Momo2006 - Irgendwie hilflos- Ich weiß gerade nicht weiter

  • … und war das für Deine Frau nicht unangenehm, dass Du oft eine Fahne hattest oder hat sie sich nicht Sorgen um Dich gemacht und Dich deshalb gebeten, mit dem Trinken aufzuhören oder es zumindest gehofft?

    Ich habe eben mal meine Frau gefragt. Sie sagte, das ihr selten etwas aufgefallen ist. Sie hat sich schon mal über meine Trinkerei aufgeregt, vor allem nach langen Wochenenden, wenn sie das viele Leergut gesehen hat. Ich habe nie etwas versteckt. In der Regel hat sie mich aber in Ruhe gelassen. Ihr ist das, laut ihrer Aussage, nie so aufgefallen, wie viel ich getrunken habe. Den Wein habe ich schließlich mit Wasser verdünnt und als Schorle getrunken. Ich wollte ja auch gar nicht so viel trinken. Zum Schluss musste ich aber sonst wären die Entzugserscheinungen wieder losgegangen.

    Diese Sucht ist schon wirklich schlimm und zermürbend. Ich bekam jeden Tag tagsüber immer heftiger Entzugserscheinungen. Eines Samstags, wir wollten Fahrrad fahren, kam mir die Idee, einen tiefen Schluck Wein zu trinken damit ich wenigstens mal einen Tag halbwegs genießen konnte. Meine Frau stellte gerade die Fahrräder raus als ich zum Kühlschrank ging und einem Schluck nahm. Ich war schon auf den Weg nach draußen als ich dachte: komm, noch ein Schluck, dann hast Du den Tag Ruhe. Prompt kam meine Frau um die Ecke, als ich die Flasche am Hals hatte. Sie war entsetzt und wollte wissen, was das soll. Mir war klar, daß ich aus der Nummer nicht mehr raus komme und habe ihr ehrlich gesagt, was mit mir los ist. Ich versprach ihr, mir Hilfe zu suchen. Ich konnte da eh fast nicht mehr. Es hat dann noch 3 Monate gedauert, bis es so weit war, Hilfe anzunehmen.

    Es war gut und für mich überlebenswichtig, das sie mich erwischt hat. Sie hat das einzig richtige gemacht, es nicht unter den Teppisch zu kehren. Hätte ich angefangen auch tagsüber zu trinken... oh weia... das währe ich wahrscheinlich heute nicht hier.

  • Danke Momo für deinen Gedankenanstoß! Damit habe ich mich in ähnlicher Weise auch kürzlich viel beschäftigt.

    Ich habe mich gefragt wie es sein kann, dass jemand NICHT co-abhängig wird, der/die mit einem Alkoholabhängigen zusammen lebt. Ist natürlich eine etwas andere Fragestellung.

    Für mich ist das, ähnlich wie beim Alkoholiker, eine Frage der Zeit. Bei mir war es eine langsame Gewöhnung, sozusagen eine "Toleranzentwicklung". Da mein Mann Spiegeltrinker ist, war es ja weniger auffällig. Und solange ich noch keine Angst um ihn hatte, war ich auch noch nicht Co. Ich habe mich öfter geärgert, war sauer, habe mein eigenes Ding gemacht - hätte das aber nicht als "verletzt sein" bezeichnet.

    Du gehst ja sogar noch weiter:

    sowie auch jeder Co-Abhängige sein Umfeld verletzt, da eine Sache über Allem steht.

    Das hat mich stutzig gemacht. Hab' ich das? Wenn ich weg war/bin rede ich eher wenig "darüber". Nicht um es zu verheimlichen, sondern weil ich wirklich andere Themen habe(n will). Ich wüsste jetzt spontan nicht wen ich verletzt haben könnte und mit was konkret?

    Solche Aussagen treffen mich halt immer:

    Das kätte meine Frau auch keine Sekunde mitgemacht.

    wenn ich für sie unerträglich geworden wäre, hätte sie sich getrennt.

    Dann frage ich mich natürlich warum ICH das nicht konnte, warum ICH das mitgemacht habe. Und ich komme mir blöd vor. Ich denke: ich bin doch auch ein autonomer, selbstbewusster Mensch.

    Allerdings entwickelt sich Co-Abhängigkeit nun mal ebenfalls:

    Langsam und schleichend.

    Und es gibt Zeiten in denen alles wieder viel besser wirkt, in denen Hoffnung auf kommt. Es gibt das Mitgefühl, wenn mein Mann selbst so sehr verzweifelt wirkt. Es ist ja nicht so geradlinig: er trinkt und trinkt und wird "böse" und gemein und dann trenne ich mich.

    Er trinkt, versucht auszugleichen, strengt sich an, bricht zusammen, macht sich Vorwürfe, will es wieder gut machen, schafft es einige Zeit, zeigt seine Liebe, wirkt innerlich zerrissen, ist wieder unerreichbar, betrunken, zieht sich zurück, wirkt verzweifelt, "reißt sich zusammen", schafft es nicht, geht in die Klinik, blüht wieder auf, Hoffnung kommt, Hoffnung geht...

    Manchmal wünschte ich mir er würde "einfach" trinken, richtig fies werden, alles leugnen, ein Ar... sein - dann wäre es klar. Aber wäre es das wirklich?

    Ich bin vorsichtig mit dem Wort "wäre" oder "hätte".

    Ich habe auch oft gedacht:

    Wären wir nie zusammen gezogen, dann hätte ich mich super easy getrennt.

    Hätte er mich je geschlagen, bedroht, beleidigt, dann wäre ich sofort weg gewesen.

    Hätte ich ein Kind, dann hätte ich ihn sofort verlassen.

    Aber ehrlich gesagt: ich weiß es nicht. Denn solange ich das nicht wirklich erlebe, kann ich es nicht wirklich beurteilen. Die Dynamik dahinter ist so teuflisch - genauso wie der Teufel Alkohol selbst. Da denkt doch auch der Alkoholiker zuerst: ich doch nicht! Ich kann ja jederzeit aufhören, wenn...

    Stromer du hast geschrieben:

    Ich versprach ihr, mir Hilfe zu suchen.

    Es war gut und für mich überlebenswichtig, das sie mich erwischt hat.

    Das freut das co-abhängige Herz 😉. Das hätte ich auch gerne erlebt: ich stelle ihn zur Rede und dann wird er trocken.

    Aber was, wenn du ihr versprochen hättest Hilfe zu suchen und es sich länger als drei Monate hin gezogen hätte? An welchem Punkt mache ich dann Schluss? Was wenn du es nicht sofort geschafft hättest beim ersten Anlauf trocken zu bleiben? Ab wann gebe ich die Hoffnung auf und bin bereit alles aufzugeben?

    Was mich auch weiterhin wundert ist, wie es sein kann, dass eine Partnerin nichts merkt bzw. begreift. Alleine der Geruch muss doch störend sein. Okay, es gibt einige Leute, die generell nichts riechen. Aber auch das viele Leergut muss doch Fragen aufwerfen (wenn es nicht versteckt wurde). Aber völlig egal wie und warum: solange ich als Angehörige gar nichts weiß, kann ich natürlich auch nicht co werden oder belastet sein 🙃. Und das ist natürlich ein großer Vorteil. Und das freut mich auch sehr für eure Lieben! ❤️

  • Wow. Da habe ich ja eine Diskussion losgetreten. Finde es aber auch gut.

    Mit "verletzen" habe ich nicht nur körperliche Verletzungen gemeint, sondern auch zum Beispiel, dass man durch die Sucht gar nicht wirklich zu 100 Prozent bei dem Anderen sein kann. Wenn meine Gedanken nur um ein Thema kreisen, geht das meiner Meinung nach nicht.

    Beispiel bei mir: Ich habe meinen Sohn nicht offensichtlich verletzt, war aber durch das viele Auf und Ab, Planungen die kurzfristig umgeschrieben wurden, etc. gedanklich nur mit meinem Ex beschäftigt und dadurch ist mein Sohn irgendwann "nebenher" gelaufen. Er sagt auch ich habe ihn nicht verletzt, aber ehrlich gesagt ist unser Verhältnis heute viel besser weil ich bei ihm bin und wirklich zuhöre wenn was ist. Keine anderen kreisenden Gedanken, Stress etc.

    Anderes Beispiel: Meine Mutter ist sehr starke Raucherin. Als mein Sohn auf die Welt kam und ich sie besuchte, wollte sie in Ihrem Wohnzimmer rauchen und ich sollte mein Kind im Gästezimmer "abstellen". Bin damals gegangen. Sie ist Herzensgut, aber die Sucht stand über Allem.

    LG Momo

    Einmal editiert, zuletzt von Momo2006 (21. September 2024 um 10:07)

  • Er trinkt, versucht auszugleichen, strengt sich an, bricht zusammen, macht sich Vorwürfe, will es wieder gut machen, schafft es einige Zeit, zeigt seine Liebe, wirkt innerlich zerrissen, ist wieder unerreichbar, betrunken, zieht sich zurück, wirkt verzweifelt, "reißt sich zusammen", schafft es nicht, geht in die Klinik, blüht wieder auf, Hoffnung kommt, Hoffnung geht...

    Um die Co-Abhängigkeit zu überwinden, musst du gedanklich weg von ihm! Du musst zurück zu Dir: Wie lang will ich das noch mitmachen, wie viel Energie zieht es mir, wie groß ist mein Vertrauen, dass er es wirklich will und schafft und auch in Zukunft alles dafür tut, stelle ich mir so eine Partnerschaft auf Augenhöhe vor etcpp …


    Ich hatte damals irgendwann einfach kein Vertrauen mehr, dass er wirklich alles dafür tut und tatsächlich aus eigenen Stücken abstinent leben will und nicht immer nur so lang, dass ich besänftigt und bereit für einen Neubeginn bin. Ich bin gegangen, obwohl ich ihn noch liebe, Angst um ihn habe, ihm nur das Beste wünsche - aber ich habe mir verboten länger (mit-)zuleiden und meine Energie an Gedanken zu verschwenden, die sich mit Dingen beschäftigen, auf die ich keinen Einfluss habe. Es ist sein Leben und seine Verantwortung. Und ich hab Verantwortung für mein Leben, mein Glück, meine Energie … und das ist noch egoistisch sonder selbstfürsorglich.

  • Dann frage ich mich natürlich warum ICH das nicht konnte

    Wenn ich die ganzen Geschichten der COs und ihren alkoholkranken Partnern lese, dann habe ich mir schon oft die Frage gestellt, warum hat es ausgerechnet bei uns geklappt.
    Darauf habe ich eigentlich keine vernünftige Antwort, ausser dass einige Dinge zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zusammengekommen sind und ich in dem Moment offen und ehrlich mir selbst gegenüber bereit war mein Leben zu ändern. Fazit: Ich habe unglaubliches Glück gehabt.

    Jeder Alkoholiker und jeder Co ist eine eigene Persönlichkeit mit seinem Charakter, mit seiner Geschichte, mit seiner Partnerschaft, mit seinem sozialen und materiellen Umfeld. Ein Vergleich bezogen auf ein Endergebnis wird nie den Betroffenen gerecht werden.

    Wenn ich "meinen" Zeitpunkt nicht wahrgenommen hätte und weiter getrunken hätte, wären vlt. noch ein paar Monate ins Land gegangen und dann hätte es die Trennung gegeben. Ich weiss es nicht.

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          - abstinent seit 6.01.2024 -

  • Wenn ich die ganzen Geschichten der COs und ihren alkoholkranken Partnern lese, dann habe ich mir schon oft die Frage gestellt, warum hat es ausgerechnet bei uns geklappt.

    Es hat nicht nur bei euch geklappt. Die Paare bei denen der Partner nur bedingt unter dem Alkoholismus des anderen leidet, erscheint hier im Forum nicht als Co. Es muss ein gewisser Leidensdruck vorhanden sein, um sich hier als Co Hilfe und Zuspruch zu suchen. Dadurch entsteht ein verzerrtes Bild.

    Schon gar nicht sehen sich Angehörige veranlasst hier aufzutreten deren Partner es geschafft haben ohne Alkohol weiter zu leben.

  • Es geht hier aus meiner Sicht nicht um das erste Mal! Das Problem in der Co-Abhängigkeit ist, dass ich auch nach der zigsten Beleidigung und dem x. Absturz noch Entschuldigungen dafür finde, dass der Alkoholkranke nicht anders kann und ich als Co auch nicht.

    Liebe Lanananana

    Ich versuche folgendes zu verstehen: Ein Süchtiger kann nicht aufhören zu trinken, und so wie ich in verschiedenen Berichten nachgelesen habe, hat das nichts mit einem "schwachen Willen" zu tun. Ich habe schon den Vergleich gehört, dass man einem Asthmatiker ja auch nicht sagen kann er solle mal tief durchatmen. Die Alkoholiker die aber trocken wurden und es geblieben sind, konnten aber aufhören zu trinken. Also hat es ja doch mit "Wille" zu tun. Ich kann die Sorge und meinen Ex-Partner nicht loslassen weil ich denke er kann ja nicht anders (wie das Beispiel mit dem Asthmatiker). Wüsste ich, dass er ja die Möglichkeit hätte aufzuhören, könnte ich denke ich zumindest, besser loslassen.

  • Silberstreifen, das was du geschrieben hast spricht mir absolut aus dem Herzen. Das ist ganz genau der Punkt, der mir auch so sehr zu schaffen macht. Ich werde die Sache mit dem Willen, der Einsicht und dem Krank-Sein vermutlich niemals verstehen.

    Das einzige was ich für mich verstanden habe ist, dass es aber auch nichts nutzt ebenfalls mit zugrunde zu gehen. So wie mir ein Arzt mal gesagt hat: Wenn Sie gehen stirbt einer, wenn Sie bleiben sterben zwei. Ich glaube das ist es, was Lananana versucht deutlich zu machen.

    Heute habe ich einen Brief von der Reha bekommen, in der mein Mann nun ist. Es wird erklärt, dass ein Alkoholiker zwar "krank" sei, aber dennoch die Verantwortung für seine Genesung und auch für die Ereignisse der Vergangenheit übernehmen sollte.

    Ich finde das ist eine gute Formulierung. Verstehen werde ich es aber trotzdem nie. Für mich bleibt es ein Widerspruch in sich.

  • Wir Menschen sind alle soooo unterschiedlich. Jeder fühlt anders, spürt anders und empfindet anders. Dazu kommt noch, das wir uns ständig verändern. Der eine lernt schnell, der andere schneller. Wir bleiben aber nie stehen. Deshalb kannst Du unmöglich weder einen Alkoholiker mit einem anderen Alkoholiker vergleichen. Und auch Co Abhängige lassen sich niemals vergleichen. Du bist einmalig liebe Jump! Das solltest Du unbedingt verinnerlichen und niemals vergessen. Und das darfst Du gerne positiv auffassen. Dein Alkoholiker ist deshalb ein vollkommen anderer Mensch als der Alkoholiker meiner Frau. Denn ich bin auch einmalig. Das sagt sogar ab und zu meine Frau :)


    Stromer du hast geschrieben:

    Das freut das co-abhängige Herz 😉. Das hätte ich auch gerne erlebt: ich stelle ihn zur Rede und dann wird er trocken.

    Aber was, wenn du ihr versprochen hättest Hilfe zu suchen und es sich länger als drei Monate hin gezogen hätte? An welchem Punkt mache ich dann Schluss? Was wenn du es nicht sofort geschafft hättest beim ersten Anlauf trocken zu bleiben? Ab wann gebe ich die Hoffnung auf und bin bereit alles aufzugeben?

    Was mich auch weiterhin wundert ist, wie es sein kann, dass eine Partnerin nichts merkt bzw. begreift. Alleine der Geruch muss doch störend sein. Okay, es gibt einige Leute, die generell nichts riechen. Aber auch das viele Leergut muss doch Fragen aufwerfen (wenn es nicht versteckt wurde). Aber völlig egal wie und warum: solange ich als Angehörige gar nichts weiß, kann ich natürlich auch nicht co werden oder belastet sein 🙃. Und das ist natürlich ein großer Vorteil. Und das freut mich auch sehr für eure Lieben! ❤️


    Ich glaube meine Frau hat da gar nicht darauf geachtet, ob ich eine Fahne habe. Sie hat sich schon darüber geärgert, daß ich so viel trinke. Vor allem, wenn sich das Leergut angesammelt hat obwohl ich schon darauf geachtet habe, das ich es zeitnah wegbringe damit es nicht so auffällt.

    Ich bin aber - auch wenn ich ein ganz normaler Alkoholiker bin - schon etwas speziell. Es haben sich so ziemlich alle, mein Arzt, die bei der Suchtberatung, in der LZT und vor allem der Amtsarzt sehr gewundert, das ich bei meiner Trinkmenge solch heftige Entzugserscheinung bekommen habe. Ein Patient bei der LZT meinte gar einmal zu mir, das er nicht hier sitzen würde, wenn er lediglich "das bisschen" getrunken hätte, wie ich. Ich habe mir ja selber eingeredet, daß ich kein Alkoholiker bin sondern nur ein "Alkoholproblem" habe. So habe ich mich auch verhalten. Ich wollte auf gar keinen Fall vor 18:00 Uhr trinken weil ich mich nicht als Alki gesehen habe. Ich war mir sicher, daß sich diese Entzugserscheinungen irgendwie wieder beseitigen lassen. Der Arzt oder die bei der Suchtberatung haben da sicher einen Trick. Habe ich mir eingeredet. Ich konnte mir beim besten Willen niemals vorstellen, nie wieder Alkohol zu trinken.

    Ich wusste weder, was ein Alkoholiker ist, ich habe meine Lage und meine Situation vollkommen falsch - fatal falsch - eingeschätzt! Jeden Morgen habe ich mir über Monate, wenn nicht über Jahre gesagt: heute Abend trinkst Du mal nichts oder zumindest weniger. Und abends habe ich mir dann gesagt, daß morgen ein guter Anfang dafür ist.

    Mich haben die Entzugserscheinungen fertig gemacht bis echt nichts mehr ging. Ich konnte nicht mehr mein ganz normales Leben weiter leben wie bisher. Ich hätte nicht mehr nüchtern Auto fahren können. Ich rannte tagsüber mit einem ruhepuls von deutlich über 130 rum, ich zitterte so sehr, das ich nicht mehr schreiben konnte, meine Feinmotorik ging gegen 0 mir war schwindelig, ich rannte wie ein Roboter in der Firma rum und habe mich versteckt, damit mich keiner sieht, wenn es ganz schlimm wurde. Ich bekam Bauschschmerzen, das ich mich krümmte.ich konnte mich nicht mehr konzentrieren. Nachts bin ich wegen diesen Symtomen schweißgebadet aufgewacht. Ich hatte grosses Glück, das ich nicht krampfend zusammen gebrochen bin. Das ganze entwickelte sich über einen sehr langen Zeitraum ganz schleichend

    Als ich dann beim Arzt sass und ihm unter Tränen das alles geschildert habe, hat er am ersten Tag mir erst mal nur zugehört. Beim zweiten Termin hat er mir dann erklärt, das ich ein Alkoholiker bin, der sterben wird, wenn ich weiter trinke. Und da er gesehen hatte, das ich kurz davor war, auch tagsüber zu trinken weil es einfach nicht anders ging und dann ja für mich alles vermeintlich gut gewesen wäre und sicher noch mehr getrunken hätte, hat er sofort mich ambulant entgiftet. Ich habe das super ernst genommen, bis heute. Denn es geht ja um mein Leben.


    Meine Frau liebt mich sehr, das weiss ich. Sie hätte mich sicher auch nicht so einfach aufgegeben. Hat sie ja auch nicht. Aber es hätte einen Punkt gegeben, an dem sie gegangen wäre. Wenn ich so darüber nachdenke, ist es unter Anderm doch das, was einem Co ausmacht: den richtigen Zeitpunkt nicht finden können. Die Unfähigkeit (das soll nicht abwertend gemeint sein denn schließlich ist das ja eine Krankheit) den richtigen Punkt zu sehen, spüren, fühlen. Ist das das nicht?

  • Silberstreifen, das was du geschrieben hast spricht mir absolut aus dem Herzen. Das ist ganz genau der Punkt, der mir auch so sehr zu schaffen macht. Ich werde die Sache mit dem Willen, der Einsicht und dem Krank-Sein vermutlich niemals verstehen.

    Das einzige was ich für mich verstanden habe ist, dass es aber auch nichts nutzt ebenfalls mit zugrunde zu gehen. So wie mir ein Arzt mal gesagt hat: Wenn Sie gehen stirbt einer, wenn Sie bleiben sterben zwei. Ich glaube das ist es, was Lananana versucht deutlich zu machen.

    Heute habe ich einen Brief von der Reha bekommen, in der mein Mann nun ist. Es wird erklärt, dass ein Alkoholiker zwar "krank" sei, aber dennoch die Verantwortung für seine Genesung und auch für die Ereignisse der Vergangenheit übernehmen sollte.

    Ich finde das ist eine gute Formulierung. Verstehen werde ich es aber trotzdem nie. Für mich bleibt es ein Widerspruch in sich.

    Sehr gut beschrieben liebe Jump. "Ein Widerspruch in sich". Du hast Recht. Es geht schlussendlich nur darum, dass der Angehörige sich nicht auch noch kaputtmacht. Trotzdem wurmt es mich, wie dich auch, das Ganze einfach nicht verstehen zu können. Und so vielleicht besser loslassen zu können. Aber manche Dinge lassen sich vielleicht einfach nicht "lösen".

  • Also hat es ja doch mit "Wille" zutun.

    Ganz klares Nein. Alkoholismus kannst Du nicht mit eigenem Willen abstellen. Du brauchst Deinen persönlichen Tiefpunkt, wie auch immer der aussieht.

    Alkoholismus rührt daher, das sich Strukruren im Gehirn - Deine Schaltzentrale - verändern. Deshalb ist das ja auch eine greifbare Krankheit. Gegen Deine eigenen Gedanken, die Suchtgedanken, kannst Du nicht gegen ankommen. Nie. Deshalb bringt es ja auch nichts gegen diese Erkrankung zu kämpfen. Diesen Kampf kannst Du nur verlieren.

    Einmal editiert, zuletzt von Stromer (21. September 2024 um 23:23)

  • Sehr gut beschrieben liebe Jump. "Ein Widerspruch in sich". Du hast Recht. Es geht schlussendlich nur darum, dass der Angehörige sich nicht auch noch kaputtmacht. Trotzdem wurmt es mich, wie dich auch, das Ganze einfach nicht verstehen zu können. Und so vielleicht besser loslassen zu können. Aber manche Dinge lassen sich vielleicht einfach nicht "lösen".

    Du kannst einem Alkoholiker nicht helfen. Du kannst es ihm nur bequem machen. Die einzige Hilfe für den Alkoholiker ist ihm nicht zu helfen. Wenn Du den Alkoholiker verlässt, hilfst Du ihm auch. Denn so kannst Du ihn ein wenig Richtung Tiefpunkt lenken. Hört der Alkoholiker nicht auf zu trinken, verliert er alles: Partner, Arbeit, Führerschein, Freunde und wenn er seinen Tiefpunkt nicht findet, verliert er auch sein Leben. Sorgt man weiter für ihn, verlängert man nur diesen Prozess etwas. Und man macht es ihm bei seinem Abstieg etwas bequemer.

  • Ganz klares Nein. Alkoholismus kannst Du nicht mit eigenem Willen abstellen

    Das sehe ich auch so. Mein Tiefpunkt hatte ich erreicht, als ich dem Leidensdruck nichts mehr entgegenzusetzen hatte und aufgeben musste.
    Dieser Punkt ist für den Alkoholiker individuell und bei jedem ein anderer.

    Ich habe den Willen, nicht mehr zu atmen. Das gelingt mir nicht lange, dann zwingt mich mein Körper zu atmen.
    Ein Alkoholiker will nicht mehr trinken. Das gelingt ihm nicht lange, dann zwingt ihn sein Körper zu trinken.

    Jeder Vergleich hinkt, aber vielleicht hilft es zu verstehen.

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          - abstinent seit 6.01.2024 -

  • Aber geht es nach diesem Tiefpunkt ohne Willen?

    Interessante Frage über die ich die Nacht nachgedacht habe.Auch über das, was hier bisher geschrieben wurde.

    Ich konnte nicht aufhören zu trinken. Ich musste abends trinken ABER erst nach 18:00 Uhr. Vorher WOLLTE ich nicht trinken. Nur ein mal konnte ich es nicht verhindern, dieser Samstag, als wir Fahrrad fahren wollten. Aber ich habe es geschafft, erst ab 18:00 Uhr zu trinken, weil ich dies so WOLLTE. Ich konnte es steuern. ABER das ging nur noch so bis zu meinem Tiefpunkt. Der bestand in meinem Fall nicht aus Verlusten sondern aus körperlichen Problemen mit denen ich nicht mehr leben konnte. Weil ich nicht trinken WOLLTE. So musste ich mir Hilfe suchen. Der einzige Weg den ich sonst noch gehabt hätte, wäre auch tagsüber zu trinken.

    Ich hatte also bis zu meinem Tiefpunkt noch eine gewisse Kontrolle über mein Trinkverhalten. Ab da wäre es nicht mehr möglich gewesen. Trinken oder sterben. Denn so heftig, wie mein Körper zum Schluss reagiert hatte, hätte ich ganz sicher gekrampft.

    Meine Geschichte kann aber kein Beispiel dafür sein, wie Alkoholismus sich auswirkt weil es eben nicht DEN einen Weg gibt. Jeder Alkoholiker hat seinen eigenen Weg. Ganz individuell wie wir Menschen nun mal sind.

  • Ich kann das irgendwie trotzdem nicht nachvollziehen, dass deine Frau kaum was gemerkt haben will oder sie das nicht massiv gestört hat, dass du jeden Tag getrunken hast. Du sagst, erst ab 18 Uhr. War sie dann ab 20 Uhr im Bett oder wie hat sie das nicht mitbekommen? Habt ihr getrennte Schlafzimmer?

    Was ist denn mit Zweisamkeit, körperlicher Nähe, Küssen und Sex? Das merkt man doch, wenn der Partner da jeden Abend ne Flasche Wein intus hat?

    Ich rieche jedes Glas Wein oder Bier, auch wenn Freunde was getrunken haben und man eng zusammen steht.

  • Ich kann das irgendwie trotzdem nicht nachvollziehen, dass deine Frau kaum was gemerkt haben will oder sie das nicht massiv gestört hat, dass du jeden Tag getrunken hast. Du sagst, erst ab 18 Uhr. War sie dann ab 20 Uhr im Bett oder wie hat sie das nicht mitbekommen? Habt ihr getrennte Schlafzimmer?

    Was ist denn mit Zweisamkeit, körperlicher Nähe, Küssen und Sex? Das merkt man doch, wenn der Partner da jeden Abend ne Flasche Wein intus hat?

    Ich rieche jedes Glas Wein oder Bier, auch wenn Freunde was getrunken haben und man eng zusammen steht.

    Es tut mir leid, das Du das nicht glauben kannst oder willst aber ich werde mein Intimleben hier nicht weiter in der Öffentlichkeit zur Schau stellen.

    Vielleicht schaust Du mal bei Dir, warum Dich das offensichtlich so triggert.

  • Lieber Stromer vielen Dank, dass du dich bemühst die Sucht-Dynamik etwas verständlicher zu machen. Du findest immer so klare deutliche Worte.

    Dieser Satz ist für mich selbst auf jeden Fall sehr sehr treffend:

    den richtigen Punkt zu sehen, spüren, fühlen. Ist das das nicht?

    Danke, dass du das nochmal so deutlich sagst.

    Zu dem Thema Wille-Einsicht-Abstinenz habe ich auch schon viele Gespräche mit meinem Mann gehabt. Also ernste, offene, nüchterne Gespräche von seiner Seite. Ich habe hier im Forum ja immer das Gefühl, dass mir keiner glaubt, dass er wirklich abstinent leben will, dass er wirklich "einsichtig" ist. Es aber trotzdem nicht schafft. Und deshalb ja auch schon so oft in die Reha ist, um sich erneut Hilfe zu suchen. Kurz: ich sehe den Willen. Aber eben trotzdem keine Abstinenz.

    Es wäre so viel leichter, wenn ich einfach sauer auf ihn sein könnte, nach dem Motto: selber Schuld!

    Ja, der berühmte Tiefpunkt ist dann wohl der entscheidende Hebel. Aber ihn verlassen, damit er dem näher kommt? Bin ich für seinen Tiefpunkt "zuständig"?

    Noch was anderes hierzu:

    Wenn Sie gehen stirbt einer, wenn Sie bleiben sterben zwei.

    Dieser Satz hat mich ja sehr geprägt. Aber gerade Frage ich mich, ob das vielleicht gar nicht stimmt. Vielleicht "stirbt" ja auch gar keiner, wenn ich gehe. Vielleicht ist das nur diese Co-Angst.

    Liebe Momo, jetzt musste ich gerade nochmal nachschauen in welchem Faden ich eigentlich bin 🙈... Es geht ja hier eigentlich um DICH! 🏵️

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