Liebes Forum,
ich habe hier schon lange nichts mehr geschrieben. Mein erster und letzter Beitrag war mein Vorstellungsbeitrag, in dem ich von meinem alkoholkranken Vater berichtet habe und davon, endlich den Kontaktabbruch geschafft zu haben, um mich und meine Familie zu schützen.
Heute Mittag habe ich nun von der Partnerin meines Vaters erfahren, dass er heute Vormittag verstorben ist. Er war wohl seit Freitag in einer Entzugsklinik und wurde heute tot in seinem Zimmer aufgefunden. Er soll einfach umgekippt sein. Genaueres klärt nun die Kriminalpolizei. Man habe eine Stunde lang versucht, ihn zu reanimieren. Leider erfolglos.
Seine Partnerin erzählte mir außerdem, wie sein Leben zuletzt so verlief. Nach einem 21-tägigen Aufenthalt in einer Entzugsklinik habe er es geschafft, 70 Tage trocken zu bleiben, bis die Sucht schließlich wieder lauter wurde. Er habe sich dann direkt um einen Platz in der Entgiftung bemüht, wollte es endlich schaffen, sei endlich bereit gewesen, auch eine Langzeittherapie zu machen. Er musste wohl 8 Wochen auf diesen Platz warten, da die Wartelisten sehr voll waren. Er bekam die klare Ansage, unbedingt seinen Pegel zu halten, um nicht in einen kalten Entzug zu rutschen. Leider hielt er diesen Pegel nicht nur, sondern überschritt ihn immer wieder enorm. Und immer wieder versuchte er zwischendurch selbst, kalt zu entziehen. Er erlitt diverse Krampfanfälle in dieser Zeit und baute immer mehr ab. Sein Körper muss sehr gelitten haben.
Seit Freitag hatte er dann endlich den Platz. Seine Leberwerte lagen wohl bereits bei über 3000 und auch die anderen Blutwerte sollen sehr schlecht gewesen sein. Er wurde medikamentös eingestellt für die Entgiftung. Leider hatte sein Körper keine Kraft mehr, um weiter zu kämpfen.
Ich weiß gar nicht mehr, wie ich mich fühlen soll. Ich habe mich immer gefragt, wie es sich wohl anfühlen würde, wenn er irgendwann stirbt. Weil wir so ein schwieriges Verhältnis hatten. Und jetzt fühlt es sich einfach so komisch an. Da wir keinen Kontakt hatten, ändert sich an meinem Alltag ja erstmal nichts so deutlich. Das macht es für mich sehr schwer zu begreifen, dass er wirklich tot ist. Gleichzeitig stirbt meine Hoffnung, die immer noch irgendwie da war, dass er es doch irgendwann schaffen würde und wir nochmal Kontakt haben würden. Ich bin geschockt, traurig und gefasst zur gleichen Zeit. Und zwischendurch fühle ich mich auch schlecht wegen des Kontaktabbruchs. Ich frage mich, ob er wusste, dass ich ihn trotz allem lieb hatte und ob er auf lange Sicht verstanden hat, warum ich den Kontakt damals abbrechen musste. Das letzte Mal, als ich ihn gesehen habe, ist noch gar nicht so lange her. Er lief beim Einkaufen etwas entfernt an mir vorbei. Er sah mich nicht, ich hielt Abstand, wollte den Kontakt unbedingt vermeiden. So beobachtete ich einfach, wie er in der Ferne vorbeiging. Dass ausgerechnet dies das letzte Mal gewesen sein soll, ist für mich unbegreiflich. Ausgerechnet dieser Moment, in dem ich unbedingt verhindern wollte, dass wir uns begegnen.
Mein Vater war über 32 Jahre lang gefangen in seiner Sucht. Jetzt ist er endlich frei.