Liebe Jump,
Abgrenzung ist sehr wichtig, und da geht es in den meisten Beziehungen ja nicht um 0 oder 1|schwarz oder weiß | absolute Trennung oder Dableiben unter Bedingungen-der-totalen-Selbstaufgabe. Es gibt im "normalen" (nicht suchtbelasteten) Leben viele Zwischentöne, wie man eine gesunde Abgrenzung meistern kann, ohne den anderen aus dem eigenen Leben zu verbannen, ihn zu verletzen etc.
Noch kaum oder nur wenige Möglichkeiten zur Verfügung zu haben, dass die Abgrenzung auf gute Weise gelingt, hat meiner Meinung nach nichts mit Sucht zu tun, sondern mit mangelnder Übung bzw. mangelnden Vorbildern durch engere Bezugspersonen im bisherigen Leben. In nicht suchtbelasteten Familien lernt man da ja ein ganzes Repertoire sehr unterschiedlicher Möglichkeiten, von der Körpersprache, subtilen Hinweisen, Handlungen, der stimmlichen Modulation, direkten und indirekten verbalen Äußerungen bis hin zur aggressiven Abwehr.
Ich lerne das gerade vor allem in der Gruppentherapie. Weil Emotionen ja im analogen Raum nochmal stärker wirken als wenn sie schriftlich vermittelt werden, ist die Therapie für mich sehr intensiv. Man kann es aber auch in diesem Forum gut lernen. Dafür bin ich sehr dankbar. Denn es ist ja auch im ganz normalen Leben sehr wichtig, dass man lernt, dass die persönlichen Grenzen von anderen respektiert werden, und dass man die Erfahrung macht, dass man sich auf gute Weise abgrenzen darf und dennoch Gehör verschaffen kann.
Mit Personen, die munter weitermachen, auch wenn man deutlich Stopp sagt, hat man ja nicht nur bei süchtigen oder persönlichkeitsgestörten Angehörigen zu tun. Nicht immer kann man da auf Distanz gehen und diesen Leuten zum Beispiel die kalte Schulter zeigen. Wenn etwa ein Vorgesetzter so agiert oder ein Mob aus verschiedenen Personen einen angreift, ist es gut, ein Arsenal verschiedener Strategien zur Verfügung zu haben, um sich erfolgreich zu verteidigen.
Für mich ist es wichtig zu lernen, mir bewusst zu machen, welche Schlachten ich schlagen will, also wo ich meine Zeit und Kräfte investiere und wo nicht. Ein Forum ist dafür ein guter Übungsraum, weil er nicht zweidimensional ist, sondern vielstimmig und sehr unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Werten und Haltungen die eigenen Beiträge lesen.
So wie Du ganz richtig schreibst:
Es muss mich ja auch nicht jeder verstehen.
Dass ich mich nicht erklären muß, dass mich jeder auch ganz ohne Erklärung und Buhlen um Verständnis respektieren muss, einfach weil die Würde eines j e d e n Menschen unantastbar ist, das nicht nur zu wissen, sondern zu verinnerlichen, ist für mich ein ganz wichtiger Lernprozess. Meine Mutter hat auf dreiste Weise immer verlangt, dass ich alles und jedes und mich selbst immer zu rechtfertigen habe. Sie hat nie aufgehört nachzuhaken, einfach weil sie immer die Oberhand behalten wollte, alles für sie eine Machtfrage war. Daneben gab es nichts, sachliche Diskussionen Fehlanzeige. Ein enormer Übergriff, der für mich sehr schädlich war, weil er mir vermittelt hat: Du bist nichts wert; Du hast die Rolle in Deinem Leben auszufüllen, die ich (als Mutter) Dir zugestehe. Damit ist jetzt auch in meinem sonstigen Leben zum Glück schluss.
"Never complain never explain" gilt in so manchen Situationen nicht umsonst als Königsweg der Souveränität. ![]()
Liebe Grüße
Siri