"Du willst eben einfach nicht wirklich."

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  • ... Das habe ich erst kürzlich über einen wiederholt rückfälligen Mitmenschen gedacht. Wobei, rückfällig kann man eigentlich dazu nicht sagen, da er jeweils nicht länger als ein oder zwei Wochen trocken war, bevor er wieder getrunken hat.


    Und genauso hat vermutlich auch ein mir Nahestehender vor drei oder vier Jahren über mich gedacht, als ich versprach, nicht mehr heimlich zu trinken, und es dann natürlich doch getan habe.


    Und damals hätte ich gesagt, ich will schon, aber ich kann nicht. Aber eigentlich wollte ich nicht. Beziehungsweise, ich konnte nicht wollen.


    Mich würde insbesondere von den "alten Hasen" hier im Forum interessieren, wie ihr es geschafft habt, dann doch genug zu wollen, um es zu schaffen, aufzuhören.


    Ich würde dieser Frage gerne hier im offenen Forumsbereich nachgehen.


    Welche Rolle spielt der "Wille" dabei, trocken zu werden (und zu bleiben). Wie konnten wir /konntet ihr den Willen entwickeln, wirklich auszusteigen aus dem nassen Leben? Und umgekehrt - was fehlt, wenn der Ausstieg nicht gelingt? Fehlt es am Willen? An anderem - was?


    Ich bin jetzt etwa 25 Monate trocken (und ich gedenke es noch lange zu bleiben), und ich fühle mich hilflos und ratlos, wenn ich mit einem nassen Alkoholiker spreche, der es nicht schafft, aufzuhören, und keinen weiteren Kommentar im Kopf habe als "du musst es wirklich wollen."


    Danke Euch und Gruß
    Thalia

  • Hallo Thailia,


    bei mir war es so dass ich zwar noch ein Dach über dem Kopf hatte aber körperlich am Ende war.


    Ich schaffte es kaum noch die Menge an Alkohol nach Hause zu tragen die ich soff :cry:


    Nach vielen Vorsätzen, die morgens schon vergessen waren, sah ich keine andere Möglichkeit mehr.


    Ich besorgte mit eine Überweisung und ging in die Entgiftung, das sind 12 Jahre her.


    Es war meine beste Entscheidung :!:


    LG Martin
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  • Bei vielen muss der Anstoß von außen kommen, bei mir von der Familie, bei anderen durch den Arbeitgeber oder Freunde bzw. der anstehende Besuch beim Psychologen aufgrund einer angeordneten MPU. Ab dem Zeitpunkt ist man demaskiert. Die Wahrheit, die man selbst nur zu genau weiß, ist raus. Man kann sich nicht mehr verstecken. Das hat bei mir den Stein ins Rollen gebracht.


    Aber wie Karsten völlig zu Recht schrieb, gehören stets 2 dazu, einer der hilft und einer der Hilfe empfangen will. Ich meine aber nicht, dass man so tief gesunken sein muss, dass man auf der Straße vegetieren oder gar der Tod bereits heftig an die Pforte geklopft haben muss, um als Süchtiger für Hilfe zugänglich zu sein.


    Vielleicht kann thalia , ihrem/ihrer Bekannten anbieten, einen Kontakt zur Suchtberatung herzustellen? Auch ein Hinweis auf dieses Forum käme in Betracht. Das fällt mir dazu ein. Und dann kann sie nur abwarten und ggf. gut zureden. Dann liegt der Spielball in der Hälfte des Betroffenen, um es mal bildlich auszudrücken.

  • Hallo Thalia


    Zitat

    Mich würde insbesondere von den "alten Hasen" hier im Forum interessieren, wie ihr es geschafft habt, dann doch genug zu wollen, um es zu schaffen, aufzuhören.

    Den Willen aufzuhören konnte ich erst umsetzen als ich keinen Willen mehr hatte weiter zu Saufen . Ich vegetierte vor mich hin. Der berühmte Tiefpunkt hat mir erst die Möglichkeit geschaffen um mir Hilfe zu holen .


    Zitat

    Welche Rolle spielt der "Wille" dabei, trocken zu werden (und zu bleiben)

    Ich katalogisiere nicht den Willen in irgendwelche Konstellationen meines Weges. Ich machte meine Trockenheit durch das Wissen der Alkoholkrankheit abhängig. Saufen Tod. Nicht Saufen Leben


    Ich halte nichts davon einem Alkoholiker der noch nicht soweit ist Hilfe anzubieten, wenn dieser Entschluss nicht von ihm selbst kommt. Ich halte es sogar für kontraproduktiv auf einen Alkoholiker einzuwirken Hilfe holen zu müssen. Ich kenne auch keine Alkoholiker der nicht weiß wo er Hilfe bekommt.


    Soviel erstmal kurz nach Mitternacht :)


    Gruß Hartmut

    Gruß Hartmut

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    Wer will findet Wege , wer nicht will, findet Gründe !

  • Vielen Dank schon mal hier, Martin, Karsten, Carl Friedrich und Hartmut.


    Nur kurz zur Klärung: Der nasse Alkoholiker, von dem ich schrieb, ist mir im Rahmen meiner Selbsthilfe begegnet. Ich bin gar nicht aufgefordert, ihm zu "helfen", er versucht es schon selber, aber eben bisher vergeblich. Ich wollte nur meine Gedanken dazu zum Anlass nehmen, meine Frage zu konkretisieren.


    Weil ich eben denke, dass auch viele, die sich hier im Forum melden (oder auch nur lesen) an dem Punkt sind, "eigentlich" aufhören zu wollen, "eigentlich" verstanden zu haben, dass sie alkoholkrank sind, aber dann den Absprung "irgendwie" nicht schaffen..


    So wie es mir ja auch gegangen ist.


    Und daher meine Frage - was fehlt, wenn es nicht klappt. Oder andersrum: Was braucht es, damit du es schaffst.


    (Mit dem "Tiefpunkt" kann ich immer nicht so viel anfangen, das ist mir zu abstrakt. Im Zweifel weiß ich doch auch erst hinterher, ob etwas der Tiefpunkt war, oder? Aber dazu vielleicht lieber nochmal ein separates Thema.)


    Karsten, was du über den Willen schreibst, habe ich verstanden und leuchtet mir sehr ein. Erstmal (wie Hartmut schreibt) erkennen, dass ich alkoholkrank bin - mit der Perspektive, daran zu sterben. Wenn ich aber leben will, Veränderungen umsetzen, die mir ein trockenes Leben (ein Überleben) ermöglichen.


    Vielen Dank bis hierher, da rückt sich wieder etwas weiter zurecht in mir. :)


    Gruß Thalia

  • Moin Thalia,


    erst einmal, ich trage niemanden die Trockenheit hinterher. Wer um Hilfe schreit, dem helfe ich.


    Ich weiß bis heute nicht sicher, wieso ich damals umkehren konnte. Mit Alkohol ging nichts mehr, ich wollte mein Leben nicht mehr, konnte damit nichts mehr anfangen, wollte es im Alkohol ertränken. Das habe ich nicht geschafft. Äußerlich war bei mir alles in Ordnung, aber meine Seele, denke ich, konnte nicht mehr tiefer sinken. Also, entweder der totale Untergang oder aufstehen.


    Heute bin ich dankbar, dass ich gerade noch aufstehen konnte. Die letzten 7 Jahre waren und sind ein Geschenk.


    PB

    Nichts ist schlimmer als die Weltanschauung derer, die sich noch nie die Welt angeschaut haben.

  • Hallo Thalia


    nun gibt es ja für mich einmal der Wunsch nicht mehr trinken zu wollen und der Wunsch nicht nicht mehr trinken zu können . Nicht mehr Wollen kann auch ohne Alkoholkrankheit erfolgen . Bei nicht mehr können ist man Alkoholkrank. Wer sich nicht sicher ist Alkoholiker zu sein wird solange Gründe finden weiter zu saufen bis es ihm klar wird .Am Anfang des Tiefpunktes steht erst die Erkenntnis Alkoholiker zu sein. Alles andere folgt oder eben nicht.


    Gruß Hartmut

    Gruß Hartmut

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    Wer will findet Wege , wer nicht will, findet Gründe !

  • Hallo Thalia,


    Mein Tiefpunkt war ja ziemlich extrem, ich habe ja oben angeklopft.
    Damals war das schlimm für mich, aber in Endeffekt hat mir das vielleicht am meißten geholfen.
    Von "eigentlich" trocken werden wollen war da keine Rede mehr sondern nur noch von sterben oder weiter leben ohne Alkohol.


    Zum Willen:
    Man sagt mir einen überaus starken Willen nach.
    Und das ich auch fast immer das mache, was ich sage.
    Und Wege finden werde, um meine Ziele zu erreichen.


    In meiner Alkoholabhängigkeit nützte mir mein Wille aber gar nix!
    Dagegen war er einfach nicht stark genug.
    Ich war körperlich derart abhängig geworden, das da einfach mit meinem Willen nix mehr zu machen war.
    Ich brauchte dringend diese Entgiftung, die Hilfe von Ärzten.
    Und ich entschloss mich im KH, weiterleben zu wollen.
    Diese beiden Sachen waren für mich am wichtigsten und halfen mir am allermeißten.


    Als ich die schwere Entgiftung überstanden hatte, nützte mir auch mein starker Wille wieder.
    Denn ich WOLLTE leben und mein Wille half mir dabei, alle dafür notwendigen Veränderungen durchzuführen.
    Ich WOLLTE nie wieder saufen müssen.


    Zitat

    und ich fühle mich hilflos und ratlos, wenn ich mit einem nassen Alkoholiker spreche, der es nicht schafft, aufzuhören, und keinen weiteren Kommentar im Kopf habe als "du musst es wirklich wollen."


    Hm, "Du musst es wirklich wollen" stimmt zwar, aber es hört sich auch ein bisschen danach an wie "bisher wolltest Du offensichtlich nicht wirklich" und solche Aussagen finde ich recht überheblich.
    Ich wollte damals auch aussteigen, der Wille war ja da und es gab ja auch mehrere Versuche.
    Es klappte aber nicht wegen meiner körperlichen Abhängigkeit, mein Körper schrie geradezu nach dem Alk.
    Mit meinem Willen hatte das NULL zu tun.


    Wenn ich einen nassen Alkoholiker auf seine Krankheit anspreche, dann geschieht das sachlich und freundlich.
    Ich mache ihm/ihr mal kurz klar, das ich sehe, was los ist und sehr wahrscheinlich andere auch.
    Denn viele denken ja, ihr Gesaufe ist noch unentdeckt, das ist ja einer unserer Selbstlügen.
    Ich sage dann, das es mir ebenso ging, das ich auch schwer abhängig war und erzähle vielleicht noch ganz kurz was von dieser Zeit.
    Und ich sage dann, wo man Hilfe bekommt. Und das man es ohne nicht schaffen wird, auszusteigen.
    Mehr kann ich nicht tun.
    Wenn jemand an mich herantritt und um Hilfe bittet, wäre mein Procedere übrigens genauso.
    Auch dann verweise ich auf die Hilfsangebote.
    Persönlich engagiere ich mich lieber nicht weiter, weil ich nicht will, das sich da jemand zu sehr an mich ranhängt.


    LG Sunshine

  • So weit ich mich erinnern kann, tauchte bei mir der Wunsch mit dem Saufen aufzuhören immer dann auf, wenn ich voll war. War ich gerade mal nüchtern weil ... was weiß ich ... tauchte der Wunsch nicht auf. Nein, da hab ich mir Gedanken darüber gemacht, wo ich den nächsten Liter Schnaps her bekomme. Erst nach den Halluzinationen - also im Krankenhaus und nüchtern - war klar für mich: Jetzt ist Schluss, muss Schluss sein, sonst löst sich mein Gehirn alsbald wahrscheinlich in Luft auf.


    Also auch bei mir hätte das ohne persönlichen Tiefpunkt nicht funktioniert und mit "gut zureden" von Irgendjemandem gleich gar nicht.

  • Da fällt mir noch folgendes ein: Letzte Woche in der SHG waren u. a. zwei Patienten aus der Entgiftung. Nachdem die sich vorgestellt hatten und etwas von sich erzählt hatten - Vergangenheit/Zukunftspläne - waren wir - Stammmitglieder der SHG - uns darin einig, dass die Zwei zwar wollen, es aber kaum schaffen werden. Es war nichts von irgendwelchen geplanten Veränderungen zu erkennen. Beide waren - auch nach mehrmaligem Nachfragen noch - der Meinung, dass es ausreicht, wenn sie mit dem Saufen aufhören wollen und sonst alles sonst weiter so läuft wie immer. Da musste auch nichts mehr dazu sagen, die brauchen noch.

  • Hallo Ihr Lieben!


    Zitat von Karsten

    Hallo,
    Was ist also das Ziel, was ich durch die Abstinenz erreichen möchte?


    Das könnte doch ein, wenn nicht der Knackpunkt sein. Zumindest kenne ich das so, wenn man (schlechte) Gewohnheiten ändern möchte oder etwas anderes erreichen möchte.


    Sage ich einfach: „Ich will mehr Geld haben“, funktioniert das nicht. Das Ziel „Mehr Geld“ ist kein richtiges Ziel. Viel zu schwammig. 1 Cent mehr ist auch „mehr Geld“.


    Also ist es ratsam zu gucken, warum ich das haben will. Was ich konkret dadurch in meinem Leben anders haben möchte. Zum Beispiel das Gefühl von Sicherheit oder ganz konkret eine bestimmte Reise machen. Für die Reise brauche ich also Betrag X und zwar bis spätestens Tag X damit ich genug Zeit zum Buchen und organisieren habe. Dann klappt es besser. So tickt unser Hirn. Dieses Effekt kennt die Gehirnforschung schon seit den 60er Jahren.


    Und das ist doch sicher auch auf Süchte übertragbar. „Nicht mehr saufen.“ ist kein richtiges greifbares Ziel.


    Meine Gedanken dazu, ...


    liebe Grüße, Aiko

  • glück auf alle


    Zitat von Aiko

    Das könnte doch ein, wenn nicht der Knackpunkt sein.

    ja - und auch: was ich vermeiden will !


    schöne zeit

    :D
    matthias

    trocken seit 25.4.1987 - glücklich liiert - 7 Kinder - 17 Enkel

  • hallo karsten


    Zitat von "Karsten"

    Sich immer wieder vor Augen zu führen, warum man denn überhaupt mal am Anfang den nüchternen Weg einschlagen wollte.


    ich schreibe es jetzt mal ganz kurz und bündig: weil ich leben will und nicht in den nächsten jahren unter der erde liegen möchte.
    grüße
    NNGNeo

  • Hallo,


    Das denke ich so oft: du willst es eben nicht wirklich.
    Und dann geht es mir nach den gefühlten 100.000 x Ohne Alkohol wieder so schlecht. Hänge würgend über dem Waschbecken und denke ‚wäre nur alles zu Ende‘. Und irgendwie geht es weiter... Ich rappele mich auf, wieder Entzug und von vorne geht es.


    Lese die ganzen ‚Erfolgsgeschichten‘ hier und denke neidisch ‚warum alle, nur ich nicht???‘


    Pearl

  • Liebe Pearl,


    bin etwas erschrocken, magst Du erzählen, was passiert ist?
    Melde Dich bitte... geht es Dir nicht gut?
    Bist Du rückfällig geworden?
    Auch dann bist Du hier an der richtigen Adresse !!
    Du bist doch auch noch im Erweiterten Bereich, oder?
    Wenn Du hier nicht persönlicher schreiben magst, dann vielleicht dort?


    LG Sunshine

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