ChaosKat - Erwachsenes Kind aus Suchtfamilie

  • Hallo,

    ich möchte mich vorstellen und beginne gleich einmal mit einer Frage...


    Ich las eben, dass keine Produktnamen als Benutzername verwendet werden sollen. Beim Auswählen meines Namens dachte ich allerdings nicht an das bekannte Produkt, sondern an etwas ganz anderes. Von daher die Frage, kann der Name so bleiben und wenn nicht, kann ich ihn ändern ohne mich komplett neu anzumelden? (Ich habe in den Einstellungen nichts finden können)


    Nun zu mir, ich bin knapp über 40 und die erwachsene Tochter aus einer Familie, in der Alkoholabhängigkeit (und Tabletten) immer ein Thema war. Also eigentlich war es kein Thema, da nicht darüber gesprochen wurde und es so lange geleugnet würde, bis irgendwann gar nichts ging.

    Sehr viele Jahre habe ich dieses Aufwachsen nicht mit den vielfältigen Problemen in Verbindung gebracht, die mich in meinem Leben begleitet haben. Erst in der Corona Zeit, als mein Vater starb, habe ich angefangen, mich damit auseinander zu setzen und und wundere mich immer wieder, wie viel man verdrängen kann... und es ist manchmal ein schmerzhafter aber auch wichtiger Prozess und Weg zu mir selbst, den ich seitdem gehe.

    Und auf diesem Weg suche ich Austausch mit Menschen, die Ähnliches erlebt haben und würde mich sehr freuen, die hier zu finden!


    Viele Grüße

    KitKat :)

  • Hallo KitKat,

    herzlich willkommen bei uns in der Selbsthilfegruppe.

    Mit deiner Thematik bist Du nicht allein, hier findest du die richtigen Ansprechpartner und kannst dich austauschen.

    Klicke bitte folgenden Link an und schreibe kurz etwas dazu.

    https://alkoholiker-forum.de/bewerben/

    Dann wirst Du freigeschaltet und Dein Thema in den Bereich "Erste Schritte für Angehörige" verschoben.


    Mit deinem Forumsnamen hast du übrigens recht, den sollten wir ändern. Teil uns deinen Neuen mit, dann erledigen wir das für dich.

    Liebe Grüße,

    Hera

    Freiheit begann für mich dort, wo die Ausreden endeten.

    Abstinent seit 2022

  • Hallo ChaosKat,

    herzlich Willkommen auch von mir.

    Hera war nicht mehr online, daher habe ich deinen Namen geändert.

    Bitte klicke als nächstes den blau unterlegten Link an, den sie dir oben geschickt hat. Schreibe kurz etwas, dann wirst du fürs Forum freigeschaltet.

    Viele Grüße, Linde

    You can't wait until life isn't hard anymore before you decide to be happy.

    - Nightbirde

  • Guten Morgen,

    jetzt bist du fürs Forum freigeschaltet und kannst dich austauschen, nur bitte in den ersten 4 Wochen nicht im Vorstellungsbereich bei den Usern mit den orangeroten Namen.

    Viele Grüße, Linde :)

    You can't wait until life isn't hard anymore before you decide to be happy.

    - Nightbirde

  • Hallo ChaosKat,

    herzlich Willkommen hier im Forum! Ich habe mich unter ganz ähnlichen "Vorzeichen" hier angemeldet. Ich bin Tochter eines Alkoholikers, mittlerweile Mitte/Ende 30 Jahre alt. Mein Vater ist 2019 gestorben, das Thema lässt mich aber nicht los und so habe ich Ende letzten Jahres meinen Weg hierher gefunden.

    Als ich frisch hier war, habe ich mit viel Interesse und auch einigen "Aha, andere kennen und haben das auch!" den Thread "Merkmale für ein EKA" hier im Forumsbereich gelesen. Das fand ich einen ganz guten Startpunkt damals für mich.

    Wenn du magst, schreib doch gerne noch ein wenig zu dir :) Zum Beispiel: welche Probleme sind es, die du jetzt nach und nach mit deinem Aufwachsen in Verbindung bringst? Wer in deiner Familie war (besonders) betroffen von der Alkohol- und Tablettenabhängigkeit?

    Herzliche Grüße,
    Seepandarine

  • Hallo Seepandarine,

    ganz lieben Dank für deine Begrüßung und Reaktion. Die kam tatsächlich zu einem guten Zeitpunkt, da ich nach meiner Anmeldung hier plötzlich doch unschlüssig oder unsicher wurde, wie ich hier jetzt weitermachen soll.

    Ich habe viel "herum" gelesen und bin auch an besagtem Threads "Merkmale für ein EKA" hängen geblieben. Es ist erstaunlich oder vielleicht auch irgendwie guttuend, wenn man sich selbst plötzlich in anderen wieder erkennt oder merkt, dass es anderen Menschen einfach ähnlich geht und man hier auf Menschen treffen kann, die einiges vielleicht gut nachvollziehen können.

    Mir fällt es schwer, die Probleme, die ich mit meiner Kindheit verbinde, konkret zu beschreiben und ich habe nach wie vor oft das Gefühl, dass es wie ein Puzzle ist, dass ich versuche zusammen zu setzen.

    Ein zentrales Thema meiner Kindheit war, denke ich, die Einsamkeit. Ich habe mich rückblickend seit ich denken kann, unendlich alleine gefühlt. Und damit gekoppelt war der zweite zentrale Punkt, "mit mir stimmt etwas nicht". Wir waren nach außen hin eine eine gut situierte Familie, großes Haus, großer Freundeskreis, meine Mutter um uns Kinder (mein Bruder und ich ) theoretisch bemüht. Und dann war da eben mein Vater und der Alkohol. Er war nicht aggressiv, nicht laut, er war, zumindest als ich jünger war, nicht so offensichtlich betrunken, dass es jeder gemerkt hätte. Aber es stimmte was nicht in unserer Familie. Etwas, dass ich nicht verstanden habe. Und jeder war irgendwie für sich allein.

    Ich weiß, dass ich so im Grundschulalter abends regelmäßig in meinem Bett lag und mir in meiner Traumwelt vorstellte, ich wäre adoptiert worden und meine richtigen Eltern würden mich finden und zu sich holen. Darein habe ich mich in allen möglichen Varianten geflüchtet und gleichzeitig mit mir gehadert, wie ich so etwas nur denken kann, denn nach außen hatte ich ja keinen Grund dafür, dass zu wollen.

    Dann habe ich mir immer wieder "gewünscht", mein Vater würde aggressiv sein und uns schlagen. Und auch das hat mich natürlich völlig an meinem Verstand zweifeln lassen. Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass ich mir damit einfach eine Erklärung gewünscht hätte, warum es mir so schlecht geht. Denn diese vermeintlich heile Welt hat einfach nicht zu dem gepasst, was ich gefühlt habe. Und so habe ich einfach immer an mir gezweifelt, an meinen Gefühlen und Gedanken.

    Es gab dann diverse Themen, selbstverletzendes Verhalten auch schon ziemlich früh, später eine Essstörung aber alles gut versteckt und mit mir selbst ausgemacht.

    Ich habe immer nach "dem einen Menschen" gesucht, der meine Not (die ich selber nicht verstanden habe) sieht. Aber ich habe gleichzeitig nach außen gut funktioniert und mich niemandem anvertraut. Was soll man denn auch sagen, wenn man keine Ahnung hat, was eigentlich los ist...

    Ich stoße immer wieder auf Themen, bei denen ich so langsam beginne zu verstehen, wo das herkommen könnte, Zusammenhänge sehe und merke, dass ich da auch nur durch dieses Verstehen weiterkomme. Ich war/bin extrem konfliktunfähig und habe den großen Drang es allen Recht machen zu wollen. Und dabei trotzdem immer das Gefühl, nichts zu können oder nicht genug oder nichts wert zu sein.

    Ich arbeite da gerade bei der Arbeit aber auch in der Beziehung wirklich hart dran, weil es mich selber so stört.

    Ich habe das Gefühl, Stimmungen sehr stark wahrzunehmen und dafür verantwortlich zu sein, es allen Recht machen zu wollen. Ich beziehe negative Stimmungen grundsätzlich erst einmal auf mich... Positive Rückmeldung kann ich eigentlich nicht annehmen, weil ich es nicht glaube, dass da was dran sein kann.

    Dieses Gefühl der Einsamkeit begleitet mich immer noch häufig, obwohl ich es eigentlich nicht bin.

    Wie gesagt, es sind so viele Bereiche und die Geschichte lang. Da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen sollte. Aber ein kleiner Anfang ist ja hier jetzt einmal gemacht, daher noch einmal danke für deinen Impuls! Und dann traue ich mich einfach auch an anderer Stelle, mich mal zu Wort zu melden.


    Viele Grüße

    Kat

  • ch habe immer nach "dem einen Menschen" gesucht, der meine Not (die ich selber nicht verstanden habe) sieht. Aber ich habe gleichzeitig nach außen gut funktioniert und mich niemandem anvertraut. Was soll man denn auch sagen, wenn man keine Ahnung hat, was eigentlich los ist...

    Chaos Kat dieser Satz hat mich gerade getroffen, vielen dank . Er drückt aus was ich auch gefühlt habe es aber nicht so gut ausdrücken konnte.

    Mariexy

  • Liebe Kat,

    dein Text spricht mir aus dem Herzen.

    Auf allen Kinderfotos lache ich (trotz co-abhängiger Mutter, deren Stimmung ständig wechselte und trinkendem Vater, der nie böse oder aggressiv, sondern "nur" nicht da war, sprich nur körperlich anwesend) und man hat mir als Erwachsene gesagt, dass ich immer und zu allem "Ja" gesagt habe. Dabei war ich das einsamste Kind auf der Welt. Auch ich hatte als Teenager mit Essstörungen zu kämpfen und habe als Erwachsene Alkoholmissbrauch betrieben.

    Dieses tiefe Gefühl des Alleinseins, und des nicht Richtig- bzw. nicht Liebenswertseins, hat mich, ich bin Mitte 50, noch sehr lange bis ins Erwachsenenleben begleitet.

    Eine richtige Krise in Form von üblem Liebeskummer hat mich dazu gebracht, etliche Sitzungen bei einer Coachin zu nehmen. Sie ist mit mir "in den Keller gestiegen" und das hat mir irgendwann geholfen, diese tief gefühlte Einsamkeit so gut wie vollständig abzulegen.

    Die Konfliktunfähigkeit und das übermäßige Wahrnehmen von Stimmungen anderer ist mir geblieben und das ist heute okay für mich und kann auch mal eine Stärke sein.

    Fühl' dich ganz doll verstanden.

    Liebe Grüße

    Helene

  • Hallo Chaoskat

    ich bin auch Kind eines Alkoholikers, der vorletztes Jahr gestorben ist. Alles was du schreibst, könnte ich genauso unterschreiben. Ich habe vor 1,5 Jahren die Diagnosen ADHS und Autismus bekommen. Nachdem ich mich lange damit beschäftigt hatte, habe ich festgestellt, dass ich unheimlich viele Symptome habe, es nur wahnsinnig gut getarnt hatte. Inzwischen bin ich mir sicher, dass sowohl meine Eltern als auch ein Großteil der Familien ebenfalls betroffen waren und sind.

    Ich habe auch immer gedacht, ich bin anders oder gehöre nicht dazu, weil meine Familie irgendwie falsch ist. Jetzt weiß ich aber, dass ich einfach ein anderes Nervensystem habe. Leider hat man damit auch ein höheres Risiko süchtig zu werden.

  • Hallo,

    ich wollte mich für eure Reaktionen bedanken, die mich sehr gefreut haben! Und kurz Bescheid geben, dass ich mich nochmal in Ruhe melde. Wir hatten gestern Einschulung und meine Mutter ist noch bis zum Wochenende bei uns zu Besuch. Da habe ich nicht die Ruhe und Zeit, die ich zum antworten bräuchte.

    Liebe Grüße

    Kat

  • Liebe Kat,

    danke für deine ausführliche Antwort! Ich war die letzten Wochen wenig aktiv hier im Forum, habe aber immer wieder dran gedacht, dass ich dir gerne noch antworten will.

    Ich erkenne auch Ähnlichkeiten zu mir, in einigem, was du schreibst. Ich hatte als Kind und Jugendliche nicht den Wunsch in einer anderen Familie zu sein oder ein Gefühl von "etwas stimmt nicht", ich war aber auch sehr oft in Fantasie-Welten unterwegs. Tagsüber, wenn ich alleine draußen war und auch sehr regelmäßig abends im Bett. Bei mir waren das meistens Fantasien über Liebesbeziehungen zu irgendwelchen Charakteren aus Videospielen (ich habe viel an verschiedenen Konsolen gezockt als Kind und Jugendliche).

    Ich habe das Gefühl, Stimmungen sehr stark wahrzunehmen und dafür verantwortlich zu sein, es allen Recht machen zu wollen. Ich beziehe negative Stimmungen grundsätzlich erst einmal auf mich...

    Das konfliktvermeidende und Recht machen wollen kenne ich auch von mir. Verbunden damit vorschnell Verantwortung zu übernehmen und eben auch Verantwortung für die Gefühle meines Gegenübers zu übernehmen und darunter liegend so ein Schuldgefühl, wenn es meinem Gegenüber nach einer Aussage oder Verhalten von mir nicht gut geht. Das Schuldgefühl kann ja in manchen Situationen funktional sein (wenn ich z.B. echt ne Grenze überschritten habe), aber bei mir ist das ausgeprägter, dass ich wirklich versuche zu vermeiden den anderen aufzuregen, auch wenn ich eigentlich durch sein oder ihr Verhalten selbst gekränkt oder verletzt wurde.

    Und dahinter liegt letztlich auch die Annahme nicht okay zu sein, so wie ich bin. Bzw. nicht liebenswert zu sein, indem ich einfach nur da bin, sondern nur dann liebenswert zu sein, wenn ich pflegeleicht und angenehm für die anderen bin.

  • Sie ist mit mir "in den Keller gestiegen" und das hat mir irgendwann geholfen, diese tief gefühlte Einsamkeit so gut wie vollständig abzulegen.

    Liebe Helene, danke noch einmal für deine Antwort, auch wenn es schon eine Weile her ist. Anscheinend fällt es mir doch nicht so leicht, in den alten Wunden zu wühlen und so habe ich hier zwar immer mal wieder rein geschaut aber es nicht fertig gebracht, etwas zu schreiben.

    Über diesen Satz von dir bin ich nun mehrmals gestolpert, dass du schreibst, dass du diese gefühlte Einsamkeit so gut wie "ablegen" konntest. Erst einmal ist es wirklich schön zu lesen, dass das überhaupt möglich ist!

    Mein Gedankenansatz ist immer der, dass ich dieses Gefühl annehmen lernen muss, damit es sich nicht mehr so stark anfühlt und nicht mehr so viel mit mir macht. Nun ist das vielleicht nur unterschiedliche Wortwahl aber "annehmen" und "ablegen" klingt nach zwei sehr gegenteiligen Herangehensweise. Aber vielleicht zerdenke ich das gerade auch zu sehr. Auf jeden Fall bin ich da nach wie vor auf der Suche, einen guten Weg zu finden. Mal geht es besser und mal zieht es mich wieder völlig runter.

    "Fühl dich ganz doll verstanden" hat mich auch sehr berührt. Vielleicht genau deshalb, weil ich diese Erfahrung bisher kaum gemacht habe. Was natürlich auch daran liegt, dass ich diesen Teil von mir weitestgehend mit mir selbst ausmache.

    Also danke dafür und ganz liebe Grüße!

    Kat

  • Hallo Vroni,

    danke auch dir noch für deine Antwort!

    Ich habe vor 1,5 Jahren die Diagnosen ADHS und Autismus bekommen. Nachdem ich mich lange damit beschäftigt hatte, habe ich festgestellt, dass ich unheimlich viele Symptome habe, es nur wahnsinnig gut getarnt hatte

    Das ist tatsächlich Interessant, da ich den ADHS Gedanke auch immer mal wieder habe aber immer schnell wieder wegschiebe. Wenn ich nachlesen, finde ich mich durchaus in einigen Punkten wieder, in anderen aber auch gar nicht. Wenn du magst, würde es mich sehr interessieren, welche Symptome du bei dir festgestellt hast und auch, ob und was sich nach der Diagnose verändert hat? So wie ich es herausgelesen habe, hat sich bei dir dann ja auch einiges vermischt, was du der Familienkonstellation zugeordnet hattest aber eigentlich der ADHS/Autismus geschuldet ist. Ich könnte mir vorstellen, dass es auch gar nicht so einfach oder möglich ist, das klar voneinander zu trennen bzw. zu unterscheiden?

    Danke und viele Grüße

    Kat

  • Mir kam gerade, während ich mich wieder durch alles durch lese, noch eine Eigenschaft auf, die ich als Kind/Jugendliche hatte und die mich extrem verwirrt hat. Und ich versuche es einfach mal hier aufzuchreiben ...

    Ich hatte den ständigen "Wunsch", dass mir etwas passiert. Dass ich mich zum Beispiel verletzte, einen Unfall habe, mir irgendetwas zustößt, so dass sich andere Menschen um mich kümmern müssten. Davon habe ich mir unendlich viele verschiedenste Storys ausgemalt, immer mit dem Resultat, dass sich eben jemand um mich sorgt.

    Manchmal beim Sport habe ich eine Verletzung vorgespielt, einfach für diesen Moment, dass sich dann jemand um mich kümmert...

    Ich habe nie verstanden, warum ich das tat und habe wirklich an meinem Verstand gezweifelt. Alle diese Gedankenspiele hatte ich nur mit fremden Menschen. Ich hätte nie etwas erdacht oder in der Realität getan, was die Fürsorge meiner Eltern hätte erregen können. Meinen Vater hätte es eh nicht interessiert, meine Mutter allerdings schon. Die war grundsätzlich besorgt und im Prinzip auch fürsorglich aber von ihr hätte ich das nie ertragen können. Im Gegenteil, ich habe eine regelrechte Abneigung (auch wenn es hart klingt, man kann auch sagen, es war Ekel...) gegen sie entwickelt, die/dem ich mir aber auch nicht erklären konnte (auch bis heute eigentlich nicht wirklich erklären kann).

    Schlussendlich blieben mir immer große Fragezeichen, was eigentlich mit mir verkehrt ist. Ich hätte alles für Fürsorge und Nähe getan. Von meiner Mutter, die es mir gegeben hätte, wollte ich es aber nicht. Und so blieb diese stetige Sehnsucht danach, die Tagträume und Flucht in Phantasien. Und wohl auch das Gefühl, eine wirklich undankbare Tochter zu sein.

  • Liebe Kat,

    schön, wieder von dir zu lesen.

    Es stimmt, ich habe es missverständlich formuliert. Ich meinte damit, dass ich endlich fühle, dass ich nicht einsam bin. Vom Verstand her wusste ich es eh schon lange: ich bin berufstätig, habe eine sehr gute beste Freundin, die mir auch immer gesagt hat, dass ich nicht allein bin. Ich habe es aber immer wieder trotzdem so gefühlt. Das ist jetzt nicht mehr so. Ich bin auf einer tiefen Ebene glücklich, verbunden und unverletztbar und weiß, dass ich mich immer auf mich verlassen kann. Und wenn ich Hilfe, Fürsorge oder Zuspruch bräuchte, ich sie mir holen könnte.

    Dass was du über deine Mutter schreibst, geht mir genauso. Meine Mutter war in meiner Kindheit im Alltag kaum fürsorglich (meinen Vater hat auch nichts interessiert), war man aber krank, änderte sich das auf eine übertriebene Art schlagartig. Fast noch stärker, als ich schon längst erwachsen war. Das konnte ich nicht ertragen und wollte gerade von ihr nichts dergleichen. Es fiel mir sehr lange sogar schwer, meinte Mutter auch nur zu umarmen, innerlich pure Abwehr von mir, die ich mit einem falschen Lächeln verbarg, weil sie mir leid tat und ich mich dafür schämte.

    Sie dürfte auch nicht meine Hand nehmen (ich könnte mir vorstellen, heutzutage würde sie das vielleicht sogar gerne tun) oder dergleichen. Ich empfand regelrecht eine Art Verachtung, wenn ich sie sah. Das ist nicht schön. ich frage mich gerade, wann das aufgehört hat....Ich glaube, es war ein Prozess. Ich erwarte nichts mehr von meiner Mutter. ich habe meine Kindheit betrauert. Meine Mutter hat ihr Bestes gegeben, mehr ging für sie nicht. Ich habe nur sehr losen Kontakt zu meinen Eltern, ein paar Jahre gar nicht. Ich denke, das hat mir persönlich geholfen, genug Abstand zu bekommen und vollkommen neutral auf meine Mutter zu blicken.

    Was mich angeht, vermute ich, dass die "Fürsorge", die meine Mutter mir als Kind geben wollte, wenn ich krank war, nicht wirklich mir galt, sondern als Ablenkung ihrer eigenen Probleme (mit meinem Vater) dienen sollte und sie dann selbst Aufmerksamkeit von den Ärzten bekam, zu denen sie mich brachte und dann als "gute Mutter" da stand. Und ich als Kind gespürt habe, dass es eigentlich dabei gar nicht um mich ging.

    Danke, dass du davon erzählt hast, daran hatte ich gar nicht mehr gedacht. Es hat mir geholfen, zu lesen, dass ich mit diesem Gefühl nicht die Einzige war.

    Ich finde es vollkommen normal, dass du dir als Kind Liebe und Fürsorge herbei geträumt hast. Eine andere Möglichkeit hatten wir als Kind ja nicht.

    Liebe Grüße, Helene

  • Liebe Helene,

    ganz lieben Dank für deine Antwort. Ich habe das Gefühl, da gibt es einige Parallelen. Objektiv bin ich auch nicht einsam. Ich habe eine Familie, Mann und zwei Kinder, genau wie du eine gute Freundin. Ich fühle mich im Hier und Jetzt nicht einsam aber das ändert nichts an diesem tiefen Gefühl, dass von damals geblieben ist. An das kam ich bisher nie richtig dran. Oft fühle ich mich auch dann am einsamsten, wenn ich nicht alleine, sondern unter Menschen bin. Das war früher noch viel ausgeprägter. Auf Feiern, mit Freunden, erst war die Stimmung gut, bis sie dann immer mehr kippte und ich mich unendlich traurig und allein gefühlt habe und schlussendlich auch aus der Situation gehen musste...

    Was die Beziehung und Abneigung zu meiner Mutter geht, kann ich das, was du schreibst, voll unterschreiben. Ich kann bis heute keine Berührungen ertragen. Umarmungen, Hand nehmen, undenkbar. Seit ich Kinder habe, ist der Kontakt wieder regelmäßig und funktioniert tatsächlich recht gut, solange diese unausgesprochen Grenzen eingehalten werden.

    Beim Lesen deines Textes kam mir aber auch wieder meine Erklärung in den Sinn, woher diese starke Abneigung und Abwehr vielleicht kam. Die Ehe meiner Eltern war seit ich denken kann nur auf dem Papier. Jeder hat in unserer Familie auf seine Weise funktioniert aber meine Eltern haben auch komplett nebeneinander her gelebt. Ich kann mich an nichts Liebevolles zwischen den beiden erinnern. Keine Umarmung, kein Kuss, keine netten Worte, nichts. Und ich glaube, dass auch meine Mutter sehr einsam war und die fehlende Nähe zu ihrem Mann versucht hat, mit mir zu kompensieren. Das ist zumindest mal meine Theorie. Es war keine Mutter-Kind Fürsorge, sondern ich hatte da eine Rolle, die für ein Kind nicht richtig war. Und vielleicht hat mein Körper das sehr deutlich gespürt, auch wenn mein Kopf es nicht verstanden hat. Auf jeden Fall hatte ich auch ständig mit meinem schlechten Gewissen ihr gegenüber zu kämpfen, denn sie hat es ja vermeintlich immer gut gemeint und ich habe sie weggestoßen...

    Keine Ahnung ob's stimmt, ich stochere da häufig im Dunkeln.

    ch finde es vollkommen normal, dass du dir als Kind Liebe und Fürsorge herbei geträumt hast. Eine andere Möglichkeit hatten wir als Kind ja nicht.

    Mit ganz viel reflektieren und nachdenken, finde ich manche Reaktionen und Verhaltensweisen heute auch nahe dran an "normal". Ich glaube, das ist die große Herausforderung, all das, was mich früher so extrem verwirrt hat, neu zu betrachten. Alleine aber auch von jemand anderem zu lesen, dass es normal oder nachvollziehbar ist, tut wirklich gut!

    Liebe Grüße

    Kat

  • Hallo Kat,


    ich bin neu hier und bin auf dein Thema gestoßen beim herumstöbern.

    Meine Eltern sind seit meiner Kindheit Alkoholiker und bei meiner Mutter ist es mit den Jahren stärker geworden. Aber auch als Kind habe ich sehr wenig Liebe erfahren. Ich war immer beim Sport, immer war ich die böse und schuldige. Ich habe von meinen Eltern nie gehört, dass sie mich lieb haben oder Umarmungen bekommen. Ich habe mir zb immer gewünscht, dass meine Tante und Onkel meine Eltern gewesen wären.

    Als mir im Erwachsenen Alter bewusst wurde, was mit meinen Eltern los ist, habe ich auch mehrmals mit meiner Mutter versucht zu reden. Aber nach dem Tod ihrer Mutter hat sie sich zu einem Gang anderen Menschen verändert. Gehässig, benutzt nur derbe Ausdrücke. Ich bin teilweise total erschrocken und traurig, dass ich so eine Mutter habe. Oft Stelle ich mir die Frage, warum es ausgerechnet bei mir so ist? Sie redet schlecht über jeden (sogar über mich als ich mit ihr am einem Tisch saß, sie sich aber mit jemand anderem unterhält).

    Sie benimmt sich wirklich schlecht. Ist aber immer extrem gastfreundlich wenn ich da bin. Das muss ich sagen. Aber egal was zwischen uns war, ich habe immer die Schuld bei mir Gesicht, immer war ich diejenige, die das schlechte Gewissen hatte und die zum Psychologen ging. Meine Mutter nicht.

    Ich kann das alles nicht so einfach akzeptieren, aber helfen kann und weiss ich nicht wie da über das Thema Alkoholsucht nicht gesprochen ist. Sie trinkt heimlich und wenn man was sagt, kommen Ausreden.

    Meine Mutter hat ihre Eltern durch den Alkohol verloren. Und ich habe natürlich auch Angst, dass sie es nicht mehr so lange überleben wird. Und das geht mir extrem nah.

    Liebe Grüße,


    Boni

  • Hallo, über euren Faden bin ich auch gerade gestolpert, und bin fast erschrocken, wie sehr euer Empfinden euren Müttern gegenüber dem gleicht, was ich auch erlebt habe.

    Soviel zitiere ich normalerweise auch nicht, aber wenn ich jetzt einen Textmarker hätte, hätte ich alles unterstrichen und ein dickes Ausrufezeichen dahinter gemacht. Helene , das hier zB.

    Es fiel mir sehr lange sogar schwer, meinte Mutter auch nur zu umarmen, innerlich pure Abwehr von mir, die ich mit einem falschen Lächeln verbarg, weil sie mir leid tat und ich mich dafür schämte.

    Das kenne ich auch so so gut. Die Gefühle ihr gegenüber wechselten aber auch, oder waren oft eine Mischung. Komm mir bloss nicht zu nah, das hatte ich sehr lange. Ich sehe meine Mutter auch sehr selten. Seit ein paar Jahren telefonieren wir häufiger, und ich spüre erstmalig auch sowas wie Mitgefühl und Interesse. Ging aber erst in der Teenagerzeit los, davor gab es schon Nähe und Zärtlichkeit und auch Zeit von ihr.

    Und ich als Kind gespürt habe, dass es eigentlich dabei gar nicht um mich ging.

    Das denke ich heute eher, als Kind habe ich das nicht hinterfragt, konnte ich glaube ich gar nicht, da war viel mehr Reagieren und Wahrnehmen, als dazu schlüssige Gedanken fassen. Es gab viel Ohnmacht, später dann oft das Gefühl erdrückt zu werden. Immer mehr war es vor allem ihre Verzweiflung, die ich auch in ihren Umarmungen spürte, ich wurde daher oft steif wie ein Stock. Blickkontakt, ganz schwierig. Sie hat das natürlich gemerkt, und meine Wärme regelrecht eingefordert, was für mich unaushaltbar wurde.

    ist der Kontakt wieder regelmäßig und funktioniert tatsächlich recht gut, solange diese unausgesprochen Grenzen eingehalten werden.

    Das würde ich auch so unterschreiben. Aber wir sehen uns kaum, und am Telefon kann ich immer sagen, es ist mir jetzt genug. In Präsenz ist das alles viel schwieriger.

    Oft fühle ich mich auch dann am einsamsten, wenn ich nicht alleine, sondern unter Menschen bin.

    Auch das kenne ich. Aber mittlerweile gibt es auch genug Erlebnisse, wo ich mich sehr wohl unter Menschen fühle. Mit manchen gibt es eben keine Verbindung. Und ich zieh mich dann raus, wenn ich das merke. Aber der Satz ist trotzdem auch sehr zutreffend für mich. Ich habe mich kaum je alleine gefühlt, wenn ich alleine war. Aber in manchen Konstellationen mit anderen (Feiern, oft ganz schlimm), wo ich es kaum ausgehalten habe dort zu sein, regelrechte Abscheu gefühlt. Und dann oft auch geflüchtet.

    Und ich glaube, dass auch meine Mutter sehr einsam war und die fehlende Nähe zu ihrem Mann versucht hat, mit mir zu kompensieren.

    Definitiv bei mir auch so gewesen, ich war zeitweise die Eheberaterin meiner Mutter. Das ging schleichend, wie ich mich dabei gefühlt habe anfangs, weiss ich nicht mehr. Es war einfach so. Ich war für beide Eltern der Puffer.

    Wie seid ihr mit den Schuldgefühlen umgegangen? Die habe ich nämlich auch bis heute. Denke so oft, ich müsste eine bessere Tochter sein, dankbar. Offener. Ein grosses Thema bei mir, immer wieder.
    Ein schlechtes Gewissen, daß mein Leben ohne sie sich besser anfühlt. Dann wieder, was tust du? Sie lebt auch nicht ewig, schenk ihr doch von deiner Zeit. Aber so einfach ist es eben nicht. Die Widerstände auflösen?
    Sie ist immer noch so kompliziert und vorallem auch sehr alleine und verletzt. Fühlt sich schnell aussen vor, war sie aber eben auch. Wenn ich sage ich besuche meine Familie, ist es Immer der väterliche Teil. Das ist doch total ungerecht und unbarmherzig von mir.

    Wisst ihr und selbst jetzt beim Schreiben, - darf ich das? Löschen Impuls. So ehre ich nicht meine Eltern, wenn ich so über sie schreibe. (So aber aufgewachsen!)

    Liebe Grüsse

    koda

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