• Hallo, sehr viele nasse Jahre habe ich gedacht und gewusst, dass es so nicht weitergehen kann. Doch es ging weiter, immer weiter, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr.

    Nun bin ich etwas über zwei Jahre trocken, sehr glücklich und froh darüber, aber auch etwas traurig, weshalb es bei mir nicht schon viel früher geklappt hat. So viele, aus damaliger Sicht “schöne” Jahre sind besoffen an mir vorbeigezogen, selbst das Aufwachsen meiner beiden Kinder bedeutete damals mehr oder weniger nur Stress für mich. (Während ich das hier gerade schreibe, kullern ein paar Tränen über mein Gesicht.)

    Wie ist es bei euch? Werdet ihr manchmal auch sentimental und traurig, wenn ihr zurückblickt und denkt: Mensch, ich hätte viel früher aufhören müssen beziehungsweise können?

    Und deine Meinung interessiert mich natürlich auch sehr, Hartmut. Wie ist es bei dir? Denkst du manchmal: Ich bin nun 19 Jahre trocken, hätte aber 20 Jahre trocken sein können, wenn ich ein Jahr früher aufgehört hätte?

    Ich bin (M/geb. 71)und "lebe" glücklich, abstinent seit 05./24.

  • Wie ist es bei euch? Werdet ihr manchmal auch sentimental und traurig, wenn ihr zurückblickt und denkt: Mensch, ich hätte viel früher aufhören müssen beziehungsweise können?

    Das ist bei mir gar nicht der Fall. Ich konnte einfach nicht früher aufhören. Ich habe das für mich akzeptiert und auch abgeschlossen. Es kommt kein Bedauern oder Traurigkeit um die nassen Jahre bei mir auf. Es war einfach so und ich kann nichts mehr daran ändern.

    Nun bin ich, so wie du seit Mai 2024 nüchtern und bin froh, dass ich die Kurve gekriegt habe und auf dem richtigen Weg unterwegs bin.

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    🦋 Heute trinke ich nicht 🦋 Heute lasse ich das 1. Glas stehen 🦋 abstinent seit 16.05.2024 🦋

  • Und deine Meinung interessiert mich natürlich auch sehr, Hartmut. Wie ist es bei dir? Denkst du manchmal: Ich bin nun 19 Jahre trocken, hätte aber 20 Jahre trocken sein können, wenn ich ein Jahr früher aufgehört hätte?

    Ja, den Gedanken kenne ich. Aber ich halte mich da nicht lange mit auf. Sentimentalität ist nicht gerade meine Stärke, wenn es um Sucht geht. ;) Ich habe mich in meiner nassen Zeit oft genug in irgendeine weinerliche Opferrolle gesoffen. Das brauche ich heute auch keinen Trockenrausch mehr.

    Natürlich könnte ich sagen: Hättest du ein Jahr früher aufgehört, wären es heute 20 Jahre. Oder fünf. Oder zehn. Oder ich könnte anfangen zu überlegen, welche Entscheidungen damals vielleicht anders gelaufen wären.

    Nur wird es genau da schon schwierig.

    Jahrelang gesoffen zu haben heißt nicht, dass man all die Jahre nur aus der Sucht heraus gelebt hat. Das Leben ging trotzdem weiter , mit Beziehungen, Trennungen, Kindern, Arbeit, Entscheidungen und guten wie schlechten Phasen.

    Ich hatte auch schöne Jahre während der Saufzeit. War ja nicht alles schlecht. Schlimm war die Sucht, nicht jedes einzelne Erlebnis. Und ich werde sicher keine Krankheit für alles verantwortlich machen. Was ich verbockt habe, trage ich , aber ich gehe nicht kniend durchs Leben.

    Ich weiß heute ziemlich gut, was ich meiner Sucht zurechnen kann. Aber ich weiß genauso, dass ich manche Entscheidungen auch nüchtern getroffen hätte. Nicht jede Trennung, jeder Streit oder jeder Bockmist war automatisch der Alkohol.

    Zwischen jahrzehntelangem Saufen und heute 19 Jahren Trockenheit hat schließlich auch noch das ganz normale Leben seine Musik gespielt. Deshalb bringt mir dieses rückwirkende „Was wäre gewesen, wenn?“ nur begrenzt etwas.

    Und ich werde mich nicht jahrelang dafür bestrafen, dass ich damals nicht früher kapiert habe, was ich heute weiß. 19 Jahre trocken. Das ist die Realität. Nicht 20. Nicht 25. Nicht „hätte, wäre, wenn“. Also ja, der Gedanke ist mir nicht fremd. Aber ich wohne nicht darin.:saint:

    Mich interessiert mehr, was ich mit dem Rest meines Lebens mache, als wie viele trockene Jahre ich theoretisch schon haben könnte. Die Vergangenheit ist bezahlt. Mit Lebenszeit und Erfahrungen. Heute versuche ich nur, keine Zinsen mehr draufzulegen.

    Gruß Hartmut

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    Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe!

    Trocken seit 2007

  • Der Blick zurück im Zorn oder Wehmut bringt mir heute nichts. Ob Alkohol oder Berufswahl. Klar viele Dinge im Leben hätten besser oder anders verlaufen können. So what: da wo ich heute bin : das ist mein Leben.

    Würde ich meinen jüngeren ich eine Empfehlung mit auf dem Weg geben? Ja eindeutig!

    Geb nichts drauf was andere von dir denken. Meide Drogen jeglicher Art. Und lerne die Welt kennen. Geh auf Reisen... Auto, Haus ... habe ich. Die schönsten Erinnerungen für mich sind 2 x Jakobsweg... was für Menschen hab ich dort getroffen... wir haben heute nach 5 Jahren immer noch Kontakt.

    Und dann war doch Israel in meiner Jugend. 4 Jahre im Kibuzz gelebt. Menschen aus allen möglichen Ländern getroffen... verliebt und doch irgendwann zurück in die Tretmühle .. Ausbildung und Beruf muss ja sein.

    Trotzdem: dort wo ich heute bin , bin ich angekommen und es passt

  • Ich seh keinen Sinn darin, meiner nassen Zeit nachzutrauern. Aber um die Frage zu präzisieren. Als ich endlich die Kurve gekriegt habe und den Alkohol abgewählt habe, waren schon Gedanken da, warum nicht schon eher??

    Was gewesen ist, ist gewesen. Das ist mein Leben. Ich denke nun, ich habe mächtig Glück gehabt, das ich mein Leben durch den Alkohol nicht völlig in den Sand gesetzt habe.

    Es ist einfach schön, nun mit klarem Kopf durch das Leben zu gehen.

    Das letzte Lebensdrittel ohne Alkohol, kann der beste Teil meines Lebens werden. Ich arbeite daran. Vor allen Dingen ist mir bewust geworden, das ein Leben ohne Alkohol möglich ist.

  • Was gewesen ist, ist gewesen. Das ist mein Leben. Ich denke nun, ich habe mächtig Glück gehabt, das ich mein Leben durch den Alkohol nicht völlig in den Sand gesetzt habe.

    Ja, das ist bei mir auch der Fall. Rückblickend denke ich mir schon so ab und an mal, dass ich mir die eine oder andere Sache durch die Sauferei wohl hätte ersparen können. Bzw. wären Episoden in meinem Leben ziemlich sicher anders verlaufen (aber wie? - woher soll ich das wirklich wissen?) oder es hätte sie gar nicht erst gegeben.

    Insgesamt wäre es - ex post und nüchtern betrachtet - selbstverständlich besser gewesen, früher mit dem Trinken aufzuhören.

    Bloß: Damals sah ich die Dinge anders; da gehörte der Alkohol für mich zum Leben dazu. Inzwischen weiß ich, dass diese Ansicht grundfalsch ist. Es wäre selbstverständlich auch ohne gegangen. Nur fehlte der Wille.

    Dass ich trotz meiner Eskapaden im Grunde dennoch vieles erreicht habe, was ich mir in jungen Jahren so vorgestellt habe, erreichen zu müssen, war der Abstinenz natürlich auch nicht gerade zuträglich. Es ging ja auch so.

    Naja, Ansichten ändern sich und heute habe ich einfach kein Interesse mehr zu trinken. Gedankenspielchen, wie mein Leben verlaufen wäre, hätte ich ein, fünf, zehn, zwanzig Jahre früher aufgehört, treibe ich nicht. Weil ich das meiste ja doch nicht vorhersehen kann... und ich vermutlich auch nüchtern den einen oder anderen Vogel abgeschossen hätte etc.

    Wie meine Großmutter in leichter Abwandlung eines gängigen Spruches stets zu sagen pflegte: "Wer viel denkt, geht viel irr'!" - da ist schon was Wahres dran.

    Derartige Gedankenspiele lasse ich daher lieber.

  • Wie ist es bei euch? Werdet ihr manchmal auch sentimental und traurig, wenn ihr zurückblickt und denkt: Mensch, ich hätte viel früher aufhören müssen beziehungsweise können?

    Nein sentimental nicht. Ich wurde wütend auf mich als ich Mitte 2024 das Forum entdeckte. Da wurde mir erst klar, was ich mir jahrelang angetan habe. Für mich war Saufen völlig normal und ich dachte echt ich hätte alles im Griff. Ich bin doch keine Alkoholikerin. Die anderen sind Alkoholiker und sehen auch so aus, aber ich doch nicht!

    Das ich krank bin habe ich erst durch das Forum geschnallt. Deshalb bin ich überzeugt davon das Alkohol nicht nur abhängig macht, sondern einen vollkommen verblöden lässt. Ich erkannte nicht in welcher Gefahr ich steckte.

    Das Leben wird dir solange denselben Test geben, bis du ihn bestanden hast.

    -Xo Filou-

    Trocken seit 11.07.2025

  • Echt? Mir war das sowas von bewusst, ich hätte da nicht nachlesen müssen. Du hast das Forum doch nicht zufällig entdeckt, sondern hast gezielt geschaut oder? Dann muss dir doch irgendwo klar gewesen sein, dass du ein gewaltiges Problem hast?

    Freiheit begann für mich dort, wo die Ausreden endeten.

    Abstinent seit 2022

  • Dann muss dir doch irgendwo klar gewesen sein, dass du ein gewaltiges Problem hast?

    Das "gewaltige Problem" habe ich tatsächlich erst durch die Entdeckung des Forums erkannt. Das mein Konsum nicht normal ist (war), war mir schon länger klar. Aber es lief für mich noch alles zu glatt. Der Prozess des nüchtern werden wollens, begann bei mir ab Mitte 2024. Und ich bin froh das ich das Forum gefunden habe. Mir war bis zum Schluss meines Saufens nicht bewusst, dass ich da ohne Hilfe nicht einfach wieder raus komme.

    Das Leben wird dir solange denselben Test geben, bis du ihn bestanden hast.

    -Xo Filou-

    Trocken seit 11.07.2025

  • Anfangs hatte ich auch die Gedanken von: Was wäre gewesen, wenn du den Alk gelassen hättest. Das Leben hätte sich bestimmt schöner gestaltet, usw....

    Aber ? ...ich kann nicht wissen, ob das Leben dann "besser/schöner" verlaufen wäre.

    Wer weiss, was für "Dummheiten" ich dann angestellt hätte.

    Ich glaube immer so ein bisschen an einen Weg, der jedem vorbestimmt ist.

    Meiner war nun der mit der Alkoholsucht, andere stolpern sich Woanders durch.

    Von daher erfreue ich mich nun lieber am "Jetzt" und freue mich auf jeden weiteren nüchternen Tag, der da noch kommen wird.

    💥

  • ein hallo in die runde. es ist mühselig darüber nachzudenken "was wäre wenn". bringt es mich weiter auf meinem weg der abstinenz? ich persönlich glaube, es bringt mich nicht im geringsten weiter. was passiert ist ist passiert, mit allem was gut und mit allem was schlecht gelaufen ist. selbst wenn es mir möglich wäre, die zeit zurückzudrehen, hätte ich immer noch ein riesen problem(!), mich zu überzeugen das ich ein problem habe:mrgreen: zumal es keinen fahrplan für die sucht gibt, der mir mitteilt herzlichen glückwunsch sie sind ein alki. dafür ist der übergang von missbrauch und sucht (gerade bei alk) zu fließend.

    vor allem, was hätte ich mir mitteilen können, was ich nicht schon längst gewusst habe (je nach zeitpunkt). hätte man mich in der missbrauchsphase gefragt, wäre natürlich alles in butter gewesen. ich problem mit alk? niemals!

    die letzten jahre meiner nassen zeit waren dagegen härter und zogen sich hin wie ein kaugummi und auch erst da kam der gedanke auf ernsthaft etwas zu ändern, nach vielen gescheiterten versuchen das glas wegzustellen. aber das ist sucht! wäre es so einfach, hätten wir nicht diese rückfallquote. vielleicht macht es sinn sich zum anfang der abstinenz, den kopf darüber zu zerbrechen über das "was wäre wenn". aber nach vielen jahren spielt es für mich keine rolle mehr. ich würde immer abwägen,bringt es mich weiter oder behindert es mich auf meinem weg.

    auch die feststellung warum ich getrunken habe spielt keine rolle mehr, es ist unerheblich. für mich hat sie nur in der einstiegs und missbrauchsphase eine bedeutung, aber auch nur insoweit als trigger. weil wenn du die rote linie einmal überschritten hast, hast du über nichts mehr eine kontrolle. dort sagt dir dein kopf und körper wann du zum glas greifst und wann nicht. alles andere ist schönreden und selbstbetrug...

    gruss

    Perfer et obdura, dolor hic tibi proderit olim.

    ("Ertrage und halte durch, dieser Schmerz wird dir einst nützen")

    (Trocken seit 26.03.2009)

  • Weiter im Text.

    Die Vergangenheit ist bezahlt. Abgeheftet. Und wenn ich Bedarf habe, schaue ich da auch mal wieder rein.:whistling:

    Aber was bringt es mir eigentlich, die Sucht zu stoppen, außer dass ich damit möglicherweise mein Leben rette? Wobei das bei mir schon ziemlich viel ist. Hätte ich nicht aufgehört, wäre ich vermutlich längst irgendwo dekorativ im Friedwald verteilt. :saint:

    Wenn man sich anschaut, was das Trockenwerden im Leben tatsächlich verändert, stolpert man schnell über das Wort „Vorteile“. Gesundheit. Klarerer Kopf. Mehr Geld. Besserer Schlaf. Verlässlicher sein. Alles nachvollziehbar. Nur werden diese Vorteile manchmal fast wie Durchhalteparolen benutzt: Schau mal, jetzt geht es dir besser. Schau mal, was du alles gewonnen hast.

    Kann man machen.

    Nur ist das für mich gar nicht der eigentliche Punkt.

    Ich bin nicht trocken geworden, damit ich mir anschließend jeden Morgen eine Vorteilstabelle an den Kühlschrank hängen kann. Wenn ich von Vorteilen spreche, müsste es logisch gesehen auch Nachteile geben. 😉 Oder nicht? Und genau da beginnt für mich schon Rückfallprophylaxe. Nicht erst beim Glas. Sondern im Kopf.

    Wenn ich anfange, mein trockenes Leben als Ansammlung von Nachteilen zu sehen, baue ich mir gedanklich schon wieder eine Verlustrechnung. Dann wird aus „Das hat sich verändert“ schnell „Das fehlt mir“. Und aus „Das fehlt mir“ irgendwann vielleicht: „Früher war es doch gar nicht so schlecht.“ Genau dieses Denken kenne ich aus meiner nassen Zeit nur zu gut.;)

    Dann heißt es plötzlich: Freunde fallen weg. Geselligkeit verändert sich. Feiern sind anders. Manche Kontakte verschwinden. Man kann nicht mehr überall mitmachen. Der nasse Teufelskreis dreht sich wieder in die Richtung. "Wo ist die nächste Flasche"

    Mit Orientierung und dem konsequenten Umsetzen der Grundbausteine für mein alkoholfreies Leben, einem klar alkoholfreien Umfeld, dem Meiden von Saufgelagen und dem bewussten Nutzen der frei gewordenen Zeit zum Neuaufstellen habe ich ziemlich schnell gemerkt. Das waren für mich keine Nachteile.

    Diese erste Zeit war für mich auch nicht zum Aussitzen gedacht, sondern zum Umstellen. Ich habe nicht weniger am sozialen Leben teilgenommen. Ich habe nur anders daran teilgenommen. Und rückblickend war manches sogar bereichernder als vorher.

    Keine Nachteile, es gab nur Veränderungen.

    Wenn eine Freundschaft nur deshalb funktioniert hat, weil gemeinsam gesoffen wurde, dann war nicht meine Abstinenz das Problem. Sie hat mir nur ziemlich deutlich gezeigt, worauf diese Freundschaft gebaut war.

    Wenn eine Feier nur deshalb gesellig war, weil Alkohol dazugehört hat, dann hat mir das Trockenwerden nicht die Geselligkeit weggenommen. Dann war Alkohol bei mir einfach ziemlich fest mit Geselligkeit verdrahtet.

    Und wenn bestimmte Menschen mit meinem trockenen Leben nichts anfangen konnten, war das für mich auch kein Nachteil der Abstinenz. Dann haben unsere Wege eben nicht mehr zusammengepasst.

    Ich habe mir darüber tatsächlich mal länger Gedanken gemacht. Und je länger ich darüber nachgedacht habe, desto weniger echte Nachteile des Trockenwerdens sind für mich übrig geblieben. Unbequemlichkeiten? Ja. Veränderungen? Klar. Gewohnheiten, die weggefallen sind? Jede Menge.

    Aber Nachteile? Für mich war der eigentliche Nachteil ziemlich lange das Saufen. Das Trockenwerden hat den nicht verursacht. Es hat ihn beendet.

    Und deshalb passe ich bis heute verdammt gut darauf auf, mir mein trockenes Leben nicht irgendwann selbst wieder schlechtzurechnen.

    Gruß Hartmut

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    Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe!

    Trocken seit 2007

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