Nachdem ich die Regeln und einige Vorstellungen gelesen habe, möchte auch ich mich vorstellen.
Ich trinke regelmäßig Alkohol, seit ich etwa 20 bin – zuerst „nur“ am Wochenende, bald häufiger und nach einigen Jahren schließlich täglich. Wie das eben so läuft.
Jetzt bin ich fast 60. Eine beachtliche Karriere von rund 40 Jahren – Ironie off.
Es gab allerdings auch Zeiten, in denen ich gar nicht getrunken habe: während meinen zwei Schwangerschaft und 2011 eine Phase der Abstinenz mit *Edit* (off-label Indikation, in Spanien besorgt), nachdem ich das Buch von Olivier Ameisen gelesen hatte. Etwa ein Jahr später fing ich wieder an – in der Annahme, man könne kontrolliert trinken. Und das habe ich dann auch versucht: unter der Woche mit maximaler Disziplin Tee statt Wein, und ab Freitagnachmittag wurde die erste Flasche entkorkt. Gut, manchmal begann das Wochenende schon am Donnerstag. Und vor Feiertagen kann man ja auch etwas trinken. Im Urlaub sowieso – täglich. Und wenn es besonders stressig war, eben auch mal zwischendurch...ihr seht schon...
Dazwischen gab es immer wieder abstinente Phasen wie den Dry January oder Fasten von Aschermittwoch bis Ostern. Das beruhigt das Gewissen.
Trotz allem habe ich immer funktioniert: gearbeitet, mich um meine Kinder gekümmert, den Haushalt erledigt, soziale Verpflichtungen erfüllt und war regelmäßig beim Sport - fast wie eine Maschine.
Ich trinke Wein, am liebsten roten, schweren, samtigen. Und eigentlich gar nicht so viel – denn 2013 begann bei mir der „Hangover“, also der zeitverzögerte alkoholinduzierte Kopfschmerz am Folgetag, begleitet von stundenlangem Erbrechen, etwa zehn bis fünfzehn Mal im Abstand von 30 Minuten, sobald ich mehr als eine Flasche Wein getrunken hatte. Manchmal reichte auch weniger. Also versuchte ich, am Ende der Flasche die Notbremse zu ziehen. Das gelang nicht immer. Der Familie erzählte ich dann, ich hätte Migräne. Die hatte ich dann ungefähr alle ein bis zwei Monate.
Als es mir im letzten Jahr beim Fasten – wie schon die Jahre zuvor – ab der vierten Woche deutlich besser ging, ich mich lebendiger fühlte, keine Übelkeit und Kopfschmerzen mehr hatte und endlich wieder eine frische Gesichtsfarbe bekam, habe ich ernsthaft darüber nachgedacht, nüchtern zu bleiben. Ich habe viel über Alkoholsucht gelesen und wusste eigentlich schon damals, dass ich ein großes Problem habe, für das es nur eine Lösung gibt. Trotzdem habe ich an Ostern wieder Sekt geöffnet und die Weinregale zu Hause aufgefüllt.
Nachdem ich an Weihnachten erneut so viel getrunken hatte, dass ich am nächsten Morgen nicht aufstehen und meinem Übernachtungsgast nicht einmal einen Kaffee machen konnte, war ich maßlos enttäuscht von mir. Es hat dann noch vier Tage gedauert – wie langsam man im Denken wird – und seit nun 14 Tagen habe ich keinen Alkohol mehr getrunken. Ich möchte nüchtern bleiben.
Ich habe mit niemandem darüber gesprochen. Mein Alkoholproblem habe ich nie direkt benannt. Meine Freunde wissen nichts davon; meistens habe ich allein getrunken. In Gesellschaft konnte ich mich meist zusammenreißen – leider nicht immer. Die peinlichen Eskapaden kennt wohl jeder, der mit Alkohol kämpft. Und meine Familie? Keine Ahnung, ob sie etwas ahnen. Es ist für alle einfacher, so zu tun, als sei alles im Rahmen. Solange ich funktioniere, scheint ja alles gut zu sein.
Das ist die Kurzfassung – und sie ist schon ziemlich lang. Danke fürs Lesen