Wenn Sucht tödlich verläuft.

  • Aus meiner Erfahrung.

    Über Rückfälle und Abstinenz reden wir oft. Über das, wohin Sucht im schlimmsten Fall führen kann, weniger. In zwanzig Jahren habe ich viele gesehen, die trocken wurden, wieder gesoffen haben, erneut aufgehört haben – und irgendwann wieder genau dort standen, wo sie nie mehr hinwollten. Das sind für mich „nasse Prozesse“.

    Sie beginnen nicht erst beim Saufen. Der Kopf fängt früher an: Grenzen verschieben sich, Risiken werden kleingeredet, alte Gedanken werden wieder salonfähig. Aus einem klaren Nein wird ein „Man könnte doch …“. Die Sucht schreibt ihre eigenen Rechnungen.

    Manche stoppen das. Andere drehen jahrelang ihre Runden. Und wenn Depression, Einsamkeit oder Hoffnungslosigkeit dazukommen, kann es sehr dunkel werden. Sucht kann tödlich verlaufen – durch körperliche Folgen, Unfälle oder auch durch Suizid. Das gehört zur Realität, auch wenn man darüber ungern spricht.

    Aber Suizid ist kein zwangsläufiges Ende einer Sucht. Das ist wichtig.

    Ich will daraus kein Drama machen. Aber Sucht wird nicht harmloser, wenn wir nur die Geschichten erzählen, die gut ausgehen. Selbsthilfe ist nicht der Ponyhof des trockenen Alltags. Dazu gehören auch die Seiten, die niemand gerne liest.

    Trockenheit garantiert mir nicht das Leben. Aber sie beendet den Prozess, der es mir nehmen kann.

    Ich kenne solche Prozesse. In meiner nassen Zeit wurden Trennung, Streit oder Alltagsprobleme plötzlich riesig. Und natürlich ließen sich daraus perfekte Gründe basteln. Beziehung, Familie, Arbeit, Kindheit – irgendjemand war immer verfügbar. Zur Not auch der Nachbar. Nur eines blieb konstant: Die haben nicht gesoffen. Ich habe gesoffen.

    Wenn ich andere für mein Saufen verantwortlich mache, brauche ich auch andere, damit ich trocken bleibe. So funktioniert nasses Denken: Verantwortung nach außen verlagern. Hilft nicht. Damit gebe ich genau die Verantwortung ab, die ich für meine Abstinenz brauche.

    Und jetzt zu Angehörigen. Ihr könnt helfen, zuhören, Grenzen setzen, Rettungsringe werfen. Aber ihr könnt keinen Alkoholiker trocken machen. Festhalten muss er selbst. Und wenn es trotz allem nicht gelingt, dürft ihr euch nicht hinterher seine Verantwortung auf die eigenen Schultern laden. Dieses „Hätte ich doch …“ frisst einen selbst.

    Sein Denken, sein Handeln, seine Entscheidungen bleiben seine Verantwortung. Nicht die des Partners, nicht der Familie, nicht der Kinder. Das klingt hart. Die Alternative wäre härter: Angehörigen einzureden, sie hätten nur genug lieben, helfen oder aushalten müssen, dann wäre alles anders gekommen. So funktioniert Sucht nicht.

    Meine Bewunderung gilt denen, die auch diese Seiten ihres Lebens hier aussprechen. Nicht dem Leid, sondern dem Mut, das zu erzählen, was nicht in die Hochglanzversion vom trockenen Leben passt.

    Nicht jede Geschichte geht gut aus. Auch das gehört hierher.

    Sucht erklärt vieles. Sie entschuldigt nicht alles. Und Verantwortung bleibt Verantwortung.

    Gruß Hartmut

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    Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe!

    Trocken seit 2007

  • Vielleicht klingt mein Einstieg in den neuen Thread etwas endgültiger, als er gemeint ist. Das ist einfach meine Sicht und meine Erfahrung.

    Mich interessieren genauso eure Erfahrungen und Perspektiven dazu. Der Thread darf gerne lebendig bleiben.

    Gruß Hartmut

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    Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe!

    Trocken seit 2007

  • Mir ist das Ziel des Themas nicht klar.

    Dass am Alk gestorben wird, ist doch mehr oder weniger Alltag bei schätzungsweise über hundert Alkoholtoten täglich in D direkt durch den Konsum und durch die Begleiterkrankungen. Auch die Selbstmordraten unter Alkoholikern und anderen Abhängigen sind hoch.

    Das ist zwar tragisch, aber es gibt auch andere Erkrankungen, gegen die nichts hilft, wenn der Betroffene selbst sein Verhalten nicht ändert. Und manche können es wahrscheinlich auch selbst nicht ändern, weil irgendwelche anderen Erkrankungen wie Depressionen, Bipolar oder Psychosen dazukommen, oder das Weltbild ist irgendwie so, dass man sich nicht helfen lassen will und es als Schwäche ansieht, aber da ist dann von außen auch nichts zu machen.

    Irgendwie gehört das für mich zum Leben. Es gibt auch andere Arten, sich das Leben zu versauen, und die werden auch genutzt.
    Risiken geht der Mensch für seinen Spaß auch ein, siehe Risikosportarten. No Risk, no Fun. Da wird auch gestorben, mit nüchternem Kopf. Das ist eine Frage der Wertigkeiten.

    Auf was wolltest Du denn raus?

    Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.
    Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man es anschiebt.

    Aber das Gras wächst.
    Sei sparsam mit dem Düngen:mrgreen:

  • Eigentlich wollte ich allgemein noch nichts schreiben, aber hier muss ich unbedingt.

    Ich gehöre zu den Co. Abhängigen und ich empfinde dieses Thema hier als verdammt wichtig, weil obwohl ich denke ich nicht dumm bin, aber auf eine gewisse Art und Weise in dieser Thematik lange! gefühlsblind war, es für mich schon vor langer Zeit verdammt wichtig gewesen wäre, dies genauso klar sehen zu können/annehmen zu können.

    Klar Worte/Geschichten die man liest, deren Worte versteht man auch wenn man der Sprache mächtig ist, sie aber wirklich in ihrer kompletten Bedeutung BEWUSST !!! zu verstehen, sind zwei paar Stiefel, das nimmt man nicht gerne auf seine persönliche, tragische Geschichte an = da liegen Welten dazwischen und trotz klarer Worte herrschte zumindest bei mir eins vorrangig vor: VERDRÄNGUNG, egal was ich las oder wusste und diese Verdrängung bestand auf beiden Seiten.


    Dir ist das vielleicht inzwischen klar/wirklich bewusst, das bedeutet aber nicht das es jedem klar/wirklich bewusst ist.


    Im übrigen mein Bruder ist genauso Bipolar wie es meine Mutter war, aber er geht in Therapie, nimmt seine Pillen und kämpft sich in sein Leben zurück, klar ist das nicht einfach, aber ich ziehe meinen Hut vor ihm, das er sich stellt.

    Meine Mutter war Bipolar und die letzten zwei Jahre auch Alkoholikerin, hat sie sich helfen lassen, NEIN und sie hat in ihrem Leben bestimmt auch mal den ein oder anderen ärztlichen ! Artikel über Alkoholismus gelesen, BEWUSST verstanden hat sie genau NICHTS.

    Gerade solche Erfahrungsberichte bringen mich gerade enorm weiter und ja halten mich über Wasser.


    Und mit nüchternem Kopf zu sterben ist einfach mal was KOMPLETT anderes.

    Sorry, ich muss zugeben das hat mich gerade hart getriggert und verletzt.


    LG, Nine

    Einmal editiert, zuletzt von Nine (10. August 2026 um 15:59)

  • Mir ist das Ziel des Themas nicht klar.


    Mir geht es weniger darum, dass Alkohol tödlich sein kann. Das ist hier leider keine neue Erkenntnis. Mir geht es darum, diese Seite der Sucht deutlicher sichtbar zu machen – und vor allem die Prozesse davor.

    Ich lese hier viel darüber, wie jemand trocken geworden ist und was heute gut läuft. Die andere Seite , das nasse Denken, Rückfälle, das Verschieben von Grenzen, das Kleingereden von Risiken und die möglichen Konsequenzen, kommt für mich dagegen oft zu kurz.

    Für mich beginnt ein möglicher tödlicher Verlauf nicht erst am Ende, sondern unter Umständen schon wieder mit dem ersten Glas. Im nassen Denken verschiebt sich die Wahrnehmung: Risiken werden passend gemacht, Verantwortung nach außen verlagert – und trotzdem weiß man irgendwo, wohin das führen kann.

    Diesen Widerspruch kenne ich selbst ziemlich gut.

    Mich interessieren deshalb weniger allgemeine Erklärungen oder Statistiken, sondern unsere eigenen Erfahrungen. Was habe ich nass gedacht, verdrängt oder kleingeredet? Wie habe ich mir Risiken passend gemacht? Und wie sehe ich dieselben Dinge heute trocken?

    Genauso interessieren mich die Erfahrungen der Angehörigen. Was haben sie getragen, versucht und vielleicht viel zu lange für ihre Verantwortung gehalten? Gerade dieses „Hätte ich doch …“ gehört für mich ebenfalls zu dieser Realität.

    Warum sprechen wir über diese Seiten der Sucht so ungern, obwohl sie genauso dazugehören? Dass Menschen an Alkohol sterben, ist Statistik. Wie sie dort hinkommen, warum die Sucht trotzdem weiterläuft und was dabei mit ihnen und ihrem Umfeld passiert – das ist für mich Selbsthilfe.

    Oder habe ich deine Frage falsch verstanden?

    Gruß Hartmut

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    Trocken seit 2007

  • Ich bin ja der Labersack, der in seiner eigenen Bilanz bereits kritisiert wurde, dass er seine alten Geschichten zu sehr aufwärmt. Da dürfte ziemlich deutlich sein, wie ich damals dachte. Und ich habe auch mehrmals geschrieben, warum ich dachte, saufen und sterben ist besser als nüchtern zu leben. Das kann ich so gut, dass es Andere vor mir graust:mrgreen:

    Das hat sich beim Umkehren radikal geändert, aber davor war ich mir in meiner Überzeugung auch mit mir einig. Ich habe gar nicht versucht, aufzuhören, bis es mich eines Tages irgendwie überkam, da hats leise klick gemacht. Ja, hat es.

    Für mich ist das insofern easy, weil es so ähnlich wie ein Gruselfilm ist, in dem ich damals mitspielte und heute nicht mehr. Da lehne ich mich selbst tatsächlich gemütlich zurück, und futtere mein eigenes Popcorn.

    Meine Ängste vor einem eigenen Rückfall halten sich nach meiner langen Trockenheit in sehr bescheidenen Grenzen. Ich müsste schon wirklich einen Fehler machen und denke, den kann ich einfach vermeiden, so lange mir das irgendwo abrufbar bleibt. Das läuft so easy, weil ich mich gerne damit beschäftige. Vielleicht hätte ich es auch anders geschafft, aber so gestalte ich es für mich angenehm, ich hab keine Berührungsängste zum Alkoholismus.

    Meinst Du so was in der Richtung?

    Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.
    Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man es anschiebt.

    Aber das Gras wächst.
    Sei sparsam mit dem Düngen:mrgreen:

  • Meinst Du so was in der Richtung?


    Ja, genau die Richtung meine ich. Und den „Labersack“ kenne ich irgendwoher. ;)

    Wir beide haben schließlich lange genug trocken auf dem Buckel, um alte Geschichten nicht nur aufzuwärmen, sondern inzwischen Popcorn dazu zu reichen. :whistling:

    Dein Bild mit dem eigenen Gruselfilm gefällt mir. Damals mittendrin und überzeugt, heute Zuschauer. Schwarzer Humor inklusive.

    Genau solche Erfahrungen meinte ich.

    Gruß Hartmut

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    Trocken seit 2007

  • Sorry, ich muss zugeben das hat mich gerade hart getriggert und verletzt.

    Frage: was genau hat Dich da verletzt? Abgesehen davon kann ich natürlich nichts dafür, dass du das auch so lange mitgemacht hast. Du bist ja auch erwachsen und musst selbst auf Dich aufpassen, sonst tuts keiner.

    Als ich vielleicht 12 war, erzählte mir meine Mutter, dass ihr Bruder, einen meiner Onkels, der mir als Kind viel gezeigt hatte, tot auf dem Sofa aufgefunden wurde, Alkohol und Tabletten. Er war mitten in der Scheidung, mein Cousin etwa 6 Jahre alt. Man wusste nicht, ob Absicht oder ein Versehen war.

    Es ging mit einem weiteren totgesoffenen Onkel und in meiner eigenen Gleichaltrigengruppe mit mindestens einem Dutzend Toten weiter, Alk, Drogen und Selbstmorde. Später, als Erwachsener, und weiter in der Selbsthilfe, immer wieder.
    Ich glaub die Geschichten erzähle ich hier besser gar nicht, obwohl, zur Abschreckung, aber das würde sicher weiter triggern.

    Dadurch kam das, dass ich das einfach sehe, wie es ist.

    Als ich selbst noch gesoffen und gegiftet habe, habe ich den Tod billigend in Kauf genommen. Meine Einstellung war und ist aber auch, es ist mein Leben, und das gestalte ich, wie ich das will. Ich darf mich entscheiden, es wegzuwerfen oder zu beenden, wenn es mir sonst nicht gefällt.

    Partner sind nicht so an mich gebunden, wie ich selbst an mich gebunden bin, die können gehen, ich kann es nicht. Ich muss 24 Stunden täglich mit mir, da gibt es keinen Urlaub. Beim Partner ist es immer noch dessen Entscheidung, ob er/sie dabei bleibt und sich das anguckt. Meine Frau hat sich zum Glück dagegen entschieden, mir dabei zuzugucken.

    Ich wusste genau, was ich tat, wenn ich gerade Lust hatte, darüber nachzudenken. Meistens habe ich nicht drüber nachgedacht, weil es mir egal war, wie es ausgeht. Hauptsache heute erst mal rein damit, nichts wichtiger als betrunken sein, was morgen ist, sehe ich dann morgen schon. Wenn der Druck, mich zuzuknallen, da war, hab ich alles beiseite geschoben.

    Und ansonsten habe ich tagsüber ein Leben geführt, dass mir beim Outen kaum einer glaubte, dass ich da ein Problem hatte. Denn ich war Feierabendrauschtrinker und das habe ich lieber gleich zu Hause gemacht, weil da das Bett gleich zum reinfallen in der Nähe war. Abkotzen, Krönchen richten, weiter gings.

    Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.
    Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man es anschiebt.

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  • Rückfälle, das Verschieben von Grenzen, das Kleingereden von Risiken und die möglichen Konsequenzen,

    Ich versuche es mal andersrum. Das Risiko für einen Rückfall kann ich schlecht beziffern. Die Konsequenzen daraus auf jeden Fall sehr klar. Heute geht das, vorher keinesfalls. Ich arbeite oft mit diesen Vorstellungen. Was passiert wenn... Und wenn ich da nicht wirklich achtsam bin, erklärt mir meine Sucht ganz genau was vermeintlich für sie gut ist. Ich will das aber auch nie wieder erleben und so rufe ich mir heute in den Sinn, was eben früher locker und absolut wichtig war und heute eben nicht mehr ist.

    Schlechte Laune- trink ein Bier, Stress - trink doch was, das beruhigt. Die Liste kann endlos werden....

    Habe ich in diesen Momenten über die Konsequenzen des Alkoholismus nachgedacht? Auf keinen Fall. Wenn überhaupt,dann nüchtern. Und hier liegt meiner Meinung nach der Hase im Pfeffer. Die geistige Reaktion auf die Situation gibt einem vor, was zu tun ist. Der Trugschluss, alles wird einfacher mit Umdrehungen, war vor geraumer Zeit absolut richtig. Was interessiert es mich,was in paar Jahren ist. Fast alle saufen und werden alt. Warum sollte das bei mir nicht funktionieren.

    Nun kann ich noch nicht mal so genau sagen,wie sich das bei mir umkehrte. Es steht außer Frage,dass es absolut richtig war,ist und bleibt.

    Ich habe das jetzt mal so geschrieben,wie es mir einkam.

    „Frei bin ich nicht, weil ich dem Alkohol entkomme – sondern weil ich mich selbst nicht mehr verliere.“

  • Ich gehöre zu den Co. Abhängigen und ich empfinde dieses Thema hier als verdammt wichtig, weil obwohl ich denke ich nicht dumm bin, aber auf eine gewisse Art und Weise in dieser Thematik lange! gefühlsblind war, es für mich schon vor langer Zeit verdammt wichtig gewesen wäre, dies genauso klar sehen zu können/annehmen zu können.

    Nine, darf ich kurz nachfragen, einfach um es für mich einordnen zu können?

    Du schreibst, dass du heute weißt, dass du co-abhängige Muster hattest und damals „gefühlsblind“ warst. Das würde ich für mich erst einmal voneinander trennen.;)

    Hast du deine Co-Abhängigkeit damals schon bewusst erkannt und trotzdem verdrängt, oder wird dir diese Dynamik erst heute im Rückblick klar? Erst als du hier aufgeschlagen bist und alles gelesen hast.

    Das macht für mich einen Unterschied. Denn das eine wäre. Ich erkenne etwas und kann oder will trotzdem nicht entsprechend handeln. Das andere wäre: Ich konnte die Co-Dynamik damals überhaupt noch nicht als solche erkennen.

    Genau dieser Unterschied würde mich interessieren.

    Gruß Hartmut

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    Trocken seit 2007

  • Nicht jede Geschichte geht gut aus. Auch das gehört hierher.

    Hartmut Dein Eröffnungspost treibt mich seit dem ich mich hier angemeldet habe um. Für mich ist das schon beinahe eine philosophische Fragestellung: was bringt mich im Leben weiter: die positiven oder die negativen Seiten - beide machen das Dasein nun mal aus. Viele Fäden hier fangen fast immer ungeschönt an und als Leser freue ich mich über manche Entwicklung - vermeldete Rückschläge tun mir fast körperlich weh. Ich hätte nie gedacht, dass ich hier so mitleiden und hoffen würde.

    Die negative Seite des Alkoholismus hat sich mir in dem Vorstellungsbereich offenbart; und hier beneide ich euch als Moderatoren/Innen nicht. Unendlich viele User haben sich mit ihren Sorgen und Nöten beworben - ihr gebt euch Mühe - habt ein paar Fragen - und dann hört man nichts mehr von den Usern. Wie frustierend muss das für euch sein.

    Vielfach frage ich mich, was wohl aus den Foristen geworden ist. Haben sie es gepackt, aufgegben - einen anderen Weg zur Abstinenz gefunden?

    Die Art und Weise wie hier manch einer augestiegen ist, läßt mich nicht Gutes erahnen - gleichwohl das zu einem Forum wohl dazu gehört.

    LG

  • Für mich ist das schon beinahe eine philosophische Fragestellung: was bringt mich im Leben weiter: die positiven oder die negativen Seiten - beide machen das Dasein nun mal aus. Viele Fäden hier fangen fast immer ungeschönt an und als Leser freue ich mich über manche Entwicklung - vermeldete Rückschläge tun mir fast körperlich weh. Ich hätte nie gedacht, dass ich hier so mitleiden und hoffen würde.

    Nun, zwischen der philosophischen Betrachtung und dem tatsächlichen Leben sitzt bei uns eben noch die Sucht. Und die interessiert sich herzlich wenig dafür, was ich denke, hoffe oder mir vorstelle. Ungestoppt wird sie tödlich enden.;)

    Was du über die vielen User schreibst, die hier auftauchen und irgendwann wieder verschwinden, gehört für mich genau zu dieser Schattenseite. Natürlich frage ich mich manchmal auch. Was ist aus dem geworden? Hat er einen anderen Weg gefunden, säuft er wieder oder lebt er überhaupt noch? Meistens erfahren wir es nicht.

    Aber genau genommen spiegelt das Forum damit auch ein Stück der Realität von Alkoholismus wider. Menschen kommen mit Leidensdruck und Erwartungen, manche bleiben, manche gehen, manche kommen nach einem Rückfall wieder und andere verschwinden einfach. Die einen sind noch nicht so weit, andere wollen noch nicht so weit sein und manche drehen eben noch ein paar Runden.

    Auch der Umgang miteinander hier gehört für mich dazu. Erfahrungen werden weitergegeben, angenommen, abgelehnt, kleingeredet oder erst Monate später verstanden. Lesen und verstehen ist das eine. Irgendwann kommt aber dieser unangenehme Punkt: Uiii, jetzt müsste ich ja tatsächlich etwas verändern. ;) Zu Hause umsetzen ist dann noch einmal eine ganz andere Veranstaltung.

    Nach zwanzig Jahren wundert mich diese Fluktuation deshalb nicht mehr. Natürlich geht nicht alles spurlos an mir vorbei. Aber ich kann niemandem hinterherlaufen und auch nicht jede verschwundene Geschichte mit nach Hause nehmen.

    Und genau deshalb finde ich solche extra Threads wichtig. Dort steht nicht nur die Geschichte eines Einzelnen. Es sammeln sich Erfahrungen von vielen hier: mit Sucht, Rückfällen, Widerständen, nassem Denken, Angehörigen und eben auch mit dem" gefühlten Scheitern"

    Der Nächste, der hier vielleicht erst einmal nur mitliest, findet so einen Thread, erkennt sich möglicherweise irgendwo wieder und merkt: Verdammt, das kenne ich. Ich bin damit nicht allein. Und vielleicht gibt genau das irgendwann den kleinen Ruck: Ich melde mich jetzt an. Mehr muss so ein Thread für mich gar nicht leisten.

    Upps, jetzt schweife ich schon wieder ab.:whistling:

    Machen wir weiter. Eine andere Chance haben wir schließlich nicht.

    Gruß Hartmut

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    Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe!

    Trocken seit 2007

  • Nach zwanzig Jahren wundert mich diese Fluktuation deshalb nicht mehr. Natürlich geht nicht alles spurlos an mir vorbei. Aber ich kann niemandem hinterherlaufen und auch nicht jede verschwundene Geschichte mit nach Hause nehmen.

    Genau das nötigt mir allergrößten Respekt ab.Immerwieder von vorn, die Neulinge zu empfangen, zu erklären, was Sucht bedeutet, wie Sucht funktioniert und sich oft mit den Usern auseinander zu setzen, um falsche Vorstellungen von Sucht und Trockenheit zu korrigieren.

    Ich habe viel davon profitiert und tu es immernoch. Ich glaube nicht, das mein trockener Weg ansonsten bis hier her, so gut verlaufen wäre. Auch das Thema hier, ist sehr interessant und bringt mich zum Nachdenken. Ich sage mal wieder Danke ans Moderatorenteam für eure Arbeit.

    Einmal editiert, zuletzt von Bono59 (11. August 2026 um 08:11)

  • Wie schon öfter von mir beschrieben, leide ich seit meiner frühesten Jugend unter wiederkehrenden schweren Depressionen.

    Später kam der Alkohol dazu und ich landete dann irgendwann in der Sucht. Die schweren Depressionen allein führten oft auf einen Weg, der tödlich enden kann.

    Durch die Depressionen allein, hätte es passieren können, das ich mein Leben beende. Alkohol kam dann recht schnell dazu und tat erstmal gut, um die Depris abzufedern, mit dem Ergebnis, das ich süchtig wurde.

    Der Alkohol, tat das, was er zu tun pflegt. Nach kurzen psychischen Entlastungen, hat er dann sein wahres Gesicht gezeigt und ich stand oft vor einem gefährlichen Abgrund.

    Ich kann Depressionen und Alkoholismus gut trennen, obwohl sie gut ineinander greifen.

    Übrigens erlebe ich jetzt wieder eine längere Zeit ohne Depressionen. Die Trockenheit ist dafür eine Grundvorraussetzung.

    Ich kann jeden verstehen, der durch die Qualen von schweren Depressionen sein Leben beendet,.

    Wie das dann oft passiert, ist allerdings zutiefst verwerflich und nochmal eine ganz andere Hausnummer. Andere emotional mit reinzuziehen, zeigt dann eine ganz hässliche Seite und sagt viel über den Charakter desjenigen aus. Feigheit, Bestrafung u.s.w. Als ob die demjenigen nahestehenden Menschen nicht schon genug leiden müssen.

    Durch den Alkohol potenziert sich die Gefahr eines Suizids um ein Vielfaches. Meine Abstinenz ist deshalb entscheidend für mein weiteres Leben.

    Allein durch diese Erkenntnis, fällt es mir bisher relativ leicht, den Alkohol dahin zu verweisen, wo er hingehört....in die Mülltonne!

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