"Ich bin Alkoholiker/in" - korrekte, aber für viele schwierige Aussage?

  • Ich finde, dass im Vorstellungsbereich sehr oft rumgedruckst wird. Da kommen laufend Aussagen wie "problematischer Gebrauch", " Alkoholproblem", "nur psychisch" und so weiter.

    Guten Morgen Matcha, die sind halt noch nicht so weit, mir ist das Wort nur so leicht über die Lippen gegangen weil ich erkannt hab das ich jetzt was ändern muss sonst ist es zu spät. Davor hab ich mich jahrelang genauso belogen, ich hatte nur Alkoholprobleme die ich irgendwann lösen werde...hat meine nasse innere Stimme mir jedesmal eingeredet wenn ich wiedermal mit meinem Spiegelbild geredet habe.

  • Ich persönlich stell mir so eine Schuldfrage nicht. Da komme ich gedanklich zu keinem Ende. Es findet ja schon der äußerliche Einfluss statt wenn man noch im Bauch der Mutter ist (jetzt nicht auf sucht bezogen). Obwohl noch Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts war es normal in der Schwangerschaft zu trinken.

    Ich kann es eh nicht mehr ändern, solche Gedanken ziehen mich nur runter. Ich kann aber meine Gegenwart und Zukunft anders gestalten.

    „Die Guten sind die gleichen Leute wie die Bösen. Es sind alles nur Menschen, die vor sich hinleben.“

  • Wie gehe ich mit einem solchen Wort um?

    Woher kommt der Begriff?Wer hatte ihn genutzt und nutzt ihn heute noch?

    Nochmals Fragen über Fragen, unterschiedliche Deutungen, Meinungen und Gefühle die dabei entstehen.

    "Einer ist immer schuld ","die Schuldfrage muss noch geklärt werden"

    Wenn ich mir mit dem Hammer auf den Daumen haue,bin ich dann selbst schuld.

    Nein.ich hab nicht aufgepasst und jetzt tuts weh.damit muss ich leben.

    Der Schmerz wird weniger und ist irgendwann weg.Beim nächsten mal pass ich auf.

    Aus Erziehung und Prägung, aus der Kindheit wurde mir vermittelt das einer, hoffentlich nicht ich immer schuld sei.die Religion nutzt es heute noch um Menschen zu "führen "zu "leiten"auf den gewünschten Weg.

    Sehe ich heute anders. Aus Unwissenheit, achtlosigkeit mache und machte ich Dinge, die Konsequenzen hinter sich herziehen.

    Der Mensch macht immer Dinge die er nicht überlegt hat und die sich anders entwickeln als gedacht.

    In jungen Jahren hatte ich immer gern gebechert, war lustig machte Spaß, lockerte auf.

    Konsequenz, ich wurde abhängig, süchtig.

    Meine heutige Sichtweise und Herangehensweise ist für mich ganz einfach.

    Dumm gelaufen, fahrlässig gehandelt und ist jetzt wie es ist.

    Damit komme ich mittlerweile gut zurecht.

    Es war ein langer und beschwerlicher Weg bis dahin .Trotzdem muss ich mich nicht täglich selbst in die Pfanne hauen und mir eine schuld aufbürden.

    Ich bin froh das Karussell des Alkohols verlassen zu haben. Eine Lebensaufgabe.

    Eigene Schuldzuweisungen behindern mich in meinem Leben trocken zu sein und zu denken.

    LG Bolle

    Der Weg ist das Ziel(Konfuzius)

    Seit 1.1.2014 trocken

  • Religion nutzt es heute noch um Menschen zu "führen "zu "leiten"auf den gewünschten Weg.

    Sehe ich heute anders. Aus Unwissenheit, achtlosigkeit

    Religion! Da sagst du was Bolle. Da springen bei mir gleich die Alarmglocken an.Das ist aber ein gutes Beispiel, wie man die Schuldfrage benutzen,verdrehen und missbrauchen kann um Menschen zu beherrschen, in Abhängigkeit zu halten und sie somit beliebig lenken zu können.

  • hallo Dagmar und Bono59

    Nein, ich habe mich nicht wissentlich in diese, meine Alkoholikersituation gebracht. Irgendwie läuft diese Aussage wieder unter dem Mantel des „Willens“, so auf die Art…dann hör halt auf….!

    eine sehr abenteuerliche behauptung. "nicht selbst in diese situation gebracht"? aha und wer hat dich, mit gewalt und trichter um dir den alkohol einzuflössen, dazu gebracht und das immer und immer wieder? also in meinem fall war ich es selbst, der die entscheidung getroffen hat zu trinken. wenn es bei dir und bono anders war, will ich mal nix gesagt haben.

    aber daraus noch eine kausalität abzuleiten, vom ersten glas alkohol bis hin zur sucht halte ich für sehr gewagt. um dann noch zu behaupten man hätte es nicht gewusst wie schädlich alkohol ist...also beim besten willen, da fällt mir nichts mehr zu ein. ist das erste mal das ich das so lesen durfte:idea: einfach den schwarzen peter weiterreichen, "ich schuld an meinem konsum? niemals! und erklärt hat mir auch keiner dass das zeug auch noch schädlich ist und in die sucht führt". schön wie man eigenverantwortung auslagern kann...

    ich wünsche euch natürlich weiterhin eine trockene und erfüllte zukunft, in diesem sinne...

    grüsse eternal

  • eine sehr abenteuerliche behauptung. "nicht selbst in diese situation gebracht"? aha und wer hat dich, mit gewalt und trichter um dir den alkohol einzuflössen, dazu gebracht und das immer und immer wieder?

    Eventuell ein kleines Missverständnis in der Interpretation?

    Ich wusste, dass Alkohol abhängig machen kann, und trotzdem habe ich getrunken. Der Übergang zur Sucht kam schleichend, und genau dort beginnt die Grauzone der Verantwortung.

    Habe ich bewusst die Schwelle zur Alkoholabhängigkeit überschritten? Nein.

    Habe ich sie selbst verursacht? Vielleicht.

    Mir absichtlich die Sucht gewünscht zu haben ich weiß nicht. :whistling: Ich stelle mir keinen Freifahrtschein aus, aber das Etikett reiner Schuld lasse ich mir auch nicht anheften.

    Jedoch die Diskussion bringt mir nichts, und ich habe sie damals auch nicht geführt, weil sie für mich keine Bedeutung hatte.

    Sie heilt nichts, sie verändert nichts. Sie dient nur dazu, das schlechte Gewissen zu relativieren, das die Krankheit hinterlassen hat. Doch auch wenn ich nicht unschuldig bin – komplett schuld bin ich auch nicht.

    Amen:saint:

    Gruß Hartmut

    ------------------

    Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe!

    Trocken seit 2007

  • Eventuell ein kleines Missverständnis in der Interpretation?

    Ich wusste, dass Alkohol abhängig machen kann, und trotzdem habe ich getrunken. Der Übergang zur Sucht kam schleichend, und genau dort beginnt die Grauzone der Verantwortung.

    Habe ich bewusst die Schwelle zur Alkoholabhängigkeit überschritten? Nein.

    nein kein missverständnis und du sagst es selber, "ich wusste das alkohol abhängig machen kann".:idea: das ist für mich der knackpunkt und ich kann da noch einen draufsetzen. ich bin in einem alkoholikerhaushalt gross geworden, ich hätte es definitiv besser wissen sollen/können, wenn meine mutter alle 4-6 wochen dann für 14 tage zum berserker mutiert ist8| ich denke das es gleichgültigkeit war/ist oder jugendlicher übermut, so in der art, ach laß die doch reden, die alten und der rest übertreibt doch nur maßlos.

    natürlich ist der übergang zur sucht schleichend, ja sogar fliessend vom genusstrinken zum missbrauch bis hin zur sucht:idea: das ist ja das tückische am alkohol er kommt angeschlichen ganz unverfänglich. ja wer möchte den leuten schon ihre gesellige runde in abrede stellen? ja keiner! und das passiert auch nicht von heute auf morgen, so wie ich es gelernt habe kann schon mal locker ein jahrzehnt vergehen bis man merkt das man eigentlich schon verloren hat. auch bewusst die schwelle zu überschreiten bis zur sucht, absichtlich? kann ich auch nur mit nein beantworten. keiner steht früh auf mit dem vorsatz, ach heute werd ich mich mal zulaufen lassen hoffentlich bin ich bald süchtig. klingt komisch, ist auch komisch, weils keiner so handhabt oder besser noch glaubt.

    Jedoch die Diskussion bringt mir nichts, und ich habe sie damals auch nicht geführt, weil sie für mich keine Bedeutung hatte.

    Sie heilt nichts, sie verändert nichts. Sie dient nur dazu, das schlechte Gewissen zu relativieren, das die Krankheit hinterlassen hat. Doch auch wenn ich nicht unschuldig bin – komplett schuld bin ich auch nicht.

    Amen:saint:

    da bin auch ganz bei dir;) habe mir im nachgang nie den kopf darüber zerbrochen wem ich dafür verantwortlich machen könnte. es bringt auch nix ausser das man sich im kreis dreht. wie du sagtest. " sie heilt nichts, sie verändert nichts" und es spielt auch im nachhinein keine rolle, weil man sich nur selbst geißelt.

    grüsse eternal

  • Mir absichtlich die Sucht gewünscht zu haben ich weiß nicht.

    Ich kann mir absolut nicht vorstellen, daß irgendein Mensch in dem Bewußtsein,das eine Alkoholsucht einen elendigen Weg bis zum Tod bedeuten kann, sich wissentlich in eine Sucht hineinsäuft!! Außer, derjenige will auf diese Art sein Leben beenden, Gibt es ja auch. Ich brauche keine Erklärungen oder Entschuldigungen oder Abgabe von Verantwortung. Ich seh nur den Istzustand....Abhängigkeit! Da wollte ich ganz sicher nie hin.

  • Begriffe wie Alkoholiker, Schuld.

    Ich bin Alkoholiker. Diesen Satz habe ich das erste Mal in der Reha-Gruppe nach der Entgiftung gesagt. Dass ich Alkoholiker bin, wusste ich schon lange, es aber real vor anderen auszusprechen war sehr merkwürdig und unangenehm. Es war wie ein innerer Konflikt. Ja, ich bin Alkoholiker, aber doch nicht so, dass ich das vor anderen sage.
    Ich kann mich noch sehr gut an die Wirkung dieses Satzes erinnern. Irgendwie war plötzlich auch Erleichterung zu spüren, hatte ich das doch vor meinem Umfeld bis zum Schluss vehement geleugnet. Jetzt war es das erste Mal raus. In den darauffolgenden Wochen habe ich den Satz noch öfter gesagt und es fühlte sich besser an, weil ich begonnen hatte mich damit zu identifizieren.
    Ich hatte kein Problem, was man lösen konnte, keine Abhängigkeit erworben, die ich wieder loswerden konnte. Nein, ich war Alkoholiker geworden. Ich musste mich mit der Unumkehrbarkeit dieser Tatsache auseinandersetzen. Mein erster Schritt hin zur Akzeptanz.

    Hier in diesem Forum habe ich mich mit „Ich bin Alkoholiker“ vorgestellt. Den ersten schwierigen Schritt hatte ich ja schon hinter mir.
    Deshalb kann ich verstehen, wenn ein Neuankömmling sich mitunter zuerst damit schwer tut,
    wenn es das erste Mal ist. Hier ist es anonym, keiner kennt mich und keiner kann mich zu etwas zwingen und trotzdem gibt es den inneren Widerstand, sich als Alkoholiker zu bezeichnen. Ja, der Begriff ist stigmatisiert aber doch nicht hier, in einem anonymen Alkoholiker-Forum.
    Ich finde es sogar besser, wenn dieser Konflikt zu Tage tritt, als wenn es jemand schreibt, nur damit er seine Ruhe hat. Es wird ihn sehr wahrscheinlich irgendwann einholen.

    Meine Einstellung zu diesem Satz hat mir geholfen zu akzeptieren und damit meine Abstinenz zu stabilisieren und das bestimmte auch mein weiteres Handeln.

    Genauso sehe ich es mit der Schuld. Ich bin verantwortlich dafür, dass ich mich in die Sucht gesoffen habe und niemand anders. Warum, wieso und zu welchem Anteil ist erstmal zweitrangig.
    Wenn ich das verinnerlicht habe und akzeptiert habe, ist dies auch ein weiterer Schritt zu Stabilisierung meiner Abstinenz.

    Ich stelle mir vor, ich bin in einem für mich risikoreichen Umfeld, es wird mit Alkohol gefeiert, mehr als ich erwartet habe. Ich bin mental angeschlagen, müde, traurig, enttäuscht….warum auch immer. Eigentlich sollte ich schnell weg. Der Alkohol eine Armlänge weg von mir. Irgendwie ist mir gerade alles gleichgültig und jetzt kommt noch dazu, dass ich sowieso der Meinung bin, dass ich nichts dafür kann, dass ich Alkoholiker geworden bin. Das könnte es mir einfacher machen, jetzt in dieser Situation, in der mehrere Dinge zusammengekommen sind, doch einfach das nächste Glas zu nehmen.

    Alkoholiker und Schuld - meine innere Haltung dazu stabilisiert meine Abstinenz.

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          - abstinent seit 6.01.2024 -

  • Ich habe bezüglich vielen Dingen Schuldgefühle. Aber über den Begriff Schuld in Zusammenhang mit meiner Sucht habe ich nie nachgedacht.
    Seit ich trinken durfte habe ich sehr viel getrunken und ja in meinem Umfeld galt das als normal, aber andere aus diesem Umfeld sind trotzdem nicht abhängig geworden.

    Gibt bestimmt auch einen genetischen Faktor. Ich mach alles gleich sehr viel. Hab viel geraucht als ich geraucht hab, wenn ich Sport mache dann bis zur Erschöpfung usw. Grenzen testen vielleicht. Aber wo ist da die Schuld???

    Es ist halt passiert aber ich bin stolz dass ich auf die Idee gekommen bin aufzuhören und mein Leben nochmal auf links zu krempeln, damit der Alkohol aus dem Zentrum ganz weit an den Rand geschoben wird.
    Und wer weiß- vielleicht wäre mir nie so bewusst geworden wie schön es ist früh morgens aufzuwachen und fit zu sein. Noch einen Kaffee im Bett einfach aus Genuss und nicht weil ohne gar nix geht.

    Ich will nicht übertreiben- natürlich hätte ich mir die Sucht gerne erspart aber einige Dinge sehe ich durch sie klarer.

    Ich hab auch keine Ahnung an welcher Stelle meines Lebens ich einen anderen weg hätte nehmen sollen um nicht süchtig zu werden.

    Es zog mich schon immer zu den ‚partymenschen‘ - suggerierten sie doch eine ‚Wildheit‘ die mir gut gefiel.

    Aber an lallenden Leuten nachts um drei an einer Bar ist gar nix wild- außer der gemeinsam gestrickten Legende vom Abenteuer.

  • Interessant, dieser Diskussionsverlauf - denn ich habe mit meiner Zeile die Schuldfrage überhaupt gar nicht gestellt, die Du Hartmut darin gelesen zu haben meinst.

    Vielen Deiner Betrachtungen und rhetorischen Fragen kann ich durchaus zustimmen.

    Jedoch unterscheide ich vehement zwischen Schuld und VERANTWORTUNG! Das ist nicht dasselbe!

    Ich bin verantwortlich dafür, die Trinkerei übertrieben zu haben- seien die intrapsychischen Gründe dafür, wie sie wollen - trotz Warnzeichen, ersten körperlichen Symptomen und allem rationalem Wissen.

    Nur wenn ich mir diese Eigenverantwortlichkeit eingestehe, kann ich doch für möglich halten und die Zuversicht haben (derer es zwingend bedarf!), auch in eigener Verantwortung das Gegenteil dessen zu tun in der Lage zu sein: nämlich das Glas STEHEN ZU LASSEN.

    (Danke Nayouk , Du hast es viel treffender formuliert, was ich meinte.)

  • Jedoch unterscheide ich vehement zwischen Schuld und VERANTWORTUNG! Das ist nicht dasselbe!

    Dann beschreibe doch mal den Unterschied;)


    Schuld bedeutet immer persönliche = subjektive Vorwerfbarkeit. Habe ich mir da etwas vorzuwerfen? Ja, das habe ich. Aufgrund meines intellektuellen Zuschnitts war mir immer klar, dass exzessiver Konsum in der Abhängigkeit enden kann, wie es z.B. bei meinem Vater war, der keine 60 geworden ist, weil er sich schlichtweg zu Tode gesoffen hat.


    Habe ich mit Vorsatz oder nur mit Fahrlässigkeit gehandelt? ich nenne es bei mir grobe Fahrlässigkeit, da ich in meinen Saufzeiten darauf vertraut habe, es wird schon gut gehen. Warum habe ich das geglaubt? Weil es mir meine Sucht vorgekaukelt hat.


    Gerade zu Beginn wird in Therapien gerne die Schuldfrage ausgelassen, um den Neuling nicht zu überlasten. Das halte ich für richtig, er hat Wichtigeres zu tun, als sich in den ersten Wochen und Monaten mit dem subjektiven Schuldvorwurf zu befassen, da er erst mal Boden unter die Füße bekommen muss.


    Ich habe meinen Frieden mit meiner persönlichen Schul gemacht, dankbar bin ich meiner Familie, der ich schwer zugesetzt habe und die mich dennoch nie fallen ließ.

    Verantwortung, ja die trage ich für mein ganzes Leben, die guten wie die schlechten Dinge, die passiert sind.


    Und damit bin ich, wie es neuerdings so schön heißt: "Fein".

  • Jedoch unterscheide ich vehement zwischen Schuld und VERANTWORTUNG! Das ist nicht dasselbe!

    Was ist Verantwortung? Wie passt sie zur Sucht? Ist das nicht oft nur heiße Luft? Verantwortung heißt doch, für sein Handeln einzustehen und die daraus resultierenden Konsequenzen zu tragen. Bedeutet das rückblickend bloß ein Schuldeingeständnis: „Okay, ich bin schuld“? Oder liege ich damit komplett daneben?

    Solange nur geredet wird, ohne tatsächliches Handeln, bleibt Verantwortung eine hohle Phrase. Erst durch echte Konsequenzen gewinnt sie echtes Gewicht – alles andere ist nur leeres Gerede à la „Ich übernehme die Verantwortung!“

    Ich verstehe jetzt auch, warum es mir nach meinem Rückfall kaum Probleme bereitete, wieder trocken zu werden: Ich musste nicht hinterfragen, wie oder warum ich überhaupt alkoholabhängig wurde, und mir keine zusätzlichen Schuld- und Verantwortungsfragen aufbürden.

    Damals waren die Grundbausteine noch strenger formuliert, sodass ich sie einfach befolgen konnte. Dieses ständige Analysieren, Wiederaufrollen und Grübeln … wer das braucht, um eine stabile, zufriedene Nüchternheit zu erreichen, alles gut.

    Aber wenn ich meine ganze Energie darauf verwende, mir ein neues Etikett als „Alkoholiker“ zuzulegen, überrascht mich das bei der obigen Vorgehensweise kaum.

    Trocken werden und bleiben ist keine Wissenschaft, es ist eine Handlung. Es ist weniger kompliziert, wenn ich nicht alles zerdenke, zerrede oder zu Tode analysiere. Alles andere um mich herum ist einfach das Leben, das ich mir auch ohne Suchterkrankung unnötig schwer machen kann, wenn ich es darauf anlege. .:whistling:

    Gruß Hartmut

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    Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe!

    Trocken seit 2007

  • Habe ich mir da etwas vorzuwerfen? Ja, das habe ich. Aufgrund meines intellektuellen Zuschnitts war mir immer klar, dass exzessiver Konsum in der Abhängigkeit enden kann, wie es z.B. bei meinem Vater war, der keine 60 geworden ist, weil er sich schlichtweg zu Tode gesoffen hat.

    Ja, aber denkt man wirklich vor dem oder beim Konsum an die Möglichkeit der Abhängigkeit? Also ich tat es nicht. Ja freilich, man weiß, dass Alkohol abhängig machen kann... Mir war das auch klar (und ich hatte auch einen schlimmen alkoholbedingten Todesfall in meiner Familie). Einzelne Umstände (auch Einschnitte) in meinem Leben haben jedoch letztendlich dazu geführt, dass ich nicht mehr trinken wollte - und auch aufgehört habe.

    Vorwerfen kann ich mir heute, dass ich mich damals in manchen Situationen [vorsichtig ausgedrückt:] unangemessen verhalten habe, weil ich getrunken habe und vieles passiert ist, das nicht hätte passieren müssen. Dieser Vorwurf ergeht aber jetzt an mich mit Blick zurück. Damals - also ich meine mitten drin in der nassen Zeit - stellte sich mir diese Frage unmittelbar nicht. Bei mir zumindest einmal nicht.

  • Alkohol abhängig machen kann... Mir war das auch klar (und ich hatte auch einen schlimmen alkoholbedingten Todesfall in meiner Familie

    Meine Meinung war ganz einfach. Trinken ja, machen die Anderen ja auch. Abhängig? Passiert nur den Anderen! Charakterschwäche ,Labilität? Ich doch nicht. Das war dann wohl der Satz mit x, wie sich dann herausgestellt hat.Ich habe die Gefahr unterschätzt......Das ist nicht mehr zu ändern.Warum soll ich mich mit Schuldgefühlen geißeln? Das bringt doch nichts! Allerdings habe ich nun Verantwortung übernommenen und die Sucht gestoppt.Sehr schön.

  • Ich sage von mir auch, dass ich absichtlich gesoffen habe und wusste, wie es enden kann. Für mich bin ich da klar selber schuld. Ich stehe auch klar dazu, dass es mir niemand reingeschüttet hat. Ich leide aber nicht darunter, da ich es nur vor mir selbst rechtfertigen muss, und ich finde es im Rückblick nicht schlimm, dass ich gesoffen habe. Schlimm wäre es für mich nur, wenn ich nicht aufgehört hätte.

    Am Anfang fand ich es sehr vorteilhaft, dass ich der Urheber des Problems war.

    Meine Denke war, Fehler, die ich gemacht habe, kann ich ändern. Es liegt an mir, aufzuhören. Dadurch hatte ich die Überzeugung, dass ich es schaffen kann.

    Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.
    Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man es anschiebt.

    Aber das Gras wächst.
    Sei sparsam mit dem Düngen:mrgreen:

  • Nur wenn ich mir diese Eigenverantwortlichkeit eingestehe, kann ich doch für möglich halten und die Zuversicht haben (derer es zwingend bedarf!), auch in eigener Verantwortung das Gegenteil dessen zu tun in der Lage zu sein: nämlich das Glas STEHEN ZU LASSEN

    Diese Aussage bringt mich weiter, danke dafür Opalia .

    Die Schuldfrage stelle ich mir auch nicht, dafür ist der Alkohol zu akzeptiert, zu verfügbar, Kulturgut, wie soll man da bei jedem Schluck an die Suchtfolgen denken und dann ist man schneller in der Sucht, als man gucken kann und das Rad dreht sich immer schneller....

    Die Verantwortung beginnt mit dem Erkennen, dass man in dieser Negativspirale gefangen ist und dass man dann versucht, das Rad zu stoppen.

    Damit bin ich wieder bei der Originalfrage, nämlich, macht es Sinn, die Neuankömmlinge zu der Aussage zu zwingen, sich als Alkoholiker zu bekennen. Meinen Verlauf dazu habe ich gerade nochmal gecheckt. Ich habe es in meinem Eingangsstatement nicht formuliert, auf die Nachfrage hin habe ich das ohne zu Murren aber sofort getan. Mit dem Herzen habe ich nicht dahinter gestanden, der Verstand ließ aber keine andere Antwort zu, ich kenne die Diagnosekriterien.

    Dass ich da erstmals überhaupt mich als Alkoholikerin bezeichnet habe, hat gedanklich sehr viel in Gang gesetzt, fast wie bei einer Krebsdiagnose, diese Fragen, stimmt das wirklich, das kann doch gar nicht sein, bin ich schuld.

    Durch das Forum bin ich schnell dahinter gekommen, dass ich wirklich eine Alkoholikerin bin und nach und nach stellte sich die Akzeptanz ein. Es wurde hier im Verlauf schon von vielen erwähnt, zu akzeptieren ( Verstand+Herz), dass man Alkoholiker ist, ist ein extrem wichtiger Schritt Richtung stabiler und zufriedener Trockenheit.

  • Damit bin ich wieder bei der Originalfrage, nämlich, macht es Sinn, die Neuankömmlinge zu der Aussage zu zwingen, sich als Alkoholiker zu bekennen.

    Es ist wichtig festzuhalten: Niemand wird hier gezwungen, etwas zu sagen, das er für sich nicht erkennt oder befürwortet. Die Teilnahme basiert auf Freiwilligkeit und persönlicher Einsicht. Allerdings lassen wir hier keine Zwischenstufen zu – entweder erkennt man das Thema für sich, oder man ist (noch) nicht an dem Punkt.

    Es gibt zahlreiche andere Hilfsangebote, die sich besser für Personen eignen, die sich noch in einem anderen Abschnitt ihrer Entwicklung befinden. Daher ist es manchmal schwer nachvollziehbar, warum jemand sich ausgerechnet hier einbringen möchte, obwohl er die grundlegende Problemstellung nicht für sich sieht.

    Das Ganze lässt sich gut mit einem Vergleich erklären: Wenn man zu einem Metallica-Konzert will, aber nur ein Ticket für ein Helene-Fischer-Konzert hat, kommt man eben nicht rein – auch wenn beide Events völlig legitim sind, passen sie einfach nicht zusammen.

    Gruß Hartmut

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    Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe!

    Trocken seit 2007

  • Es ist wichtig festzuhalten: Niemand wird hier gezwungen, etwas zu sagen, das er für sich nicht erkennt oder befürwortet. Die Teilnahme basiert auf Freiwilligkeit und persönlicher Einsicht. Allerdings lassen wir hier keine Zwischenstufen zu – entweder erkennt man das Thema für sich, oder man ist (noch) nicht an dem Punkt.

    Dein Hinweis ist völlig berechtigt, danke.

  • Okay Hartmut so macht das schon sinn für mich.

    hab mir nach der ersten entgiftung gedacht: ich bin quartalsäufer, kein armseliger alkoholiker. ich muss nur den schnaps weglassen, und bei wein und bier bleiben.

    allerdings war dann später für mich klar:

    ich bin krank, ich bin alkoholiker.

    ein problem hatte ich damit nicht. vermutlich auch weil ärzte und therapeuten immer wieder betonten, ich sei chronisch krank.

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