Kendra - Wie kann ich mit meiner Schuld leben?

  • Liebe Leute!

    Noch nie ging es mir so gut wie jetzt. Nach laaanger Therapie habe ich meine Bindungsstörung und damit verwobener Co-Abhängigkeit bearbeitet und überwunden - und seit einer ganzen Weile schon glücklich mit mir selbst ohne Beziehung gelebt.

    Bis mich vor einigen Tagen meine Vergangenheit eingeholt hat. Meine Tochter, 18, die jüngste von vier Kindern, mit denen ich seit dem Tod meines Mannes 2005 allein war, hat mich volle Kanne damit konfrontiert, wie sehr ich sie vernachlässigt habe damals, als ich so abhängig von meiner früheren Geliebten war, dass ich all meine Zeit und Energie auf die Beziehung mjit ihr gerichtet habe.

    Das war mir bewusst, ich wusste, dass ich eine miserable Mutter gewesen bin. Nur habe ich es nicht gefühlt. Jetzt tue ich es - und frage mich, wie ich das aushalten soll. Wie lebt man mit einer solchen Schuld?

    Ich war früher einmal in einer Co-Abhängigen-Selbsthilfegruppe, die sich leider aufgelöst hat. Deshalb bin ich hier.

    Liebe Grüße in die Runde,

    Kendra

  • Hallo Kendra,

    herzlich Willkommen hier bei uns.

    Da bist du mitten auf dem Weg, raus aus der Suchtstruktur und schwupps, holt dich die Vergangenheit ein?

    Deine Tochter darf ja all diese Gefühle haben. Ich freue mich für sie, daß sie allen Mut zusammen genommen hat und dir ihre Gefühle mitgeteilt hat. In dem Alter vielleicht etwas ungelenkig, aber mit 18 war ich vollkommen verstockt. Von daher: Respekt, daß sie sich so artikulieren kann.

    Selbst wenn es sich für dich jetzt unangenehm anfühlt.

    Sie darf gefrustet sein wegen ihrer Vergangenheit. Du darfst glücklich sein, dich da rausgearbeitet zu haben. Vielleicht ist das ja jetzt eine Chance ins Gespräch zu kommen. Vielleicht nicht in der aufgeheizten Stimmung, aber langfristig. Hör ihr zu. Respektiere ihre Gefühle. Sie wird mit zunehmendem Alter begreifen, daß man sich selber nicht überholen kann und jede Entwicklung ihre Zeit braucht. Aber Töchter sind manchmal ihren Müttern gegenüber gnadenlos. Irgendwann kommt das Begreifen und das Verzeihen, ich weiß wovon ich rede.

    Lieber Gruß, Linde

    You can't wait until life isn't hard anymore before you decide to be happy.

    - Nightbirde

  • Liebe Linde!

    Was für ein wunderschöner Name! Und deine Worte sind genauso. Ich danke dir sehr.

    Ja, es ist so, wie du schreibst: Ich bin raus aus dem Scheiß - und er holt mich ein, weil ich jetzt so weit bin. Vorher hat es mich einfach nicht erreicht, Ich hatte keine Kapazitäten. Genauso wenig wie früher, als meine Tochter klein war.

    Sie ist toll, ja. Stark und streitbar. Und ich kann ihren Zorn so gut verstehen.

    Ich schäme mich zutiefst. Und es ist so schwer auszuhalten, dass ich es nicht wieder gut machen kann. Sie hat es schwer, und ich kann nichts als in momentan ja auch noch echt weiter Entfernung zusehen, ohne ihr helfen zu können. Tja, denn früher, als sie meine Hilfe gewollt hätte, habe ich ihre verdeckten Signale nicht gesehen.

    Im Moment kommt es mir unmöglich vor, damit zu leben. Denn es kann doch nicht besser werden, oder? Weil es dafür keine Lösung gibt.

    Zugleich klingen deine Worte, Linde, so wohltuend, so, als ob es doch irgendwie weitergehen kann.

    Ich danke dir für dein Willkommen und fühle mich sofort nicht mehr so allein.

    Herzliche Grüße zurück!

    Kendra

  • Manchmal liest man hier im Forum, daß sich trockene Alkoholiker für ihr Verhalten schämen, das sie in ihrer nassen Zeit hatten. Und irgendwann später kann man von der Akzeptanz lesen. Es ist ein Prozeß.

    Auch Co-Abhängige hadern manchmal mit ihrer aktiven Co-Zeit, vor allem wenn Kinder betroffen sind. Ich wünsche dir, daß du diesen Teil von dir anzunehmen lernst. Er gehört ja zu dir.

    Vielleicht gibts noch unaufgeräumte Ecken im Keller?

    Bitte klicke als nächstes diesen Link an und folge ihm, danach wirst du fürs Forum freigeschaltet.

    https://alkoholiker-forum.de/bewerben/

    LG, Linde

    You can't wait until life isn't hard anymore before you decide to be happy.

    - Nightbirde

  • Willkommen Kendra,

    ich kann deine Schuld sehr gut nachvollziehen. Meine Tochter wird jetzt 19 und musste die letzten 4 Jahre wegen ihrer Eltern wirklich viel mitmachen. Ich war in den letzten Jahren meiner Ehe kaum noch erreichbar für sie. Hatte 2018 ein schlimmes Trauma und daraus folgend eine PTBS entwickelt, die mir aber sehr lange nicht bewusst war. Ich war sehr depressiv und konnte nicht mehr so für sie da sein, wie ich es all die Jahre vorher war.

    Nach der Trennung von ihrem Vater habe ich einen neuen Partner gehabt, von dem ich übermäßig co-abhängig wurde. Ich war wärend dieser Beziehung aufgrund der PTBS in einer Klinik und danach in Verhaltenstherapie. Dass ich zu der Zeit dann auch noch co-abhänig wurde, hats nicht besser gemacht. Das war tatsächlich für mich eine größere Baustelle als die PTBS.

    Ich hatte ganz lange wahnsinnige Schuldgefühle, wollte alles wieder an ihr gut machen. Sie kann einem sehr deutlich zu Verstehen geben, wie mies es für sie war. Himmel hab ich viel geheult dehalb, mich selbst zerfleicht, was ich in dieser Zeit für eine besch... Mutter war.

    Letzendlich kann ich die Zeit nicht zurückdrehen. Ich kann es aber heute besser machen und das wird es auch! Und auch das sieht meine Tochter jetzt. Ich habe es aus dieser Abwärtsspirale rausgeschafft und kann so meinem Kind zeigen, dass, egal wie sch... es im Leben läuft, auch wieder aufwärts gehen kann. So hat sie nun auch ihre depressive Phase überwunden und kann mir verzeihen.

    Sie bringt es immer mal wieder bei Streitereien vor. Aber damit muss ich leben. Ich habe es akzeptiert, dass ich eben in dieser Zeit keine gute Mutter sein konnte. Es war einfach nicht möglich, ich hatte mit mir selbst zu kämpfen! Sie wird das auch irgendwann verarbeiten. Wir sind da mittlereweile wieder in einem guten Verhältnis. Reden immer mal wieder über diese Zeit. Ich kann ihr nur sagen, dass es mir leid tut, ich es aber nicht ungeschehen machen kann, dass wir beide es irgendwann hinter uns lassen müssen.

    Ich lass mich davon nicht mehr beherrchen - es ist Vergangenheit! Der Weg geht jetzt vorwärts! Auch im Verhältnis zu meiner Tochter.

    Ich wünsche dir sehr, dass ihr wieder ein gutes Mutter-Tochter-Verhältnis aufbauen könnt.

    Eventuell könnt ihr (wenn deine Tochter dafür bereit ist) zusammen eine Gesprächstherapie machen, um das gemeinsam aufzuarbeiten?

  • Liebe Linde,

    erst einmal herzlichen Dank für den Link zur Foren-Berwerbung, das hab ich gleich zuerst erledigt. :)

    Es ist ein Prozess. Ja, das zu wissen, ist ja einfach schon mal beruhigend. Die Aufarbeitung des Schadens, den ich mit meiner Co-Abhängigkeit angerichtet habe, ist einfach auch Teil meines Entwicklungsprozesses. Den ich jetzt endlich in Angriff nehme. Hätte ich auch echt schon längst tun können! *lach *

    Und ob es noch unaufgeräumte Ecken in meinem Keller gibt? Das Bild ist witzig, weil es an eines anschließt, was ich selbst immer benutzt habe. Meine innere Zweijährige - die so schrecklich co-abhängig war - die lange Phasen meines Lebens in einem Pool im Keller ausgeharrt hat und davon überzeugt war, sie wäre die Superheldin, dafür erschaffen, um im rauen Ozean überleben. In den letzten Monaten ist sie endlich da rausgestiegen und hat sich zum Rest von mir nach oben gesellt. Aber jetzt noch mal gemeinsam da runterzusteigen und in die Ecken zu gucken, klingt nach einem richtig guten Plan.

    Und dass es so etwas gibt - einen Plan, der am Ende irgendwann dafür sorgen wird, dass ich mich wieder besser fühlen werde, ist unglaublich beruhigend.

    Nochmals danke für alles!

    Und liebe Nova!

    Noch so ein schöner Name!

    Und es ist sooo schön, dass du meine Gefühle nachvollziehen kannst!!!

    Ich würde nachher gern in Ruhe antworten, muss aber jetzt erst mal weg vom Laptop. Heute Abend melde ich mich nochmal. Sei du auf jeden Fall auch schon mal herzlich gegrüßt!

    Kendra

  • Guten Abend Kendra,

    willkommen bei uns in der Selbsthilfegruppe!

    Du bist jetzt für die offenen Bereiche freigeschaltet.

    Und Du kannst überall schreiben, jedoch bitte nicht die ersten 4 Wochen bei den
    neuen Teilnehmern im Vorstellungsbereich.

    Ich wünsche Dir einen guten und hilfreichen Austausch.

    LG Elly

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    Mancher wird erst mutig, wenn er keinen anderen Ausweg mehr sieht.

    - Trocken seit 06.01.2013 -

  • Herzlich Willkommen Kendra,

    ich wünsche dir weiterhin so ein Wohlgefühl. Es ist so schön zu lesen wie dir der kurze Austausch hier schon sooo gut tut.

    Jaaa, wirklich! Die völlige Ratlosigkeit, die ich die letzten Tage hatte, hat sich gelichtet. Also ratlos bin ich selbst immer noch, aber ich vertraue nun irgendwie darauf, dass es einen Weg gibt, der weiterführt, nur dass ich ihn noch nicht sehe. Das ist total viel wert.

    Ganz herzlichen Dank für dein Willkommen, liebe Petra!

  • Guten Abend Kendra,

    willkommen bei uns in der Selbsthilfegruppe!

    Du bist jetzt für die offenen Bereiche freigeschaltet.

    Und Du kannst überall schreiben, jedoch bitte nicht die ersten 4 Wochen bei den
    neuen Teilnehmern im Vorstellungsbereich.

    Ich wünsche Dir einen guten und hilfreichen Austausch.

    Liebe Elly!

    Ich danke dir sehr! :)

    Und auch dir ganz lieben Dank für dein Willkommen und die Freischaltung.

    Wie ihr das handhabt, gefällt mir. Ihr schützt diesen sicheren Ort, ohne eine Riesenmauer aufzubauen.

    Danke auch dafür!

    Kendra

  • So, nun bin ich bei dir angekommen, liebe Nova!

    Vielen Dank nochmal, dass du dir die Mühe gemacht hast, mir zu antworten - und von dir erzählt hast. Das hilft mir total. Zu lesen, dass ich nicht allein auf der Welt bin. Dass du verstehen kannst, was ich erzählt habe. Zu alledem ist deine Geschichte noch so hoffnungsvoll. Das freut mich so sehr für dich und deine Tochter!!!

    Und es macht mir Mut. Meine Beziehung zu meiner Tochter war - von meiner Unerreichbarkeit abgesehen - früher sehr liebevoll und freundschaftlich. Vielleicht kann es ja auch bei uns so sein, dass ihre Wut kleiner wird und wir eine neue Ebene finden.

    Was du von dir angedeutet hast, ist aber auch harter Tobak! Da kam einiges zusammen, und es ist kein Wunder, dass du keine Kapazitäten übrig hattest. Zumal du ja auch nicht selbst daran schuld warst.

    Hmm, das habe ich gerade spontan geschrieben - und merke, dass ich gar nicht auf die Idee kommen würde, dir die Schuld für das Dilemma deiner Tochter zu geben. Du konntest doch überhaupt nichts dafür!

    Das bei mir so zu sehen, kann ich nicht.

    Na gut, ich habe mir freiwillig einen viel älteren Mann gesucht, sodass ich mich nicht wundern durfte, dass er (mit 65) gestorben ist. Ich wollte die Kinder trotzdem unbedingt. Und meine Tochter habe ich mir sogar ermogelt, als er bereits - edit, Diagnose editiert - erkrankt war, als wir wussten, dass er sterben würde. Er war total entsetzt, als ich schwanger war. "Je mehr wir sind, desto besser!", habe ich damals gesagt. Ich trage also die volle Verantwortung.

    Ich habe mich überschätzt. Die ersten beiden Jahre nach seinem Tod war ich wirklich eine gute Mutter. Habe ausschließlich für meine Kinder gelebt - anstatt zusammenzubrechen, von ihm war ich nämlich genauso abhängig wie später von der Geliebten. Aber nach zwei Jahren kam die Trauer mit voller Wucht - und zur Abwehr schnell eine neue Liebe. Da war meine Tochter erst drei.

    Puh, wenn ich mich aus meiner heutigen Sicht anschaue! *schauder * Aber wie schrieb Linde oben?

    <<<Ich wünsche dir, daß du diesen Teil von dir anzunehmen lernst. Er gehört ja zu dir.>>>

    *schluck *

    Scheiße! *lach * Ja. Das gehört zu mir.

    Und es ist nicht so, dass ich das nicht auch fühlen könnte. Wie unerträglich es für mich war, mich auch nur ein Stündchen von meiner Geliebten zu entfernen (die so weit entfernt wohnte, dass wir die meiste Zeit nur über skype zusammensein konnten. Das aber quasi den ganzen Tag. Ich war dermaßen panisch und voller Craving nach ihr, Musste mich gewaltsam von ihr losreißen, um meinen Alltag mit den Kindern durchziehen zu können. Und wenn abends ihr Mann nach Hause kam und ich 'frei' gehabt hätte, hatte ich natürlich auch nichts davon, weil ich nicht ertragen konnte, dass sie bei ihm war. So schrecklich unfrei, ohne es zu merken. Süchtig halt, anders kann man das nicht bezeichnen. Die Sucht im Mittelpunkt unseres Lebens ...

    Wie schreibst du, Nova?

    <<<Letzendlich kann ich die Zeit nicht zurückdrehen. Ich kann es aber heute besser machen und das wird es auch! Und auch das sieht meine Tochter jetzt. Ich habe es aus dieser Abwärtsspirale rausgeschafft und kann so meinem Kind zeigen, dass, egal wie sch... es im Leben läuft, auch wieder aufwärts gehen kann. So hat sie nun auch ihre depressive Phase überwunden und kann mir verzeihen.>>>

    Das ist soo schön! Verzeihen macht es schon viel leichter, oder?

    Und du hast völlig recht, du hast ihr gezeigt, dass das Leben manchmal schlimm sein kann, aber dass man es wieder raus schafft.

    Keine Ahnung, ob meine Tochter eines Tages dazu bereit sein wird, mir zu verzeihen. Im Moment reden wir nicht einmal miteinander. Sie sitzt in ihrem Zimmer und kommt nach Möglichkeit nur raus, wenn ich in meinem Zimmer bin. Unvermeidliches wird per Textnachricht beredet. Und die kleine Botschaft heute Morgen, in der ich ihr gesagt habe, dass ich sie verstehe und dass sie recht hat, hat sie noch nicht angeschaut. Bezweckt habe ich auch gar nichts. ich wolte nur, dass sie weiß, dass sie jederzeit kommen darf, wenn sie es möchte. Dieses Schweigen ist einfach sehr ungewöhnlich für uns ...

    Aber wenn sie es braucht, ist es okay. Und diesmal ist sie es, die entscheidet, wie unerreichbar sie sein will. Das ist ja vielleicht auch hilfreich.

    Ich wünsche dir sehr, dass ihr wieder ein gutes Mutter-Tochter-Verhältnis aufbauen könnt.

    Eventuell könnt ihr (wenn deine Tochter dafür bereit ist) zusammen eine Gesprächstherapie machen, um das gemeinsam aufzuarbeiten?

    Lieben Dank für deine Wünsche! <3

    Meine Tochter hat sich schon einen Termin bei einem Familientherapeuten besorgt. Kommenden Montag schon. Wo sie zunächst allein hin will. Aber stimmt eigentlich, da hat sie ja vielleicht schon die Möglichkeit in Erwägung gezogen, dass wir dort reden können. So hoffnungsvoll habe ich das bisher gar nicht gesehen. :)

    Hab einen angenehmen Abend und eine gute Nacht!

    Kendra

    Einmal editiert, zuletzt von Linde66 (17. November 2023 um 01:00) aus folgendem Grund: Diagnose Ehemann editiert. Bitte nicht so detailliert über die Angehörigen schreiben, danke.

  • Liebe Kendra,

    ich muss gestehen, dass mich das Thema doch auch noch sehr aufwühlt. Das Schreiben mit dir hat da nochmal was in Gang gesetzt.

    Ich bin so dankbar, hier den Austausch zu haben und mich reflektieren zu können. Auch durch deine Beiträge!

    Ich freue mich, dass du etwas Mut bekommst. Es ist klar, dass deine Tochter das nicht so einfach wegsteckt. Bleibe offen für sie, gib ihr den Raum, den sie braucht. Zeige ihr (mit Taten, statt Worten) dass du an Eurem Verhältnis arbeiten möchtest. Dass du es zwar nicht wieder gut machen kannst, aber besser machen willst.

    Ich kenne das übrigens sehr gut, diese Sucht nach dem Partner. Totale Fokusierung auf ihn. Daneben hatte nichts anderes mehr Platz für mich.

    Diese Unerreichbarkeit für mein Kind...ich habs echt immer wieder versucht, ich habs verstanden, dass sie mich braucht und ich wollte auch so gerne für sie mehr da sein, nur ich habs einfach nicht auf die Reihe bekommen. Ich war mein eigenes Opfer und hab aber die Schuld im Ausßen gesucht und das auch damit immer so gerechtfertigt.

    Heute bin ich da weiter. Ich bin nicht das Opfer, ich hätte es anders machen können. Ich war nur noch nicht so weit, das zu erkennen.

    Die Anmedlung hier hat einen riesen Stein bei mir ins Rollen gebracht.

    Ich finde es toll, dass deine Tochter sich therapeutische Hilfe sucht. Es ist auch für dich eine Chance, wenn sie irgendwann soweit ist, das mit dir aufzuarbeiten. Und dann kann daraus Verzeihen entstehen. Sicher aber nicht Vergessen, das werden wir wohl nie. Weder meine Tochter, noch ich oder ihr beide.

    Den Umgang damit lernen kann es zum aber zum Besseren werden lassen!

  • Liebe Kendra, liebe Nova,

    Euren Dialog zu lesen und zu sehen wie ernsthaft Ihr Euch mit dem Geschehenen auseinandersetzt, hilft auch mir als EKA. Ich kenne solche abhängigen Beziehungsstrukturen: Sobald meine Mutter in ihren Beziehungen einen Partner hatte, wurde ich völlig links liegen gelassen. Obwohl meine Mutter alkoholabhängig war und ist, war sie bis zur Selbstaufgabe und dem Opfer von allem, was sie hatte, bereit alles für ihre Partner zu tun. Es ist ermutigend, dass es Elternteile gibt, die sich dieser Auseinandersetzung stellen.

    Es gibt aber einen Satz in Deinem Post, Nova, der mich emotional packt und wo ich gleichsam empört rufe:

    Jetzt nicht auch noch als Therapeutin für die Mutter in Anspruch genommen werden!

    Bitte verzeih, aber ich kann nicht anders als mich hier einzumischen.

    Es ist auch für dich eine Chance, wenn sie irgendwann soweit ist, das mit dir aufzuarbeiten.

    Aus meiner Sicht als EKA finde ich es besser, wenn jeder die Vergangenheit für sich allein aufarbeitet. Die Aufarbeitung sollte getrennt stattfinden. Jeder ist ganz allein für die Aufarbeitung verantwortlich.

    Das Verzeihen rührt nicht von der Erarbeitung einer gemeinsamen Sichtweise. Keiner der Beteiligten sollte sich zu Kompromissen oder Abstrichen an der eigenen Sicht genötigt fühlen. Bei einer gemeinsamen Aufarbeitung kann diese Erwartung sich aber leicht einschleichen.

    Als Mütter wart ihr nicht die Partner von Euren Kindern und die Kinder sind auch jetzt keine Partner für Euch. Vielleicht habe ich da jetzt auch etwas hineingelesen, aber für mich "riecht" der hier deutlich werdende Wunsch nach einer gemeinsamen Aufarbeitung förmlich nach der Sehnsucht nach einer mit dem Kind geteilten gemeinsamen Sicht der Dinge, die nach der gemeinsamen Aufarbeitung dann endlich nicht mehr infrage gestellt wird.

    Aus meiner Sicht muss es darum gehen akzeptieren zu lernen, dass es zwei sehr unterschiedliche Sichtweisen gibt: Zu lernen, dass das, was in der Vergangenheit passiert ist, zu radikal unterschiedlichen Folgen geführt hat und deshalb für die Beteiligten auch unterschiedliche Bedeutung hat. Es gab damals eine Asymmetrie: die Kinder waren dem Ganzen ausgeliefert, die Erwachsenen nicht. Zwar sind Eure Kinder heute erwachsen und der Situation deshalb nicht mehr ausgeliefert, eine Begegnung auf Augenhöhe kann aber nur stattfinden, wenn das Elternteil die individuelle Sicht des Kindes aushält und gelernt hat, diese Sicht der Dinge stehen zu lassen. Aus meiner Sicht ist nur dann eine respektvolle Begegnung möglich.

    LG Siri

  • Liebe Siri, ich denke da ist etwas bei dir falsch angekommen oder ich habe mich total unglücklich ausgedrückt.

    Um Himmels Willen, ich wollte nicht dazu raten es "gemeinsam" aufzuarbeiten. Und auch ich will keine Absolution von meiner Tochter. Es geht mir darum, dass wir es jede für sich, mit ihren entsprechenden Empfindungen, Wahrnehmungen aufarbeiten können. Darüber reden können um es vielleicht irgendwann loslassen zu können.

    Aus meiner Sicht muss es darum gehen akzeptieren zu lernen, dass es zwei sehr unterschiedliche Sichtweisen gibt: Zu lernen, dass das, was in der Vergangenheit passiert ist, zu radikal unterschiedlichen Folgen geführt hat und deshalb für die Beteiligten auch unterschiedliche Bedeutung hat. Es gab damals eine Asymmetrie: die Kinder waren dem Ganzen ausgeliefert, die Erwachsenen nicht. Zwar sind Eure Kinder heute erwachsen und der Situation deshalb nicht mehr ausgeliefert, eine Begegnung auf Augenhöhe kann aber nur stattfinden, wenn das Elternteil die individuelle Sicht des Kindes aushält und gelernt hat, diese Sicht der Dinge stehen zu lassen. Aus meiner Sicht ist nur dann eine respektvolle Begegnung möglich.

    Da bin ich zu 100% bei dir!

  • Liebe Nova!

    Das ist schön, dass es dir auch etwas bringt, mit mir zu schreiben!

    <<<Bleibe offen für sie, gib ihr den Raum, den sie braucht. Zeige ihr (mit Taten, statt Worten) dass du an Eurem Verhältnis arbeiten möchtest. Dass du es zwar nicht wieder gut machen kannst, aber besser machen willst.>>>

    Ich war noch nie so unsicher, wie ich mich verhalten soll. Hab einfach so wenig Übung in Konflikten. Sonst schaffe ich irgendwie, sie ganz schnell im Keim aufzulösen. Meine Tochter hat hier den ersten großen Streit in unserer Familie eröffnet. Was etwas bedeutet, das ist mir schon klar. :/

    Gestern haben wir uns in der Küche getroffen und einfach nur 'Hallo' gesagt. Weil ich mich nicht aufdrängen wollte, nachdem sie ja nicht einmal meine Nachricht gelesen hatte. Hätte ich das tun sollen?

    Als ich heute Morgen in die Küche kam, herrschte da Chaos von ihr - ist das ein Zeichen, dass sie streiten will? Ich war drauf und dran, ihr ein Foto von dem Chaos zu schicken mit den Worten: "So was ist trotz allem arschig!" - und habe es gelassen und still aufgeräumt, um eben nicht auch noch darüber zu streiten. Gehe ich wieder einem Konflikt aus dem Weg?

    Ja, sie bringt mich dazu, zu lernen. *lach *


    <<<Heute bin ich da weiter. Ich bin nicht das Opfer, ich hätte es anders machen können. Ich war nur noch nicht so weit, das zu erkennen.>>>

    Ja, das ist der Punkt, nicht? Ich hätte es anders machen können, es anders machen müssen - wollte das ja auch, ich wollte immer eine gute Mutter sein. Und dennoch habe ich es nicht getan. ... ... Uff, an dieser Stelle will ich weiterreden, eine coole Wendung aus dem Hut zaubern. Die es nicht gibt. "Ich habe es nicht getan", bleibt so stehen.

    Alles, was ich tun kann, ist, das zu fühlen. ich habe es nicht getan, und das ist Scheiße. Punkt. So ist es.


    <<<Es ist auch für dich eine Chance, wenn sie irgendwann soweit ist, das mit dir aufzuarbeiten. Und dann kann daraus Verzeihen entstehen. Sicher aber nicht Vergessen, das werden wir wohl nie. Weder meine Tochter, noch ich oder ihr beide.>>>

    Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es wäre, wenn sie mir wirklich verzeihen würde. Würde sich mein Gefühl mit mir allein dadurch verbessern? Das "Ich habe es nicht getan" würde ja bleiben. Das ist es, was ich mir selbst verzeihen muss. Müsste. (Muss man? Ja, oder? Um sich besser zu fühlen, muss man sich selbst verzeihen?)

    Verzeihen geht, indem man von sich selbst weggeht und den anderen, der einem etwas angetan hat, versteht und nachvollzieht, warum er das getan hat, oder?

    Aber ganz so einfach ist es doch nicht, ich kann mich von damals natürlich nachvollziehen, ich erinnere mich gut daran, wie ich mich gefühlt habe in meiner Abhängigkeit von meiner Geiiebten, dass ich in echter Not war, wenn ich Panik hatte, sie zu verlieren. Das verzeiht ja aber nicht alles. Hmm. das muss ich irgendwie besser zu fassen kriegen.

    Du hast dir verziehen, oder? Erst nachdem deine Tochter das auch getan hat? Oder extra, für dich?


    So, leider muss ich los - ich habe im Moment so wenig Zeit, dass ich im sonstigen Forum noch gar nicht viel lesen konnte. Ist aber kein Desinteresse!

    Erst mal viele liebe Grüße zu dir, Nova!

    Kendra

  • Liebe Siri,

    wie schön, dass du dich dazugeschaltet hast!

    Dummerweise habe ich jetzt nicht einmal mehr Zeit, deine Zeilen zu lesen, das hole ich nachher nach! Danke sagen will ich aber jetzt schon mal.

    Liebe Grüße zu dir!

    Kendra

  • Du hast dir verziehen, oder? Erst nachdem deine Tochter das auch getan hat? Oder extra, für dich?

    Ne, verzeihen kann ich mir das nicht. Und wenn es meine Tochter nicht könnte, wäre das ihr gutes Recht.
    Ich habe es akzeptiert, dass ich es zu der Zeit nicht anders konnte. Und das noch vor ihrem Verzeihen. Ich will mich auch nicht mein Leben lang für Dinge selbst zerfleichen, die einfach geschehen sind, die ich heute nicht mehr ungeschehen machen kann.

    Alles, was ich tun kann, ist, das zu fühlen. ich habe es nicht getan, und das ist Scheiße. Punkt. So ist es.

    Punkt!

    Ich war noch nie so unsicher, wie ich mich verhalten soll...

    Gestern haben wir uns in der Küche getroffen und einfach nur 'Hallo' gesagt. Weil ich mich nicht aufdrängen wollte, nachdem sie ja nicht einmal meine Nachricht gelesen hatte. Hätte ich das tun sollen?

    Ich glaube, es ist besser, wenn du sie das Tempo bestimmen lässt. Kleine Annäherungen, Signale, die Bereitschaft ihr zuzuhören und nichts unter den Teppich zu kehren. Offen für ihre Worte sein, ohne in Verteidigungshaltung zu gehen, sondern tatsächlich auch aushalten, was gesagt wird.
    Aber es sollte wirklich von ihr aus kommen. Du kannst ihr mitteilen, dass du da bist, wenn sie dazu bereit bist mit dir zu reden. Aber einmal langt. Es ist dann an ihr, darauf zurückzukommen. Mit ständigem Bitten, wann sie endlich reden möchte, wirst du das Gegenteil erreichen. Denn das kenne ich auch noch von mir selbst in Bezug auf meine Mutter.

    Wenn ihr bisher eigentlich eine liebevolle Beziehung hattet, dann denke ich, dass sie irgendwann auch wieder einen zumindest normalen Umgang mit dir haben möchte.

    Sie hat gerade mit dem Erlebten ihre Schwierigkeiten und sie empfindet diese Wut. Und das ist ihr gutes Recht.

    Und trotzdem finde ich, dass wir uns als Mütter nicht alles gefallen lassen müssen, bloß weil wir uns so schuldig fühlen. Da gibt es trotzdem noch Grenzen. Auch wenn wir eine Weile aus unserer Rolle rausgefallen sind, haben wir noch Respekt verdient. Mehr als entschuldigen und es von nun an besser zu machen, geht eben nicht. Ich muss mich nicht wie ein Fußabtreter behandeln lassen und meiner Tochter jeden Mist durchgehen lassen, weil ich Schuldgefühle habe. Damit kann ich es ja auch nicht wieder gut machen.

  • Hallo Nova, leider finde ich Deinen eigenen Faden nicht, deshalb antworte ich hier. Entschuldige bitte Kendra, das gehört eigentlich nicht hier hin.

    Da bin ich zu 100% bei dir!

    Das freut mich.

    Liebe Siri, ich denke da ist etwas bei dir falsch angekommen oder ich habe mich total unglücklich ausgedrückt.

    Offensichtlich!

    Diesen Satz empfinde ich dennoch als Lavieren.

    Warum? Dein Satz erinnert mich an eine wohl unbewusste Strategie, die mir von meiner Mutter allzu gut bekannt ist. Sie verhindert m.E. nach jede Kommunikation auf Augenhöhe.

    Warum steht in Deinem Satz ein "oder"? Mit Deiner Ausdrucksweise hast Du für mein Empfinden die Verantwortung für den Sinn Deiner Aussage weit weg von Dir und zu mir geschoben: Ich darf einsehen, dass etwas falsch bei mir angekommen ist und erst in zweiter Linie gestehst Du zu, dass Deine Ausdrucksweise eventuell nicht ganz glücklich gewesen sein könnte. Das "oder" bringt diese Relativierung m.E. gut zum Ausdruck. Bei einem "und" oder zwei Sätzen sähe es ganz anders aus.

    Warum kann jemand nicht einfach akzeptieren, dass er/sie sich unglücklich ausgedrückt hat? Denn offensichtlich ist ja etwas falsch angekommen beim Gegenüber!

  • Nur mal schnell zwischendurch: Ich finde es völlig in Ordnung, wenn ihr hier auch in eure eigenen Belange abschweift, im Gegenteil, das macht diesen Austausch lebendig und auch für euch bedeutsam. Das mag ich total.

    Und ich finde es bereichernd, mit dir, Siri, auch die Sicht der Seite der Kinder zu lesen. Das mag für mich als Mutter schwierig sein, aber umso wirkungsvoller ist es bestimmt auch.

    Ich möchte deine Gedanken in Ruhe durchgehen und durchdenken, was ich wahrscheinlich heute Abend nicht ganz schaffe. Wie gut, dass morgen Wochenende ist!

    Hab einen guten Start hinein und bis morgen!

  • <<<Warum kann jemand nicht einfach akzeptieren, dass er/sie sich unglücklich ausgedrückt hat? Denn offensichtlich ist ja etwas falsch angekommen beim Gegenüber!>>>

    Wenn etwas bei jemandem falsch ankommt, ist das ja nicht zwangsläufig so, weil der 'Sender' sich unglücklich ausgedrückt hat.

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