Mattie - Abstinent bleiben

  • Hallo zusammen,

    das Feierwochenende habe ich nicht nur gut überstanden, sondern auch genossen. Die Familie ist unter Kaffee & Tee nicht weniger munter und verrückt als unter Alk – eine gute Erkenntnis. Nur ich für mich hatte so einen Moment, fünf Minuten Trauer darüber, dass ich mit dem legendären Weißweintrüppchen tatsächlich niemals mehr wieder die Gläser heben werde. Die waren alle auch nach Kaffee und Kuchen bei Pink Grapefruitsaft und Wasser bester Laune, es lag nicht an den anderen, es war nur mein Inneres, das mir da einen dunklen Gedanken geschickt hat. Der hat keinen Druck ausgelöst, aber eine kurze Traurigkeit, die ich allein mit mir abgemacht und dann auch wieder weggeschickt habe. Ich habe sonst praktisch kaum Verzichtgedanken, im Gegenteil, ich denke eher ein bisschen überheblich ‚Ihr Armen müsst trinken, ich aber nicht!‘ – zuletzt beim Frühstück im Flugzeug, als ein Passagier sich den Weißwein bestellte. Aber nun kam dieser Gedanke, und ich habe ihn ausgehalten und abgehakt.

    Die Familie weiß ja, dass ich abstinent lebe, aber eine alkoholfreie Feier bei uns war ein Novum. Merkwürdigerweise war Alkohol überhaupt kein Thema – ich hatte damit gerechnet, dass jemand es anschneidet und war auf ein solches Gespräch vorbereitet. Ich habe dann selbst in der Runde erklärt, wie toll ich es finde, dass sich alle auch ohne Bier & Wein amüsieren, worauf die jüngere Verwandte aus dem Weißweintrüppchen kichernd erwiderte: ‚Dafür freue ich mich hinterher auf meine Flasche Wein!‘ Und alle haben gelacht.

    Ich musste da an mich selbst als junge Frau denken. Ich war auch so. Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich ‚gerne‘ trinke und mein abendliches Glas Rotwein sei festes Ritual, das ich mir von niemandem nehmen lasse (Daraufhin spekulierten dann manche gerne zur Erheiterung der anderen aus der Familie, welches Fassungsvermögen dieses Glas wohl hätte). Im Rückblick weiß ich nun, wie sich das entwickelt, wenn man so drauf ist. Ich habe die junge Verwandte zum Abschied in den Arm genommen und ihr ins Ohr geflüstert, sie solle auf sich aufpassen. Mehr kann ich nicht tun, glaube ich. Mich hätte auch niemand ‚retten‘ können. Und ich hätte es mir mit ausgefahrenen Krallen verbeten, dass sich jemand in mein Leben einmischt. Eine Veränderung zum Guten war nur möglich, als ich selbst die Einsicht hatte, dass alles den Bach runtergeht, wenn ich weitermache wie bisher. Jetzt ist es gut.

    Liebe Grüße

    Mattie

  • Der hat keinen Druck ausgelöst, aber eine kurze Traurigkeit, die ich allein mit mir abgemacht und dann auch wieder weggeschickt habe.

    Die Suchtstimme kann auch mal einfühlend und mittrauernd daher kommen, ohne gleich mit der Keule Suchtdruck zu kommen.
    Abwürgen, keine Diskussion und schnell ist der Spuk vorbei, so wie bei dir.
    Ich trauere nicht und dann kommt die Stimme und will mir einreden, wie traurig doch das alles ist. Manipulationsversuche der Sucht. Ich will nie wieder Alkohol trinken, und ich werde nie wieder Alkohol trinken und deswegen gibt es nichts zu trauern. Dass das Suchthirn trauert, liegt in der Natur der Sache, das kann ich nicht ändern.
    Ich weiß gar nicht ob es noch trauert, ziemlich sicher trauert es noch, aber es hat sich schon lange nicht mehr gemeldet.

    -------------------------------------------------------
          - abstinent seit 6.01.2024 -

  • dem legendären Weißweintrüppchen

    Diese Alkohol-Verniedlichungen. :roll: Dann war ich wohl in einem Maßbierchen Trüppchen. ^^

    Ich finde es sehr gut, dass Du von Deinem Gefühl dazu hier schreibst. Nur so bringt es das.

    Was ich lese, gleiche ich automatisch mit mir ab. Fühle in mich rein. Um zu verstehen.

    Hier geht es mir aber tatsächlich wie Nayouk.

    Ich weiß gar nicht ob es noch trauert,

    Fühle da nichts. Es ist seltsam. Ich habe es nie vermisst. Obwohl ich doch so viel Zeit mit ihnen verbracht habe. Na ja. Es gibt schlimmeres. ;)

    Wo ich hingehe, dort bin ich.

  • Diese Alkohol-Verniedlichungen. :roll:

    Ja, ja, Alex_aufdemweg und Bono59 , ihr habt ja Recht! Ich mag das selbst nicht, wenn Leute vom 'Bierchen' und 'Weinchen' sprechen. (Meine Mutter (89), als ich ihr sagte, gibt aber keinen Alkohol bei uns: "Och, da bring ich mir ein Piccolöchen mit!" Hab ihr natürlich gesagt, dass sie das fein lassen wird :) ) Das 'Weißweintrüppchen' habe ich ganz am Anfang in meinem Faden schon mal so benannt, und ich wollte den Wiedererkennungswert für diejenigen, die sich erinnern. Aber ich werde sie jetzt umbenennen. 'Weißweintrupp' okay?

    Ja, Sprache wirkt, und Verniedlichung ist unangemessen. Werde ich mich verstärkt drum kümmern, damit mir nichts mehr durchrutscht. Umgekehrt aber fühlt es sich für mich zum Beispiel wie ein Faustschlag in den Magen an, wenn jemand (mich oder andere) fragt: "Säufst du wieder?" Auch das kann Sprache.

    Liebe Grüße

    Mattie

  • Der Urlaub und das Feiern waren Highlights, nun hänge ich wieder im Loch. Ich bin so antriebslos, ich habe noch nicht mal Lust, schwimmen zu gehen, und schwänze das Training. Das finde ich schlimm. Am liebsten würde ich den ganzen Tag nur im Sessel hängen und aus dem Fenster zum Vogelhaus starren. Da kommt neuerdings regelmäßig ein Buntspecht zu Besuch. Ich schleppe mich durch den Tag mit bleiernen Knochen, ohne groß etwas geschafft zu haben. Eine Zeitlang gebe ich mich diesem Gefühl hin, aber Dinge müssen getan werden. Irgendwann muss Schluss sein mit dem Herumgammeln.

    Ich denke beim Starren darüber nach, dass ich unter Alk mehr 'funktioniert' habe. Da war das schlechte Gewissen mein ständiger Begleiter, und ich habe nach einem Ausgleich gesucht, um das Lotterleben 'wettzumachen' - ich war betrunken, aber fleißiger und effektiver, getriebener. Keine Sorge, das ist einfach nur eine sachliche Feststellung, kein Abbiegen in die falsche Richtung. Ich habe keinen Saufdruck und bin weiterhin sehr achtsam.

    Ich suche nach Möglichkeiten, den Antrieb für das alltägliche Leben zu steigern. So geht es jedenfalls nicht weiter. Ich glaube nicht, dass es eine handfeste Depression ist, eine Verstimmung vielleicht. Ich nehme sie an, halte sie aus, aber mir wird das allmählich zu lang, und ich dachte, nach dem Urlaub und dem schönen Fest wird alles leichter. Vielleicht muss ich doch mal zum Arzt. Ein paar Tage gebe ich mir noch. Und ja, ein kleines bisschen hilft es schon, dies hier festzuhalten.

    Liebe Grüße

    Mattie

  • Dazu fällt mir noch ein: Ich lese immer voller Bewunderung, dass andere Schränke und Schubladen aufräumen und sich an der neuen Ordnung erfreuen. Ich bin sehr weit davon entfernt, irgendwo klar Schiff zu machen. Ich hoffe aber, dieser Energieschub erreicht auch mich irgendwann.

  • Da war das schlechte Gewissen mein ständiger Begleiter, und ich habe nach einem Ausgleich gesucht, um das Lotterleben 'wettzumachen' - ich war betrunken, aber fleißiger und effektiver, getriebener.

    Ich auch. Vielleicht wird es deswegen auch "funktionierender" Alkoholiker genannt. Habe für alle anderen funktioniert.

    Glücklicher hat es mich aber nicht gemacht. Ich fühlte mich nur noch fremdgesteuert. Und das war ich ja auch.

    Ich bin nicht auf dieser Welt, um es allen anderen recht zu machen, sondern auch für mich selbst. Und wenn Dir nach "Löcher in die Luft gucken" ist. Dann mach das mit Hingabe. :thumbup:

    Denn das ist dann in diesem Augenblick authentisch.

    Es werden auch andere Zeiten kommen. Vergleiche Dich nicht. Es gibt hier den Satz "Wer vergleicht, verliert".

    Wo ich hingehe, dort bin ich.

  • Hallo Mattie,

    dann gönne dir einfach das Nichtstun.

    Wenn du aber der Meinung bist, dass was nicht in Ordnung ist, kannst du einen Arzt aufsuchen. Es kann auch ganz einfach ein Eisenmangel oder so sein.

    Viele Grüße

    Seeblick

  • nun hänge ich wieder im Loch. Ich bin so antriebslos, ich habe noch nicht mal Lust, schwimmen zu gehen, und schwänze das Training.

    Versuche es mal mit Vitamin D3 plus K2. Ich nehme mindestens die doppelte Menge. Und Sonnenlicht jagen. Die Dunkelheit macht sehr schlapp. Wenn ich Kaffee trinke habe ich diese Winterschlappheit auch nicht

    Heute trinke ich nicht

  • Ich bin immer noch nicht im Turbomodus, aber ich glaube, das passiert dieses Jahr sowieso nicht mehr, und vermutlich ist es auch gut so. Aber ich schaffe wieder Dinge, komme aus dem Quark, und leichte Vorfreude stellt sich ein.

    Ja, wir sind in der gefährlichsten Zeit des Jahres mit all den Feiertagen. Warnungen werden zu Recht ausgesprochen. Meine Gefahr liegt in diesen alltäglichen Arbeiten, bei denen ich früher heimlich oder ganz offiziell Alk getrunken haben. Den Weihnachtsbaum schmücken, die Lichterketten entwirren, die Rouladen vorbereiten, Plätzchen backen, Großeinkäufe verstauen ... Bei all diesen Tätigkeiten kommt die Erinnerung: Da hättest du dir jetzt ein Bier aufgemacht, hier hättest du jetzt das erste Glas Wein getrunken.

    Meine Strategie dagegen: Nicht an das erste Glas denken, sondern an das fünfzehnte. Dann vergehen eventuelle Anwandlungen sofort. Und mein Mantra: ich muss und will nicht herausragend, außergewöhnlich, perfekt sein in dem, was ich so vorbereite. Gut ist absolut gut genug! Das verhilft mir zur Ruhe.

    Craving kommt nicht auf, aber die Sucht lugt dreist über die Mauer. Trinken ist weiterhin keine Option, aber ich spüre deutlich das leichte Ruckeln beim Überschreiben alter Muster, verbunden mit dem Wohlgefühl: Du musst nicht mehr trinken, du hast das für immer hinter dir gelassen.

    Allen einen schönen vierten Advent!

    Mattie

  • Hallo Mattie,


    so ging es mir in der ersten Weihnachtszeit ohne Alkohol auch, und auch jetzt noch kann ich mich natürlich daran erinnern oder werde durch das Forum daran erinnert, wie es - nass - bei mir war.

    Bei all diesen Tätigkeiten kommt die Erinnerung:

    Du sagst es ja selbst, das muss erst noch was überschrieben werden, neue Erinnerungen und neue Verknüpfungen geschaffen / entstehen gelassen werden.

    Die Erinnerung ist bei der Sucht ja durchaus auch eine Körpererinnerung, also bei mir ist das so, und da liegt auch eine gewisse Gefahr, dass ein Suchtdruck entstehen kann. Aufmerksam sein und verstehen, was da abläuft, ablaufen kann, ist für mich (!) hilfreich.


    Viele Grüße

    Thalia

  • Meine Gefahr liegt in diesen alltäglichen Arbeiten, bei denen ich früher heimlich oder ganz offiziell Alk getrunken haben. Den Weihnachtsbaum schmücken, die Lichterketten entwirren, die Rouladen vorbereiten, Plätzchen backen, Großeinkäufe verstauen

    Pass auf dich auf und lass den Weihnachtsbaum weg falls das dich zu sehr triggert. Und statt Rouladen gibts Gans oder Lachs :)

Unserer Selbsthilfegruppe beitreten!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!