Hannah - Vorstellung

  • Hallo zusammen,

    danke für das liebe Willkommen und eure ehrlichen Worte! Das tut unheimlich gut.

    Um direkt auf euch einzugehen:

    Tabsi Dein Gedanke mit dem „stabilen Außen“ ist so wahr. Den Schichtdienst loszuwerden, würde enorm viel Druck rausnehmen. Mein Bauchgefühl meldet sich auch langsam wieder.

    Alex_aufdemweg : Danke für deinen Zuspruch. Dass du den harten Schnitt damals nie bereut hast, macht mir richtig Mut ...auch wenn ich es jetzt erst mal langsam angehen lasse.

    Bolle : „Tun muss man tun“ ...das hat gesessen. Das Gespräch mit der PDL anzugehen, kostet Überwindung, aber dein Zuspruch baut mich echt auf.

    Zu euren Fragen:

    Alleinerziehend bin ich zwar nicht, aber mein Mann ist als Fernfahrer oft tagelang in ganz Europa unterwegs. Im Alltag bin ich mit den drei Kids also meistens auf mich allein gestellt.

    Wie es jetzt weitergeht:

    Ich bin gerade noch krankgeschrieben und überstürze nichts ,nach eins kommt zwei. Ich werde erst mal mit meiner Ärztin sprechen und dann das Gespräch mit meiner PDL suchen, um zumindest das ständige Einspringen im Frei zu stoppen.

    Ein kleiner Lichtblick heute: Ich habe mich aufgerafft und war seit Ewigkeiten mal wieder im Fitnessstudio. Es hat mir wahnsinnig gutgetan!

    Danke für eure tolle Begleitung hier. Ich halte euch auf dem Laufenden!

    Liebe Grüße,

    Hannah

  • Herzlich willkommen auch von mir, liebe Hannah!

    Respekt, was du leistet mit den Kids und deinem Job!

    Du klingst zielorientiert und hast Grund zur Zuversicht, dass dies der Beginn einer lebenslangen Abstinenz werden kann. Bleib im Forum dabei. Hier zu lesen und zu schreiben war und ist für mich der beste Stabilisator. Niemals mehr zurück in den Alk-Sumpf ...

    Liebe Grüße, alles Gute!

    Mattie

  • Herzlich willkommen auch von mir. Ich bin trockene Alkoholikerin auch mit Kindern und fühle mit dir.

    Das tollste an der Abstinenz ist, dass man nicht mehr dieses Gefühl hat bei Schule, Großeltern, Arbeit von ‚wenn ihr wüsstet‘.

    Außerdem meldet meine Tochter rück, dass ich viel geduldiger und ausgeglichener bin ‚ein neuer Mensch‘. Auch wenn du getrunken hast als die Kinder schon im Bett oder in der Schule waren- es macht einen Unterschied!

    Du klingst klar und aufgeräumt. Deine Angst vor dem Jobwechsel kann ich nachvollziehen, aber tendiere zu der Stelle in der Praxis. Allerdings bin ich auch selbst ein äußerst Veränderungsfreudiger Typ und will dir das nicht aufdrücken. Immer dem Gefühl nach- ohne Alkohol kannste dich auch wieder drauf verlassen (außer wenn die Suchtstimme laut wird- die gilt es zu bändigen). Weiter so- das klingt echt gut bei dir!

  • Hallo Hannah. Ich glaube, es ist ganz oft, dass ein besonderes Ereignis einem die Augen öffnet!

    Schaue nicht zurück. Das alles kannst Du nicht mehr ändern! Konzentriere auf die Zukunft und freue dich auf ein deutlich besseres Leben ohne Alkohol. Ich bin derzeit seit 16 Tagen nüchtern.

    Ich will es auch schaffen! Wir können es gemeinsam schaffen!

  • Riesige Motivation vs. Angst vor dem „Überdrehen“ – Wie viel Veränderung verträgt der Anfang?

    Das ist eine gute und berechtigte Frage.
    Quasi alleinerziehend, mit 3 Kindern und im Pflegedienst tätig, das ist schon echt taff. Meinen Respekt hast du.

    Die Anfangseuphorie kann einerseits helfen, sie kann aber auch ein schlechter Ratgeber sein, gerade wenn es um weitreichende Entscheidungen geht. Ich hatte sie am Anfang auch und sie war ist auch nicht von Dauer. Im ersten JAhr habe ich Schritt für Schritt mein Leben neu strukturiert.

    Was aber angegangen werden muss, ist die Belastung die zum Risiko für deine Abstinenz werden kann.
    Du stehst ganz am Anfang und wirst feststellen, dass deine Kräfte wieder zurückkommen und du nun viel mehr Zeit zur Verfügung hast, die du für dich nutzen kannst.
    In deinem Körper und Geist ist momentan einiges los, beide müssen mit der neuen Situation "ohne Alkohol" klarkommen und das können sie auch.
    Für Körper und Gehirn ist die Entgiftung und Entwöhnung ein enormer Stress und dafür brauchst du Ruhephasen. Es hat schon einen Grund, warum du derzeit krankgeschrieben bist.

    Du setzt dich unter Druck, weil du das Risiko erkannt hast und beseitigen willst. Aber auch wenn du den Job wechselst, müsstest du noch eine Weile mit der aktuellen Situation klarkommen und da würde ich ansetzen. Erst das Jetzt verbessern und dann das Morgen vorbereiten, da läuft dir ja nichts weg und wenn doch Zeitdruck existiert, dann besteht die Gefahr, dass du wegen Zeitdruck entscheidest und nicht weil du es willst und für dich das Beste ist.

    Du kannst am besten beurteilen, ob du ein offenes Gespräch mit der PDL suchen kannst und ob du das notwendige Vertrauen dort finden wirst. Ob du dich nun gleich als Alkoholikerin outest oder nicht, ich finde alleine deine familiäre Situation ist schon Grund genug, etwas zu ändern, denn sie hat dazu beigetragen, dass du krank wurdest und deshalb kann es so nicht weitergehen.

    Alleine dadurch, dass du dein Problem und deine Überlegungen mitteilst, bist du mit deinem Problem nicht mehr alleine und es kann eine Lösung gefunden werden.
    Auch deine Ärztin kann dich von bestimmten Aufgaben befreien, das kannst du mit ihr besprechen.

    Egal was du tust, deine Abstinenz steht für dich an oberster Stelle, denn ohne sie wird alles nichts. Das gilt auch für die Verantwortung deinen Kindern gegenüber. Sie registrieren sehr genau, dass die Mama wieder da ist.

    Du wirst dabei sehen, welche Optionen sich für dich ergeben und wie es weitergeht. Alkohol ist keine Option.

    LG Nayouk

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          - abstinent seit 6.01.2024 -

  • Ein liebes Hallo an alle anderen,

    erst mal ein riesiges Danke in die ganze Runde. Ich bin gerade einfach nur überwältigt, wie viele von euch sich hier hinhocken, sich mit mir auseinandersetzen und so tolle Ratschläge dalassen!

    Nayouk Deine Nachricht hat mich besonders intensiv beschäftigt. Ich möchte da direkt mal ein kleines, potentielles Missverständnis ausräumen, damit das nicht nach einem wankelmütigen Widerspruch aussieht:

    Der Vorschlag, überhaupt mit meiner PDL zu reden, kam ja hier aus der Runde, darüber hatte ich mir vorher noch gar keine Gedanken gemacht. Als ich dann geantwortet habe, dass ich "offen und ehrlich" sein will, klang das vielleicht so, als wollte ich mich dort direkt outen.

    Das war aber überhaupt nicht meine Absicht. Wie ich in meinem allerersten Post geschrieben habe, sind die Hemmungen und die Scham da viel zu groß, und ich bin absolut nicht bereit dazu, meine Krankheit im Außen zu teilen. Dazu fehlt mir einfach das Vertrauen.

    Meine Grundintention war von Anfang an: Wenn ich diesen Schritt gehe und das Gespräch suche, dann ausschließlich, um die allgemeine Überlastung anzusprechen. Aber selbst das ist für mich ein riesiger Schritt. Ich bin einfach ein Mensch, der extrem ungern zugibt, wenn er an seine Grenzen stößt...ich will immer alles irgendwie alleine wuppen. Aber ich werde jetzt über meinen eigenen Schatten springen, diese Überlastung ansprechen und dann ganz nach Bauchgefühl schauen, was zurückkommt. Nach eins kommt zwei.

    Ein riesiger Meilenstein für mich zu Hause:

    Um direkt im Alltag ein Zeichen für mich zu setzen, habe ich gestern mein komplettes Schlafzimmer umgeräumt. Das war bisher meine typische „Saufhöhle“ und mein geliebter Ohrensessel die absolute Zentrale, in der ich meinen Wein getrunken habe.

    Rausschmeißen wollte ich den gemütlichen Sessel zum Reinkuscheln natürlich nicht, aber ich habe jedes einzelne Möbelstück, das irgendwie verrückbar war, an einen anderen Platz gestellt... Habe mir gestern sogar noch eine neue Tagesdecke besorgt, den Sessel mit neuen Kissen ausstaffiert und völlig andere Bettwäsche aufgezogen , komplett gegen mein sonstiges Farbmuster. Der Raum fühlt sich jetzt völlig neu und frisch an.

    Gestern Abend saß ich dann mit einer Kanne Tee in meinem „neuen“ Sessel und habe ein Buch gelesen. Und das Beste: Ich habe endlich mal wieder kapiert, was ich da eigentlich lese, ohne jede Seite dreimal lesen zu müssen, weil der Pegel im Kopf alles vernebelt.

    Danke euch allen für den großartigen Rückhalt!

    Liebe Grüße,

    Hannah

  • Hallo Hannah,

    Ich bin eine Angehörige und habe auch45 Jahre in der Pflege gearbeitet. Mein Arbeitgeber hatte eine betriebliche Suchtvereinbarung, und auch Selbstbetroffene trockene Alkoholiker, die sich als Suchtkrankenhelfer hatten ausbilden lassen. Könnte dass eine erste Anlaufstelle für dich sein, falls ihr auch sowas habt?

    lg Morgenrot

    Wer nicht hofft, wird nie dem Unverhofften begegnen. ( Julio Cortazar )

  • Hallo Morgenrot,
    wie ich ja vorhin schon geschrieben habe, ist das Thema für mich extrem schambehaftet und ich bin absolut nicht bereit, meine Krankheit im Außen zu teilen. Und genau das hat einen ganz bestimmten Grund:
    Ich habe im Kollegenkreis live miterleben müssen, wie mit einem betroffenen Kollegen umgegangen wurde. Nach außen wurde zwar Hilfe signalisiert, aber hintenrum wurde extrem getratscht. Am Ende wurden Kollegen von der Chefetage sogar angehalten, bei ihm nach einer „Fahne“ zu schnüffeln. Der Kollege kam irgendwann gar nicht mehr.
    Zwar bin ich eigentlich super im Team integriert und auch recht "beliebt", weshalb ich gar nicht weiß, ob man mit mir genauso umgehen würde. Aber das Vertrauen ist durch diese Erfahrung einfach komplett weg. Die potenziellen Auswirkungen, gerade was das Getratsche ins weitere Umfeld angeht , kann ich nicht abschätzen. Ich habe drei Kinder zu Hause und möchte deren soziales Umfeld unter keinen Umständen gefährden.
    In meinem privaten Kreis bin ich offen und habe tollen Rückhalt. Aber Berufliches und Privates muss ich hier zum Schutz meiner Familie und meiner eigenen Grenzen absolut strikt trennen.
    Danke dir aber trotzdem von Herzen für deinen lieben Impuls!
    Liebe Grüße
    Hannah

  • Hallo Hannah,


    herzlich willkommen hier im Forum auch von mir.

    Ich arbeite auch in der Pflege und kann Deine Zurückhaltung verstehen, Deine Sucht dort anzusprechen. Habe ich persönlich auch nicht gemacht, weil ich weiß, dass das in der gesamten Einrichtung inkl. der Angehörigen innerhalb eines Tages die Runde gemacht hätte. Und das möchte ich nicht.

    Wichtig ist für mich aber, dass meine Nüchternheit oberste Priorität hat. Will heißen, wenn ich in eine Situation käme, wo dies in Gefahr wäre, würde ich mich definitiv als Alkoholikerin outen und nicht versuchen mit irgendwelchen Ausreden rumzueiern.

    Du schreibst, dass die Belastung bei der Arbeit Dein Trigger ist. Dann finde ich es gut, dass Du dies bei der PDL ansprechen möchtest. Denn genau da ist der Punkt, an dem Du ansetzen kannst. Und zwar jetzt kurzfristig. Das mit dem Jobwechsel wäre dann mittelfristig etwas, was Dein nächster Schritt sein kann.
    Jetzt steht das Stabilisieren Deiner Abstinenz im Vordergrund - und da kann ein kompletter Neuanfang auch eine Belastung bzw ein Risiko darstellen.

    Die Umgestaltung bei Dir zu Hause finde ich gut!

    Viele Grüße Sue

    You will bloom if you take the time to water yourself 🌷

  • Ich kann deine Entscheidung auch gut verstehen. Bei mir im Job wissen alle nur, dass ich keinen Alkohol mehr trinke- sonst nix. Jeder entscheidet ja selbst wo und wem man sich offenbart.

    Klar- die wichtigsten Angehörigen sollten schon informiert sein, aber der Rest ist ganz individuell.

  • Ach so - dass ich keinen Alkohol trinke, habe ich auf der Arbeit natürlich schon kommuniziert. War allerdings, als ich dort angefangen habe, bereits trocken, also mich kennen sie dort nur als „nicht trinkend“.

    You will bloom if you take the time to water yourself 🌷

  • Hallo zusammen,

    ich wollte euch kurz ein Update geben, wie mein Wochenende verlaufen ist. Ich bin ehrlich gesagt mit einem ziemlich unguten Gefühl reingegangen.

    Am Samstag stand bei uns in der Nachbarschaft ein Kindergeburtstag an. Bei uns in der Straße ist das nicht einfach nur Kind abgeben und wieder holen. Das ist eigentlich immer ein riesiges Straßenfest mit Lagerfeuer, Scheune, Pferdekoppel und Feiern bis tief in die Nacht. Bisher war ich da immer mittendrin und habe fleißig Wein und Sekt mitgetrunken.

    Für mich war völlig klar: Da darf ich auf gar keinen Fall hin. Das wäre zum jetzigen Zeitpunkt eine riesige Gefahr für mich gewesen. Gleichzeitig wollte ich mich im Dorf nicht zum Gesprächsthema machen, weil es extrem auffällt, wenn ich fehle und meine Kinder komplett ohne Erwachsenen da drüben sind. Die Nachbarn würden natürlich sofort reden und nachfragen, was los ist. Weil das Vertrauensverhältnis in der Nachbarschaft jetzt nicht das allergrößte ist – man trifft sich zwar ab und zu zum Feiern und sagt Hallo und Tschüss, aber es ist eben nicht mein engerer Kreis – wollte ich meine Erkrankung dort auf keinen Fall direkt offenlegen.

    Deshalb habe ich das Gespräch mit der Nachbarin gesucht und ihr gesagt, dass es mir gesundheitlich heute einfach nicht passt und es mir nicht gut geht. Mein Mann ist eher introvertiert und geht bei sowas nie mit. Wir haben dann ausgemacht, dass die Kids drüben feiern, sich jederzeit melden können und wir um 21 Uhr kurz telefonieren.

    Ich saß zu Hause aber trotzdem extrem unruhig da. Mein Mann hat das gemerkt und mir den Rücken gestärkt. Wir haben kurz mit der Nachbarin abgeklärt, dass wir für ein bis zwei Stunden wegfahren. Meine Eltern wohnen im Nachbardorf und wären im Notfall in drei Minuten da gewesen. Also ist mein Mann mit mir in die nächste Stadt gefahren.

    Erst wollten wir uns wie sonst draußen beim Italiener hinsetzen, aber als ich da die ganzen Menschen mit ihren Gläsern gesehen habe, merkte ich sofort, dass das gar nicht geht. Mein Mann hat dann vorgeschlagen, ein ganz neues Café auszuprobieren. Es gab dort unglaublich viele ausgefallene, alkoholfreie Getränke, die ich gar nicht auf dem Schirm hatte. Ich habe mir eine Himbeer Rosmarin Limonade bestellt und entgegen meiner sonstigen Art, weil ich eigentlich gar nicht auf Süßes stehe, eine Zimtschnecke. Mein Mann hatte einen Matcha. Es war einfach ein richtig schönes Erlebnis, das ganz bewusst und ohne Alkohol zu genießen.

    Als wir uns auf den Rückweg gemacht haben, kam die Unruhe aber wieder auf. Ich wusste, wenn ich nach Hause komme, höre ich das ganze bunte Treiben der Nachbarschaft. Mein Mann hat dann super reagiert, ist mit mir direkt in die nächste Buchhandlung marschiert und meinte, ich soll mir ein Buch aussuchen. Er hat gesagt, er übernimmt heute den Kinder Radar, während ich mir oben einen Tee mache und gemütlich lese. Das hat wunderbar funktioniert und mir extrem geholfen.

    Der Sonntagmorgen war dann ein richtiger Belohnungsmoment. Die Kinder und mein Mann waren noch völlig platt vom Abend und die ganze Straße hat noch friedlich geschlafen. Ich bin um 7 Uhr morgens topfit aufgestanden, habe mir meine Laufschuhe angezogen und wollte eine Runde um den See joggen.

    Allerdings gab es auf dem Weg dorthin noch eine fette Erkenntnis. Ich musste vorher tanken und das entpuppte sich als riesiger, unerwarteter Triggerpunkt. Die Tankstelle ist einfach scheiße. Da steht ein Getränkeautomat, an dem man sich jederzeit mit allen möglichen alkoholischen Getränken versorgen kann. Den habe ich früher natürlich auch immer extrem gerne genutzt, wenn ich nach der Arbeit heimgefahren bin. Das ist mir in dem Moment beim Tanken wirklich massiv ins Auge gestochen.

    Gott sei Dank war es Sonntag und ich hatte nur die EC Karte dabei, weil der ganze Geldbeutel ja nicht in die Laufhose passt. Sonntags kann man nicht rein zum Zahlen, sondern zahlt am Tankautomaten. Aber dieser verschissene Alkoholautomat nimmt eben leider auch Kartenzahlung. Da war ganz kurz dieser Gedanke da: Ach, so ein Döschen könntest du dir doch mitnehmen.

    Ich bin Gott froh, dass ich nicht an diesen Automaten gegangen bin, sondern wirklich ganz fokussiert getankt habe und sofort weg bin. Die Runde laufen danach hat extrem gutgetan. Gerade durch die Bewegung konnte ich diesen Moment an der Tankstelle noch mal richtig sacken lassen, reflektieren und diesen kurzen Suchtdruck einfach wunderschön weglaufen. Aber für die Zukunft muss ich mir da bezüglich der Tankstelle echt noch was überlegen.

    Auch für meine Arbeit habe ich jetzt eine wichtige Entscheidung getroffen. Ich werde das Gespräch mit der Pflegedienstleitung suchen. Ich werde sagen, dass der Spagat mit den drei Kindern extrem anstrengend für mich ist, da mein Mann selten zu Hause ist. Ich bitte ihn dann darum, mich vorerst aus den Nachtschichten rauszunehmen.

    Gerade die Nachtschichten sind für mich nach wie vor ein gewaltiger Triggerpunkt. Ich komme völlig erschöpft nach Hause und muss erst noch die Kinder versorgen, bis sie um Viertel vor acht aus dem Haus sind. Bis ich dann um 9 Uhr endlich im Bett liege, weiß ich schon genau, dass die Kids um 12 Uhr wieder da sind. Das war bisher genau der Punkt, an dem ich mir dann immer ein Schlummertrünkchen gegönnt habe, um überhaupt schlafen zu können. Genau aus so einer Situation heraus ist ja auch der Vorfall mit der Schule entstanden, von dem ich euch schon erzählt hatte, als ich wegen des Sektkonsums nach der Schicht dann angetrunken losmusste. Diesen Teufelskreis will ich jetzt endgültig durchbrechen und mich vor solchen Situationen schützen.

    Trotz allem ziehe ich ein super positives Fazit aus dem Wochenende. Ich habe auf mein Bauchgefühl gehört, Grenzen gezogen, tolle neue Momente erlebt und bin gesund und nüchtern geblieben.

    Danke euch fürs Zuhören!

  • Erst mal super, dass du das hier teilst! Ich dachte sofort:‘Schade, dass dieser nette Mann, der ihr so gut den Rücken stärkt, so oft weg ist.‘

    Aber wir müssen ja eh letztendlich alleine die Verantwortung für unsere Abstinenz tragen.

    Was ich zu Beginn meiner Abstinenz lernen musste, war, dass ich mich oft gegen Erwartungen aus meinem Umfeld stellen musste. Das war nicht leicht und ich lese das bei dir auch. Irgendwann wirst du keine Ausrede mehr brauchen, wenn deine Kinder alleine zum Kindergeburtstag gehen (was völlig normal ist in meiner Welt), sondern ein einfaches ‚Nein‘ genügt oft. Dein Mann geht ja auch nicht hin.

    Ich finde gut, dass du mit der Pflegeleitung sprichst und schreibe weiter hier von deinen Triggern- die sind noch sehr präsent und schreiben hilft.

  • Hallo Hannah,

    ich finde gut, wie Du das WE gemeistert hast.
    Ich wohne auch seit eh und je in einem Dorf. Solche Kindergeburtstage werden gern als Grund genutzt, damit die Eltern trinkfreudig mitfeiern können. Die Situation hatte ich selbst schon mal bei mir auf dem Hof, als meine Tochter klein war.
    Heute sehe ich das ein wenig anders. Das ist ein Kindergeburtstag, da hat Alkohol meiner Meinung nach nichts zu suchen und ich muss nicht ein Dorffest daraus machen.

    Am WE war ich bei einem Seminar.
    „ Ja sagen zu mir und meiner Krankheit- ohne Hintertürchen“.
    Das hat sich für mich nochmal bestätigt,

    Wenn ich etwas annehme und akzeptiere, dann wandelt es sich meist von ganz allein.
    Das muss sich nicht nur auf die Alkoholkrankheit beziehen. Auch bei der Krebserkrankung meiner Tochter habe ich diese Erfahrung gemacht.

    Ich sehe Dich da noch sehr wankelmütig, Scham - u. Angstbehaftet.
    Ich wünsche Dir, dass Du auch da einen Weg findest, denn dann wird es leichter.

    Das Du mit der PDL reden möchtest, finde ich vernünftig. Das bedeutet, gut für mich zu sorgen, Grenzen zu setzen. Auch hier wünsche ich Dir ein gutes Gespräch.

    _______________________________________

    LG Tabsi, abstinent seit 27.04.2024

  • Hallo Tabsi,

    danke dir für deine ehrliche Rückmeldung!

    Du hast da mit Sicherheit recht, dass ich in der Hinsicht momentan noch scham und angstbehaftet bin. Genau aus diesem Grund denke ich aber auch, dass das ein Thema ist, das ich angehen kann, wenn ich in meiner Abstinenz gefestigter bin.

    Es macht für mich einfach einen riesigen Unterschied, ob ich auf einen längeren Zeitraum zurückblicken kann und für mich weiß, dass ich stabil trocken bin, oder ob ich ganz am Anfang stehe. Hinzu kommt die Realität auf dem Dorf: Meine Nachbarn wissen ganz genau, dass ich bis vor kurzem definitiv noch getrunken habe. Ich saß ja schließlich erst vor drei Wochen noch mit meiner Nachbarin auf der Terrasse und wir haben gemeinsam Sekt getrunken. Wenn ich jetzt also offen sage, dass ich Alkoholikerin bin, wissen die sofort, dass ich noch gar nicht lange trocken sein kann und mitten im Prozess stecke.

    Ein zentraler Punkt dabei ist für mich nämlich auch der Schutz meiner Kinder. Sie haben hier sehr viele Freunde und wenn ich im Dorf jetzt schon so offensiv damit umgehe, macht das garantiert sofort die Runde. Ich habe da große Angst, dass andere Eltern dann sagen, bei der Mutter lassen wir unsere Kinder nicht mehr spielen. Das würde den Blick auf meine Kinder und ihr soziales Umfeld negativ verändern.

    Wenn ich der Nachbarin jetzt direkt reinen Wein einschenke, sitze ich danach zu Hause und zerbreche mir ununterbrochen den Kopf darüber, was wohl geredet wird. Das ruft Gefühle und Stress in mir wach, die ich gerade absolut nicht brauchen kann.

    Ich möchte das Thema erst mal im engsten Umfeld handhaben und schauen, dass ich Schritt für Schritt gefestigter werde. Für mich ist es im Moment einfach wichtig, einen Schritt nach dem anderen zu machen.

    Wie war das denn bei dir zu Beginn? Warst du da direkt von Anfang an so offensiv und hast auch das erweiterte Umfeld eingeweiht, oder hast du da auch erst mal im engsten Kreis Klartext gesprochen?

  • Ich kann das verstehen, eins nach dem anderen und in kleinen Schritten.
    Ich hänge meine Krankheit auch nicht ans „Schwarze Brett“. Es ist meine Krankheit und geht nicht allen was an.

    In meinem näheren Umfeld ( Familie, Freundinnen) habe ich mich gleich geoutet. Das schloss Hintertürchen.
    Ich arbeite ehrenamtlich in der Kinder- u. Jugendhilfe. Auch meiner Koordinatorin habe ich mich offenbart.
    Ich habe im Prinzip nur positives Feedback bekommen und anderen den Spiegel vorgehalten.

    Für mich ist es aus heutiger Sicht nicht normal Alkohol zu trinken. Ich schütte mir kein Gift in Form von Ethanol mehr rein. Jemand der kein Fleisch isst, nichts Süßes essen darf wegen Diabetes oder raucht, muss sich auch nicht rechtfertigen.

    Du musst nicht jedem ( in dem Fall Deine Nachbarin) erzählen, dass Du ( trockene) Alkoholikerin bist.
    „ Ich trinke keinen Alkohol mehr. Punkt.“

    Das wieso und warum geht niemanden was an. Ich zermartere mir nicht mehr den Kopf, was andere über mich denken, denn das sind ihre Gedanken und nicht meine.
    Mit denen habe ich genug zu tun.

    Ich wünsche Dir, dass Du einfach mehr Selbstbewusstsein und Akzeptanz zu Deiner Krankheit entwickelst. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen.

    Du hast das Wochenende super gemeistert, Du musst Dich nicht verstecken und Dich in irgendwelchen Ausreden verzetteln. Steh zu Dir und Deinem Leben.
    Das ist doch ein tolles Gefühl, nicht verkatert morgens aufzuwachen, oder?

    Achja Alkohol und Kinder: Ich finde es viel schlimmer und verantwortungsloser Kinder saufenden Eltern bzw Erwachsenen zu überlassen. Vielleicht ist das für Dich auch nochmal ein Denkanstoß zum Schutz Deiner Kinder.

    _______________________________________

    LG Tabsi, abstinent seit 27.04.2024

  • Tausend Dank für diesen extrem wertvollen Input! Deine Worte regen mich gerade wahnsinnig zum Nachdenken an und ich bin dir wirklich dankbar für diese Perspektiven.

    Was das Absagen bei der Nachbarin angeht: Ich hatte im Kopf einfach das Gefühl, ich muss einen triftigen Grund liefern, warum ich nicht komme. Zu sagen "Ich trinke keinen Alkohol" hätte dazu geführt, dass sie sagt "Dann komm halt rüber und trink nichts". Zu sagen "Ich bin auf dem Weg in die Abstinenz und mich triggert dass Alkohol serviert wird, gerade viel zu sehr" war für mich keine Option. Deshalb habe ich zu der gesundheitlichen Ausflucht gegriffen.

    Rückwirkend betrachtet war das eigentlich Blödsinn. Ein einfaches "Ich komme heute nicht" hätte völlig ausreichen müssen, ganz ohne Erklärung. Ich muss schlichtweg lernen, dass ein "Nein" reicht und ich absolut niemandem eine Rechenschaft schuldig bin. Wem ich mich irgendwann in der Tiefe offenbare oder zu wem ich einfach nur sage "Ich trinke keinen Alkohol, Punkt" oder "Ich vertrage es nicht", kann ich dann immer noch ganz in Ruhe entscheiden.

    Der Punkt mit dem Umfeld und den Kindern hat bei mir aber noch mal einen ganz tiefen Eindruck hinterlassen. Und das betrifft ja nicht nur das Dorfleben, sondern das generelle Umfeld. Man hat da oft jahrelang wie eine Art Scheuklappen auf, weil man das Verhalten anderer gar nicht mehr hinterfragt, da man sich dauernd in diesen Kreisen bewegt. Auch wenn das bei uns keine Feiern sind, wo sich die Leute besinnungslos besaufen und niemand mehr nach den Kindern schaut – ich weiß, dass auf sie geachtet wird. Aber es ist eben ein Umfeld, in dem Alkohol als völlig normal gilt und einfach zum Alltag dazugehört.

    Wenn ich mir den Schutz meiner Kinder so groß auf die Fahne schreibe, ist es absolut sinnvoll zu hinterfragen, in welchem Rahmen und mit welcher Selbstverständlichkeit sie Alkohol im Alltag vorgelebt bekommen. Auch wenn Menschen selbst vielleicht gar nicht merken, dass ihr Konsum problematisch sein könnte.

    Danke dir wirklich für diesen Augenöffner! Ich nehme mir fest vor, da in Zukunft viel genauer hinzuschauen, mein Umfeld zu soundieren und für uns als Familie da ganz neue Standards zu setzen.

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