino.

    Mich hat es jedenfalls gelehrt, die Raffinesse des Suchthirns nicht zu unterschätzen, und das wollte ich auch hier gern mal aufschreiben.

  • Liebe Rennschnecke,

    danke für deine sehr bildlich dargestellte Schilderung.
    Sie bewirkt bei mir, dass ich nie überheblich, nachlässig werden darf, sondern immer auf mich achten muss.

    Allerdings habe ich vor so einem - ich nenne es mal - Anfall große Angst, da ich bisher ja gar keinen Druck verspürt habe. Wenn, dann kam mal in bestimmten Situationen kurz der Gedanke auf „Jetzt hast du sonst ein Bier getrunken.“, den ich aber mit „Ja, aber ich möchte kein Bier.“ wieder verstummen lassen konnte. In meiner SHG habe ich auch die anderen gefragt, wie sich so ein Saufdruck bei ihnen bemerkbar gemacht hat. Ergebnis: es gibt kein Muster. Bei einer Person begann es mit einer undefinierten Unruhe, die sich immer mehr steigerte, bei einer anderen kam sie nach 10 Jahren Abstinenz ganz plötzlich und ließ sie „Mauern überklettern“.

    Hast du einen Tipp, wie man (äh ich) diese Angst in gesunde Vorsicht umwandeln kann?

    LG Kyra

  • Liebe Kyra,

    erst mal Danke für Dein Danke, freut mich.

    Ich renne nicht mit Angst vor einem Rückfall durchs Leben, die Angst kommt eher im Rückblick bei mir auf, ist wohl meine Macke.

    Ich bin auch gerade mal zwei Jahre trocken, also weder Neuling noch alter Hase.

    Den gewünschten Tipp können Dir vielleicht andere geben, Hartmut hat ja zum Thema Rückfall auch gerade einen Faden in offenen Bereich aufgemacht, kannst ja mal schauen.

  • Ich 1: "Ok, dann fragen wir mal Kumpel xy, der nahe dem nächsten Supermarkt wohnt und gerade krank ist, ob er noch was braucht. Wenn ja, können wir ja losfahren, dann lohnt sich das wenigstens."

    Bist du dir sicher, dass das nicht auch Ich 2 war, nur getarnt als Ich 1 ? 😉

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          - abstinent seit 6.01.2024 -

  • Das ist ein sehr gutes Beispiel, wie das Suchthirn sich des „eigenen“ Denkens bemächtigt.
    Ich frage mich bei soetwas immer,wer will das, Ich oder mein Suchthirn?

    Aber zuerst muss ich es erkennen, um die Frage zu stellen und das geht nur mit Achtsamkeit.

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          - abstinent seit 6.01.2024 -

  • Seit ein paar Wochen merke ich, dass mich die Allgegenwart von Alk im Supermarkt noch mehr stört als sonst.

    Ich achte darum wie in der Anfangszeit wieder darauf, nicht abends bzw. nicht im Dunkeln einzukaufen, weil das in den nassen Jahren meine bevorzugte Einkaufszeit war. Da habe ich mir gern in aller Ruhe was "Schönes gegönnt ".

    Gestern, auf der Arbeit, die meisten waren schon im Homeoffice oder im Wochenende, kam mir sogar der Gedanke, dass es keinem auffallen würde, wenn ich mich an den leider nie versiegenden Sektvorräten "für besondere Anlässe" im großen Gemeinschaftskühlschrank bedienen würde. Da traute ich mich kaum noch, mir einen Kaffee zu holen.

    Ja, ich fühle mich gerade nicht so stabil wie lange Zeit, und das nehme ich ernst.

    Woran das liegt? Zum einen habe ich es noch nicht geschafft, nach dem endgültigen Auslaufen meiner ambulanten Reha hier, in meiner SHG, intensiver an meiner Selbsthilfe zu arbeiten (außer hier tagtäglich mitzulesen).

    Eine reale SHG behalte ich mir als Option vor, hab mir in den vergangenen Monaten auch schon zwei angesehen, aber das war mir zu kleinteilig im Vergleich zu hier.

    Dann gab es im privaten Umfeld noch ein weiteres Unglück, das zwar am Ende glücklicherweise - fast - glimpflich ausgegangen ist, mich aber bis vor Kurzem täglich forderte - und meine Co-Anteile gleich mit. Auch das gibt mir gerade viel zu denken.

    Und irgendwann kam mir der Gedanke: Was hast Du eigentlich geändert, außer nicht mehr zu saufen? Die Arbeitszeit, ok, aber sonst?

    Meine Nerven sind gerade ziemlich lädiert, merke ich, und das ärgert mich, dass ich nicht belastbarer bin. Was sollen denn andere sagen, die schon lange ganz andere Belastungen meistern ...usw.

    Dass solche Vergleiche nicht sinnvoll sind, weiß mein Kopf, aber der Rest ...

    Es gibt noch viel zu tun für mich.

  • Ja, ich fühle mich gerade nicht so stabil wie lange Zeit, und das nehme ich ernst.

    Es ist gut, dass du dich hier mitteilst. Was möchtest du tun um deine Abstinenz wieder zu stabilisieren? Was kannst du dir denn selbst Gutes tun? Etwas was dir richtig viel Spaß macht.

    Meine Nerven sind gerade ziemlich lädiert, merke ich, und das ärgert mich, dass ich nicht belastbarer bin. Was sollen denn andere sagen, die schon lange ganz andere Belastungen meistern ...usw.

    Dass solche Vergleiche nicht sinnvoll sind, weiß mein Kopf, aber der Rest ...

    Ich bin auch nicht immer belastbar. Das ist doch auch völlig normal, schließlich sind wir keine Roboter, die auf Knopfdruck funktionieren. Sich mit anderen zu vergleichen ist nicht ratsam. Bei sich zu bleiben wird doch hier ständig betont und das ist auch richtig. Jeder kann nur sein eigenes Leben führen.

    Du bist doch schon ziemlich lange abstinent, leider weiß ich gerade nicht genau wie lange. Deshalb bin ich etwas verwundert, dass du gerade wackelig bist. Aber wie wir hier ja alle wissen, ist es für alle wichtig achtsam zu sein und das Glas stehen zu lassen.

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    🦋 Heute trinke ich nicht, heute lasse ich das 1. Glas stehen 🦋 abstinent seit 16.05.2024 🦋

  • Liebe Kadett, danke, nein, Suchtdruck habe ich nicht verspürt. Aber ich merke, dass ich aus dem Gleichgewicht bin, und passe auf mich auf.

    Ok, das hört sich schon mal etwas besser an. Was hat dich denn aus dem Gleichgewicht gebracht? Und wie kannst du die Balance wieder herstellen?

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    🦋 Heute trinke ich nicht, heute lasse ich das 1. Glas stehen 🦋 abstinent seit 16.05.2024 🦋

  • Bist du heute Abend sicher? Besteht die Möglichkeit, dass du auf dumme Ideen kommst und noch zu Tanke fährst oder so?

    Rennschnecke du bist immer für andere da. Aber das Forum kann auch für dich da sein. Teil dich mit, was bei dir los ist und es kommt zum Austausch. Wie geht es dir denn jetzt?

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    🦋 Heute trinke ich nicht, heute lasse ich das 1. Glas stehen 🦋 abstinent seit 16.05.2024 🦋

  • du bist immer für andere da. Aber das Forum kann auch für dich da sein. Teil dich mit, was bei dir los ist und es kommt zum Austausch.

    Das sehe ich genauso liebe Rennschnecke.

    Was hast Du eigentlich geändert, außer nicht mehr zu saufen?

    Vielleicht kannst du an dem Punkt ansetzen.

    Wie schaut’s denn morgen bei dir aus? Hast du was schönes geplant, was dir gut tut und den Kopf frei macht?

    „Ein klarer Geist ist wie ein stiller See – jeder Tropfen hinterlässt Wellen, aber die Ruhe kehrt immer zurück.“

  • Immer im Gleichgewicht zu sein ist ja ein frommer Wunsch, nur eben nicht immer realistisch.

    Es geht auch bei mir öfters auf und ab,manchmal drunter und drüber, Ereignisse die mir nicht gefallen etc.

    Meine eigene Strategie ist dann zu mir selbst zu sagen, daß dies jetzt nur eine Momentaufnahme ist,die Stunden oder auch erst morgen ganz anders auf mich wirkt als gerade jetzt.

    Verschiebe dann die negativen Gedanken oder Gefühle auf nachher.

    Zb gutes Essen hilft mir, frische Luft oder einfach Augen zu und durch.

    Meistens hilft es,wenn nicht dann ists eben so.

    Morgen ist ein neuer Tag

    Der Weg ist das Ziel(Konfuzius)

    Seit 1.1.2014 trocken

  • Liebe Rennschnecke

    du bist jetzt seit mehr als 2 Jahren abstinent.

    Und irgendwann kam mir der Gedanke: Was hast Du eigentlich geändert, außer nicht mehr zu saufen? Die Arbeitszeit, ok, aber sonst?

    Und du denkst, dass du seitdem nichts geändert hast? Das kann ich mir einfach nicht vorstellen.
    Ist das vielleicht gerade dein Suchthirn, das dir das einzureden versucht, weil du dich eh angeschlagen fühlst? Das dir einreden will, dass deine Abstinenz nichts ist? Oder sind das wirklich deine eigenen Gedanken?

    Wenn du deine Zeit vor der Abstinenz mit heute vergleichst, findest du da - und seien es auch nur - Kleinigkeiten, die du geändert hast, die sich geändert haben? Denn auch die sind wichtig und wertvoll.
    Ich sehe z.B. die Teilnahme an einer Sportgruppe als eine positive Änderung von mir, obwohl es sich doch nur um eine Stunde pro Woche handelt. Oder ich nehme wahr, dass ich ohne Alkohol nicht mehr nur das Haar in der Suppe suche, dass mir auch der gute Geschmack der Suppe auffällt, obwohl mir das Haar immer noch auffällt. Beides für sich nur Kleinigkeiten, die in der Selbstwahrnehmung schnell untergehen können. Aber wie heißt es so schön? Kleinvieh macht auch Mist.

    Ich wünsche mir für dich, dass du dein Kleinvieh wiederfindest, dass du feststellst, durchaus etwas geändert zu haben, und dir damit gute Gedanken geben kannst.

    Ich drücke dich ganz doll.

    Liebe Grüße

    Kyra

  • Rennschnecke wie du siehst sind alle da um dir für deine Selbsthilfe Impulse zu geben. Es müssen gar nicht die großen Dinge sein, manchmal sind ganz kleine Veränderungen schon super und haben ihre Wirkung.

    Schreib doch demnächst einfach mal ein bisschen was über dich und dein Leben. Oftmals entstehen durch den Austausch neue Ideen oder andere Sichtweisen.

    Jedenfalls ist das Forum als deine SHG für dich da. 💐

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    🦋 Heute trinke ich nicht, heute lasse ich das 1. Glas stehen 🦋 abstinent seit 16.05.2024 🦋

  • habe ich es noch nicht geschafft, nach dem endgültigen Auslaufen meiner ambulanten Reha hier, in meiner SHG, intensiver an meiner Selbsthilfe zu arbeiten

    Möchtest du das denn ändern?

    Wenn ja, wie könnte das für dich aussehen - wenn du dich intensiver um deine Selbsthilfe kümmern möchtest? Was bedeutet Selbsthilfe für dich, und was ist das Wichtige für dich daran, hier in dieser Online-SHG zu sein?

    Das wären vielleicht Fragen, die ich mir stellen würde.

    Viele Grüße und eine gute Nacht auch dir.

    Thalia

  • Hallo Rennschecke,

    es ist gut, dass du hier schreibst, wie es dir momentan geht.

    Du bist fast auf den Tag genauso lange trocken wie ich.
    Du bist nahezu täglich im Forum online und du kennst die Gefahren der Sucht und was du dagegen tun kannst und du hast schon vielen weitergeholfen.
    Aber was ist mit dir?

    Es sieht so aus, als ob es da im Moment einen grossen Abstand zwischen deinem Wissen und deinem Empfinden gibt.

    Zum einen habe ich es noch nicht geschafft, nach dem endgültigen Auslaufen meiner ambulanten Reha hier, in meiner SHG, intensiver an meiner Selbsthilfe zu arbeiten

    Das kann ich nur schwer beurteilen, aber wenn es so ist, dann kannst du es jetzt (heute, morgen,....) und hier ändern.
    Du schreibst hier in deinem Anfangstagebuch und vlt. ist hier genau der Punkt an dem du wieder ansetzen kannst.

    Seit ein paar Wochen merke ich, dass mich die Allgegenwart von Alk im Supermarkt noch mehr stört als sonst.

    Darüber hast du dich nicht mitgeteilt. Ich wünsche dir, dass du hier an dieser Stelle deinen Weg wieder aufnehmen kannst.

    Das ist deine SHG und du wirst gelesen!

    Liebe Grüsse
    Nayouk

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          - abstinent seit 6.01.2024 -

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