Ich bin sehr ambivalent, wenn ich den Begriff Co-abhängig benutze. Ich finde es gut, dass damit sofort klar ist, um was es geht. Ich fühle mich aber nicht abhängig oder gar süchtig. Ich kann sehr gut alleine sein. Mag meine innere Stille. Kann mich super selbst beschäftigen. Und solange ich nicht denken muss, dass mein Mann jetzt vielleicht gerade einen Hirntod erlebt, ist auch das Gedankenkreisen gestoppt.
Aber auf jeden Fall richte ich mein Leben trotz eigener Wohnung noch viel zu sehr nach ihm aus und Cadda hat in ihrem Beitrag voll ins Schwarze bei mir getroffen.
Ich sage meist: Co- Verhalten. Oder Co-Sein (im Sinne von zusammen sein mit einem Alkoholiker) oder einfach kurz Co. Und sehe diese typischen Verhaltensweisen als Reaktion auf die dauerhafte Belastung, die damit einhergeht. Die zu Hilflosigkeit und Wut führt, so dass ich irgendwann ausgebrannt war. Und die ich versucht habe durch die falschen Mittel zu bewältigen.
Warum habe ich das gemacht? Zum einen , weil vieles, was ich getan, gesagt, in die Wege geleitet habe, ja auch immer wieder vermeintlich "funktioniert" hat. "Ich" hatte immer wieder "Erfolg". Und er war mir "dankbar". Auch das Umfeld hat mich gelobt. Er hat auf mich einen hilflosen Eindruck gemacht. "Er ist krank, er kann doch nichts dafür".
Da greift dann der eigentlich gesunde Mechanismus, dass ich helfe, wenn jemand krank ist. Dass ich Verständnis habe. Dass hier das Gegenteil erforderlich ist läuft gegen das, was ich sehe, erlebe, bisher vermittelt bekommen habe und sonst eigentlich ja auch angemessen ist.
Ich bin weiblich sozialisiert. Ging zum Beispiel damit los, dass in der Grundschule die braven Mädchen oft neben die frechen Jungs gesetzt wurden, um die damit zu bremsen.
Eigenschaften, wie Empathie, Abwägen, Hilfsbereitschaft, die ja eigentlich gut sind und die ich gar nicht missen will - sind aber im Zusammenhang mit Sucht unpassend.
Dann gab es bei mir diesen schleichenden Prozess. Mein Mann ist Spiegeltrinker. Exzesse gab es sehr viele Jahre gar nicht. Er war "wie immer".
In den ersten Jahren konnte ich das Trinken so gut ausblenden, weil ich auch selbst ambivalent war. Dass er abstinent wird, das war mir selbst nicht wirklich recht, denn ich wollte ja selbst noch Alkohol trinken können. Ich wollte, dass er kontrolliert trinkt.
Tja, und dann kam die erste, zweite drittel, vierte Reha und viele stationäre Entgiftungen. Für mich hieß das nicht: es ist hoffnungslos. Sondern: er bleibt ja am Ball, er macht ja was, er will es doch selbst schaffen. Mir wurde in den Angehörigen-Beratungen auch immer gesagt, dass Rückfälle nun mal dazu gehören.
In der ersten Klinik-Beratung wurde ich schwer kritisiert, weil ich vorher in seinem Beisein getrunken hatte (als er selbst noch getrunken hat). Das Haus müsse alkoholfrei sein. Ich hätte die Schwere der Erkrankung verleugnet.
In der zweiten wurde mir vorgehalten, es sei Co-Abhängig dass ich in seinem Beisein nicht trinke, denn schließlich sei er abhängig und nicht ich.
Danach war mir dann alles egal. Ich wollte vorher immer alles "richtig" machen. Aber ab dann dachte ich, ich handele jetzt nur noch so, wie es sich für mich gut anfühlt und ob das jetzt suchtfördernd ist oder nicht, das ist sein Problem.
Es gab sehr gute Zeiten. Dann hätte ich zwar die Kraft gehabt zu gehen, aber habe keine Veranlassung gesehen - war ja wieder gut. Und in den schlechten Zeiten, hat es mich dann so belastet, dass ich mich wie gelähmt gefühlt hatte und zu erschöpft war, um zu handeln.
Damit mir das nicht mehr passiert, hatte ich mich dann hier angemeldet. Geholfen hat mir dann im entscheidenden Moment den Autopilot anzumachen, meine Gefühle zu ignorieren und rein sachlich und rational zu handeln. Auch wieder etwas gegen meine Überzeugung, die eigenen Gefühle doch ernst zu nehmen. Dem Bauchgefühl zu vertrauen.
Aber Sucht stellt alles auf den Kopf. Das macht es so schwierig für mich. Dafür musste ich erst mal ganz viel verstehen, hier lesen, am Ball bleiben.