Weiter im Text.
Gerade im ersten Jahr werden die Weichen gestellt. Vorher Hans Dampf überall, und dann soll ich plötzlich trocken leben. Großartig.
Nicht besonders aufregend
Für mich hieß das damals nicht nur Glas weg. „Einfach nicht trinken“ ist die Theorie von Leuten, die nie gesoffen haben.
Ich musste meine Welt umbauen. Nicht, weil ich so gerne wollte, sondern weil die Realität das verlangt hat. Da trennt sich auch die Spreu vom Weizen ziemlich automatisch. Wer nur zum Saufen da war, blieb eben auch beim Saufen.
Die Welt wird nicht trockener , nur weil ich es bin. Also musste ich meine eigene Welt trockenlegen. Sauffreunde, Trinkbekanntschaften, Feste, Veranstaltungen, bei denen Alkohol fast schon Grundnahrungsmittel ist, wurden erst mal gestrichen. Mir war ziemlich egal, ob das Tante Erna, Cousin Kevin oder der „beste Freund seit 1998“ war.
Meine Trockenheit war wichtiger.
Die Sucht interessiert sich nämlich einen feuchten Kehricht für Geburtstage, Weihnachten oder Hochzeiten. Die nimmt jede Lücke, die ich ihr lasse, und am Anfang gibt es davon reichlich. Alte Orte. Alte Leute. Alte Stimmung. Und das legendäre: „Ach komm, das geht schon.“
Genau deshalb verstehe ich bis heute nicht, warum man im ersten trockenen Jahr unbedingt testen muss, wie viel altes nasses Leben man schon wieder verträgt? Feiern bei mir zu Hause waren alkoholfrei. Kein „Meine Frau trinkt doch nur ihr Gläschen“ oder „Mein Freund, Partner, Nachbars Lumpi...“. Nö.
Ich muss nicht dafür sorgen, dass andere bei mir Alkohol trinken können, damit sie sich wohlfühlen. Wer nicht süchtig ist, muss keinen Alkohol trinken. So einfach ist das für mich. Leute, die das nicht verstanden haben, denen musste ich auch nichts weiter erklären. Sie wollen es nicht verstehen, sie wollten trinken.. Die wurden eben nicht eingeladen.
Für mich ging es nicht darum, möglichst schnell wieder genauso zu leben wie vorher, nur ohne Glas in der Hand. Natürlich fühlte sich manches erst mal wie Verzicht an. Trockenheit ist am Anfang kein Wellnessprogramm.
Ich musste erst lernen, trocken zu leben. Und ja, ein „Nein“ gehört dazu. Für mich selbst und nach außen. Es ist auch nicht nötig, mich nur mit Alkohol „mögen“ zu müssen. ![]()
Die Rückfallgefahr ist sowieso hoch genug. Da muss ich nicht noch selbst Löcher in mein Sicherheitsnetz schneiden und anschließend ausprobieren, ob ich durchfalle. Mein altes Leben musste sich meiner Trockenheit anpassen. Nicht meine Trockenheit meinem alten Leben.
Und ja, es gibt genug trockene „Helden“, die das alles anders machen. Sollen sie. Ich stoße niemanden vom Sockel. Oft sind solche Zugeständnisse gegenüber Partner, Familie oder Freunden für mich aber auch eine Art. Schaut her, ich trinke zwar nicht mehr, gehöre aber trotzdem noch dazu. Oder zu Hause, wo jahrelang gesoffen wurde, plötzlich beweisen zu wollen, dass der Partner neben mir weiter trinken kann.
Vielleicht als Wiedergutmachung, vielleicht damit sich möglichst wenig verändert. Kann man machen.
Ich musste kein Held sein. Ich kenne meine Realität, deshalb habe ich am Anfang nicht darüber verhandelt, wie viel altes, nasses Leben ich behalten kann. Ich habe geschaut, was meine Trockenheit schützt.
Ja, es gab später natürlich Situationen, die sich nicht vermeiden ließen. Und auch mal ein Probieren, was schon wieder geht. Da war das Suchtgedächtnis teilweise schneller wach, als ich laufen konnte.![]()
Trigger gab es auch nach dem ersten Jahr noch. Nur haben die mich irgendwann nicht mehr ernsthaft ins Schwanken gebracht.
Das kam aber nicht von allein. Der Austausch hier, das ständige Beschäftigen mit meiner Sucht und auch eine gewisse Wachsamkeit waren am Anfang wichtig. Vielleicht manchmal sogar etwas übervorsichtig. War mir aber lieber als überheblich.
Irgendwann musste ich nicht mehr jeden Schritt bewusst überlegen. Trocken leben wurde normal. Meine Realität eben.
Und vielleicht fällt mir dazu noch mehr ein. Muss ja nicht alles heute auf den Tisch.
Sonst wird aus „Weiter im Text“ irgendwann „Endlosschleife mit Fußnoten“.