Wenn Sucht tödlich verläuft.

  • Aus meiner Erfahrung.

    Über Rückfälle und Abstinenz reden wir oft. Über das, wohin Sucht im schlimmsten Fall führen kann, weniger. In zwanzig Jahren habe ich viele gesehen, die trocken wurden, wieder gesoffen haben, erneut aufgehört haben – und irgendwann wieder genau dort standen, wo sie nie mehr hinwollten. Das sind für mich „nasse Prozesse“.

    Sie beginnen nicht erst beim Saufen. Der Kopf fängt früher an: Grenzen verschieben sich, Risiken werden kleingeredet, alte Gedanken werden wieder salonfähig. Aus einem klaren Nein wird ein „Man könnte doch …“. Die Sucht schreibt ihre eigenen Rechnungen.

    Manche stoppen das. Andere drehen jahrelang ihre Runden. Und wenn Depression, Einsamkeit oder Hoffnungslosigkeit dazukommen, kann es sehr dunkel werden. Sucht kann tödlich verlaufen – durch körperliche Folgen, Unfälle oder auch durch Suizid. Das gehört zur Realität, auch wenn man darüber ungern spricht.

    Aber Suizid ist kein zwangsläufiges Ende einer Sucht. Das ist wichtig.

    Ich will daraus kein Drama machen. Aber Sucht wird nicht harmloser, wenn wir nur die Geschichten erzählen, die gut ausgehen. Selbsthilfe ist nicht der Ponyhof des trockenen Alltags. Dazu gehören auch die Seiten, die niemand gerne liest.

    Trockenheit garantiert mir nicht das Leben. Aber sie beendet den Prozess, der es mir nehmen kann.

    Ich kenne solche Prozesse. In meiner nassen Zeit wurden Trennung, Streit oder Alltagsprobleme plötzlich riesig. Und natürlich ließen sich daraus perfekte Gründe basteln. Beziehung, Familie, Arbeit, Kindheit – irgendjemand war immer verfügbar. Zur Not auch der Nachbar. Nur eines blieb konstant: Die haben nicht gesoffen. Ich habe gesoffen.

    Wenn ich andere für mein Saufen verantwortlich mache, brauche ich auch andere, damit ich trocken bleibe. So funktioniert nasses Denken: Verantwortung nach außen verlagern. Hilft nicht. Damit gebe ich genau die Verantwortung ab, die ich für meine Abstinenz brauche.

    Und jetzt zu Angehörigen. Ihr könnt helfen, zuhören, Grenzen setzen, Rettungsringe werfen. Aber ihr könnt keinen Alkoholiker trocken machen. Festhalten muss er selbst. Und wenn es trotz allem nicht gelingt, dürft ihr euch nicht hinterher seine Verantwortung auf die eigenen Schultern laden. Dieses „Hätte ich doch …“ frisst einen selbst.

    Sein Denken, sein Handeln, seine Entscheidungen bleiben seine Verantwortung. Nicht die des Partners, nicht der Familie, nicht der Kinder. Das klingt hart. Die Alternative wäre härter: Angehörigen einzureden, sie hätten nur genug lieben, helfen oder aushalten müssen, dann wäre alles anders gekommen. So funktioniert Sucht nicht.

    Meine Bewunderung gilt denen, die auch diese Seiten ihres Lebens hier aussprechen. Nicht dem Leid, sondern dem Mut, das zu erzählen, was nicht in die Hochglanzversion vom trockenen Leben passt.

    Nicht jede Geschichte geht gut aus. Auch das gehört hierher.

    Sucht erklärt vieles. Sie entschuldigt nicht alles. Und Verantwortung bleibt Verantwortung.

    Gruß Hartmut

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    Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe!

    Trocken seit 2007

  • Vielleicht klingt mein Einstieg in den neuen Thread etwas endgültiger, als er gemeint ist. Das ist einfach meine Sicht und meine Erfahrung.

    Mich interessieren genauso eure Erfahrungen und Perspektiven dazu. Der Thread darf gerne lebendig bleiben.

    Gruß Hartmut

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    Trocken seit 2007

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