Klänge in Dur und Moll

  • Ich glaube ‚geklickt‘ hat es bei allen hier mehr oder weniger irgendwann. Ob jetzt laut oder leise, kann man ja untereinander nicht vergleichen, da man nur den eigenen ‚Klick‘ gehört hat.
    Bei einigen war es danach offenbar recht klar, bei mir z.B. lief das erst mal recht wackelig und unbedarft und ich bin froh hier ein Geländer gefunden zu haben- auch wenn ich da am Anfang etwas - nennen wir es störrisch- war.

    Bis heute gibt es Momente bei denen ich kurz denke ‚jetzt hättest du früher einen Wein getrunken‘ oder ich habe Saufträume und selbst im Traum dabei ein heftig schlimmes Gefühl. Der Alkohol geistert da schon noch rum- obwohl das Gefühl von Verzicht verschwunden ist.

    Ich lerne weiter und sehe es als Prozess. Aber mit meinen ca. 2 1/2 nüchternen Jahren bin ich ja auch noch vergleichsweise frisch.

    Jedenfalls finde ich die Diskussion hier hoch interessant.

  • Wow... ich bin begeistert... vielen lieben Dank an Euch alle für Eure wunderbaren Gedanken und für die Zeit, die ihr in diese Diskussion steckt.

    Zum Thema Risiko-Minimierung noch Gedanken:

    Am Anfang ist alles, was einen direkten oder indirekte Verbindung zu Alkohol hat, ein Risiko. Und ich würde sagen dass dies jeder hier unterschreibt: Diese Risiken muss man um jeden Preis vermeiden. Dies ist in dieser Gesellschaft nicht zu 100% umsetzbar, was seinerseits wohl die Mutter aller Risiken in dem Zusammenhang darstellt.

    Ergo - was kann ich tun? Risiken so gut wie möglich vermeiden. Also ein Optimum anstreben. Das unterschreibe ich voll und ganz. Würde man dies nicht tun, wäre man durch die Anzahl der Risiken überfordert. Die Luft geht aus, und irgendwann hat man einem Trigger nichts mehr entgegenzusetzen. Die Konsequenz ist wohl jedem klar.

    Das Rest-Risiko, also die Menge der Risiken, die man trotz aller Bemühungen antrifft, die gilt es im Auge zu behalten, in sich hinein zu horchen, was die mit einem machen, und zu "überleben".

    Doch jeder Trockener der eine Weile trocken war, wird vermutlich eine ähnliche Erfahrung gemacht haben: Die Menge und die Qualität dieser Rest-Risiken sind nicht in Stein gemeisselt. Die verändert sich mit den Jahren.

    Beispiel: Ich gehe zum Bahnhof, weil ich auf den Zug muss. (zur Arbeit, oder sonstwo hin). Am Bahnhof die für Bahnhöfe übliche Kulisse: Leute, welche mit Bierdosen in der Hand (ja, und Zigarette) in einer Lautstärke sprechen, die es schwer machen, jenes Gelaber zu überhören. Ich sehe Bier. BIER !! .. der Anblick von Bier löst Gedanken über Bier aus. Gut, dieses Bier wird von Leuten getrunken, welche ich als nicht nachahmenswert erachte, ich möchte weder dort mit-trinken noch so sein wie diese Menschen. Aber da ist Bier. BIER !!... (ichhabdochauchbiergetrunkendaswardannimmersoschönkühlundwillichjetzteigentlichauchbiertrinkendarficheineinzelnesneinichdarfnichtundirgendwiewillichjaauchgarnicht-ätschgehirn) ((oder so ähnlich))

    Im Gehirn läuft also diese nervtötende Diskussion ab, welche man im Idealfall gegen die Sucht für sich entscheidet.

    Mit der Zeit, und viele solcher Diskussionen später sind sie kürzer geworden, und... irgendwie langweiliger. Das Gehirn langweilt sich dermassen über diese Diskussion dass sie sie öfters vergisst. Denn das Erebnis war ja stets dasselbe. Dieser Effekt nimmt zu.

    Jetzt eine Frage an Euch:

    Ist der Gang zum Bahnhof noch ein Risiko, wenn man nicht mal mehr darüber nachdenkt? Wenn man quasi diesen Trigger "aufgelöst" hat? Was denkt ihr?


    An allfällige Hintertüren-Liebhaber ein kurzer (und unvollständiger) Disclaimer:

    Nein, dies ist nicht eine Aufforderung, sich aktiv den Risiken zu stellen, um diese nach und nach abzubauen. Du hast am Dorffest bei deiner alten, angeheiterten Clique immer noch nichts verloren. Das wäre Grössenwahn. Und keine Sorge: Auch bei grössten Bemühungen, Risiken zu vermeiden, sind es genügend Risiken, die ihr antrefft. Stellt Euch diesen.

    Dies ist auch keine Anleitung, um die Gedanken kontrollieren zu wollen. Trigger werden ausgelöst - automatisch. Die einzige Kontrolle, die ihr habt, ist der Moment zwischen Impuls (Trigger) und Handlung. Und der kann kurz sein - also Vorsicht. Ihr merkt, dass ihr einen Trigger aufgelöst habt, wenn ihr irgendwann "belustigt-amüsiert-erfreut" feststellt, dass ihr eigentlich - ohne es zu merken - schon zig mal am Bahnof wart, jene Situation angetroffen habt, und NICHT über Bier nachgedacht habt. Dieser Effekt ist NICHT durch "ich denk jetzt NICHT über Bier nach"-Gedanken "trainierbar". Und... so nebenbei: dieses belustigt-amüsiert-erfreute Feststellen ist der Beweis, dass ihr am Bahnhof IMMER NOCH über Bier nachdenkt. Höhö.

    Ich wünsch Euch allen viel Kraft. Und - JA DOCH - auch ganz viel Freude an Eurem klaren Geist. Denn DER IST DER HAMMER !!

  • Ist der Gang zum Bahnhof noch ein Risiko, wenn man nicht mal mehr darüber nachdenkt? Wenn man quasi diesen Trigger "aufgelöst" hat? Was denkt ihr?

    Ob der Bahnhof für dich noch ein Risiko ist? Das musst du selbst beurteilen.

    Nach all den trockenen Jahren wirken manche Risiken auf mich längst nicht mehr so wie am Anfang. Trotzdem mache ich mir nichts vor. Ein alter Spruch, der mich immer begleitet hat. Ich kann nicht jedes Risiko vermeiden. Aber ich muss auch nicht bewusst darauf zulaufen.

    Und wenn ich unerwartet in eine kritische Situation geraten bin, hat mir immer eines geholfen. Raus da, so schnell wie möglich. Nicht lange diskutieren und auf keinen Fall ausprobieren, wie viel ich aushalte.

    Gruß Hartmut

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    Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe!

    Trocken seit 2007

  • Im Gehirn läuft also diese nervtötende Diskussion ab, welche man im Idealfall gegen die Sucht für sich entscheidet.

    ehrlich? Bei mir lief so eine Diskossion nie ab.

    Ich war, wenn ich richtig getrunken habe, Schnapstrinker. Ins Bier auch öfter einen Flachmann gekippt, weil es mir sonst zu langsam ging.

    Ich habe relativ bald danach meine Mutter besucht. Sind zum Griechen gegangen. Der Grieche bringt Ouzos. Meine Mutter wollte die Ouzos trinken, die die nicht von allen getrunken wurden.
    Die Ouzos wurden bei mir geparkt, weil ich ja nicht mehr trinke.

    Ich hab die Ouzos angeguckt, hatte sogar plastisch Geschmack und Wirkung im Gedächtnis, und war sofort nur froh, das ich die nicht trinken musste.
    Igitt war der Gedanke.

    Fertig. Mehr war nicht. Ansonsten habe ich an der Unterhaltung teilgenommen und die Ouzos standen halt da.
    Die hatten nichts mit mir zu tun.

    So ähnlich geht es es mir immer seit dem, wenn es mir überhaupt auffällt.

    Das Ende meiner Trinkzeit war so unangenehm, dass mir absolut jedes Bedürfnis, zu trinken, vergangen war. Das ist für mich der Klick. Keine Gier, keine Lust drauf, kein Appetit dafür.

    Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.
    Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man es anschiebt.

    Aber das Gras wächst.
    Sei sparsam mit dem Düngen:mrgreen:

  • Lebenskuenstler Wunderbar. Schön wenn das so bleibt.

    Ich hatte diese Gedanken zwar eher selten, aber es kam vor. Ich beendete diese Diskussion öfters indem ich "beeindruckt" feststellte, wie stark diese Sucht ist. Ich meine...da lag ich doch eben noch teilgelähmt aufm Bett, konnte nicht mehr schlucken (Dysphagie), hatte sensorische Störungen und grosse Mühe beim Stehen und Gehen, und immer noch kamen diese Gedanken ohne dass ich k******. Das machte mich sauer. Ich kapitulierte. Ich fragte mich, für den Fall dass ich hier versagte, was denn noch passieren müsste, damit ich es begreifen würde - und sah ein, dass nach einem Schlaganfall nur noch viel hässlichere Dinge passieren können - irreversible Dinge...und dass es "hier doch reicht".

  • Ich mach das schon über 25 Jahre und weil es funktioniert, diskutiere ich da nicht drüber.

    Mir ging es in der Nacht dieses Klicks so schlecht, dass ich sehr froh über die Aussicht war, dass ich das ja auch aufhören konnte. Dass mich niemand zwingt, zu trinken, außer wenn ich es will.

    Ich hatte schon mal ein inneres Zwiegespräch darüber, wenige Wochen nach dem aufhören. Ich war irgendwo im Wald unterwegs und führte Selbstgespräche.

    Sag ich meiner Sucht, Du wolltest trinken, weil Du dachtest, dass es damit besser geht. Ich will auch, dass es mir besser geht. Also wollen wir gemeinsam, dass es uns besser geht.
    Und meine Sucht ist Teil von mir, also sind wir uns da einig.

    Und Sucht und ich haben es lange genug mit Alkohol und anderen Drogen probiert, und damit sind wir da, wo wir jetzt sind.
    Am Arsch nämlich und es funktioniert nicht mehr mit.
    Wenn Sucht und ich beide wollen, dass es uns besser geht, dann müssen wir etwas Anderes tun als trinken oder sonstige Drogen.

    Das war die innere Zwiesprache und seitdem lebe ich damit in Frieden. Wenn ich will, das es mir gut geht, also immer, mache ich etwas Anderes.

    Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.
    Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man es anschiebt.

    Aber das Gras wächst.
    Sei sparsam mit dem Düngen:mrgreen:

  • ichhabdochauchbiergetrunkendaswardannimmersoschönkühlundwillichjetzteigentlichauchbiertrinkendarficheineinzelnesneinichdarfnichtundirgendwiewillichjaauchgarnicht-ätschgehirn

    Sehr cool. Zumindest mein Hirn rattert auch in dieser Geschwindigkeit.

    Zu Beginn habe ich aus diesem Grund nach ca. 5 cm Text "STOPP" gebrüllt. Also innerlich. Keine Diskussion. Und wenn mir danach war, habe ich meinen Suchttroll noch eine bisschen "rund" gemacht.

    Für mich hat das super geklappt. Es wurde sehr schnell weniger. Trigger kommt, Suchthirn macht den imaginären Mund auf. Direkt die imaginäre Pfanne drüber.

    Über die Jahre habe ich hier gut sehen können, dass die Phase, in der das Suchthirn sich noch meldet, sehr unterschiedlich lang sein kann.

    Ich bin sehr dankbar, dass ich mich nicht lang habe rumschlagen müssen.

    Zu Alkohol habe ich eine Null-Tolereanz-Einstellung. Rotweinsoße ist für mich nicht Null-Toleranz. Deswegen brauche ich da auch nicht überlegen.

    Hier habe ich aber auch gut gelernt. Verstehen, ohne selbst einverstanden zu sein. :) Ich verstehe wie du das meinst und wie es für dich funktioniert.

    Möchte auch noch sagen (oder schreiben), dass ich mit allem - außer der Rotweinsoße - einverstanden bin.

    Finde das Thema hier sehr interessant. Danke dafür.

    Wo ich hingehe, dort bin ich dann.

  • Ist der Gang zum Bahnhof noch ein Risiko, wenn man nicht mal mehr darüber nachdenkt? Wenn man quasi diesen Trigger "aufgelöst" hat? Was denkt ihr?

    Mit der Zeit verwandelte sich meine Sichtweise. Ich registriere nur noch "Bier" und schon sind meine Gedanken mit etwas anderem beschäftigt.

    Es wird sich also im Laufe der Zeit verändern, habe ich festgestellt.

    LG Elly

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    Mancher wird erst mutig, wenn er keinen anderen Ausweg mehr sieht.

    - Trocken seit 06.01.2013 -

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