Ste55 - Vorstellung - Vater einer Alkoholikerin

  • Liebe Alle,

    eigentlich war das so nicht geplant, dass ich hier texte . . .

    Ich war kürzlich im Internet unterwegs; auf der Suche nach Infos zu „Meine Tochter ist Alkoholikerin“ hier gelandet und mich etwas eingelesen. Warum?

    Ich habe eine Tochter Mitte 30, die phasenweise trinkt. Sie ist verheiratet, drei Kinder, alle < 10 Jahre.

    Obwohl sie zwei stationäre Entgiftungen hinter sich hat, macht es ihr Mühe auszusprechen, dass sie eine Alkoholikerin ist und spricht höchstens von einem möglichen Alkoholproblem. In guten Phasen ist sie wirklich souverän unterwegs und braucht keinerlei Unterstützung, umso mehr in schlechten; u.a. organisiere ich dann stationäre Aufenthalte für sie und bin bei den langwierigen Eintrittsgesprächen mit dem Fachpersonal dabei. Da erlebe ich die ganze Ohnmacht einer Süchtigen hautnah - diese schreckliche persönliche Niederlage - wieder an dem Punkt zu sein, wo man nie mehr hin wollte. Das bricht einem fast das Herz, so schmerzhaft ist diese raumgreifende Trostlosigkeit - und doch ist man als Begleiter nicht mehr als Zuschauer; wohl in der ersten Reihe, aber ohne effektiv helfen zu können - sie muss da alleine durch.


    Trotz der Erkenntnis, dass ich meiner Tochter im Kampf mit ihrer Sucht kaum helfen kann, suche ich dann und wann im weiten Internet, ob nicht doch irgendwo ein Rezept zu finden ist, das ihr nützt. Dies habe ich auch in diesem Forum bis jetzt nicht gefunden; dafür aber Texte, die mich berührt haben und zwar so, dass ich es mir nicht verkneifen konnte zu antworten.

    Das geht aber natürlich nicht, ohne sich vorher vorzustellen; so sind die Spielregeln. Trotz meiner nachträglicher Lieferung, hoffe ich doch noch auf ein Okay.

    Beste Grüße Ste55

  • Hallo Ste,

    super, dass du dich nun vorstellst, so kann ich mir ein besseres Bild machen. Ich habe deine Beiträge hier bei anderen schon gelesen und fand sie sehr gut!

    Ein Kind zu haben, das abhängig ist, stelle ich mir als das schlimmste vor. Ein Kind fallen zu lassen ist sicher unglaublich schwer und gelingt meistens nicht. Also denke ich mal.

    Du beschreibst es ja selbst.

    Das bricht einem fast das Herz, so schmerzhaft ist diese raumgreifende Trostlosigkeit - und doch ist man als Begleiter nicht mehr als Zuschauer; wohl in der ersten Reihe, aber ohne effektiv helfen zu können - sie muss da alleine durch.

    Das berührt mich unheimlich und sagt alles. Eben auch, dass du nichts wirklich machen kannst, wenn sie keine Hilfe möchte.

    Ich habe woanders von dir gelesen, dass du dich um die Kinder kümmerst, wenn es wieder so weit ist mit dem Trinken. Das ist für die Kinder mit Sicherheit eine große Unterstützung und Sicherheit. Trotzdem sehen sie mehr als Kinder sehen sollten, sie bekommen ja doch alles mit. Kannst du mit ihnen darüber reden, haben sie Fragen, Ängste, Sorgen? Es ist wichtig, da ehrlich zu ihnen zu sein, damit sie es einordnen können. Kinder beziehen erst mal alles auf sich, denken, dass sie Schuld haben. Fühlen sich verantwortlich. Ganz schnell wechseln da mal die Rollen und aus dem Kind wird der Versorgende, Beschützende, der erwachsene Abhängige der Bedürftige.

    Nimm dir hier so viele Infos mit, wie du brauchst, ein Austausch ist bestimmt auch für dich nützlich! Einfach, weil hier alle wissen, worum es geht und die Problematik verstehen. Das ist ja der Zweck einer Selbsthilfegruppe.

    Lieber Gruß

    Aurora

    Glücklichsein ist eine Entscheidung

  • Liebe Aurora

    Danke für dein Mitgefühl und und deine einladenden Worte. Je länger je mehr betrachte ich es als glückliche Fügung, dass es mich beim Surfen bei euch angespült hat.

    Andererseits erschrecken mich hier gelesene Texte regelmäßig und wollen zum Teil kaum mehr aus meinem Kopf. Diese Menge an bodenlosen Enttäuschungen, greifbaren Ängsten und zerstörerischen Niederlagen in Kombination mit unrealistischen Hoffnungen hin bis zu verzweifelt wirkenden neuen Anläufen sowie kontinuierliche Aufschiebungen längst fälliger Entscheidungen machen mir zu schaffen.

    Bezüglich Kinder hast du mit deinen Ausführungen voll ins Schwarze getroffen. Das traurigste daran ist, wie sie konstant ausloten, wie es dem Mami jeden Moment geht. Verhält sie sich „normal“, so fühlen sie sich umsorgt und in Sicherheit oder verhält sie sich „komisch“ und so fühlen sie sich augenblicklich auf sich alleine gestellt. Das bedingungslose Vertrauen ist verloren gegangen und hat der Sorge vor dem nächsten „Absturz“ vom Mami Platz gemacht.

    Nun aber genug von mir - meine Texte werden regelmäßig zu lange.

    Herzliche Grüße Ste

  • Hallo Ste,

    Deine Geschichte berührt mich. Ich bin jetzt 42 Jahre und Mutter von zwei Kindern. Wäre meine Mutter nicht vor 8 Jahren plötzlich mit nur 56 Jahren verstorben, dann hätte sie vielleicht irgendwann mit einer ähnlichen Geschichte hier nach Hilfe gesucht.

    Ich bin inzwischen trocken, aber als meine Mutter gestorben ist, habe ich getrunken. Sie hat es mitbekommen, aber es war noch nicht ganz so ausgeprägt wie später bzw ich konnte es zum Teil verheimlichen. Die Kinder waren noch sehr klein, als sie starb. Sie hat sie abgöttisch geliebt und war so gerne Oma. Sie hat viel auf sie aufgepasst, wenn ich arbeiten war und ich bin mir sehr sicher, dass es nicht mehr lange gedauert hätte, bis die Kinder auch ihr gesagt hätten, ich sei „manchmal so komisch“.

    Mein Vater hat das später auch mitbekommen, meine Mutter war aber noch sehr viel empfindsamer bei diesen Dingen.

    Ich weiß, dass sie sich Sorgen um mich gemacht hat. Ihre Sorgen wären in den nächsten Jahren so schlimm geworden (weil es mit mir bereits Berg ab ging), dass sie genau so verzweifelt gewesen wäre, wie Du. Und das tut mir unendlich leid als Tochter. Ich muss weinen, wenn ich dran denke. Auch wenn ich Deine Erzählungen lese. Dass die Kinder Sicherheit haben, wenn Deine Tochter „normal“ ist und sich allein gelassen fühlen, wenn sie „komisch“ ist. So ging es meinen Kindern Jahre lang und auch über diese Tatsache bin ich nach wie vor traurig.

    Ich weiß gar nicht, warum ich Dir das alles schreibe, denn das hilft Dir ja gar nicht weiter. Aber ich verstehe Dich einfach so sehr!!

    Wenn ich Dir doch etwas raten kann, dann vielleicht, dass Du offen mit den Kindern sprechen könntest, soweit es ihrem

    Alter entsprechend geht. Als ich noch getrunken habe, da hab ich mich bei den Kindern versucht rauszureden. Aber nachdem ich aufgehört habe, hab ich ihnen erklärt, was diese Krankheit bzw. das Trinken mit mir gemacht hat. Dass es nicht in Ordnung war, wie ich es gemacht habe und dass es nicht ihre Schuld war.

    Nun rät man Co.-Abhängigen zum Abstand. Ich bin selbst auch Co.-abhängig gewesen (mein Ex-Partner hat auch getrunken). Aber wie soll man jemandem raten, sich von seiner eigenen Tochter zu „trennen“, wenn dann noch Enkelkinder da sind? Das ist eine soooo schwere Situation und das tut mir sehr leid! Ich wünsche Dir sehr, dass Deine Tochter irgendwann ihren Tiefpunkt erreicht und aufhören kann zu trinken.

    Ganz liebe Grüße

    Cadda

  • Liebe Cadda

    Deine persönlichen Worte helfen mir sehr - verstärkt durch den Umstand, dass du es geschafft hast, vom Griff zur Flasche loszukommen. Gratuliere - das ist großartig und zugleich Beispiel für mich, dass es meine Tochter auch irgendwann schaffen könnte.

    Aktuell ist bei ihr wieder vertuschen angesagt, im Sinne „Vorspiegelung falscher Tatsachen“. Aber ihre beiden Mädchen kann sie nicht täuschen. Die würden auch gerne darüber sprechen. Nur das Gefühl von Verrat an ihrer Mutter hindert sie; die beiden ausfragen wäre unmenschlich.

    Trotz allem, es fällt mir schwer auf meine Tochter böse zu sein; es ist immer noch viel Liebe da und ich fühle auch immer noch eine gewisse Sorge und Verantwortung - auch wenn sie ihr Leben lebt. Das gehört wohl zum Elternsein - und darauf steht bekanntlich lebenslänglich.

    Ich vermute, so wie du deine Mutter skizzierst, ging es ihr ähnlich wie mir jetzt. Ihr warst du und deine Kinder so wertvoll und wichtig, dass sie wohlwissend der Schatten, sich um euch gekümmert hat, mit dem Funken Hoffnung auf bessere Zeiten.

    Danke für dein Mut, dein Beispiel und deine Unterstützung.

    Herzliche Grüße Ste

  • Hallo Ste,

    ich möchte Dir an dieser Stelle einmal sagen, dass ich Deine Beiträge im Co.Bereich sehr gut und hilfreich finde! Klasse, dass Du Dich mit Deinen Gedanken auch bei Anderen einbringst, weiter so :)

    Cadda

  • Ich habe hier schon einmal geschrieben – es ist eine Weile her - darum die 2. Für manche ist dies also eine kleine Einleitung, für andere eine Wiederholung.

    Genau weiß ich nicht mehr, wie damals alles angefangen hat. Wo ist der Anfang, wo das Ende dieser Geschichte? Es wäre einfach, sagen zu können: So und so ist es geschehen, das sind die Fakten – jetzt ist alles gut, es wird sich nichts mehr ändern.

    Doch so funktioniert eine Geschichte als Co nicht. Sie kennt keine klaren Linien, keine festen Regeln, keine begrenzte Zahl an Variablen, die sich zu einem Ergebnis fügen. Nein – die Geschichte als Co, um die es hier geht, ist anders: Sie beginnt vielleicht an einem bestimmten Ort und in einem bestimmten Moment, wie viele Geschichten. Aber von dort aus nimmt sie Kurven, Umwege, Haken und Abkürzungen. Manchmal führt sie zurück an Orte, an die man eigentlich nie mehr wollte.

    Fortsetzung folgt …

  • Hallo Ste,

    ich habe deine beiden Threads zusammengefügt, damit niemand die alten Beiträge suchen muß.

    Wenn du eine andere Überschrift möchtest, einfach Bescheid geben.

    Viele Grüße, Linde

    You can't wait until life isn't hard anymore before you decide to be happy.

    - Nightbirde

  • Ist denn was passiert, lieber Ste, daß du nach 2 Jahren wieder schreibst?
    Das Ende der Geschichte gibts ja doch nur am Ende des Lebens oder?
    Wie ist es dir ergangen?

    🎯

    Nun koda - du triffst es ziemlich genau!

    Ich bin am Aufräumen und so wollte ich nach einer längeren Pause hier noch berichten, wie sich meine Geschichte mit Tochter und ihren Kids zum Guten gewendet hat - wie das um viele Ecken möglich wurde. Als ich jetzt meine Einleitung von damals las, erschrak ich und komme zum Schluss - für meine Schreibe.ein hoffnungsloses Unterfangen.

    So belasse ich es dabei, um nur noch zu sagen: Das Forum war mir in der schwierigsten Zeit eine wertvolle Stütze und Ratgeber. Dafür will ich mich hier und jetzt bei allen Schreiberlingen herzlich bedanken.

    Was bis heute blieb war meine umtriebige Wachsamkeit (oder Misstrauen ob all dem Glück). Nun bin ich langsam aber sicher am Ende meines Lebens - Zeit loszulassen - nicht ganz einfach - ich hoffe ich kriege das noch anständig hin. 🙂

  • Hi Ste55,

    „nun bin ich langsam aber sicher am Ende meines Lebens…usw…?!? ?!?

    Hi, Ste55…

    diese Zeilen haben mich aufgeschreckt, zwischen den guten Nachrichten die du berichtet hast…

    Magst etwas genauer darüber berichten…?!? Lässt ja Interpretationen in alle möglichen Richtungen zu…?!? 🧐

    Besorgte Grüße, Simsalabim… hexhex

  • Liebe Simsalabim… Danke der Nachfrage, aber es besteht kein Grund zur Sorge 🙂 Es ist der normale Lauf der Dinge - nur soviel für den Moment - ich berichte dir gerne später darüber - sobald ich die Zeit und die richtigen Worte dazu finde … 💬

  • Ich beginne – schlimmer noch: ich bin bereits aus meinem Prinzip gefallen, aus dem Prinzip „nur keine Gewohnheiten“.

    Klingt seltsam. Doch wer sich einmal überlegt, wie viele Handlungen Menschen jeden Tag nur deshalb vollziehen, weil sie sich daran gewöhnt haben, der versteht: vieles ist nichts anderes als Wiederholung.

    Menschen bleiben zusammen, weil sie sich aneinander gewöhnt haben.

    Sie üben jahrelang denselben Beruf aus, weil sie sich an Tätigkeiten und Vorgesetzte gewöhnt haben.

    Sie rauchen Zigaretten, weil sie sich daran gewöhnt haben.

    Genau das wollte ich für mich nie.


    Und nun muss ich mir eingestehen: auch ich habe mir etwas angewöhnt.

    Ich habe mir angewöhnt, meine Tochter zu kontrollieren.

    In dieser Frage steht die Uhr still. Immer wieder spukt der Gedanke eines Rückfalls in meinem Kopf. Ich komme da nicht weiter.

    Es ist erstaunlich, wie schwer es mir fällt Vertrauen aufzubauen – möglichst im Gleichschritt - wie sie seit Langem Tag für Tag besteht.

    Das betrübt mich zutiefst
    Ich möchte loslassen.
    Ihr wieder vertrauen, solange es mir noch möglich ist.


    Wie viel Zeit bleibt mir noch?

    Schon früh hatte ich mir sieben Runden à zehn Jahren vorgenommen. Sieben Runden – die habe ich hinter mich gebracht.

    Und jetzt? Die achte Runde fühlt sich an wie eine Zugabe.

    Zeit, die frei zur Verfügung steht.

    Bisher lebte ich immer für einen Zweck.

    Der letzte war, Jugendlichen ohne Familie und ohne Institution – den sogenannten hoffnungslosen Fällen – mit KI-gestützter Begleitung wieder eine Perspektive zu geben.

    Das Ergebnis? Zwiespältig. Unser Erfolg bescheiden, zu viele „Kinder“ haben wir verloren.

    Was ich lernen musste:

    Beschädigte Seelen lassen sich kaum reparieren.

    Zerstörte Seelen wachsen nicht nach.

    Was bleibt sind es die leeren alten Kindergesichter, die mich ab und an im Traum besuchen.

    Doch ich weiss: ich werde wieder etwas finden.

    Denn ich bin ein Finder.

    Noch kann ich fast alles tun.

    Aber: die Medikamente, die ich täglich nehmen soll, häufen sich – so wie die Beerdigungen, an denen ich teilnehme.

  • Lieber Ste,

    danke für das Öffnen deiner Herzenstüre und die Einblicke die du gewährst, berühren mich…

    Oh ja und das Finden von einem Zweck/Sinn, dauert auch immer wieder etwas länger…

    Ich wünsche dir, dass du hier im Forum etwas findest, was dir und deiner Seele gut tut … Du einen neuen zu dir passenden Zweck findest und du Vertrauen in dich und deine Wahrnehmung finden mögest…

    Sonnige Herbstgrüsse, sendet dir, Simsalabim… die sich fragt, ob die evtl restlichen 20 Jahre so weiterlaufen sollen oder ob ich einen Sprung raus aus dem gewohnten Carree schaffe…🙏🙏🙏👍👍👍

    Einmal editiert, zuletzt von Simsalabim (18. September 2025 um 16:29)

  • Hartmut 18. September 2025 um 19:49

    Hat das Thema geschlossen.

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