• Weiter im Text.

    Gerade im ersten Jahr werden die Weichen gestellt. Vorher Hans Dampf überall, und dann soll ich plötzlich trocken leben. Großartig. ;) Nicht besonders aufregend

    Für mich hieß das damals nicht nur Glas weg. „Einfach nicht trinken“ ist die Theorie von Leuten, die nie gesoffen haben.

    Ich musste meine Welt umbauen. Nicht, weil ich so gerne wollte, sondern weil die Realität das verlangt hat. Da trennt sich auch die Spreu vom Weizen ziemlich automatisch. Wer nur zum Saufen da war, blieb eben auch beim Saufen.

    Die Welt wird nicht trockener , nur weil ich es bin. Also musste ich meine eigene Welt trockenlegen. Sauffreunde, Trinkbekanntschaften, Feste, Veranstaltungen, bei denen Alkohol fast schon Grundnahrungsmittel ist, wurden erst mal gestrichen. Mir war ziemlich egal, ob das Tante Erna, Cousin Kevin oder der „beste Freund seit 1998“ war.

    Meine Trockenheit war wichtiger.

    Die Sucht interessiert sich nämlich einen feuchten Kehricht für Geburtstage, Weihnachten oder Hochzeiten. Die nimmt jede Lücke, die ich ihr lasse, und am Anfang gibt es davon reichlich. Alte Orte. Alte Leute. Alte Stimmung. Und das legendäre: „Ach komm, das geht schon.“

    Genau deshalb verstehe ich bis heute nicht, warum man im ersten trockenen Jahr unbedingt testen muss, wie viel altes nasses Leben man schon wieder verträgt? Feiern bei mir zu Hause waren alkoholfrei. Kein „Meine Frau trinkt doch nur ihr Gläschen“ oder „Mein Freund, Partner, Nachbars Lumpi...“. Nö.

    Ich muss nicht dafür sorgen, dass andere bei mir Alkohol trinken können, damit sie sich wohlfühlen. Wer nicht süchtig ist, muss keinen Alkohol trinken. So einfach ist das für mich. Leute, die das nicht verstanden haben, denen musste ich auch nichts weiter erklären. Sie wollen es nicht verstehen, sie wollten trinken.. Die wurden eben nicht eingeladen.

    Für mich ging es nicht darum, möglichst schnell wieder genauso zu leben wie vorher, nur ohne Glas in der Hand. Natürlich fühlte sich manches erst mal wie Verzicht an. Trockenheit ist am Anfang kein Wellnessprogramm.

    Ich musste erst lernen, trocken zu leben. Und ja, ein „Nein“ gehört dazu. Für mich selbst und nach außen. Es ist auch nicht nötig, mich nur mit Alkohol „mögen“ zu müssen. ;)

    Die Rückfallgefahr ist sowieso hoch genug. Da muss ich nicht noch selbst Löcher in mein Sicherheitsnetz schneiden und anschließend ausprobieren, ob ich durchfalle. Mein altes Leben musste sich meiner Trockenheit anpassen. Nicht meine Trockenheit meinem alten Leben.

    Und ja, es gibt genug trockene „Helden“, die das alles anders machen. Sollen sie. Ich stoße niemanden vom Sockel. Oft sind solche Zugeständnisse gegenüber Partner, Familie oder Freunden für mich aber auch eine Art. Schaut her, ich trinke zwar nicht mehr, gehöre aber trotzdem noch dazu. Oder zu Hause, wo jahrelang gesoffen wurde, plötzlich beweisen zu wollen, dass der Partner neben mir weiter trinken kann.

    Vielleicht als Wiedergutmachung, vielleicht damit sich möglichst wenig verändert. Kann man machen.

    Ich musste kein Held sein. Ich kenne meine Realität, deshalb habe ich am Anfang nicht darüber verhandelt, wie viel altes, nasses Leben ich behalten kann. Ich habe geschaut, was meine Trockenheit schützt.

    Ja, es gab später natürlich Situationen, die sich nicht vermeiden ließen. Und auch mal ein Probieren, was schon wieder geht. Da war das Suchtgedächtnis teilweise schneller wach, als ich laufen konnte.:saint:

    Trigger gab es auch nach dem ersten Jahr noch. Nur haben die mich irgendwann nicht mehr ernsthaft ins Schwanken gebracht.

    Das kam aber nicht von allein. Der Austausch hier, das ständige Beschäftigen mit meiner Sucht und auch eine gewisse Wachsamkeit waren am Anfang wichtig. Vielleicht manchmal sogar etwas übervorsichtig. War mir aber lieber als überheblich.

    Irgendwann musste ich nicht mehr jeden Schritt bewusst überlegen. Trocken leben wurde normal. Meine Realität eben.

    Und vielleicht fällt mir dazu noch mehr ein. Muss ja nicht alles heute auf den Tisch.

    Sonst wird aus „Weiter im Text“ irgendwann „Endlosschleife mit Fußnoten“.

    Gruß Hartmut

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    Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe!

    Trocken seit 2007

  • Für mich hieß das damals nicht nur Glas weg. „Einfach nicht trinken“ ist die Theorie von Leuten, die nie gesoffen haben.

    Ich musste meine Welt umbauen.

    Ich habe meine Welt auch umgebaut und meine Abstinenz als obersten Dreh- und Angelpunkt gesetzt.

    Habe mein Leben nach meiner Abstinenz ausgerichtet. Auch berufliche Veränderungen, kleine optische Veränderungen zuhause, vor allem der Platz an dem ich immer getrunken hatte neu umgestaltet. Es gibt keine Kompromisse wenn Gäste kommen. Gibt absolut keinen Alkohol bei mir zuhause.

    Ich habe auch viel innere Trockenheitsarbeit geleistet.

    Alles hat sich gelohnt und alles behalte ich so bei.

    ————

    🦋 Heute trinke ich nicht 🦋 Heute lasse ich das 1. Glas stehen 🦋 abstinent seit 16.05.2024 🦋

  • meine Abstinenz als obersten Dreh- und Angelpunkt

    Da bin ich grad drübergestolpert, hab dann aber weitergelesen und es gefühlt was du meinst.

    Meine Abstinenz hat Prio1 aber Dreh- und Angelpunkt, ich weiß nicht. Im Alltag denk ich nur daran wenn ich mit einer Situation konfrontiert werde oder wenn ich hier täglich im Forum bin. Das erdet mich.

  • Hartmut : ich bin total beeindruckt von Deinen Texten und besonders den letzten vom Dienstag finde ich sehr hilfreich und erhellend. Dass es frustrierend sein kann, dass man manchmal in die Tischkante beißt, schreibst Du. Es ist gut, diese ehrliche Schilderung zu lesen... ich bin auch sehr gerne feiern gegangen... davon muss ich mich verabschieden sowie von meinem Traum, einmal an den Gardasee zu fahren (war ich noch nie, Sehnsuchtsort von mir) und dort bei Sonnenuntergang ein Glas Wein zu trinken... ich merke, es wird nicht einfach, das neue Leben einzurichten, aber es ist auch eine Verheißung: immer klar und bewusst und präsent im Hier und Jetzt sein zu können, das ist schon was...

    per aspera ad astra (nach Seneca) - durch das Dunkel zu den Sternen

  • und dort bei Sonnenuntergang ein Glas Wein zu trinken.

    Das liest sich für mich wie ein Werbefilm. Das ist die Werbung des Suchthirns.

    Ich war gerade am Meer im Urlaub. Habe wunderschöne Sonnenuntergänge gesehen. Dazu brauche ich kein Glas mit Was-auch-immer in der Hand halten. Ich habe das Meer gerochen und den Sonnenuntergang mit den Augen gesehen.

    An Alk habe ich dabei keine Sekunde (mehr) gedacht.

    Ich habe "mehr" in Klammern dazu gesetzt. Denn der Thread hier heißt ja auch xx Jahre trocken. Denn es war nicht immer so.

    Wo ich hingehe, dort bin ich dann.

  • einmal an den Gardasee zu fahren (war ich noch nie, Sehnsuchtsort von mir) und dort

    ….den Sonnenuntergang beobachten!

    Mehr braucht es doch nicht, denn es geht doch um den Sonnenuntergang und den Sehnsuchtsort.

    Also warum von den Traum verabschieden?

    _______________________________________

    LG Tabsi, abstinent seit 27.04.2024

  • den Gardasee zu fahren (war ich noch nie, Sehnsuchtsort von mir) und dort bei Sonnenuntergang ein Glas Wein zu trinken

    Ach herje, hier wird der Alkohol sowas von romantisiert. Ich kann mich leider kaum an den schönsten Sonnenuntergang erinnern. Es war in Key West und wir waren vorher in Hemingways Bar. Ich glaube jeder kann sich vorstellen, dass es nicht mehr sehr romantisch war. Ich glaub ich hab 3 Sonnenuntergänge gesehen, die wild hüpften und irgendwann war mir kotzübel.

  • Erst mal schön, dass hier wieder etwas Beteiligung reinkommt. 👍

    Nach 19 Jahren Trockenheit habe ich natürlich vieles schon zigmal geschrieben. Irgendwann sind die Geschichten auch einfach auserzählt, und die Märchen aus Tausendundeiner Nacht gehören zur nassen Zeit, nicht zur trockenen.

    Für mich ist Trockenwerden im Kern simpel. Keine Raketenwissenschaft, kein Geheimprogramm, kein „erst alles verstehen, bevor ich anfange“.

    Es ist ein Wort. Tun.:saint:

    Arzt, sichere Entgiftung, Grundbausteine, Risiken minimieren, Alkohol aus dem Umfeld, und das Ganze konsequent umsetzen. Hilfe kann unterstützen, Therapie kann helfen, Austausch kann helfen, Bücher können helfen. Aber nichts davon übernimmt das Tun für mich.

    Die Suchtmechanik ist keine neue Erfindung. Die Risiken auch nicht. Kompliziert wird es meistens erst im eigenen Kopf. Der ist sehr kreativ, wenn er eine Hintertür sucht.

    Gardasee, Sonnenuntergang, Wein. Klar kenne ich solche Bilder. Das ist nasses Denken. Und wenn dann noch Neid dazukommt, „Andere können trinken, ich nicht“, dann macht das natürlich etwas. Nur bringt es mir nichts, mich darin einzurichten. Also raus damit.

    Bei Menschen ohne Sucht darf das ein schöner Traum bleiben. Warum nicht? Bei mir hängt an diesem Weinglas eben mehr als nur Wein. ;) Wenn bei mir so ein alter Suchtfilm anlief, habe ich irgendwann aufgehört, ihn bis zum Abspann weiterzudenken. Ich kenne das Ende.

    Stopp-Taste.

    Warum sollte ich im trockenen Zustand freiwillig nasse Gedanken pflegen und ihnen noch einen Sessel hinstellen? Saufgedanken, Suchtdruck, erkennen, Schublade auf, rein damit. Wenn nötig aushalten, Notfallkoffer, rausgehen, irgendwas tun.

    Ich weiß, wo es endet, wenn ich wieder saufe.

    Wer solche Bilder weiterdenkt, ist vielleicht innerlich noch nicht ganz fertig damit. Zumindest ist das meine Vermutung. Ich sehe jedenfalls keinen Sinn darin, geschlossene nasse Hirnareale wieder zu füttern und aufzuwärmen, bis sich irgendwo wieder eine Lücke auftut.

    Nö. Welchen Nutzen soll das für meine Trockenheit haben? Abschreckbilder allein haben noch keinen Süchtigen trocken gemacht.

    Tun schon eher.

    Euch einen schönen Samstag.

    Gruß Hartmut

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    Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe!

    Trocken seit 2007

  • Das ist tatsächlich eine sehr gefährliche Verknüpfung .Sonnenuntergang mit einem Sundowner. Ein besseres Beispiel für die Verknüpfung von Romantik Entspannung und Belohnung mit Alkohol gibt es kaum.

    Solange solche Gedanken im Kopf rumgeistern ist gröste Vorsicht geboten.

  • Ich war auch mal: der Watzmann hat drei Gipfel. Auf jedem Gipfel ein Bier und einen Joint. Und sonstige alle möglichen Situationen.

    Irgendwie...ich war froh über die Erkenntnis, dass mich niemand, außer mir selbst natürlich, dazu zwingt, weiter zu trinken.
    Mir hat das gut getan, dass ich es damals nicht als Krankheit gesehen habe. Ich hatte dafür vielleicht etwas mehr Schuldgefühle, aber ich habe dafür sehr leicht die Verantwortung für meine Sauferei übernommen. Und was ich aktiv tue, kann ich auch aktiv lassen. Übersetzt, wenn ich ein Glas in die Hand nehmen kann, kann ich es auch stehenlassen.

    Wenig später habe ich es dann simpel so gesehen, Trockenheit ist einfach die Medizin gegen die Sucht, wenn ich sonst krank bin, nehme ich meine Medizin ja auch.

    Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.
    Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man es anschiebt.

    Aber das Gras wächst.
    Sei sparsam mit dem Düngen:mrgreen:

  • Nasses Denken. Dieses Konzept ist mir neu und ich begreife langsam, was es bedeutet. Danke für Eure klaren Ansagen zum Traum vom Sonnenuntergang etc... vielleicht habe ich zu oft die edit-Werbung gesehen, ich weiß es nicht... aber mir wird immer mehr bewusst, welche Assoziationen, Bilder und Gefühle ich mit Alkohol verbinde und dass das nicht gesund ist.
    Meine Gedanken kann und will ich mir nicht verbieten. Ich kann sie nur ziehen lassen und nicht weiter darauf eingehen, wenn ich bemerke, in welche Richtung das geht.

    Zwei Gedanken würde ich gerne noch zur Diskussion stellen:

    1. Ich habe mehrfach hier gelesen, dass es egal ist, warum ich getrunken habe und dass es keinen Sinn macht, sich damit aufzuhalten (so habe ich es jedenfalls verstanden). Ich stelle fest, mir hilft es, in Trigger-Situationen zu erkennen, was ich gerade jetzt mit Alkohol bezwecken wollen würde. Und dann kann ich mich dem eigentlichen Bedürfnis oder Gefühl widmen, dass unter dem Suchtdruck liegt...
    2. Meine Entscheidung zur Abstinenz steht felsenfest. Aber ich möchte Alkohol nicht verteufeln und möchte nicht-Süchtigen ihr Glas Wein gönnen können. Zwar sehe ich nach meinen Erfahrungen mit und Recherchen über Alkohol diesen sehr viel kritischer und bedenklicher als zuvor, aber ich fände es schön wenn ich in der Lage wäre, zB abends mit Freunden ins Restaurant zu gehen und es ok zu finden, wenn dann jemand (in unbedenklichen Mengen) etwas trinkt. Oder anders formuliert: ich möchte in mir so gefestigt sein, dass ich nicht darauf angewiesen bin, nur noch mit komplett abstinenten Menschen auch mal auszugehen. Das wäre jedenfalls meine Hoffnung, dass ich das kann...

    per aspera ad astra (nach Seneca) - durch das Dunkel zu den Sternen

    Einmal editiert, zuletzt von Linde66 (12. September 2026 um 20:16) aus folgendem Grund: Irre keine Markennamen, danke.

  • Ich habe mehrfach hier gelesen, dass es egal ist, warum ich getrunken habe und dass es keinen Sinn macht, sich damit aufzuhalten (so habe ich es jedenfalls verstanden). Ich stelle fest, mir hilft es, in Trigger-Situationen zu erkennen, was ich gerade jetzt mit Alkohol bezwecken wollen würde. Und dann kann ich mich dem eigentlichen Bedürfnis oder Gefühl widmen, dass unter dem Suchtdruck liegt...

    Warum du getrunken hast, kannst nur du selbst einordnen. Und du musst entscheiden, ob das für dein heutiges Trockenbleiben überhaupt noch eine Rolle spielt.;)

    Für mich persönlich hat der Anfang meines Saufens mit meiner heutigen Abstinenz nichts mehr zu tun.. Irgendwann hat die Sucht übernommen. Ab da war es ziemlich egal, wie ich mich gerade fühlte. Mein Suchthirn kannte Alkohol als All-inclusive-Lösung und hat ihn entsprechend angeboten.

    Triggersituationen sind für mich alle Momente, in denen dieses alte Programm wieder anspringt. Je näher etwas an meinem früheren Saufverhalten liegt, desto eher kann die Sucht reagieren. Aber auch das ist keine Garantie. Ich habe in meiner nassen Zeit schließlich nicht nur aus bestimmten Gründen oder in bestimmten Situationen gesoffen.

    Manchmal habe ich einfach nur so gesoffen. Sucht braucht nicht jedes Mal eine hübsche Begründung.

    Zwar sehe ich nach meinen Erfahrungen mit und Recherchen über Alkohol diesen sehr viel kritischer und bedenklicher als zuvor, aber ich fände es schön wenn ich in der Lage wäre, zB abends mit Freunden ins Restaurant zu gehen und es ok zu finden, wenn dann jemand (in unbedenklichen Mengen) etwas trinkt. Oder anders formuliert: ich möchte in mir so gefestigt sein, dass ich nicht darauf angewiesen bin, nur noch mit komplett abstinenten Menschen auch mal auszugehen. Das wäre jedenfalls meine Hoffnung, dass ich das kann...

    Meine Hoffnung in der nassen Zeit war oft. Morgen höre ich auf. Oder: Ich trinke nur noch da, wo es angebracht ist. Absichtserklärungen hatte ich genug.

    Nur, Hoffnung kennt die Sucht nicht. Die ist auch trocken nicht weg. Sie ruht. Mit dem ersten Glas wäre sie bei mir wieder voll im Geschäft, schneller als ein guter alter V8 anspringt. ;)

    Deshalb würde ich mir heute auch nicht schon die nächste Hoffnung hinlegen. Irgendwann sitze ich wieder ganz entspannt mit Trinkenden im Lokal. Kann sein. Muss aber nicht. Wenn ich mir das heute schon zum Ziel mache und es später nicht klappt, sitzt die Enttäuschung gleich mit am Tisch. Und die Sucht schiebt mir womöglich schon das Glas rüber und sagt: Prost.

    Vielleicht kann du irgendwann problemlos daneben sitzen. Vielleicht willst du es dann gar nicht mehr. Vielleicht interessiert dich das ganze Szenario überhaupt nicht mehr. Die Zukunft muss heute nicht schon fertig eingerichtet sein. Wie du später mit solchen Situationen umgehen kannst, zeigt sich auf deinem Weg.

    Und ich wäre vorsichtig, wenn andere trockene Alkoholiker schreiben. „Bei mir ist das kein Problem.“ Mag ja stimmen. Nur ist das deren Erfahrung und nicht automatisch deine. Trigger lassen sich nicht eins zu eins vergleichen. Was den einen kaltlässt, kann beim nächsten das komplette alte Programm anschmeißen.

    Die Suchtmechanik ist ähnlich. Der Treibstoff auch. Nur die Auslöser sind individuell und genau das macht es wieder aktivierbar. Was du heute kannst, ist viel einfacher. Das erste Glas stehen lassen. Heute trocken bleiben.

    Der Rest zeigt sich unterwegs.

    Gruß Hartmut

    ------------------

    Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe!

    Trocken seit 2007

  • Am Anfang geht es schlicht und einfach darum, trocken zu werden.
    So, wie Du es kannst.
    Für mich war ein "Was mach ich stattdessen" z.B. wichtig.
    Ansonsten kommen alle möglichen Emotionen ungefiltert hoch und dann ist nichts mehr mit Zuschütten.

    Ich habe außerdem ziemlich schnell, aber durch Beobachtung Anderer, begriffen, dass ich keinen einzigen glücklichen Rückfälligen gesehen hatte. Das galt es für mich absolut zu vermeiden. Ich hab bedingungslos aufgehört und es ernst genommen.

    Wenn ich ein Problem verstanden habe, habe ich es noch nicht gelöst. Zu wissen, warum ich getrunken habe, hindert mich ja nicht daran.
    Das hat von daher keine Priorität.

    Wenn Du länger trocken bist, wirst Du nüchtern sowieso ein wenig anders denken, vieles erst merken und das kommt dann von ganz alleine, wenn es kommen will. Das ist dann aber aus meiner Sicht nicht mehr entscheidend.
    Mit der Einschränkung, dass Du merken solltest, was Deine Trigger sind.

    LG LK

    Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.
    Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man es anschiebt.

    Aber das Gras wächst.
    Sei sparsam mit dem Düngen:mrgreen:

  • Hallo Morgaine,


    willkommen hier (bisschen spät) auch von mir.

    Erstens : … was Hartmut gerade geschrieben hat!

    Zweitens:

    was ich gerade jetzt mit Alkohol bezwecken wollen würde. Und dann kann ich mich dem eigentlichen Bedürfnis oder Gefühl widmen, dass unter dem Suchtdruck liegt...


    Das habe ich auch oft angewendet. Meine Frage an mich war: Was brauche ich eigentlich?
    Wasser, Ruhe, Schlaf, Essen, Urlaub, eine Umarmung, einen Zuhörer ….

    Inzwischen weiß ich, dass öfter auch gar nichts weiter hinter Suchtgedanken „dahintersteckt“ als nur die Sucht selbst.

    Aber Sprudelwasser trinken hat bei mir auf jeden Fall oft geholfen.

    Dir weiterhin einen guten Austausch hier, und Glückwunsch zu deinem Entschluss, trocken zu leben.

    Viele Grüße

    Thalia

  • Es ist ganz klar, das besonders zum Anfang der Abstinenz die Risikominimierung wichtig ist.

    Deine Gedanken an einen Sonnenuntergang mit einem Glas Wein löst bei dir Verzichtgedanken aus. Solange das so präsent bei dir ist, ist der Weg zum ersten Glas nicht weit. Wenn sich deine Abstinenz irgendwann stabilisiert hat, wirst du erkennen was deine Abstinenz in Gefahr bringen kann.

    Ob du irgendwann mit trinkenden Menschen ausgehen kannst, weis niemand. Da kann dir keiner eine Vorhersage anbieten. Ein Risiko ist es allemal. Das sollte dir immer bewust sein.Es hilft nichts, das Leben wird anders, aber deswegen nicht schlechter. Ganz im Gegenteil.

    Du hast festgestellt, das du nicht im " normalen" Rahmen trinken kannst. Du bist süchtig geworden, wie wir alle hier. Das hast du erkannt und die ersten Schritte getan. Sehr gut. Gib dir Zeit und dann wirst du sehen wo der Weg hingeht. Deswegen brauchst du den Alkohol nicht verteufeln. Der ist halt da.

    Er kommt nicht allein in unseren Körper. Die Hand mit dem Glas führen wir selbst zum Mund.

    LG Bono

  • Wenn Du länger trocken bist, wirst Du nüchtern sowieso ein wenig anders denken, vieles erst merken und das kommt dann von ganz alleine, wenn es kommen will.

    Genau so ist es.

    Da habe ich im Leben gelernt, dass ich mir Ziele setzen soll. Dann darauf hin arbeiten.

    Plötzlich soll ich warten und Geduld haben? Aber als die verteilt wurde saß ich doch hupend im Auto.

    Habe aber auf die Erfahrungen der länger trockenen hier und meiner realen SHG vertraut. Also eben nicht versucht, wie früher, mit dabei zu sitzen und halt einfach nichts zu trinken, usw. Das hat mich gerettet. Oder es hat mir zumindest viel Kampf und Willensanstrengung erspart.

    Den Zustand, wenn ich keinen Alkohol mehr im Blut habe, nennt man nüchtern sein. Das ist man recht schnell. Und ich dachte das wäre es dann. Jetzt bin ich nüchtern. Aber sowas von. Habe ja schon drei Wochen nichts getrunken. Nüchterner kann ich ja nicht mehr werden.

    Es gibt aber einen weiteren, neuen Zustand. Aus dem Grund unterscheide ich zwischen nüchtern und trocken.

    Oft lese ich, dass jemand drei Monate trocken war und dann rückfällig. Am besten das noch öfters.
    Nein, dann war er niemals trocken. Es waren nur Trinkpausen. Das Denken war weiterhin nass.

    Ich musste mal so grinsen. Hier schrieb jemand - ich glaube es war nach dem ersten Jahr - dass er aber noch "Restfeuchte" spürt.

    Das zeigt es aber gut auf. Es heißt, dass das erste Jahr das wichtigste ist. Klar, ist dann alles einmal durch. Geburtstag, Weihnachten, Neujahr, usw. Wenn das nicht die Gründe zum Bechern waren.

    Ich denke, es ist aber auch eher so die allgemeine Mitte auf dem Weg zur Trockenheit. Bei manchen geht es schneller. Bei anderen dauert es länger. Und ich kenne auch jemanden, der ist meiner Meinung nach jetzt weit über 10 Jahre "nur" nüchtern. Er muss ein wahrer Kämpfer sein. Er hat meinen Respekt und er tut mir aber auch leid. Was für eine Anstrengung. Und nie richtig zufrieden.

    So, um nochmal auf das obige Zitat zurück zu kommen.

    Ich dachte auch, dass ich hoffentlich bald wieder mit meinen Kumpels zusammen sitzen könnte und blöd "schwätzen" wie in den alten Zeiten.

    Mit der fortschreitenden Trockenheit habe ich immer klarer gesehen. Und das dauert sehr viel länger als das Nüchternwerden. Fast alle meine "Kumpels" wollen nur saufen und ich war nur Beiwerk. Anders herum war es ebenso. Wir haben uns nichts sinnvolles zu erzählen. Weil es uns nie interessiert hat.
    Ich bin nicht mehr mit und habe sehr schnell auch gar nichts mehr vermisst. Als ich sie zufällig getroffen habe und mit ihnen am Tisch saß (in einer Sauna) war mir das hirnlose Gelaber ganz schnell zu doof. Außerdem hat es sie auch nicht die Bohne interessiert wie es mir geht.

    Nun sind sie weg und das ist gut so.

    Geblieben sind die paar wenigen Menschen, die wirklich an mir als Mensch interessiert sind. Und die brauchen nichts trinken, wenn sie sich mit mir treffen. Denn das ist für Nicht-Alkoholiker gar kein großes Ding. Die trinken oft Tage und Wochen nichts, weil sie es nicht brauchen.
    Konnte ich am Anfang meiner Nüchternheit schwer verstehen. Und das lese ich aus dem

    ihr Glas Wein gönnen

    heraus. Meine Freunde wissen über mich Bescheid. Und wenn sie dann vor meiner Nase Alkohol in vollen Zügen genießen würden... Dann wären es nicht meine Freunde.

    Tatsächlich ist es gerade nicht so wichtig wie sich das jetzt für Dich anfühlt. Halte Dich fern, wenn getrunken wird und habe Geduld. Habe Vertrauen in die, die den Weg in die Trockenheit schon gegangen sind.

    Wenn Du ein Ziel brauchst. Dann ist es das erste Jahr mit größtmöglicher Sicherheit zu leben. Und dann schau mal, was du möchtest und wie deine Prioritäten dann sind.

    Du wirst dann gelernt haben wo Deine Trigger sind und wie Du damit umgehen kannst. Und Dir werden andere Dinge wichtiger sein, als noch am Anfang.

    Wo ich hingehe, dort bin ich dann.


  • Früher, also vor vielen, vielen Jahren, als ich noch sehr jung war hatte ich mal auf der Arbeit von einem Arbeitskollegen gehört: „Hast du mitbekommen, der... war in der Entzugsklinik und ist jetzt trocken?" Da fragte ich: „Was meinst du mit trocken? Was heißt das?" Er erklärte mir, dass …..ein großes Alkoholproblem hat, in einer speziellen Klinik war und dort behandelt wurde, und dass er jetzt trocken ist.

    Ich schaute ihn an und verstand es nicht ganz. Er sagte zu mir: „Trocken ist, wenn ein Alkoholiker keine Kontrolle mehr hat, also unkontrolliert trinkt, und wieder ein normales Leben führen möchte. Dafür gibt es eine Klinik, in der man behandelt wird, und danach will und darf man nie wieder trinken , man ist dann trocken." Das fand ich damals lustig.

    Viele Jahre vergingen. Ich habe viel gesoffen und sehr viel Mist gebaut.

    Immer wieder war es mein Ziel, abstinent zu leben oder kontrolliert zu trinken — nur „trocken" sein, das wollte ich nicht. Dieses Wort „trocken" war für mich so schlimm, dass ich mich nicht damit identifizieren wollte und konnte. Erst hier im Forum habe ich den Sinn in diesem Wort verstanden.


    Das ständige Lesen hier im Forum hat mich wachgerüttelt.

    Ich bin (M/geb. 71)und "lebe" glücklich, abstinent seit 05./24.

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