Micaela162 - Er ist Alkoholiker und hat mich verlassen

  • Hallo zusammen,

    ich war 4 Jahre mit meinem Freund zusammen. Ich wusste bereits vor der Beziehung, dass es diese Problematik gibt, konnte das ganze Ausmaß aber nicht begreifen. Die ersten zwei Jahre hat er täglich getrunken. Ich habe es so hingenommen, warum weiß ich nicht. Es war schwierig mit ihm wegzugehen, da er sobald er angefangen hat zu trinken, den Alkohol nur noch in sich hinein gekippt hat und nach spätestens zwei Stunden so betrunken war, dass er nicht mehr geradeaus gehen konnte. Dann folgte eine Zeit, in der er versucht hat kontrolliert zu trinken. Also im zwei Wochentakt. Dies ging eine zeitlang gut. Dann wurden die Abstände immer kürzer und es endete im täglichen trinken, bei dem er schon betrunken von der Arbeit nach Hause kam. Das war das erste Mal, als ich für mich festgestellt habe, dass dies nicht funktioniert. Also setzte ich ihn vor die Tür. Nach drei Tagen suchte er das Gespräch und schien sehr einsichtig, dass es so nicht weiter gehen könne und er aufhören muss zu trinken. Also bot ich ihm Hilfe an. Begleitete ihn zum Arzt etc. Er bekam medikamentöse Unterstützung lehnte aber weitere Hilfe ab. Zwar schaffte er es dann sieben Monate trocken zu bleiben, aber diese Zeit war alles andere als gut. Es begann mit Panikattacken und endete mit Depressionen. Schlussendlich eskalierte die Situation vor drei Wochen indem er seine Sachen packte und zu seinem Freund (ebenfalls ein Alkoholiker) zog. Natürlich war ich die Schuldige an der Situation: im Grunde ist er gar kein Alkoholiker, sondern ich habe ihm das eingeredet, wegen mir hat er Depressionen, ich habe ihn eingeengt, da ich ihn gebeten habe etwas mit Menschen zu unternehmen die kein Alkoholproblem haben und seinen ebenfalls alkoholkranken Freunden kritisch gegenüber stand. Er möchte nun sein Leben genießen.

    Es fällt mir schwer das alles zu verstehen.

  • Hallo Micaela,

    das ist auch schwer zu verstehen, wenn man nicht selber Alkoholiker ist.

    Es begann mit Panikattacken und endete mit Depressionen.

    Keine Ahnung, vielleicht waren die schon lange zuvor da und er hat deswegen angefangen zu trinken? Wie auch immer, sein Konsum hat sicherlich nichts mit dir zu tun.

    Angehörige werden gerne mal als Saufgrund hergenommen. Aber Gründe können auch sein: Wetter war toll, Grillfest, Fußballverein hat gewonnen, Fußballverein hat verloren, Chef war blöd, Geburtstagsfeier...........

    Ein Alkoholiker muß trinken, sonst bekommt er Entzugserscheinungen. Das hat nichts mit den Angehörigen oder dem sonstigen Drumherum zu tun.

    Wenn du schlau bist, läßt du ihn nicht mehr zurück in deine Wohnung, denn sonst geht die Leier von vorne los. Es gibt tränenreiche Versprechungen sich zu ändern, aber das soll dich nur einwickeln.

    Höre nicht auf Absichtserklärungen, sondern schau auf seine Taten. Und die sprechen ja eindeutig dafür, daß er weiterhin trinken will und wird.

    Liebe Grüße, Linde

    You can't wait until life isn't hard anymore before you decide to be happy.

    - Nightbirde

  • Hallo Linde,

    vielen Dank für deine Nachricht.

    Ja die Depressionen hatte er wohl erstmalig schon in seiner Jugend. Ich denke er konnte sie mit dem Alkohol, er trinkt auch schon seit seiner Jugend, irgendwie unterdrücken. Er hat in seiner Kindheit schlimmes erlebt.Man fühlt sich schon irgendwie schuldig, da die Depressionen offenbar erst mit meiner Erwartungshaltung des nicht trinkens wieder durchgekommen sind. Einerseits bin ich traurig aufgrund der Situation, andererseits auch so enttäuscht, dass er nach den ganzen Jahren einfach so geht, weil der Alkohol und seine trinkenden Freunde offensichtlich wichtiger sind. Natürlich sehe ich auch sein Bemühen monatelang trocken zu bleiben. Und natürlich habe ich gesehen wie schlecht es ihm in dieser Zeit ging. Ich fühle mich irgendwie auch verantwortlich und weiß einfach nicht mehr was richtig oder falsch ist.

  • Man fühlt sich schon irgendwie schuldig, da die Depressionen offenbar erst mit meiner Erwartungshaltung des nicht trinkens wieder durchgekommen sind.

    Verzeih, dass ich die folgende Botschaft nicht einfühlsamer verpacke: Er wird an der Sauferei sterben, wenn er sich nicht aus eigenen Stücken um Abstinenz bemüht! Alkohol ist definitiv kein Mittel, um Depressionen zu therapieren! Im Gegenteil- häufig verursacht oder verschlimmert er Depressionen.

    Einerseits bin ich traurig aufgrund der Situation, andererseits auch so enttäuscht, dass er nach den ganzen Jahren einfach so geht, weil der Alkohol und seine trinkenden Freunde offensichtlich wichtiger sind. Natürlich sehe ich auch sein Bemühen monatelang trocken zu bleiben. Und natürlich habe ich gesehen wie schlecht es ihm in dieser Zeit ging.

    Wie ging es Dir denn in der Zeit?

  • Hallo Micaela,

    Er hat in seiner Kindheit schlimmes erlebt.

    Ich auch. Das ist aber keine Ausrede. Dadurch wurde meine Kindheit auch nicht besser.

    Und natürlich habe ich gesehen wie schlecht es ihm in dieser Zeit ging

    Ich habe mal meine Trinkpause von vier Wochen eingelegt. Es super schwer und ich dementsprechend echt unglücklich. Das lag daran, dass ich eigentlich hätte trinken wollen und einen ständigen inneren Kampf auszufechten hatte. Das schlaucht sehr.

    Großen Respekt, dass er sieben Monate "geschafft" hat. Aber das war auch nur eine Trinkpause. Da er noch an dem Punkt ist, an dem er eigentlich trinken will und es sonst als Verzicht ansieht.

    Nachdem ich wirklich erkannt habe, dass ich Alkoholiker bin und es nicht kontrollieren kann, war der Kampf vorbei.

    An dem Punkt scheint er aber noch nicht zu sein. Darauf zu warten, kann lange dauern, oder für immer sein.

    im Grunde ist er gar kein Alkoholiker, sondern ich habe ihm das eingeredet, wegen mir hat er Depressionen, ich habe ihn eingeengt, da ich ihn gebeten habe etwas mit Menschen zu unternehmen die kein Alkoholproblem haben und seinen ebenfalls alkoholkranken Freunden kritisch gegenüber stand. Er möchte nun sein Leben genießen.

    Das ist einfach nur "nasses" Gerede. Jedes einzelne Wort ist für die Tonne. Nicht wert auch nur darüber nachzudenken.

    Und das sage ich Dir als Alkoholiker.

    So, erst mal willkommen hier. Hier bist Du richtig und kannst Dich mit anderen darüber austauschen.

    Hier ist der Bewerbungslink. Bitte draufklicken und einen Satz schreiben, damit wir Dich freischalten können.

    https://alkoholiker-forum.de/bewerben/

    VG

    Alex

    Wo ich hingehe, dort bin ich.

  • Vielen Dank.

    Mir ging es tatsächlich sehr schlecht, weil ich mich die ganze Zeit gefragt habe, was jetzt das größere Übel ist, einen trinkenden Partner oder einen depressiven. Dazu noch die Schuldgefühle weil man sich ja auch verantwortlich fühlt für das was geschieht bzw den Partner ja auch animiert hat mit dem Trinken aufzuhören. An diesem Punkt war ich mit der ganzen Situation überfordert.

  • Mir ging es tatsächlich sehr schlecht, weil ich mich die ganze Zeit gefragt habe, was jetzt das größere Übel ist, einen trinkenden Partner oder einen depressiven.

    Wie wäre es denn mit einem Partner, der Verantwortund für sich und sein Leben übernimmt und deshalb auch Verantwortung für eine Partnerschaft übernehmen kann?!

  • Ja ich weiß. Das wird er wohl nie werden. Wenn da nicht zum Einen die Liebe wäre und zum Anderen dieses Mitgefühl das ich für ihn empfinde. Wenn er nicht grade betrunken ist, ist er so ein hilfsbereiter und wirklich lieber Mensch.

  • Das ist alles irgendwie so unbegreiflich... ich dachte immer mit jedem Tag den er schafft wird es besser.. aber dem ist gar nicht so. Es wurde immer schlimmer und unberechenbarer und am Ende schmeißt er alles weg nur um wieder trinken zu können.

  • Das ist alles irgendwie so unbegreiflich... ich dachte immer mit jedem Tag den er schafft wird es besser.. aber dem ist gar nicht so. Es wurde immer schlimmer und unberechenbarer und am Ende schmeißt er alles weg nur um wieder trinken zu können

    Genau so habe ich es auch erlebt.

    Mein Ex war "nur" 4 Monate nüchtern. Aber in der Zeit wurde er irgendwie jeden Tag unglücklicher und das hat sich auch auf meinen Zustand ausgewirkt.

    Und dann zack, von jetzt auf gleich wurde ich vor die Tür gesetzt.

    Er hat diesbezüglich auch volle Deckung von seiner Familie, da diese auch allesamt ein Problem mit Alkohol und Drogen haben.

    Wenn solche Menschen keine Einsicht haben und auch nichts an ihrem (tödlich endenden) Zustand ändern wollen, dann sind so Menschen wie "wir" dort nur nervig und machen Umstände. Die muss man dann schnell los werden um wieder seiner Sucht unbeschränkt weiter frönen zu können...

  • Ja genau so fühle ich mich auch..als die nervige Person, die grade im Weg steht... und genau das ist so verletzend. Das alles hat doch nichts mit einer Beziehung zu tun, bei der der Eine für den Anderen einsteht und da ist. Das ist alles eher sehr einseitig. Mittlerweile stelle ich mir die Frage ob ein Alkoholkranker überhaupt Liebe empfinden kann oder überhaupt Beziehungsfähig sein kann oder ob man eigentlich nur solange praktisch ist, solange man alles hinnimmt und das Trinken duldet.

  • Man fühlt sich schon irgendwie schuldig, da die Depressionen offenbar erst mit meiner Erwartungshaltung des nicht trinkens wieder durchgekommen sind.

    Den Gedanken und die Schuldgefühle darfst du getrost vergessen. Du bist nicht daran schuld! Punkt.

    Ich hatte ebenfalls Depressionen, jetzt bin ich seit bald drei Jahren abstinent und meine Depressionen sind fast komplett verschwunden. Ich dachte immer ich trinke, weil ich Depressionen habe. In der Retrospektive sieht es tatsächlich eher aus als ob ich getrunken habe (Alkohol schon immer Bestandteil im Freundeskreis) und davon Depressionen bekommen habe. Vielleicht hat er sie tatsächlich wieder bekommen, weil du deine Sorgen und Wünsche geäußert hast...aber wer einen depressiven Schub bekommt weil der Partner absolut gesunde Grenzen formuliert, muss ja bei sich anfangen. Du bist damit seiner Sucht in die Quere gekommen und folglich automatisch die Böse. So funktioniert das Suchthirn leider oft.

    Aber wenn er sich nicht als Alkoholiker sieht, ist es absolut hoffnungslos. Keine Chance. Und die Einsicht sollte auch nicht von außen kommen, nur intrinsische Motivation/Erkenntnis hat eine realistische Chance auf Abstinenz.

    Es klingt hart: es tut mir leid um deine Beziehung, die letzten vier gemeinsamen Jahre aber du bist durch das klare Äußern deiner Vorstellungen als erste aus dem Suchtsystem ausgestiegen. Und darauf kannst du stolz sein. Jetzt heißt es standhaft bleiben, denn eventuell kommen wieder Versprechungen. Damit steigst aber im Zweifelsfall nur wieder ins Hamsterrad ein...

  • Ja genau so fühle ich mich auch..als die nervige Person, die grade im Weg steht... und genau das ist so verletzend. Das alles hat doch nichts mit einer Beziehung zu tun, bei der der Eine für den Anderen einsteht und da ist. Das ist alles eher sehr einseitig. Mittlerweile stelle ich mir die Frage ob ein Alkoholkranker überhaupt Liebe empfinden kann oder überhaupt Beziehungsfähig sein kann oder ob man eigentlich nur solange praktisch ist, solange man alles hinnimmt und das Trinken duldet.

    Hi und willkommen.

    Zuerst einmal kann ein Alkoholkranker Liebe empfinden. Aber der Alkohol steht an erster Stelle. Und wenn er nicht von sich zu aufhören möchte zu trinken, wird das nichts. Sobald Abstinenz an eine Bedingung oder eine andere Person geknüpft wird, hat das nichts mehr mit eigenem Willen zu tun. Und der Alkoholiker lässt sich zudem ein Hintertürchen auf.

    LG, Hera

  • sondern ich habe ihm das eingeredet, wegen mir hat er Depressionen, ich habe ihn eingeengt,

    .Man fühlt sich schon irgendwie schuldig,

    Hallo Micaela162

    Willkommen im Club derer, die sich andererleuts Schuhe anziehen!

    Ich versuche gerade, mir beim "Schuhe ausziehen" zu helfen, indem ich seit ein paar Tagen einen Zettel in meiner Hosentasche trage, auf den ich geschrieben habe "Nein danke". Den nehm ich immer in die Hand, wenn mein Nicht -mehr - Lebenspartner mir "seine Schuhe" anziehen oder ich sie mir sogar selber schnappen will.

    Lg

    Api

  • Wobei es da nicht "nur" um so kränkend Situationen geht wie dass ich Schuld sei wenn er doch wieder mehr trinkt, sondern auch um Mitleid, wenn ich ihn leiden sehe... Da versuche ich auch, innerlich "nein Danke" zu sagen. Aber das gelingt mir nicht so gut.

    Also pass auf dich auf, falls er zerknirscht wiederkommt....

  • Liebe Micaela,

    Das klingt jetzt total komisch, aber das erste was ich bei Deinem Text gedacht habe war ‚Glück gehabt‘- denn wenn ich das mit anderen Texten von Partnerinnen (ja es sind meist Frauen die hier als Angehörige schreiben) vergleiche, hast Du das Glück, dass er von alleine die Wohnung verlassen hat. Wenn Du die Kämpfe der vielen Angehörigen liest, die sie bis zur völligen Erschöpfung kämpfen, bist Du schon einen Schritt weiter. Er ist weg und das ist gut so.

    Ich bin Alkoholerin. Auch nass konnte ich lieben, aber für einen Partner trocken werden hätte niemals funktioniert und zur Trennung geführt- egal wie groß diese Liebe ist.

    Wir müssen es selbst begreifen- das passiert bei vielen aber leider nie.

    Es tut mir trotz ‚Glück‘ sehr leid was dir da passiert- bitte denke nicht dass es auch nur einen Millimeter an Dir liegt!

  • Hallo Micaela,

    Es wurde immer schlimmer und unberechenbarer und am Ende schmeißt er alles weg nur um wieder trinken zu können.

    Du hast es damit auf den Punkt gebracht. Genauso einfach ist das tatsächlich.

    Ich habe das vor sehr langer Zeit mal ähnlich gehandhabt und habe mich später gefragt was da eigentlich passiert ist. Dabei ist genau das herausgekommen.

    Ich habe damals nie wirklich aufgehört zu trinken, auch wenn ich abstinent war. War eine Kopf/Bauchsache. Der Alkohol war immer da. Im Laufe der Zeit baute sich so ein Druck auf innerlich, das ich ausgebrochen bin und mich in eine Umgebung begeben habe ( bin auch ausgezogen ) wo ich endlich wieder in Ruhe trinken konnte.

    Ich habe eine vielversprechende Beziehung dafür einfach in die Tonne gekloppt, waren auch etwa 4 Jahre.

    Ich will damit sagen, das das völlig ohne Dich passiert. Du hast weder Schuld noch Einfluss auf diese Suchtmechanismen. Es wäre passiert, egal was Du gemacht hättest. Das Leben wird in diese Richtung gedreht, es werden Gründe geschaffen um die Schuld zu verlagern.

    Das entspricht meiner Erfahrung.

    lG WW

    m. , Bj. 67 :wink: , abstinent seit 2005

    Wir gehen unseren Weg, weil wir nur den Einen haben. Hätten wir mehrere zur Auswahl, wären wir total zerrissen und unglücklich. Einzig die Gestaltung unterliegt uns in gewissen natürlichen Grenzen.

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