Sare. Auch ich bin neu hier

  • Hallo,

    ich bin Sare, bin in den 50ern und ich bin EKA.

    Ich lese hier schon länger mit, da mich das Leben durch eine besondere Begegnung mit einem trockenen Alkoholiker darauf aufmerksam gemacht hat, dass es noch die eine oder andere Baustelle in meiner Seele gibt. Ich glaube, dass ich hier Anregungen und Denkanstöße bekommen und vielleicht sogar auslösen kann und freue mich auf Austausch. :)

  • Hallo und herzlich Willkommen Sare!

    Ich bin auch EKA und hatte schon so viele Aha Momente, seit dem ich hier bin.

    Viel Freude, Erkenntnis und Hilfe beim kommenden Austausch.

    Fröhliche Grüße, Lea

  • Hallo Sare

    willkommen bei uns. Ich habe dich freigeschaltet und in den richtigen Bereich verschoben, damit du dich gleich austauschen kannst.

    Gruß Hartmut

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    Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe!

    Trocken seit 2007

  • Mein Vater hat mit Beginn der Demenz vergessen das er trinkt. Einfach so. Das war einerseits eine Erleichterung, andererseits die größte Demütigung meines Lebens. Das er raucht hat er nie vergessen.

    Warum, Sare, was hat das mit Dir zu tun?

    Es ist tatsächlich erstaunlich, dass er jetzt eine Sucht "vergessen" hat, aber nicht die andere.

    Aber ziehst Du jetzt daraus den Schluss, dass er gar nicht "richtig" alkoholsüchtig war und jederzeit dir zuliebe hätte aufhören können?

    Du fragst mich jetzt nicht allen Ernstes, was ein alkoholkranker Vater mit meinem Leben zu tun hat?

    Ich habe mich gefragt, wie das sein kann. Diese ganzen Jahre, diese Kindheit, diese Verzweiflung, diese Verletzungen die nie wieder gut zu machen sind, diese Hilflosigkeit, dieses Entsetzen, diese Enttäuschungen. Ich war kein Co, ich war ein Kind. Ich konnte nichts dafür.

    Und am Ende seines Lebens sitzt er da, fröhlich und nüchtern. Das ist wie ein Schlag mit der Keule. Gewesen.

    Hallo Sare,

    vielleicht wäre es hilfreich, nach so langer Zeit mal direkt (und nicht nur indirekt, durch Kommentare bei anderen) bei Dir selbst zu schauen und dazu auch Austausch zuzulassen?

    (Ich tue mich damit auch schwer, aber ab und an schaffe ich es, und es hilft mir noch mal ganz anders als die indirekte Auseinandersetzung.)

    Auch dies bitte als Anregung auffassen, bin einfach über das Wort "Demütigung" in Deinem Beitrag bei Siri gestolpert. Und habe es leider nicht geschafft, auch meine Entschuldigung hier rüberzukopieren.)

  • Hallo Sare,

    mich haben deine Beiträge sehr berührt, denn ich habe etwas ähnliches erlebt mit meiner Mutter. Erst im sehr hohen Alter hat sie krankheitsbedingt aufgehört zu trinken. Ich stand davor und dachte: Warum in aller Welt ging das nicht früher? Aber es ging nicht früher. Es ist wie es ist.

    Inzwischen freue ich mich an den alkfreien Begegnungen und kann die noch verbleibende Zeit annehmen wie sie ist.

    Aber es war ein jahrelanger Prozeß für mich als EKA, die Lebensentscheidungen der Eltern bei ihnen zu lassen.

    So schlimm es früher war, aber ich wäre nicht die, die ich jetzt bin. Von daher habe ich damit meinen Frieden geschlossen. Aber auch das war ein langer Prozeß.

    Viele liebe Grüße,
    Linde

    You can't wait until life isn't hard anymore before you decide to be happy.

    - Nightbirde

  • Ich habe mich gefragt, wie das sein kann. Diese ganzen Jahre, diese Kindheit, diese Verzweiflung, diese Verletzungen die nie wieder gut zu machen sind, diese Hilflosigkeit, dieses Entsetzen, diese Enttäuschungen. Ich war kein Co, ich war ein Kind. Ich konnte nichts dafür.

    Liebe Sare,


    ich kann Deine Gefühle total nachvollziehen. Ich ertappe mich auch immer wieder bei der Frage, warum mein Vater nicht einmal versuchen konnte, für seine Familie aufzuhören. Aber ich fürchte, so funktioniert die Krankheit leider nicht. Aber das zu begreifen und zu akzeptieren , ist für diejenigen, die sich im Sog der Abhängigkeit befinden oder befanden, unfassbar schwer. Es ist ein Prozess und - das darf man, glaube ich, sagen, steinig und hart.


    Auch ich habe immer wieder Ausbrüche, Beleidigungen, Unberechenbarkeit und alles was dazugehört erleben müssen. Auch ich fühle mich ein bisschen um meine Kindheit betrogen. Als Kind hat man so viel investiert und gleichzeitig auf so viel verzichtet, dass es einem wie Hohn verkommt, wenn dann der trinkende Elternteil demenzbedingt das Trinken vergisst oder sich - wie bei mir - einfach ohne Vorwarnung vom Acker macht


    Linde hat es richtig gesagt: Im Endeffekt geht es für uns darum, Frieden mit der Situation zu schließen. Aber keiner hat gesagt, dass das von heute auf morgen geht. Es ist, wie Linde schreibt, wohl ein langer Prozess.


    Liebe Grüße


    Seb

  • Linde hat es richtig gesagt: Im Endeffekt geht es für uns darum, Frieden mit der Situation zu schließen. Aber keiner hat gesagt, dass das von heute auf morgen geht. Es ist, wie Linde schreibt, wohl ein langer Prozess.

    Genau darauf wollte ich mit meiner wohl leider sehr unsensibel wirkenden Frage (Was hat das mit dir zu tun?) hinaus, Sare.

    Dass die Erkenntnis, dass es für ihn durch die Demenz plötzlich auch ohne Alk geht, für Dich angesichts Deiner EKA-Kindheit wie ein Schlag ins Gesicht sein muss, ist mehr als verständlich.

    Mir ging es nur darum, generell die Crux der Cos und EKAs anzusprechen: Egal, wie sehr Ihr leidet, egal wie sehr Ihr Euch bemüht: Jemand ist süchtig, weil er süchtig geworden ist. Sucht kennt im wahrsten Sinne des Wortes keine Verwandten, nur den Selbsterhalt. Er ist nicht wegen und nicht trotz seiner Familie alkoholsüchtig geworden und geblieben. Inwiefern da auch nich der individuelle Charakter erschwerend hinzu kommt, steht bich mal auf einem anderen Blatt

    Das soll keinerlei Rechtfertigung von einer Alkoholikerin sein, die gerade mal gut 10 Monate abstinent ist, nur der (zugegeben unbeholfene) Versuch) einen anderen Blickwinkel anzuregen, damit du eben famit abschließen kannst

    Aber das sollte ich wohl besser anderen EKAs überlassen. Glaub mir bitte: Ich wollte Deinen Schmerz weder kleinreden, noch verschlimmern, Sare!

  • Liebe Rennschnecke, es ist alles in Ordnung, ich war unbeherrscht, es tut mir leid.

    Diese Co-Mütter hier machen mich stellenweise einfach fassungslos, da bekomme ich eine große Wut und bin gleichzeitig frustriert. Diese armen Kinder.

    Danke für Eure Anteilnahme, ich bin therapiert, meine Eltern sind gestorben und ich habe, außer meinem Bruder, keine Suchtkranken um mich herum. Ich bin zum Glück resilient genug, um nicht auch in eine Sucht gerutscht zu sein, wobei ich auch starke Raucherin war, dieses Laster aber ablegen konnte.

    Ich hatte auch nie einen alkoholkranken Partner, ich könnte schon niemanden mit Bierfahne küssen, wohl aber einen Mann gewählt, der, wie ich, aus einer belasteten Familie kam. Diese Ehe ging nicht gut, warum ist mir heute auch klar. Bezeichnend finde ich, dass seine nächste Wahl auch wieder eine Frau war, die aus einem alkoholkranken Elternhaus kam.

    Dieser ewige Kreislauf, gerade von EKAs, die ihr Leben lang etwas suchen, was es nicht mehr geben kann, ist einfach auch erschütternd.

  • Liebe Sare, danke für Deine Antwort.

    Wie ist denn das Verhältnis zu Deinem suchtkranken Bruder, kannst Du Dich da genug abgrenzen?

    Insgesamt liest Du Dich sehr klar, aber auch etwas bitter (natürlich vor dem Hintergrund mehr als verständlich), schränkt das Deine Lebenszufriedenheit irgendwie ein?

    Liebe Grüße ...

  • Es ist so, man kann seinen Frieden machen, aber man kann es ja nicht vergessen. Es ist eine sehr tiefe Narbe die eine Mutter hinterlässt, die ihren süchtigen Mann über das Wohlergehen ihres eigenen Kind stellt, die ihre Energie in Vertuschung und Vortäuschung falscher Tatsachen steckt, die dir vorlebt, dass du nicht schützenswert und überhaupt auch sonst nicht viel Wert bist, wenn du nicht reibungslos funktionierst.

    Es gibt eine ebenso tiefe Narbe die ein Vater hinterlässt, der entweder schläft oder betrunken ist, oder sich "rumtreibt", das ganze Geld in Alkohol steckt und lebt wie ein Single, jeden Freitag bis Sonntag auf Sauftour. Der dann Montagmorgens geweckt wird, wieder und wieder von einer hysterischen Frau, die ihn anschreit dass er seine Arbeit verliert wenn er wieder nicht hingeht. Ein Vater, der dich durch sein Verhalten in Existenzängste bringt, die ein Kind gar nicht kennen sollte. Ein Vater, der bis zum Schluss nicht weiß, wann du Geburtstag hast. Der dich für eine Flasche Bier stehen lässt, oder dich für ein Bier und einen Korn auf die Kneipentheke stellt und die anderen Männer unter deinen Rock gucken lässt.

    Als mein Bruder noch nicht geboren war, hat meine Mutter auch getrunken. Dann waren sie beide auf Sauftour und ich wurde eingesperrt. An den Wochenenden haben sie dann ewig geschlafen und ich habe mich schick gemacht und bin auf die Suche nach neuen Eltern gegangen. Hab bei Leuten geklingelt und gefragt, ob sie für mich noch Platz hätten, oder hab Paare beobachtet und wenn sie mir gefielen bin ich hinterher gegangen um zu gucken wo sie wohnen und hab dann am nächsten Samstag oder Sonntag dort angeschellt.

    Als meine Eltern das dann erzählt bekamen, haben sie meine Tür gar nicht mehr aufgesperrt wenn sie besoffen nach Hause gekommen sind. Ich hab dann ewig davon geträumt, dass jemand klingelt und sagt ich wäre vertauscht worden und komme jetzt zu meiner richtigen Familie. Kam aber nie jemand.

    Ich hab dann früh im Leben mein eigenes Ding gemacht, habe meine Eltern verachtet und verabscheut und mich um mich selbst gekümmert.

    Viel später wurde dann erst mein Vater krank und ich habe mich gekümmert und als er gestorben ist, habe ich mich um meine Mutter gekümmert. Allerdings nicht aus lauter Liebe, sondern weil ich ein anständiger Mensch bin. Ich habe immer nur das nötigste getan, mehr war mir nicht möglich. Ich bin weder ein Co geworden noch süchtig, wobei ich in meiner Jugend sehr exzessive Phasen hatte, da hab ich wohl einfach Glück gehabt.

    Jetzt hab ich den ganzen Sermon hier geschrieben, sorry.

    Aber ich bin heute ganz zufrieden mit meinem Leben, ich habe mich mit vielem abgefunden. Das ich keine Beziehung führen kann, dass ich manchmal ziemlich sperrig bin, dass mir Gerechtigkeit über alles geht. Ich genieße mein Leben so wie ich es kann und ich lebe gerne und lass es mir gut gehen. Vielleicht klinge ich manchmal bitter, aber das ist meistens nur eine realistische Sichtweise der Dinge.

    Gute Nacht :)

  • dass ich manchmal ziemlich sperrig bin

    Du nennst es ‚sperrig‘ ich nenne es Abgrenzung. Hut ab für deine Resilienz. Es wäre nicht verwunderlich gewesen wenn dein Leben ganz anders gelaufen wäre. Das hast du nur dir und deiner Stärke zu verdanken. Sei mal schlimm stolz auf dich bitte!

  • Danke Sare , dass du deine Gedanken hier teilst.

    Mir hat dein Bericht die Tränen in die Augen getrieben. Nicht nur, weil das so traurig und schlimm ist, was du erleben musstest, sondern auch, weil es die Realität in ganz vielen Familien widerspiegelt.

    Und ich wünsche mir auch, dass all die, die noch Zweifel haben, ob sie ihrem Kind eine solche Kindheit zumuten können oder wollen, deine Zeilen lesen ….und verstehen.

    Viele Grüße

    Stern

    ⭐️

    Wenn du heute aufgibst, wirst du nie wissen, ob du es morgen geschafft hättest.

  • Danke liebe Sare!

    Es ist eine sehr tiefe Narbe die eine Mutter hinterlässt, die ihren süchtigen Mann über das Wohlergehen ihres eigenen Kind stellt…

    Ich hoffe, dass sehr viele co.abhängige Mütter sich das bewusst machen.

    Und ich finde es toll, dass Du so offen alles aufgeschrieben hast.

    LG Cadda

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